Hoffnung für Levo

Eine Reportage aus einem Dorf in Irakisch-Kurdistan von André Stiefenhofer

Kurdische Fahne.

Kurdische Fahne.

Eine halbzerfetzte kurdische Fahne flattert auf dem Dach, der Wind pfeift über die mit roten Mohnblumen getupften grünen Wiesen, die Sonne scheint, es ist ein kalter Maitag. Afram Yokhanna steht mit einem versteinerten Gesicht vor seinem kleinen Haus im nordirakischen Dorf Levo und starrt in die Ferne.

“Hier bin ich wieder.” Fast unmerklich bewegen sich seine Lippen. “46 Jahre Bagdad und jetzt bin ich wieder hier.” Seine violette Trainingshose schlackert wild um seine Beine. Er steht da wie angewurzelt. “Meine armen Kinder”, sagt er nach einer Weile. Dann geht er ins Haus. Dort ist es still, die Sonne malt gelbe Flecken auf das Sofa.

Aus dem Hinterzimmer dringt ein Stöhnen, gefolgt von einem zärtlichen Flüstern. Hanna liegt gekrümmt auf einem Bett, ihr schmächtiger Körper verkrampft sich. Ihr Bruder sitzt auf dem Teppich neben ihr, ein Seil bindet seinen rechten Fuß an einen der Bettpfosten. Er steckt sich die ganze Hand in den Mund. “In Bagdad haben sie Medikamente bekommen.” Zärtlich streicht Afram seiner Tochter durchs Haar. “Hier gibt es nichts.”

Dieses Nichts teilen sich in Levo 156 christliche Familien. Die meisten von ihnen waren in den 1960er-Jahren aus dem Nordirak nach Bagdad geflohen, weil die Zentralregierung damals einen blutigen Feldzug gegen die kurdische Bevölkerung des Nordens begonnen hatte. Doch seit dem Einmarsch der US-Truppen 2003 und dem darauf folgenden Bürgerkrieg war es auch in der Hauptstadt mit der Sicherheit vorbei.

Sunnitische und schiitische Milizen kämpften um die Vorherrschaft im Land. Bagdad und Mossul, die beiden größten Städte des Irak, wurden zu Terroristenhochburgen. Separatisten, Fanatiker und einfache Kriminelle nutzten das Sicherheitsvakuum für ihre Zwecke. Die Christen suchten unter diesen Umständen wieder Zuflucht in ihrer alten Heimat, den Bergdörfern des Nordirak. Dort sorgen kurdische Milizen, die sogenannten “Peschmerga”, effektiv für Sicherheit.

Afram vor seinem Haus in Levo.

Afram vor seinem Haus in Levo.

Afram kam 2007 zurück nach Levo. “Ich habe meine Frau und die Kinder ins Auto gepackt und bin 14 Stunden durchgefahren”, erzählt er. Von seinen Ersparnissen hat sich der pensionierte Elektriker das kleine Haus gekauft, inzwischen lebt er von Almosen und den 50 Dollar, die ihm die kurdische Autonomieregierung monatlich für den Unterhalt seiner Familie zahlt. Er schläft auf dem Boden bei seinen beiden behinderten Kindern, seine Frau im Wohnzimmer auf dem Sofa. Eine Küche, ein Bad. Ein Zuhause.

Zuhair Daniel schluckt, als er Aframs Haus verlässt und schüttelt den Kopf. Zuhair war bis zu seinem Ruhestand Lehrer, heute erledigt er für die Diözese Zaku (Sitz in der Stadt Zaxo) die Verwaltungsarbeit. Viele wichtige Angelegenheiten landen auf seinem Schreibtisch, denn die Diözese hat zurzeit keinen Bischof. Levo ist eine jener Pfarreien, die Zuhair meistens nur auf dem Papier zu sehen bekommt. “Das ist schockierend”, sagt er. “Erst habe ich mich gefreut, dass unsere Leute wieder zurückkommen. Aber was gibt es hier für sie?”

1961 war Levo ein blühendes Dorf gewesen, jeder hatte Arbeit. Doch damals gab es noch keine Traktoren. Heute beschäftigen die 3500 Hektar fruchtbares Land rund um Levo gerade mal vier Familien. Der Rest sitzt fest, 20 Kilometer von der Bezirkshauptstadt Zaxo entfernt. Und selbst dort ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch.

Afram mit seinen beiden behinderten Kindern.

Afram lebt mit seiner Frau und den beiden behinderten Kindern in dem kleinen Haus.

“Der soziale Druck in den Familien ist enorm”, erzählt Zuhair. “Es ist sehr schwer, die Menschen davon abzuhalten, aus ihrer Not heraus eine Dummheit zu machen.” Schmuggel, Diebstahl, Prostitution. Die Möglichkeiten für all diese “Dummheiten” sind in Zaxo gegeben. Die Stadt ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in die nahe Türkei, kilometerlang säumen Lastwagen die Straße von und zur Grenze.

Zuhair winkt ab. “Die fahren alle nur durch. Und wenn sie Geld hierlassen, teilen sich das einige wenige Familien untereinander auf.” Familie: An diesem Wort hängt in Zaxo alles – im Guten wie im Schlechten. “Vor vier Tagen haben Islamisten versucht, den Schnapsladen eines unserer Pfarreimitglieder anzuzünden”, berichtet Zuhair. “Wir wissen, wer es war, und der Polizeichef weiß es auch, aber verhaftet wird niemand.” Warum? Familie. “Der Täter ist sein Neffe.”

Islamisten haben in Irakisch-Kurdistan im Vergleich zum Rest des Irak trotzdem einen schweren Stand. Sicherheit ist für die kurdische Autonomieregierung in Erbil die Währung, mit der sie Investoren ins Land holt. Gerade die vergleichsweise gut ausgebildeten christlichen Flüchtlinge will sie halten und siedelt sie vor allem in Grenzgebieten an. Ein guter Puffer für das neue Kurdistan gegen den arabischen Irak, die Türkei, den Iran.

Blick auf das Dorf Levo.

Blick auf das Dorf Levo.

Im Gegenzug tut die Regierung alles, um für öffentliche Ordnung zu sorgen und Islamisten aus der Politik herauszuhalten. Zuhair bleibt skeptisch und hält alle islamischen Parteien für gefährlich. “Diese Fanatiker wollen uns Christen aus dem Irak vertreiben. Wenn uns die Regierung beschützen will, sollte sie weniger bewaffnete Wachen vor unsere Kirchen stellen, sondern lieber Arbeit und Wohnungen für unsere Familien schaffen!”

Zweihundert Häuser wurden in Levo aus dem Boden gestampft, finanziert von der Zentralregierung in Bagdad. Doch jemand muss den Menschen dort Hoffnung geben. Zuhair und seine Mitarbeiter helfen, wo sie können, doch die Diözese ist selbst auf Unterstützung angewiesen.

Pfarrer Jamal vor der Kirche in Levo.

Pfarrer Jamal vor der Kirche in Levo, deren Bau von KIRCHE IN NOT finanziert wurde.

In Levo kam diese Hilfe von KIRCHE IN NOT. Unser Hilfswerk baute den Flüchtlingen eine Kirche und finanzierte einen Bus, damit die Kinder und Jugendlichen des Dorfes zur Schule nach Zaxo fahren können. “Es ist so wichtig, dass die jungen Leute jeden Tag aus dem Dorf herauskommen”, sagt Pfarrer Jamal Yohanna.

Der Pfarrer von Levo lebt in Zaxo, denn von den neu gebauten Häusern im Dorf war für ihn keines reserviert. Er ist selbst ein Flüchtling aus Bagdad, erst im vergangenen Jahr wurde der ehemalige Ingenieur ordiniert.

KIRCHE IN NOT hat versprochen, für ihn noch in diesem Jahr ein Priesterhaus zu errichten. “Wer baut, der bleibt”, sagt Pfarrer Jamal und lächelt, während er auf das Haus von Afram Yokhanna zugeht. Er hat ihm versprochen, zusammen mit seiner Familie zu beten.

“Wenn die Menschen sehen, dass die Kirche in Gebäude, Fahrzeuge und Personal investiert, bekommen sie genau die Hoffnung, die uns hier fehlt.” Afram sieht den Pfarrer kommen und zum ersten Mal geht ein Riss durch seine steinernen Gesichtszüge. “Abuna”, sagt er. “Vater”. Pfarrer Jamal dreht sich noch einmal um. “Sehen Sie, was ich meine?”

Schlagworte:
Erbil · Flüchtlinge · Irak · Islam · Kurdistan · Terrorismus · Zaxo
20.Jun 2011 10:12 · aktualisiert: 23.Mrz 2015 09:59
KIN / S. Stein