Christus will nicht der Vergangenheit angehören

Pater Werenfried van Straaten.

Pater Werenfried van Straaten.

Christus weigert sich, der Vergangenheit anzugehören. Er will mehr sein als eine Schattenfigur aus Parabeln von vor zweitausend Jahren. Er will unser Zeitgenosse sein. Er will weiterleben in seiner Kirche.

Was er einst in seiner eigenen Gestalt getan hat, das will er bis zum Ende der Zeiten in all jenen wiederholen, die seinen Namen tragen und sich von seinem allerheiligsten Leib und Blut nähren. Er will den Rahmen seines historischen Daseins sprengen, um aus Liebe zu seinem Vater immer wieder und auch in unserer Zeit seine verlorene Herde zu suchen.

Darum fordert der Heiland von dir und mir, dass wir ihm eine lebendige Gestalt leihen, damit er aufs neue als barmherziger Samariter, als Vater des verlorenen Sohnes, als Freund der Zöllner und Sünder, als guter Hirt und als Beschützer der Unterdrückten durch die Welt gehen kann.

Der “Geschändete Christus von Waldsassen”

Christus will, “dass wir ihm eine lebendige Gestalt leihen”, dass wir seine Arme, seine Beine, sein Mund in dieser Welt sind. Christus leidet auch heute noch mit seiner Kirche und jedem einzelnen seiner Glieder. Für diese Nähe Christi zu den Menschen war Pater Werenfried der “Geschändete Christus von Waldsassen” ein besonders wertvolles Bild, und er regte an, dieses zu verbreiten.

Im “Echo der Liebe” schrieb er: “Bis zur Vertreibung der Deutschen aus Böhmen befand sich dieses Kruzifix in der Pfarrkirche der Ortschaft Wies nahe der Grenze. Als die kommunistische Regierung von Prag diese Kirche im Januar 1951 von der Armee niederreißen ließ, war es bitterkalt. Die Soldaten schleppten das Kreuz aus der Kirche und zerhackten nicht nur die Balken des Kreuzes, sondern auch die abgebrochenen Arme des Gekreuzigten. Sie zündeteten damit ein wärmendes Feuer an.

Zum Hohn ließen sie den verstümmelten Körper, mit einem Strick um den Hals an einer Latte befestigt, über dem Feuer hin und her baumeln. Als die Soldaten ihr Verwüstungswerk beendet hatten, blieb der Körper hängen, bis ein deutscher Grenzpolizist, wie ein zweiter Joseph von Arimatäa, den entstellten Leib heimlich über die Grenze in Sicherheit brachte. Jetzt wird das Kruzifix in der Basilika von Waldsassen als ‘Geschändeter Christus’ verehrt. Vor ihm flehen die Gläubigen um Erhörung ihrer Gebete und Hilfe aus ihrer Not …

Jesus braucht unsere helfenden und tröstenden Hände.

Jesus braucht unsere helfenden und tröstenden Hände.

Aber auch der machtlose Christus ohne Arme fleht hier um Hilfe, denn die gotteslästerliche Verstümmelung, die er in seinem Bildnis erleiden musste, ist ein sichtbares Zeichen der Hilflosigkeit, in der Millionen Glieder seines Mystischen Leibes leben müssen.

Und obwohl der tote Mund des Gekreuzigten ebenso stumm bleibt, wie der seiner schweigenden Kirche, schreien die neuen Wunden, die sich hier an seinem gemarterten Körper zeigen, laut zum Himmel. Die Folterung, die unsere barbarische Zeit ihm in seinem hölzernen Bildnis und in seiner lebendigen Kirche antut, soll uns, Wohlstandschristen, zur Besinnung und Umkehr bringen.

Sie ist eine flehentliche Bitte, die geschändeten und machtlosen Brüder, die uns in der Entstellung Jesu vor Augen geführt werden, ihrem Schicksal nicht zu überlassen. Sie ist ein Aufruf an jeden von uns, unsere Arme und unsere Hände, unsere betend zum Himmel gestreckten Hände, unsere opfernden, helfenden und tröstenden Hände, großzügig in den Dienst derer zu stellen, die sich eigenhändig nicht mehr helfen können.”

Seit der Wende im Osten Europas hat zwar in den meisten ehemals kommunistischen Ländern die Kirchenverfolgung ein Ende genommen, aber in vielen Teilen der Welt leidet die Kirche weiter. Christus braucht weiterhin unsere Hände, um den leidenden zu helfen und die Tränen Christi in jedem Not Leidenden zu trocknen.

2.Aug 2011 10:38 · aktualisiert: 18.Mrz 2016 19:41
KIN / S. Stein