“Wie Schafe unter die Wölfe gesandt”

Gespräch mit einem deutschen Priesterseminaristen im Irak

Tomas Toma.

Tomas Toma studierte am Priesterseminar in Erbil.

Tomas Toma ist deutscher Staatsbürger und war bis Ende Juni 2011 Seminarist im chaldäisch-katholischen Priesterseminar der nordirakischen Stadt Erbil. Mitte der 1990er-Jahre war er aus seiner Heimatstadt Bagdad vor der zunehmenden Gewalt nach Deutschland geflohen.

In einem Interview berichtet er im Mai 2011, wieso er nach seiner Einbürgerung in Deutschland wieder zum Studium in den Irak zurückgekehrt war und welchen Herausforderungen er und seine Mitbrüder sich gegenübersehen.  Das Gespräch führte André Stiefenhofer.

Herr Toma, Sie sind gelernter Schreiner – wie kamen Sie fern der Heimat dazu, Priester zu werden?
Nun, Jesus war schließlich auch Schreiner, beziehungsweise Zimmermann, ebenso wie der heilige Apostel Thomas. Ich bin seit drei Jahren im Priesterseminar Erbil, meine Berufungsgeschichte begann aber in Deutschland Ende Dezember 2003. Damals war ich bereits 34 Jahre alt und spürte plötzlich den tiefen Wunsch, Priester zu werden. Ich traf einen chaldäischen Priester, der mich auf meinem Berufungsweg begleitet hat, fühlte mich aber auch zu den deutschen Franziskanern hingezogen und habe mit den Brüdern in Hermeskeil bei Trier gelebt.

Dann kam die Fastenzeit 2007. In dieser Zeit wollte ich intensiv darum beten, dass Gott mir zeigt, wo er mich braucht: ob bei den Franziskanern oder in der chaldäischen Kirche. Die Antwort habe ich schließlich von drei Personen bekommen, die in drei verschiedenen Ländern leben. Alle gaben mir dieselbe Antwort: “Bitte diene in der chaldäischen Kirche als Priester.” Diese Antwort hat sich für mich in den vergangenen drei Jahren durch viel Gebet bestätigt. Das Gebet ist der Schlüssel dazu, wie man seine Berufung erkennen kann. Wenn ich nicht gebetet hätte, hätte ich mich bis heute nicht entschieden.

Wieso sind Sie ausgerechnet in den Irak ins Priesterseminar? Wäre das nicht auch in Deutschland gegangen?
Als die Entscheidung gefallen war, habe ich ein Stipendium bekommen, damit ich an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und am dortigen Priesterseminar studieren darf. Im Seminar gab es kein Problem, aber die Universität hatte mein irakisches Zeugnis nicht anerkannt. Ich hätte zwei Jahre lang die deutsche Hochschulreife nachmachen müssen. Mein Bischof hat vorgeschlagen, dass ich das abkürzen und im Irak studieren könnte. Er hat mir vom Priesterseminar in Erbil erzählt und mich gefragt, ob ich bereit wäre, dorthin zu gehen. Mein Bischof überließ mir die Entscheidung, denn er weiß, wie gefährlich es im Irak ist. Ich entschied mich für den Irak und lebe nun wie jeder andere Mitbruder im Priesterseminar Erbil.

Gottesdienst im Priesterseminar in Erbil.

Gottesdienst im Priesterseminar in Erbil.

Wie war die erste Zeit im Priesterseminar für Sie?
Das erste Jahr war wirklich hart, und das Philosophiestudium hat mich sehr in Beschlag genommen. Außerdem waren die Menschen hier nicht mehr so, wie ich sie von früher kannte. Es war eine andere Generation, die anders dachte als ich und andere Einstellungen hatte. Immerhin war ich damals schon 34 Jahre alt und alle anderen erst Anfang 20.

Damit hatte ich zu kämpfen, aber zum Glück hatte ich mit Amil Nona, dem heutigen Erzbischof von Mossul, einen sehr guten geistlichen Begleiter. Er hat mich sehr ermutigt. Nach dem ersten Jahr kam er zu mir und sagte: “Tomas, alle Achtung! Ich dachte, du bleibst zwei Monate und verschwindest wieder.” Er verstand meine Probleme und gab mir in vielem Recht. Er sagte: “Die Menschen im Irak sind von innen her verändert.” Es gibt hier so viel Hass, so viel Verzweiflung und Lustlosigkeit. Im Nordirak mag es Sicherheit geben, aber wie steht es mit dem Rest des Landes? Wenn Sie heute Christ in Bagdad sind, stehen Sie morgens auf und wissen nicht, ob Sie abends noch leben. Das müssen Sie wissen, um die Menschen zu verstehen.

Heute kann ich sagen, dass ich meine Mitbrüder alle sehr gern habe. Es sind nicht die Menschen, die böse sind. Es ist die Situation. Im Irak war, so lange ich denken kann, immer Krieg. Meine Mitbrüder haben mir gesagt: “Tja, Tomas, Du lebst schon so lange in Deutschland. Dort ist alles okay. Aber wir haben gesehen, wie unsere Verwandten entführt, ermordet und verstümmelt wurden.” Wenn Du so etwas hörst, verstehst Du, warum die Menschen sich hier so verändert haben und Du dankst Gott dafür, dass Dir das nicht widerfahren ist. Hier im Irak sehe ich in jedem Gesicht innere Zerrissenheit.

Welche Zukunft sehen Sie persönlich für die Christen im Irak?

Gemeinsames Abendessen im Priesterseminar.

Gemeinsames Abendessen im Priesterseminar.

Wollen Sie, dass ich Ihnen optimistisch antworte oder die Wahrheit sage? Dass die Christen aus dem Irak auswandern wollen, ist ein großes Problem für unsere Kirche. Ich kann diese Entscheidung aber nachvollziehen. Die Christen fliehen nicht wegen des Geldes oder wegen der Arbeitslosigkeit. Sie fliehen, weil es nicht sicher ist im Irak und weil sie ihren Glauben nicht leben können.

Der ganze Nahe Osten befindet sich im Umbruch und ich bezweifle, dass dieser Umbruch etwas Gutes bringt. Es ist wie im Winter. Sobald ein bisschen Sonne kommt, regnet es. Aber wenn es dann wieder kalt wird, ist das Glatteis nur umso gefährlicher. Im Nahen Osten folgt auf jede Phase der Ruhe und Hoffnung nur noch mehr Terror und Gewalt.

Für uns Christen kommt hinzu, dass wir inzwischen eine verschwindend kleine Minderheit sind. Früher, das heißt vor 2003, gab es im Irak noch über eine Million Christen. Wie viele sind es heute noch? Statistiken sind im Orient mit Vorsicht zu genießen, aber nach allem, was ich gehört und gelesen habe, sind es heute nicht mehr als 300 000. Die größten Flüchtlingswellen gab es aus Bagdad und Mossul. Einige sind nach Irakisch-Kurdistan geflohen, aber die meisten versuchen, nach Europa, in die USA oder nach Australien zu kommen.

Welche Perspektive hat die irakische Kirche unter diesen Umständen überhaupt noch?
Die Kirche wird nur dann im Irak bleiben, wenn wir Christen hier in Sicherheit leben können. Ich bin kein Politiker, darum kann ich auch nicht vorhersagen, wie sich die Situation in den arabischen Ländern entwickeln wird. Nehmen wir Kurdistan: Heute ist es hier sicher. Aber was wird morgen sein? Wird Kurdistan unabhängig? Bleibt es im Irak? Gibt es vielleicht Krieg? Mit dem Iran? Der Türkei? Mit Bagdad? Ich weiß es nicht.

Aber die Unsicherheit verfolgt die Menschen. Seit 2000 Jahren kämpfen wir Christen im Irak für unsere Kirche und unseren Glauben. Das begann mit der Evangelisation durch den heiligen Apostel Thomas in Mesopotamien. Seit damals gibt es Christen im Irak. Wenn es hier keine Christen mehr gibt, welche Zukunft hat dann das Land? Ich habe mit vielen Muslimen gesprochen, die mir gesagt haben: “Ohne Euch Christen können wir hier nicht leben.”

Und ich sage Ihnen ganz ehrlich: Hier in Kurdistan werden die Christen nicht deshalb beschützt, weil sie Christen sind, sondern weil die Autonomieregierung der ganzen Welt zeigen will: “Seht her, wir behandeln unsere Minderheiten gut, wir sind eine Demokratie!” Sie weiß, dass die Christen gut ausgebildet und darum gut für die Wirtschaft sind.

Sie sind im Seminar der einzige Priesteramtskandidat, der die Perspektive hat, eines Tages im friedlichen Deutschland seiner Berufung nachgehen zu können. Ihre Mitbrüder werden im Irak ihren Dienst tun – auch in lebensgefährlichen Gebieten. Wie ist unter diesen Umständen die Stimmung im Priesterseminar von Erbil?

“Ich bin in den Irak gegangen, weil ich meiner Berufung gefolgt bin und niemals meine Gemeinde verlassen werde” (Tomas Toma).

“Ich bin in den Irak gegangen, weil ich meiner Berufung gefolgt bin und niemals meine Gemeinde verlassen werde” (Tomas Toma).

Einige meiner Mitbrüder werden nach dem Ende ihres Studiums zurück nach Bagdad gehen, andere nach Mossul. Natürlich ist das lebensgefährlich. Aber sie möchten auf keinen Fall ihre Gemeinde und ihre Kirche im Stich lassen. Darum bin ja auch ich in den Irak gegangen – weil ich meiner Berufung gefolgt bin und niemals meine Gemeinde verlassen werde.

Wenn mein Bischof heute sagt, dass ich nächste Woche eine Pfarrei in Bagdad übernehmen soll, dann packe ich morgen meine Koffer. In aller Freiheit haben wir Priester dem Herrn unser Jawort gegeben. Jeder von uns könnte sich heute dafür entscheiden zu gehen. Aber wir bleiben.

Ihre Eltern und ein großer Teil Ihrer Familie sind noch in Deutschland. Was sagen sie dazu, dass Sie zum Studium zurück in den Irak gereist sind?
Meine Eltern machen sich große Sorgen. Jeden Tag rufe ich sie an. Und wehe, ich melde mich einmal zwei Tage lang nicht! Dann ruft mich meine Mutter an und ist ganz aufgelöst! Meine Mutter und mein Vater sind alte, kranke Leute, und die Angst um mich macht sie noch kränker. Täglich sage ich ihnen, dass es mir hier gut geht, dass es in Erbil friedlich ist und dass ich zufrieden bin.

Wie können wir in Europa den Christen im Irak helfen?
Das ist sehr schwer, denn ein großes Problem ist die Arbeitslosigkeit im Land. In manchen Gegenden hat man als Christ bei der Arbeitssuche keine Chance. Hier in Kurdistan muss man zum Beispiel kurdisch sprechen, um Arbeit zu bekommen. Für Flüchtlinge ist das ein großes Hindernis, denn unter Saddam Hussein war die kurdische Sprache verboten.

Es gibt viele arme Familien, in denen Vater oder Mutter getötet wurden und die Kinder alleine bleiben müssen. Die Kirche versucht zwar zu helfen, aber es sind einfach zu viele Schicksale, als dass wir das alleine bewältigen könnten. Wir sind wie Schafe unter die Wölfe gesandt. Das Traurige für unser Land ist, dass die Wölfe nicht nur die Christen auffressen werden, sondern auch alle anderen. Wenn ich als Priester sage: “Bitte bleibt im Irak!”, dann antworten mir die Leute: “Gut, wir bleiben. Aber gib uns Sicherheit!” Dazu müsste auch der Westen mehr beitragen.

15.Jul 2011 10:04 · aktualisiert: 23.Mrz 2015 10:00
KIN / S. Stein