Ein großer Glaubenszeuge und Freund

KIRCHE IN NOT trauert um Kazimierz Kardinal Swiatek

Kazimerz Kardinal Swiatek (1914-2011).

Kazimerz Kardinal Swiatek (1914-2011).

Am Donnerstag, 21. Juli, ist Kazimierz Kardinal Swiatek im Alter von 96 Jahren gestorben. Er wurde mehrmals wegen seines Priesterberufs verhaftet und verbrachte zehn Jahre in einem sowjetischen Gulag. Kardinal Swiatek war zeitlebens mit Pater Werenfried bis zu dessen Tod 2003 herzlich verbunden.

Am 21. Oktober 1914 als Sohn einer polnischen Familie in Valga (Estland) geboren, erlebte er bereits in seiner Kindheit die Leiden des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib. Sein Vater fiel 1920 im Polnisch-Sowjetischen Krieg bei der Verteidigung der Stadt Vilnius gegen die Bolschewisten, die Mutter wurde mit den Kindern nach Sibirien deportiert und kehrte 1922 zurück. Mit achtzehn Jahren trat Kazimierz in das Priesterseminar von Pinsk ein, das damals zu Polen gehörte, und wurde am 8. April 1939 zum Priester geweiht.

Im April 1941 wurde er als junger Kaplan verhaftet und zum Tode verurteilt. Zwei Monate saß er in der Todeszelle eines Lagers in Brest, wo 7000 Polen gefangen gehalten wurden. Der Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion führte dazu, dass er entlassen und das Todesurteil nicht vollstreckt wurde. Bis zum Ende der deutschen Besatzung arbeitete er als Pfarrer in Pruzana. Obwohl das Gebiet von der Roten Armee besetzt wurde und Swiatek wusste, dass dies eine Verfolgung der Kirche zur Folge haben würde, blieb er dort.

Im Dezember 1944 wurde er wieder verhaftet, und im Juli 1945 wurde er für seine Treue zur Kirche zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt, die er in den berüchtigten Lagern von Maryinsk und Workuta ableistete. Nach dem Tod Stalins wurde er 1954 entlassen und ging als Pfarrer nach Pinsk. Nach der politischen Wende wurde Kazimierz Swiatek 1991 von Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof von Minsk-Mahiljou und zum Apostolischen Administrator von Pinsk, 1994 zum Kardinal ernannt. Erst 2006, mit 92 Jahren, ging Kardinal Swiatek als Erzbischof in den Ruhestand.

Kardinal Swiatek überreicht Papst Johannes Paul II. ein Missale auf Weißrussisch.

Kardinal Swiatek überreicht Papst Johannes Paul II. ein Missale auf Weißrussisch.

In einem Interview mit KIRCHE IN NOT erinnert sich Kazimierz Kardinal Swiatek an die Zeit, die er in den Gulags verbringen musste: “Es war ein Todeskommando. Wir arbeiteten bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad als Holzfäller und schliefen mit 300 Leuten in einer ‘Semlanka’, einem notdürftig abgedeckten Erdloch, ohne Licht und ohne alles.

Man sagte, eine Kugel sei noch zu schade für uns, denn sterben würden wir hier sowieso, und bis dahin könnten wir noch arbeiten. Entkräftung, Hunger und Kälte brachten den Tod. Morgens, bevor wir zur Arbeit gingen, wurden die Toten hinaus auf den Schnee geworfen. Nachts kamen die Wölfe und haben die Leichen gefressen. Als ich nach drei Jahren immer noch lebte, schickten sie mich nach Workuta. Dort herrschte zwölf Monate im Jahr Winter.”

In demselben Interview berichtete er, zur Zeit seiner Entlassung aus dem Straflager habe sein nächster Amtskollege in östlicher Richtung in Alaska gewohnt. Er selbst war der einzige Priester seiner Diözese, der die sowjetische Christenverfolgung überlebt hatte. Offiziell habe es keine einzige Pfarrei gegeben. Gläubige, die zur Kirche kamen, waren Repressalien ausgesetzt. Swiatek: “Man nannte uns die ‘Kirche des Schweigens’, und viele im Westen dachten, wir existierten nicht mehr. Aber wir lebten in den Katakomben, und unsere Kirche hat dort überlebt.“

Als Kardinal Swiatek im September 2004 von Papst Johannes Paul II. der Fidei-Testis-Preis, ein Preis für “Zeugen des Glaubens”, überreicht wurde, sagte der Papst: “Der Herr schenkte Ihnen einen starken, tapferen Glauben, um diese lange und harte Prüfung zu überwinden, an deren Ende Sie in die kirchliche Gemeinschaft als noch glaubwürdigerer Zeuge des Evangeliums zurückkehrten: als Fidei testis.”

Vorübergehend mussten die Gläubigen in Fanipol bei Minsk in diesem Baucontainer ihre Gottesdienste feiern, da ihre Kirche einem Wohnviertel weichen musste. In der Zwischenzeit haben sie mit Hilfe von KIRCHE IN NOT eine kleine Kirche.

Als schmerzlichere Prüfung als die Lagerhaft erlebte Kardinal Swiatek jedoch die Verwüstungen, die der Kommunismus in den Seelen der Menschen angerichtet hatte. So waren nicht nur 90 Prozent der Kirchen in Weißrussland zu Sowjetzeiten zerstört worden, sondern besonders verheerend war der Einfluss der atheistischen Erziehung.

Obwohl oder gerade weil weite Teile seiner Diözese 1986 von dem Super-GAU in der Reaktoranlage von Tschernobyl betroffen waren und er das Ausmaß der Zerstörung aus eigener Erfahrung kannte, bezeichnete der Kardinal den Einfluss der kommunistischen Indoktrinierung bewusst als “Tschernobyl in den Seelen der Menschen”. Immer wieder betonte er, es gehe bei der Wiederbelebung des kirchlichen Lebens auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion vor allem um einen “Wiederaufbau der Seelen”.

Sofort nach der politischen Wende bat er KIRCHE IN NOT um die Unterstützung zahlreicher Projekte – anfangs noch als Pfarrer, später als Erzbischof und Kardinal. Unser Hilfswerk unterstützte neben vielen anderen Projekten beispielsweise die Renovierung des Priesterseminars von Pinsk und die der Kathedrale von Minsk.

Langjährige Freundschaft mit Pater Werenfried

Zu seinem bischöflichen Dienst in schwerer Zeit sagte er: “Zum Glück bin ich eine Kämpfernatur, denn für den Wiederaufbau der Kirche hier muss man wahrhaft ein Kämpfer sein.” Er war besonders verbunden mit unserem Gründer Pater Werenfried van Straaten, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband.

Unterschiedlich war dabei ihre Auffassung von der Richtung der geistlichen Erneuerung: Während Pater Werenfried fest davon überzeugt war, dass die Bekehrung des materialistischen Westens derer des durch den Kommunismus verwüsteten Ostens vorhergehen müsse, glaubte Kardinal Swiatek daran, dass der Osten den Westen bekehren werde. Einig waren sie sich jedoch in der Beurteilung der geistigen Krise des Westens und des Schadens, den die atheistische Propaganda im Osten in den Seelen der Menschen angerichtet hatte.

So waren die beiden “Kämpfer” der Kirche bis zum Tode Pater Werenfrieds am 31. Januar 2003 herzlich miteinander verbunden. Obwohl bereits hochbetagt, reiste Kardinal Swiatek, der an Pater Werenfrieds Begräbnis nicht teilnehmen konnte, ein Jahr später eigens nach Königstein im Taunus, um dort das Grab seines langjährigen Freundes zu besuchen.

Noch im vergangenen Jahr, mit 95 Jahren, sagte Kazimierz Kardinal Swiatek in einem Interview mit der österreichischen katholischen Nachrichtenagentur Kathpress, die Kirche sei “eine Kraft, mit der man immer rechnen muss”.

22.Jul 2011 11:06 · aktualisiert: 22.Jul 2011 11:20
KIN / S. Stein