“Ich habe oft geweint”

Die Berliner Bürgerrechtlerin Freya Klier über das Leben in der DDR

Freya Klier.

Freya Klier.

Am 17. Juni 1953 kam es in der DDR zum Volksaufstand gegen den stalinistischen Kurs des SED-Regimes. Am 13. August 1961 wurde mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen. Damit war der Ostteil der Stadt endgültig vom Westen abgeriegelt. Erst im November 1989 konnten die Bürgerinnen und Bürger Ost-Berlins wieder ohne Grenzkontrollen in den Westteil reisen.

Heute erinnert in der Hauptstadt nicht mehr viel an die Mauer. Ein Pflasterung im Asphalt von Straßen und Gehwegen zeigt noch ihren Verlauf. An einigen Stellen gibt es noch Originalteile, wie etwa am Dokumentationszentrum an der Bernauer Straße oder die East Side Gallery in der Nähe des Ostbahnhofs.

Die Berliner Bürgerrechtlerin Freya Klier hat in einem Interview mit KIRCHE IN NOT  über die Widerstandsbewegung in der DDR, die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und die Rolle der Kirchen gesprochen. Das Gespräch führte Volker Niggewöhner, Moderator der Sendung “Weltkirche aktuell”. Das komplette Gespräch ist auch auf CD unentgeltlich bei uns erhältlich.

KIRCHE IN NOT: Sie hatten bereits in der Kindheit und Jugendzeit negative Erfahrungen mit dem SED-Staat. Welche waren das?
FREYA KLIER:
Meine ersten negativen Erfahrungen habe ich bereits mit drei Jahren gemacht. Mein Vater kam damals ins Gefängnis, weil er sich mit der Staatsmacht angelegt hatte. Meine Mutter wurde daraufhin strafversetzt, mein Bruder und ich wurden in ein Heim der Staatssicherheit gesteckt. Dort ging es zu wie auf einem Kasernenhof, mit Marschieren in Zweierreihen und Appellen vor einem Bronzekopf von “Väterchen” Stalin.

Wir Kinder mussten versprechen, das “Unrecht” unserer Eltern wieder gut zu machen. Diese Erklärungen wurden dann an einer Girlande befestigt und für alle sichtbar aufgehängt. Obwohl ich noch sehr klein war, erinnere ich mich, dass ich oft geweint habe.

Ein Stück der Berliner Mauer an der East Side Gallery.

Wann stand für Sie fest, dass Sie in den Widerstand gehen?
Ich wollte zunächst gar nicht in den Widerstand gehen, sondern fliehen. Ich habe mit 18 Jahren einen Fluchtversuch nach Schweden unternommen, weil mein Bruder und einige seiner Freunde wegen des Besitzes von Rolling-Stones- und Beatles-Texten nach einem Handgemenge mit der Polizei zu hohen Haftstrafen verurteilt worden sind.

Normalerweise hatte man nach einer versuchten Republikflucht keine Chance mehr zu studieren. Ich hatte jedoch das Glück, dass sich die Direktorin der Theaterhochschule von Leipzig, an der ich Studentin war, unglaublich für mich eingesetzt hat. Es war für mich wie eine Bestimmung Gottes, so dass ich mir gesagt habe: Hier ist dein Platz.

Wie ging es weiter?
Diese Erfahrungen waren für mich so schrecklich, dass ich das Gefühl hatte, etwas tun zu müssen. Ich habe dann den ersten Friedenskreis in der evangelischen Kirche gegründet. Hinzu kam, dass mein Bruder in die Nervenheilanstalt gesteckt wurde, weil er sich auch im Gefängnis nicht den Mund verbieten lassen wollte. Er hat sich in der Nervenheilanstalt 1979, mit 30 Jahren, das Leben genommen.

Das war für mich ein Vermächtnis. Damals habe ich mir gesagt: Jetzt trete ich an gegen sie. Jetzt gehe ich in den Widerstand. – Es war also eine bewusste Entscheidung. Aus dieser Grundhaltung heraus passierten dann die Aktionen in den Achtzigerjahren, die Gründung der DDR-Friedensbewegung, die Auftritte mit meinem Mann Stephan Krawczyk in den Kirchen, bis wir 1988 ausgebürgert wurden.

Wohl kaum jemand verkörpert den kirchlichen Widerstand in der DDR so wie der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich im August 1976 aus Protest gegen das SED-Regime öffentlich verbrannt hat. Sie haben in diesem Jahr ein Buch über Oskar Brüsewitz verfasst. Was hat Sie an ihm fasziniert?
Seine Glaubwürdigkeit und Geradlinigkeit. Er war ein Mensch, der sich nicht verbiegen ließ, und an solchen Menschen kann man sich aufrichten, gerade in Diktaturen. Oskar Brüsewitz hat für uns Oppositionelle dagestanden wie ein Leuchtturm.

Symbol der Deutschen Einheit: Das Brandenburger Tor.

Dennoch hat man lange Zeit versucht, ihn auch im Westen totzuschweigen. Warum?
Das hängt mit der sogenannten “Entspannungspolitik” der Siebzigerjahre zusammen. Damals sind im Westen viele Leute in Kirche und Politik unglaublich feige und verlogen gewesen. Sie haben sich wunderbar mit unseren Unterdrückern arrangiert und sind uns Oppositionellen so in den Rücken gefallen.

Gab es auch positive Beispiele?
Die gab es, und dazu zähle ich Pater Werenfried van Straaten, den Gründer von KIRCHE IN NOT. Pater Werenfried war ein Mensch, der Grenzen überschritten hat, der sich weltweit eingesetzt hat für Christen in Not, weil er den Blick über den Tellerrand besaß. Er hat den verfolgten Christen hinter dem Eisernen Vorhang unablässig geholfen – auch als es Mode war, darüber zu schweigen.

Vor allem aber hat er etwas gemacht, was besonders in der ersten Zeit nach dem Krieg völlig ungewöhnlich war. Er hat sich als Niederländer selbstlos für die deutschen Vertriebenen eingesetzt, obwohl die Deutschen doch im Krieg die Feinde seines Volkes waren. Das war eine Haltung, die mich ungemein beeindruckt hat, zumal er sie bis zu seinem Lebensende beibehalten hat.

Die St-Hedwig-Kathedrale in Berlin.

Wie beurteilen Sie rückblickend den kirchlichen Widerstand in der DDR?
In den Fünfziger- und Sechzigerjahren hatten die Kirchen und die Menschen insgesamt mehr Mut und Kraft, als das heute der Fall ist. Das gilt für den Osten ebenso wie für den Westen. Heute ist das ja alles saft- und kraftlos, dass einem übel werden könnte.

Die Kirchen haben damals wirklich gekämpft. Sie haben gekämpft für ihre kirchliche Einheit, für Freiheit des Denkens, für Religionsfreiheit. Und es wanderten viele Priester und Pfarrer in nicht zu kleinem Ausmaß ins Gefängnis in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Die Kirchengeneration der Siebzigerjahre im Westen hat hingegen bereits die ganze Verlogenheit der sogenannten 68er-Generation verkörpert.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, das sich die Kirchen wieder mehr gesellschaftlich engagieren und auch ihre Stimmen vernehmbar erheben. Kirchliches Leben ist für mich immer auch politisches Leben. Die Kirchen existieren ja nicht im luftleeren Raum, sondern stehen mitten in der Gesellschaft. Wir sind als Christen verantwortlich für diese Gesellschaft und für unsere Mitmenschen. Es ist zu wenig, wenn wir Christen immer nur unter uns bleiben. Wir Christen müssen uns der Menschen annehmen und sie verstärkt in die Kirchen einladen.

Pater Werenfrieds Kampf gegen den Kommunismus

Pater Werenfried bei einer Predigt.

Vor einigen Jahren sagte mir der Bischof von Fatima: “Ihr Werk hat einen Platz im Herzen der Fatima-Botschaft!” Der Grund dafür ist, dass sowohl Fatima als auch unser Werk im Zusammenhang mit der kommunistischen Weltrevolution stehen, die eine der aktuellsten Formen des uralten Kampfes zwischen dem Drachen und der Frau ist. Diese Revolution ist in ihrem tiefsten Wesen ein Totalaufsand gegen Gott.

In Fatima zeigte die Gottesmutter das Heilmittel. Ihre Botschaft fand wenig Glauben. Somit brach der Zweite Weltkrieg aus. Dieser endete mit einem Sieg des Kommunismus, der sich ein Drittel der Menschheit unterwarf. Millionen von Flüchtlingen und Unterjochten, ein Eiserner Vorhang quer durch Europa, eine Mauer durch Berlin und eine unerhörte Christenverfolgung waren die Folgen. Als Antwort darauf ist vor 40 Jahren unser Werk entstanden.

Nachdem ich mich 40 Jahre angestrengt habe, um den Opfern des Kommunismus zu helfen, glaube ich mit einiger Sachkenntnis über den Kommunismus mitreden zu könnnen. Und ich sage euch: Jenseits des Spieles der Diplomaten und des endlosen Geredes der internationalen Konferenzen wütet der Kampf, den Johannes in der Vision der Frau und des Drachens geschildert hat.

(Ausschnitt aus einer Ansprache im Hochamt am 13. September 1987 in der Marienbasilika in Kevelaer)

 

 

11.Aug 2011 14:03 · aktualisiert: 17.Jun 2014 08:38
KIN / S. Stein