Zuflucht ohne Zukunft?

Über die Lage irakischer Christen und ihre neue Heimat in Kurdistan

Ein “Peschmerga” vor der St.-Georg-Kirche in Teleskof.

Ein “Peschmerga” vor der St.-Georg-Kirche in Teleskof.

Unser Mitarbeiter André Stiefenhofer reist zurzeit durch den Irak, um sich über die Lage der Kirche im Land zu informieren. In diesem ersten Bericht schildert er seine bisherigen Eindrücke.

Es gibt ein Flugzeug, das ohne Zwischenstopp direkt von Frankfurt am Main nach Erbil fliegt. Es ist fast leer, obwohl die Hauptstadt der autonomen Region Irakisch-Kurdistans zu Recht als einer der sichersten Orte im ganzen mittleren Osten gilt. Eigentlich gehört Erbil zum Irak, doch für die Sicherheit sorgen hier nicht Armee oder Polizei, sondern die “Peschmerga”.

Dieses kurdische Wort heißt übersetzt “Männer, die dem Tod ins Auge sehen” und bezeichnete ursprünglich die Stammesrebellen, die sich von den zerklüfteten Bergen Kurdistans aus gegen die Zentralregierung Saddam Husseins auflehnten. Heute sind die “Peschmerga” eine gut ausgerüstete Streitmacht, die an ihren zahlreichen Kontrollpunkten stolz die kurdische Flagge hisst. Effektiv schützen sie Kurdistan, eine Region, die sich als weltoffener und verlässlicher Wirtschaftspartner international profilieren will.

Nicht zuletzt darum sind die irakischen Christen in Kurdistan willkommen. Die Autonomieregierung in Erbil möchte zeigen, dass sie im Gegensatz zu Bagdad Minderheiten achtet und sie auch beschützen kann. Die Christen des Landes sind gut ausgebildet, friedliebend und relativ wohlhabend. Sie tragen entscheidend zum deutlich sichtbaren Aufschwung rund um Erbil bei. Büros für Ölkonzerne und andere ausländische Investoren, Hotels, Einkaufszentren und Restaurants werden errichtet. Auf den Straßen fahren fabrikneue japanische und chinesische Geländewagen sowie amerikanische Limousinen.

Bischof Rabban al-Qas (Diözese Amediye) vor der Höhle, in der der heilige Apostel Thomas gelebt haben soll.

Bischof Rabban al-Qas (Diözese Amediye) vor der Höhle, in der der heilige Apostel Thomas gelebt haben soll.

In den Bergdörfern Kurdistans, in die viele der weniger wohlhabenden Christen aus den Krisenherden Bagdad und Mossul geflohen sind, haben die Menschen dagegen keine Arbeit. Umgerechnet 40 Euro erhält eine fünfköpfige Familie dort von der kurdischen Autonomieregierung, falls das Familienoberhaupt arbeitslos ist. Immerhin, denn im restlichen Irak sorgen Korruption und fehlende Sozialgesetze dafür, dass arbeitslose Familien ganz auf Almosen angewiesen sind.

Die Kirche hilft in dieser Situation, wo sie kann. Die Pfarreien in den Dörfern und Städten Kurdistans sind Treffpunkte der Hoffnung für die Menschen. Aufopferungsvoll versuchen die Priester, ihren Gläubigen Mut zuzusprechen und bei der Suche nach Arbeit zu helfen. Die Diözesen betreiben Schulen und Waisenhäuser.

Spuren eines lebendigen Christentums

KIRCHE IN NOT hilft in dieser Region unter anderem dabei, Ausbildungszentren für Katecheten zu bauen und Busse zu finanzieren, um den Menschen den Weg zur Katechese zu erleichtern. Der Hunger nach geistlicher Nahrung ist groß. In vielen Dörfern platzen die Pfarrhäuser aus allen Nähten, so viele Menschen strömen jeden Freitag zur Katechese. Manchmal muss der Unterricht draußen stattfinden, da einfach kein Platz mehr im Haus ist. Oft stehen die Gläubigen dann im Regen, denn die Berge Kurdistans sind berühmt für dicke Wolken und wilde Stürme.

Obwohl der Irak heutzutage ein überwiegend von Muslimen bewohntes Land ist, hat er eine reiche christliche Geschichte, von der überall lebendige Spuren zu finden sind. Nahe des Bergdorfs Mangesh versammeln sich die Gläubigen zum Beispiel täglich zum Rosenkranzgebet vor einer Höhle, in der der heilige Apostel Thomas gelebt haben soll. Der Ortsbischof möchte den Ort gerne zu einer Wallfahrtsstätte ausbauen.

Eingang zum Grab des alttestamentlichen Propheten Nahum.

Eingang zum Grab des alttestamentlichen Propheten Nahum.

Weiter südlich, in der Bischofsstadt Elkosch, befinden sich auf dem Gelände eines 1949 verlassenen jüdischen Gemeindezentrums die Gräber des Propheten Nahum und seiner Frau Sara, die von der Diözese notdürftig instand gehalten werden. Zwischen Mohnblumen und Ruinen können Gläubige hier zum Gebet verweilen.

In den Bergen nahe Elkosch steht eine dem heiligen Hormisdas geweihte Klosteranlage aus dem siebten Jahrhundert samt Klosterkirche. Hierher kommen auch Muslime, um die Gottesmutter zu verehren. Früher lebten in den Berghöhlen rund um die Kirche über hundert Mönche, heute spielt sich das geistliche Leben vor allem im Kloster “Unserer Lieben Frau der Ebene” am Fuß des Berges ab. Auch ein Waisenhaus gehört zu der Anlage.

Ob all das erhalten bleibt, hängt vor allem davon ab, ob die Christen im Irak bleiben können. Was die Sicherheitslage angeht, ist das in Kurdistan zurzeit zumindest denkbar. Doch wenn nicht bald auch in den weiter von der Hauptstadt Erbil entfernten Regionen Arbeitsplätze geschaffen werden, wird die Regierung nicht verhindern können, dass die gut ausgebildeten jungen Christen ihr Glück im Ausland suchen.

Blick vom Hormisdas-Kloster auf die Ninive-Ebene.

Blick vom Hormisdas-Kloster auf die Ninive-Ebene.

So gut die kurdische Selbstständigkeit für die dort lebenden Christen zurzeit ist, so schlecht ist sie für die Zukunft des Irak. Niemand spricht hier offen darüber, aber hinter vorgehaltener Hand hört man es in den Straßen: “Der Irak wird auseinanderbrechen.”

Das Land ist gespalten. Nicht nur wegen ethnischen und religiösen Konflikten zwischen Kurden, Arabern, Sunniten, Schiiten, Jesiden und Christen, sondern auch im Kampf ums Geld. Der Irak ist reich an Bodenschätzen, vor allem an Erdöl. Und das wollen die unzähligen Parteien und Splittergruppen nicht teilen. Das Teilen ist eine christliche Tugend, doch um die Christen ist es still geworden im Irak. Sie sind die Ureinwohner ihres Landes und ihre Sanftheit und Demut wäre der Schlüssel zu seiner Zukunft.

Aber sie werden ermordet und vertrieben. Was bleibt dem Irak also übrig? Die Teilung statt des Teilens? Ein neuer Bürgerkrieg? Gott möge dieses wunderschöne Land davor behüten!

Verfolgte Christen im Irak:

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf CD beziehungsweise DVD erhältlich.

So können Sie den verfolgten Christen im Irak helfen:

18.Mai 2011 09:29 · aktualisiert: 23.Mrz 2015 10:00
KIN / S. Stein