“Sie wollen einfach nur in Ruhe leben”

Christen im Heiligen Land und deren Zukunft in einem eigenen Staat

Felsendom in Jerusalem.

Vor kurzem ist unser Mitarbeiter André Stiefenhofer von einer Projektreise in den Nahen Osten zurückgekehrt, unter anderem besuchte er Israel und die palästinenssischen Gebiete. In einem Interview mit der Journalistin Eva-Maria Vogel berichtet er über die aktuelle Situation der Christen im Heiligen Land.

Herr Stiefenhofer, wie erleben Christen im Heiligen Land die Umbrüche im Nahen Osten?
Die Christen im Heiligen Land sind zum Großteil Palästinenser. Dementsprechend erleben sie die Umbrüche aus einer anderen Situation heraus als es ihre Glaubensbrüder in Ägypten oder Jordanien.

Die Rolle des Staates Israel und die damit einhergehenden Konflikte sind die “Brille”, durch die die Christen die Ereignisse im Nahen Osten beobachten. Es herrscht große Wut über die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland und der Wunsch nach einem wirklich souveränen palästinensischen Staat ist greifbar.

Aus dieser Situation heraus empfinden die palästinensischen Christen eine gewisse Sympathie für die Revolutionen und Demokratiebewegungen im Nahen Osten; der Schulterschluss zu den Muslimen ist stärker ausgeprägt, als das in anderen Ländern der Fall ist.

Es wird aber auch deutlich wahrgenommen, dass man in Palästina nun schon über 40 Jahre darum kämpft, sich aus einer reinen Protestbewegung mit oftmals terroristischen Zügen zu einem tragfähigen demokratischen Staat zu entwickeln. Der Weg dahin ist in Palästina auch nach dieser langen Zeit noch nicht abgeschlossen und so herrscht Skepsis, ob die Umbrüche anderswo sofort zu demokratischen Systemen führen werden. Die Christen fürchten eher, dass der Nahe Osten noch jahrzehntelang instabil bleiben wird, bis sich neue Staatsformen herausgebildet haben.

Eine hohe Mauer umgibt die Außenbezirke Jerusalems. Sie trennt Israel vom Westjordanland.

Eine hohe Mauer umgibt die Außenbezirke Jerusalems. Sie trennt Israel vom Westjordanland.

Wie sieht die Situation der Christen im Heiligen Land aus?
Wenn sie Palästinenser sind, werden die Christen von Israel wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Das muss man leider so deutlich sagen. Palästinenser haben grüne Nummernschilder an ihren Autos, mit denen sie viele Straßen auch im Palästinensergebiet nicht benutzen dürfen.

Es gibt in Bethlehem geborene Priesterseminaristen, die ihr ganzes Leben noch nie in Jerusalem waren, das mit dem Auto in zehn Minuten zu erreichen wäre. Sie dürfen sich in ihrem eigenen Land nicht frei bewegen und müssen jederzeit damit rechnen, ohne Angabe von Gründen vom israelischen Militär verhaftet zu werden. Besonders schlimm ist die Lage im Gaza-Streifen. Soviel ich mitbekommen habe, ist dieses Gebiet nichts anderes als ein großes Gefängnis.

Was mich persönlich am meisten schockiert hat, ist der Umgang der israelischen Sicherheitskräfte mit den Palästinensern. Er ist geprägt von Willkür, Hass und Schikane. Natürlich hat Israel ein Recht darauf, sein Staatsgebiet und seine Bürger zu schützen; die vielen Erfahrungen mit terroristischen Anschlägen auch in Jerusalem haben die Israelis zu Recht misstrauisch gemacht.

Aber die Lösung ist sicher nicht, ein ganzes Volk unter den Generalverdacht des Terrorismus zu stellen und es unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung zu schikanieren, wo es nur geht. Genau diesen Eindruck bekommt man aber von Israel, wenn man auch nur wenige Tage mit palästinensischen Christen unterwegs ist.

Auto mit palästinensischem Nummernschild - für dieses Auto ist die Durchfahrt vieler Straßen verboten.

Auto mit palästinensischem Nummernschild – für dieses Auto ist die Durchfahrt vieler Straßen verboten.

Welche Auswirkungen sind für Christen zu erwarten, wenn die rivalisierenden Palästinenser-Organisationen Fatah und Hamas eine Einheitsregierung bilden sollten?
Es kann ein weiterer Schritt zu einem demokratischen und selbstständigen Staat Palästina sein. Diesen Staat wird es aber nur geben, wenn Israel und seine westlichen Verbündeten das zulassen. Wird den Palästinensern trotz entsprechender Voraussetzungen die Staatsgründung mit voller Souveränität weiter verweigert, wird das nur zur weiteren Festigung der Frustration im Volk führen.

Das Ergebnis dieser Frustration ist auf Seiten der radikalen Palästinenser der fortgesetzte Terrorismus gegen Israel. Bei den Christen wird die Frustration eher dazu führen, dass der Exodus weitergeht. Vor 1948 waren in Israel dreißig Prozent der Bevölkerung Christen – heute sind es gerade mal noch drei Prozent. In christlichen Hochburgen, wie zum Beispiel Bethlehem, ist der Schwund ähnlich drastisch. Vor 1948 lebten dort ausschließlich christliche Familien. Heute sind es noch 30 Prozent.

Wie kann Christen in Palästina von Politikern aus dem Westen geholfen werden?
Nur mit der Lösung der Probleme, die seit der Gründung des Staates Israel 1948 bestehen. Ich weiß – diese Aufgabe kommt dem Gordischen Knoten gleich und ich bezweifle sehr, dass es gelingt, diesen Knoten in den nächsten Jahren zu durchschlagen. Dazu gibt es zu mächtige Lobbys auf beiden Seiten, für die zu viel auf dem Spiel steht.

Meiner ganz persönlichen Meinung nach kommt auf lange Sicht nur eine Zweistaatenlösung in Frage – wie auch immer die Grenzziehung aussehen mag. Nur müssen sich diese beiden Staaten dann auch gegenseitig vertrauen können und von ihren Nachbarn voll akzeptiert und respektiert werden. Hier müssen gerade auch die arabischen Länder endlich ihre Hausaufgaben machen und das Existenzrecht Israels anerkennen.

Wird in diesen Fragen keine Lösung erreicht, werden die Christen weiter abwandern. Die westlichen Politiker müssen in Israel und Palästina darauf drängen, dass man  menschlich miteinander umgeht und sich gegenseitig nicht länger verteufelt.

Wahrzeichen von Jerusalem: Die goldene Moscheekuppel und die Klagemauer.

Wahrzeichen von Jerusalem: Die goldene Moscheekuppel und die Klagemauer.

Die Palästinenser verlangen als Vorbedingung für weitere Verhandlungen, dass Israel auf den Bau neuer Siedlungen in den besetzten Gebieten verzichten soll. Wie realistisch ist das?
Diese Vorbedingung ist meiner Meinung nach völlig berechtigt. Mit den Siedlungen zerteilt Israel das Palästinensergebiet und greift somit in die Souveränität der Autonomieregierung ein. Man fragt sich als Außenstehender sowieso, was das Ganze soll. Die neuen Siedlungen sind völlig unnötig und reines Machtgebaren.

Es gibt keinen Mangel an Wohnraum in Israel, und die Demografie weist eher nach unten. Warum baut man also Siedlungen im Palästinensergebiet und schneidet den Menschen damit Straßen und Versorgungslinien ab? Der Baustopp, vor allem auch bei dieser unsäglichen Mauer zwischen Jerusalem und dem Palästinensergebiet, wäre ein wirkliches Friedensangebot, auf dem aufgebaut werden könnte.

Wie kann eine Verbesserung der Situation der Christen im Rahmen der Verhandlungen zwischen Palästinensern und Israel erreicht werden?
Wenn es zu einer wie auch immer gearteten Staatenlösung für die Palästinenser kommt und die de facto bestehende Besatzung durch Israel endlich aufgehoben werden kann, würde das großes Aufatmen unter den Christen hervorrufen und ihnen endlich eine Zukunft in ihrer Heimat sichern. Die Menschen haben die große Politik satt. Sie wollen einfach nur in Ruhe leben und ihr Auskommen haben. Jedes friedliche Mittel, um das zu erreichen, kann ihnen da nur recht sein.

Welche Auswirkungen, auch für Christen, hätte die Ausrufung eines unabhängigen palästinensischen Staates im September durch die Vollversammlung der Vereinten Nationen?
Das hängt natürlich von der Reaktion Israels und seiner Verbündeten ab. Wenn ein Palästinenserstaat anerkannt und lebensfähig wird, wäre das unter einer Vorbedingung gut für die Christen, nämlich dass die benachbarten arabischen Staaten ihrerseits endlich das Existenzrecht Israels anerkennen und die Grenzen von allen Beteiligten verbindlich ausgehandelt werden. Kurz: Das Misstrauen müsste zu Vertrauen und die Feindschaft zu Partnerschaft werden. Ich halte die Chancen dafür aber für sehr gering.

So können Sie den Christen im Nahen Osten helfen:

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf CD beziehungsweise DVD erhältlich.

25.Jul 2011 08:57 · aktualisiert: 6.Nov 2013 15:16
KIN / S. Stein