“Ich habe viele Fragen an den Westen”

Der Weihbischof von Bagdad über die Situation der Christen im Irak

Weihbischof Shlemon Warduni.

Weihbischof Shlemon Warduni.

Unser Mitarbeiter André Stiefenhofer befindet sich zurzeit im Irak, um sich über die Lage der dortigen Kirche zu informieren. In Erbil im Norden des Landes traf er den Weihbischof von Bagdad, Shlemon Warduni, und sprach mit ihm über die schwierige Situation in seiner Diözese.

Herr Weihbischof, wie ist zurzeit die aktuelle Situation der Christen in Bagdad?
Bagdad leidet sehr unter dem anhaltenden Terror. Immer noch explodieren beinahe wöchentlich Autobomben. In dieser Situation können und wollen wir Christen uns nicht von den übrigen Irakern abheben, indem wir sagen, dass es uns besonders schlecht geht. Die Situation ist allgemein nicht gut, es gibt keine Sicherheit. Darunter leiden alle Menschen in Bagdad, so auch wir Christen.

Es gab aber doch des Öfteren gezielt Angriffe nicht nur auf Repräsentanten des Staates, sondern auch auf Christen?
Natürlich – wenn die Angriffe sich häufen und gezielt auf Kirchen oder Wohnungen von Christen gerichtet sind, können wir von einem organisierten Vorgehen sprechen. Dann können wir sagen: die Terroristen wollen uns vertreiben. Ich wollte nur betonen, dass die Sicherheitslage für alle Iraker sehr schwierig ist. Und wenn Christen wegen dieser fehlenden Sicherheit Opfer von Raubüberfällen werden, kann man nicht von „gezielten Angriffen“ reden.

Können Sie in den Fällen, in denen Christen zielgerichtet angegriffen werden, Gründe für diese Angriffe erkennen?
Wenn irgendwo auf der Welt etwas geschieht, das den Fundamentalisten nicht gefällt, müssen wir Christen im Nahen und Mittleren Osten dafür büßen. Das war so nach der Regensburger Rede des Heiligen Vaters und ebenso nachdem der evangelikale US-Priester Terry Jones angedroht hatte, den Koran öffentlich verbrennen zu wollen. Nach solchen Vorfällen haben die Islamisten Gewalt gegen uns ausgeübt. Und das, obwohl wir Christen in der ganzen Welt nur friedlich unseren Glauben leben wollen.

Sonnenuntergang in der nordirakischen Stadt Elkosch.

Sonnenuntergang in der nordirakischen Stadt Elkosch.

Gibt es auch politisch motivierte Angriffe auf Christen?
Es gibt politische Kräfte, die den Irak spalten wollen. Diese Separatisten wollen je nach Richtung getrennte Gebiete für Sunniten, Schiiten, Kurden, Araber und so weiter einführen. In diesem Konzept ist kein Platz für ein „Miteinander“. Separation ist schlecht, denn sie entspringt aus der Gier der Menschen.

Wir müssen endlich anfangen, an den Irak zu denken und ihn nicht mehr länger in seine Bevölkerungsgruppen aufzuteilen. Wir sind alle zuerst Iraker und dann Christen oder Muslime. Die Gier nach Geld spaltet die Menschen und schwächt den Irak. Nur gemeinsame Arbeit und Idealismus garantiert eine gute Zukunft für unser Land.

Der Irak hat eine gewählte Regierung, die eigentlich für den Schutz ihrer Bevölkerung sorgen müsste. Helfen Ihnen die Behörden denn nicht in Ihrer Situation?
Die Behörden haben uns viele gute Dinge versprochen, aber bisher haben wir davon nichts bekommen. Wir brauchen vor allem Frieden und Sicherheit. Der fehlende staatliche Schutz ist für uns Christen das größte Problem und darum verlassen immer mehr christliche Familien das Land. Wenn wir optimistisch zählen, gibt es vielleicht noch halb so viele Christen im Land wie vor dem Sturz Saddam Husseins.

Wache vor der St.-Georg-Kirche in Bartella.

Wache vor der St.-Georg-Kirche in Bartella.

Waren die Jahre unter Saddam Hussein wirklich “gute Zeiten” für die Christen im Irak?
Zumindest lebten wir in Sicherheit. Natürlich hatten wir keine Freiheit unter dieser repressiven Regierung und mussten unter den vielen Kriegen leiden, die das Regime angezettelt hat. Aber insgesamt waren unsere Gläubigen damals doch glücklicher. Nun haben wir zwar theoretisch Freiheit, aber was nutzt das, wenn wir aus Angst unsere Häuser nicht mehr verlassen können? Frieden und Sicherheit sind für uns Christen im Moment die größten Wünsche.

Was können wir in Europa für die Christen im Irak tun?
Der Westen müsste sich stärker für den Frieden in unserem Land einsetzen, anstatt nur auf unsere Kosten seine eigenen Interessen durchzusetzen. Ich habe viele Fragen an den Westen: Es gibt so viele Diktatoren auf der Welt – warum wenn nicht für unser Öl mussten Sie gerade Saddam Hussein stürzen? Woher – wenn nicht aus dem Westen – bekommen die Terroristen in unserem Land ihre hochentwickelten Waffen? Wieso weisen die westlichen Staaten unsere Flüchtlinge ab und schicken Menschen in den Irak zurück, die dort alles verkauft haben, weil sie dort keine Zukunft mehr hatten? Ich bitte Sie: Wirken Sie auf Ihre Politiker ein. Wir möchten auch jene Menschenrechte erfahren, die sie verkünden.

Welche Hoffnung haben Sie für die Kirche Ihres Landes?
Unsere Hilfe liegt nur beim Herrn. Er ist unsere Hoffnung. Wir versuchen, in Frieden zu leben, denn wenn wir das tun, ist Gott glücklich. Ohne Gott verliert der Mensch alles. Wir bitten alle Menschen guten Willens, für uns zu beten und dafür, dass die Hoffnung im Irak nicht stirbt.

Verfolgte Christen im Irak:

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf CD beziehungsweise DVD erhältlich.

So können Sie den verfolgten Christen im Irak helfen:

Schlagworte:
Bagdad · Christenverfolgung · Erbil · Irak · Islam · Terrorismus
23.Mai 2011 09:43 · aktualisiert: 10.Jun 2014 11:36
KIN / S. Stein