Unterwegs im wilden Kurdistan

Eine abenteuerliche und gefährliche Autofahrt durch den Norden Iraks

Bischof Rabban Al-Qas.

Bischof Rabban Al-Qas.

“Was ist mit euch los, da hinten?“ Bischof Rabban lacht lauthals und überholt den nächsten rostigen Lastwagen, der sich die engen kurdischen Bergstraßen hinaufquält. Der Tacho steht auf 140 km/h, die Fliehkraft presst uns auf dem Rücksitz zusammen und schleudert uns in der nächsten Kurve auf die andere Wagenseite. Unsere Schutzengel machen Überstunden, bereits zweimal sind wir nur um Haaresbreite laut hupend einem Frontalzusammenstoß entkommen.

Unablässig tippt Bischof Rabban eine SMS nach der anderen in sein Handy. “Das Auto ist mein Büro”, sagt er. Wenn das so ist, braucht er dringend eine Sekretärin oder zumindest einen Chauffeur. Bevor er den nächsten Laster überholt, dreht sich seine Exzellenz noch einmal zwei endlos lange Sekunden um und ruft uns mit leuchtenden Augen zu: “Keine Angst! Christus ist unsere Hoffnung!”

Dass der Sohn Gottes für den modernen Straßenverkehr wahrscheinlich andere Vorgaben als das Prinzip Hoffnung geben würde, ist dem tatkräftigen nordirakischen Gottesmann schlecht beizubringen. Uns Besuchern lehrt der irakische Straßenverkehr dagegen viel über die verfahrene politische Situation im Land.

Seit die “Koalition der Willigen” 2003 unter der Führung der USA das Regime von Saddam Hussein gestürzt hat, gibt es keine Sicherheit mehr im Irak. Die Regeln des friedlichen Zusammenlebens zwischen Volksgruppen und Religionen, die Jahrhunderte lang mal schlecht, mal recht, aber doch im Großen und Ganzen funktionierten, wurden mit einem Schlag weggewischt. Ein Bürgerkrieg brach aus und Sunniten kämpften gegen Schiiten, Araber gegen Kurden, alle gegen die Westalliierten, und mittendrin standen schutzlos zwischen allen Fronten die irakischen Christen.

Für den Bischof ist das Auto auch gleichzeitig das Büro.

Für den Bischof ist das Auto auch gleichzeitig das Büro.

Der Irak ist auch heute noch ein Staat, der die Sicherheit seiner Bürger nicht garantieren kann. Was unter anderem daran liegt, dass sich kaum einer an die grundsätzlichsten Regeln hält.

Wie im Straßenverkehr eben: Vier Autos überholen sich gegenseitig auf einer engen Landstraße, den Gegenverkehr fordern sie hupend zum Verlassen der Fahrbahn auf und die Fahrer schimpfen lauthals, weil die anderen sich genauso verhalten wie sie selbst. “Ich, ich, ich!”, steht in imaginären Sprechblasen über jeder Fahrerkabine geschrieben.

Wenn das Verständnis für höhere Werte und Regeln verschwindet, werden die Menschen auf archaische Strukturen zurückgeworfen. Und so zählen im Irak heutzutage vor allem Familien- und Stammesbande. Für den Aufbau des Landes ist dies das reinste Gift.

Besonderes Demokratieverständnis

Bischof Rabban fährt mit uns auf eine Autobahn, eine bessere Landstraße mit getrennten Fahrstreifen. Plötzlich kommt uns ein Geisterfahrer entgegen. Zupackend wie der Bischof nun mal ist, parkt er seinen Geländewagen prompt quer, steigt aus und stellt die jungen Leute im anderen Auto zur Rede. “Warum fahrt ihr nicht auf der richtigen Straßenseite?”, will er wissen. Die Antwort: “Das ist Demokratie! Wir gegen alle!”

Wie Geisterfahrer muten in der Tat die Splittergruppen, Parteien und Koalitionen an, die von Bagdad aus versuchen, das an Rohstoffen und Potenzial so reiche Land wieder in den Griff zu bekommen. Alle geben Vollgas, alle versuchen, sich gegenseitig zu überholen, es gilt das Motto: “Wer bremst, verliert“. Am Ende steht aber nur das nächste Zerwürfnis, der nächste Anschlag. Wieder landen sie im Straßengraben und fahren ein Land, das der blühende Motor einer ganzen Region sein könnte, gegen die Wand.

Auf einer Autobahn im Norden Iraks.

Auf einer Autobahn im Norden Iraks.

Das Denken in engen Grüppchen, das “Sich-Abgrenzen“ findet man im Irak überall. Sicher fühlen sich die Menschen nur, wenn sie “unter sich“ sind und so gibt es Dörfer für Sunniten, Schiiten, Jesiden, Christen, Kurden und Araber.

Viele führen sich auf wie bayerische Dorfjugendliche, die dem Nachbardorf den schöneren Maibaum nicht gönnen. Mit dem kleinen Unterschied, dass das “Maibaumstehlen“ im Irak kein Jugendstreich ist. Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Dörfern verschiedener Volksgruppen und Konfessionen werden mit Sturmgewehren und Sprengladungen geführt und von Terrororganisationen wie “Al-Kaida“ gefördert.

Wo ist der gemeinsame Nenner, der im Irak für eine funktionierende Demokratie gebraucht würde? Wie heißt das Mittel gegen das “Wir gegen alle!“ der Geisterfahrer? Bischof Rabban kennt es: “Wir sind alle Iraker. Daran müssen wir uns wieder erinnern.“ Doch dieser Bund einer Nation ist spätestens seit 2003 zerbrochen und wurde ersetzt durch religiöse und ethnische Bündnisse.

So wie in Irakisch-Kurdistan, das wir gerade mit unserem waghalsigen Bischof durchqueren. Die autonome Region im Nordosten des Landes gehört offiziell noch zum Irak, verfügt aber über eine eigene Miliz, der es gelingt, effektiv für Sicherheit zu sorgen. Dass die Christen in Kurdistan in größerer Sicherheit leben können als im Rest des Landes, ist erfreulich. Dass aber regionale Milizen besser funktionieren als die irakische Armee, ist bedenklich. Ist der Irak wirklich nur zu retten, indem man ihn zerteilt?

Plötzlich hüpft ein kleiner Welpe unbeholfen auf die Fahrbahn. Ein Lastwagen donnert über ihn hinweg und der Luftzug wirbelt ihn derart herum, dass er sich einige Male überschlägt. Mit einem protestierenden Japsen hoppelt das kleine Tier in die Böschung, augenscheinlich ohne einen Kratzer abbekommen zu haben. Glück muss man haben. Am Ende der langen Fahrt wünschen wir den Christen im Irak das Glück des kleinen Hündchens. Sie werden es brauchen.

So können Sie den Christen im Irak helfen

28.Jul 2011 11:40 · aktualisiert: 23.Mrz 2015 10:01
KIN / S. Stein