Kirchen und Wohnhäuser in Flammen

Gewalt zwischen Muslimen und koptischen Christen in Kairo – Mehrere Tote

Die koptische Al-Moallaka-Kirche (die “hängende Kirche”) in der Altstadt von Kairo.

Am ersten Mai-Wochenende ist es in Kairo zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen koptischen Christen und Muslimen gekommen. Dabei sind mindestens zwölf Menschen getötet worden. Medien berichten von über 200 Verletzten. Laut Regierungsangaben wurden 190 Personen festgenommen.

Auslöser der Gewalt war ein Gerücht, dass eine erst vor kurzem vom Christentum zum Islam konvertierte Frau in einer Kirche gegen ihren Willen festgehalten würde. Daraufhin seien hunderte Muslime zu der Kirche im Stadtteil Imbaba gezogen und hätten die Freilassung der Frau gefordert, berichten Augenzeugen.

Die angeblich festgehaltene Frau verteidigte später im Fernsehen ihren christlichen Glauben. Fanatiker erwiderten daraufhin allerdings, dass sie auf der Suche nach einer weiteren Frau gewesen seien.

Nach anfänglichen friedlichen Diskussionen vor der Kirche seien Brandsätze und Steine geflogen, Schüsse wurden abgefeuert. Die Fassade des Gotteshauses und Wohnhäuser in der Nähe gerieten in Brand. Die ebenfalls in dem Viertel gelegene Kirche der Jungfrau Maria sei abgebrannt; mindestens eine weitere Kirche ist durch Feuer beschädigt worden. Die Regierung setzte das Militär ein, um die Gruppen zu trennen, und verhängte eine Ausgangssperre.

Gegenüber der Nachrichtenagentur Mena verurteilte der ägyptische Mufti Ali Gomma die Zusammenstöße und rief zur Ruhe auf, um weiteren Ausschreitungen vorzubeugen. Ein Augenzeuge führt die Gewalt auf zu wenige Sicherheitskräfte zurück und beschuldigt zugleich Anhänger des alten Mubarak-Regimes, dass sie religiöse Gewalt provozieren wollten.

Vorbeter in einem koptischen Gottesdienst.

In der Vergangenheit kam es in Ägypten immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen koptischen Christen und Muslimen. Am Morgen des 1. Januar explodierte vor einer koptischen Kirche in Alexandria ein Sprengsatz. Dabei kamen 20 Menschen ums Leben.

Christen werden auch sozial benachteiligt. Beispielsweise ist es für Ägypter mit christlichen Namen schwieriger, eine Arbeit zu finden. Konvertiten vom Islam zum Christentum gelten nach ägyptischem Recht immer noch als Muslime, obwohl die Glaubensfreiheit und die Freiheit der Ausübung der Religion in der Verfassung verankert ist.

Antonios Kardinal Naguib, Patriarch von Alexandria.

Antonios Kardinal Naguib, Patriarch von Alexandria.

In einem Gespräch mit KIRCHE IN NOT am Dienstag beschrieb der koptisch-katholische Patriarch von Alexandria, Antonios Kardinal Naguib, die Lage als sehr ernst. Mittlerweile habe die Militärregierung aber das Problem extremistischer Gewalt erkannt. Zum ersten Mal sei es zu Verhaftungen gekommen, sagte er.

Noch am Sonntag, einen Tag nach den Ausschreitungen, habe der Präsident der sunnitischen Al-Azhar-Universität mit Vertretern aller Kirchen eine gemeinsame Erklärung abgefasst, die der Regierung übermittelt werden soll. Darin würden Maßnahmen gefordert, gewaltbereiten Gruppen in aller Entschiedenheit entgegenzutreten.

Zu Beginn der Revolution im Januar seien sich Christen und Muslime in ihren Zielen und Forderungen einig gewesen, unterstrich Naguib. Doch schon zwei Wochen später kam es zu Angriffen auf Christen. Die Gewaltbereitschaft nehme bei jedem Übergriff zu. Ein Grund sei, dass extremistische Salafiten – eine konservative Strömung im Islam – “Banditen von der Straße” dazu bringen würden, sich ihnen anzuschließen und zu unterstüzen, so Naguib weiter. Manche Quellen berichteten, dass die Salafisten am Samstag von Schlägertrupps begleitet wurden.

Bischof Antonios Aziz Mina, koptisch-katholischer Bischof von Gizeh, kritisierte in einem Gespräch mit KIRCHE IN NOT das langsame und zurückhaltende Eingreifen der Polizei und der Armee. “Ohne eine Aktion durch die Polizei oder Armee wird es Chaos und komplette Anarchie geben”, sagte er. Er fordert, dass diejenigen, die die Ausschreitungen ausgelöst hätten, zur Rechenschaft gezogen werden müssten. Sonst sei eine Aussöhnung nur Kosmetik, und die Probleme blieben dieselben.

“Die Lage ist sehr kritisch”

Unterdessen hat der Sprecher der katholischen Kirchen Ägyptens, Rafic Greich, vor einem drohenden Bürgerkrieg gewarnt. “Die Lage ist sehr kritisch, die Militärregierung zu schwach”, sagte er in einem Gespräch mit dem Internetportal AsiaNews. Er ruft die internationale Gemeinschaft auf, die Militärregierung zu unterstützen und alle Ägypter, Christen und Muslime, vor Diskriminierung und einem möglichen fundamentalistischen islamischen Regime zu schützen.

In Ägypten leben 200 000 koptisch-katholische Christen, die mit Rom uniert sind, und rund acht Millionen koptisch-orthodoxe Christen. KIRCHE IN NOT unterstützt die Kopten in Ägypten und weist in Publikationen und Veranstaltungen auf deren schwierige Situation hin. Wir bitten um das begleitende Gebet für die Christen in Ägypten.

So können Sie den Christen in Ägypten helfen

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf CD beziehungsweise DVD erhältlich.

9.Mai 2011 13:01 · aktualisiert: 13.Mai 2011 10:37
KIN / S. Stein