Hilfe für Irak-Flüchtlinge in Jordanien

KIRCHE IN NOT plant eine umfassende Hilfsaktion für Christen in Jordanien

Flüchtlinge in Amman, Jordanien: Familienvater Sarkis und Sohn mit Soforthilfe und Prayerboxen.

Flüchtlinge in Amman, Jordanien: Familienvater Sarkis und Sohn mit Soforthilfe und Prayerboxen.

Das weltweite katholische Hilfswerk KIRCHE IN NOT plant eine umfassende Hilfsaktion für Christen in Jordanien. Die Aktion soll irakischen Flüchtlingsfamilien dabei helfen, ihren Glauben zu erhalten und die Ausbildung für ihre Kinder an christlichen Schulen zu finanzieren.

Nach Angaben des Päpstlichen Missionswerkes leben zurzeit etwa 500 000 irakische Flüchtlinge in Jordanien, davon sind circa 35 000 Christen.

Mehr als 1000 Kinder aus christlichen Familien im schulpflichtigen Alter bekommen nach dieser Schätzung zur Zeit keine Schulbildung, da ihre Eltern kein Geld für den Transport zur Schule und anfallende Gebühren haben. Irakische Flüchtlinge werden in Jordanien lediglich als “Gäste” anerkannt, daher haben sie kein Recht auf einen festen Wohnsitz und dürfen nicht arbeiten.

Eine Delegation von KIRCHE IN NOT überreichte die erste Soforthilfe an die Familie von Sarkis F. Bis zum Sommer 2010 war Sarkis Professor für Maschinenbau an der Universität Bagdad. Heute lebt er mit seiner sechsköpfigen Familie und zwei Verwandten in einer kleinen Zweizimmerwohnung in der jordanischen Hauptstadt Amman. “Schon seit Jahren erhielt ich in Bagdad anonyme Drohungen von Islamisten”, berichtet er. “Sie schrieben: Entweder du wirst Moslem, oder wir bringen dich um!”

Als Terroristen am 31. Oktober 2010 ein Blutbad in der Kirche “Unserer Lieben Frau” anrichteten, nur wenige Meter von seinem Haus entfernt, entschloss er sich, seiner Heimat den Rücken zu kehren.

Dieser Entschluss war schon länger gereift, denn für die Frauen der Familie war es unmöglich geworden, das Haus ohne Schleier zu verlassen. “Mein Bruder wurde zusammengeschlagen, nur weil er in kurzen Hosen auf die Straße ging”, erzählt Sarkis. Der Weg zur Kirche jeden Sonntag war für die Familie mit Lebensgefahr verbunden.

In Jordanien ist der Kirchgang nun wieder ohne Probleme möglich. “Wir danken den Menschen hier dafür, dass sie uns so gut aufgenommen haben”, betont Sarkis. Auch mit der muslimischen Mehrheit in Jordanien hat die Familie keine Probleme. Es sei so, wie zu Zeiten Saddam Husseins im Irak: “Wir waren alle zuerst Iraker und erst dann kam unsere Religion”, erinnert sich Sarkis.

Die fanatischen Gruppen seien erst nach dem Fall des Regimes aufgetreten. “Probleme machten uns vor allem extremistische Schiiten. Früher hat kein Imam während des Freitagsgebets Hasspredigten gehalten – heute ist das im Irak an der Tagesordnung.” Eine Zukunft habe er in seinem Land keine mehr gesehen. “Alle Parteien sind fanatisch. Das kann nicht gutgehen!”

In Jordanien angekommen sieht die Zukunft für Sarkis und seine Familie ebenfalls nicht gut aus. “Seht uns an”, ruft seine Frau und zeigt in die Runde, “Acht Personen in zwei Zimmern!”

Die irakische Flüchtlingsfamilie von Sarkis F. in Jordanien: Acht Personen in zwei Zimmern, auf 40 Quadratmetern.

Die irakische Flüchtlingsfamilie von Sarkis F. in Jordanien: Acht Personen in zwei Zimmern, auf 40 Quadratmetern.

Eigentlich sollte Amman nur eine Zwischenstation für die Familie sein. Sarkis ist ein hochqualifizierter Maschinenbauingenieur und wollte in den USA sein Glück suchen, aber die Einwanderungsbehörde hätte nur ihn, seine Frau und seinen kleinen Sohn einreisen lassen.

Das kam für Sarkis nicht in Frage, denn der 76-jährige Großvater kann schließlich kaum mehr gehen und ist auf seinen Sohn angewiesen. Auch seinen Bruder will Sarkis auf keinen Fall zurücklassen. Familie ist schließlich Familie, also blieben alle.

Zwei Generationen in einer Wohnung: Sarkis' Vater mit Sarkis' Sohn.

Zwei Generationen in einer Wohnung: Sarkis' Vater mit Sarkis' Sohn.

Doch wie wird es sein, wenn der Kleine in die Schule kommt? Eine christliche Privatschule kann sich die Familie nicht leisten und an den staatlichen Schulen sind die Christen zwar willkommen, aber der Druck der muslimischen Klassenkameraden ist groß: Wer nicht zum Islam konvertiert, verbringt seine Schulzeit ohne Freunde.

Zusätzlich zu diesen Zukunftssorgen wird es immer enger in der Wohnung. Mitte März klopfte es an der Tür und vor dem verdutzten Sarkis standen zwei entfernte Tanten aus Bagdad. Sie hatten ihren gesamten Besitz verkauft und waren mit dem Taxi aus dem Irak nach Amman geflohen.

Am Grenzübergang bekamen sie Angst, dass der Zoll ihnen ihr Erspartes, immerhin 5000 Dollar, abnehmen könnte. Darum baten sie den Taxifahrer, das Geld für sie aufzubewahren. In Amman angekommen behauptete der Fahrer, das Geld verloren zu haben. Diebstahl auf irakisch. Seitdem leben in der Wohnung acht Personen auf vierzig Quadratmetern.

Sarkis lächelt, während er all das erzählt. Doch was er sagt, klingt nicht froh. Das gesparte Geld reiche noch etwa ein halbes Jahr und arbeiten dürfe er nicht. “Ohne offiziellen Wohnsitz haben wir keine Hoffnung in Jordanien und als Familie ausreisen dürfen wir nicht”, sagt Sarkis leise.

KIRCHE IN NOT unterstützt Sarkis und seine Familie mit einer Soforthilfe von 1000 Dollar. Als Zeichen der Hoffnung und der weltweiten Gebetsgemeinschaft hat die Familie außerdem einige “Prayerboxen” des Hilfswerks geschenkt bekommen.

KIRCHE IN NOT-Länderreferent Pater Andrzeij Halemba betonte, man sei entschlossen, den christlichen Flüchtlingen in ihrer Notsituation dabei zu helfen “ihren Glauben zu verteidigen”. Soforthilfen für weitere Familien und ein Projekt, durch das den Flüchtlingskindern eine Ausbildung an christlichen Schulen finanziert wird, seien in Vorbereitung.

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Schlagworte:
Amman · Bagdad · Flüchtlinge · Irak · Jordanien · Soforthilfe
6.Jun 2011 10:17 · aktualisiert: 8.Jun 2011 13:55
KIN / T. Waitzmann