Nigeria: Hintergründe der Weihnachtsanschläge

KIRCHE IN NOT Menschenrechtsexperte über die radikalislamische “Boko Haram”

Berthold Pelster, Menschenrechtsexperte bei KIRCHE IN NOT.

Berthold Pelster, Menschenrechtsexperte bei KIRCHE IN NOT.

Zu den Urhebern und Hintergründen der Bombenanschläge auf christliche Kirchen bei Weihnachtsgottesdiensten in Nigeria hat sich unser Menschenrechtsexperte Berthold Pelster heute in München geäußert.

“Wir haben es bei Boko Haram mit einem brandgefährlichen Terror-Netzwerk zu tun, das sich selbst gerne mit Al-Qaida vergleicht. Es ist zu vermuten, dass Boko Haram einer bestimmten islamistischen Ideologie folgt, nach der Gewaltakte gegen die eigene Regierung erlaubt sind, wenn diese in ihrem Regierungshandeln nicht den islamischen Grundsätzen folgt. Das würde die Anschläge auf Einrichtungen des Militärs und der Polizei erklären.

Darüber hinaus verurteilt Boko Haram jeden westlichen Einfluss im Land und will ihn ausmerzen: deswegen auch die Angriffe gegen die ‘westliche’ Religion der Christen oder der Anschlag auf das Gebäude der UNO in Nigerias Hauptstadt Abuja, bei dem Ende August 2011 mehr als zwanzig Menschen ums Leben kamen.”

Den Nährboden für das Wachstum der terroristischen Vereinigung sieht Pelster in  gesellschaftlichen Missständen:

“Zulauf haben die Fanatiker vor allem dort, wo die Jugend ohne Ausbildung, ohne Arbeit und ohne Perspektive vor sich hin vegetiert. Und das ist vor allem im Grenzgebiet zwischen Nigeria, dem Niger und dem Tschad der Fall. Letztlich ist es das Versagen der nigerianischen Regierung, ihr Unvermögen, für gerechte Verhältnisse in dem erdölreichen Nigeria zu sorgen, für einen sozialen Ausgleich zwischen Arm und Reich, das dazu führt, dass die verzweifelten Menschen sich solchen radikalen Bewegungen wie Boko Haram anschließen.”

Wirtschaftliche und soziale Reformen “beste Medizin”

Der Menschenrechtsexperte folgert: “Die beste Medizin gegen die Islamisten wären daher grundlegende wirtschaftliche und soziale Reformen. Wenn die jungen Menschen vor Ort Arbeit bekämen, eine Familie gründen und ernähren könnten, hätten die Islamisten kaum noch Chancen mit ihren extremistischen Konzepten.”

Die jüngsten Anschläge

Boko Haram hatte am ersten Weihnachtstag erneut zugeschlagen: Bei mehreren Bombenanschlägen auf christliche Kirchen in Nigeria sollen nach Medienberichten mindestens 40 Menschen getötet und viele weitere verletzt worden sein.

Der schwerste Anschlag hatte sich am ersten Weihnachtstag in der Stadt Madalla nahe der Hauptstadt Abuja ereignet, wo eine Autobombe explodierte, als die Gläubigen in der katholischen Kirche St. Theresa am Morgen den Weihnachtsgottesdienst feierten.

Die nigerianische Regierung geht mit großer Härte gegen Boko Haram vor: Sicherheitskräfte hatten sich in den Tagen vor Weihnachten im Nordosten Nigerias Gefechte mit Anhängern der Bewegung geliefert. Dabei sollen viele Menschen getötet worden sein.

Medienberichten zufolge hat Boko Haram weitere Anschläge angekündigt.

Papst Benedikt XVI. zu den Anschlägen

Beim Angelusgebet am zweiten Weihnachtstag ist Papst Benedikt XVI. auf die jüngsten Vorfälle in Nigeria eingegangen: “Ich habe mit tiefer Trauer die Nachricht von den Attentaten gehört, die an diesem Jahr am Fest der Geburt Jesu so viel Tod und Trauer in einige Kirchen Nigerias gebracht haben. Ich möchte meine aufrichtige und herzliche Nähe zur christlichen Gemeinschaft und zu allen, die von dieser absurden Tat betroffen sind, ausdrücken und ich lade zum Gebet für die zahlreichen Opfer ein.”

Der Papst kommentierte die Gewalt mit folgenden Worten: “In diesem Augenblick möchte ich noch einmal deutlich wiederholen: Die Gewalt ist ein Weg, der nur zum Schmerz führt, zur Zerstörung und zum Tod; der Respekt, die Versöhnung und die Liebe sind der Weg, um Frieden zu erreichen.” Er appellierte an die Täter: “Mögen die Hände der Gewalttäter innehalten, die Tod säen, und mögen auf der Welt Gerechtigkeit und Frieden herrschen.”

Martyrium

Bei einem Grußwort zum gestrigen Fest des heiligen Stephanus sagte er: “Einen Tag nach Weihnachten lässt der erste Märtyrer der Kirche uns an all jene denken, die auch in unseren Tagen wegen ihres Zeugnisses für den menschgewordenen Gottessohn Verfolgung erleiden. Bitten wir darum, dass wir alle, so wie der heilige Stephanus, in der Liebe und im Glauben standhaft bleiben.”

“Boko Haram” (“Westliche Bildung ist Sünde”)

Boko Haram trat zum ersten Mal 2004 in Niger, dem nördlichen Nachbarstaat Nigerias, in Erscheinung. Ihr Ziel ist die Errichtung einer islamischen Gesellschaft nach der “wahren Lehre” des Islam. Deshalb fordert sie die Einführung der Scharia mit der Gesamtheit ihrer rechtlichen Bestimmungen, ohne Ausnahme. Boko Haram folgt dabei einer sehr strengen Auslegung der islamischen Lehre. Vorbild ist die Taliban-Bewegung in Afghanistan.

Um die “ideal” islamische Gesellschaft errichten zu können, müssen ihrer Meinung nach alle westlichen Einflüsse ausgeschaltet werden. Daraus leitet sich auch der Name ab: “Boko Haram” kommt aus der Hausa-Sprache und bedeutet übersetzt in etwa “westliche Bildung ist Sünde”.

27.Dez 2011 13:40 · aktualisiert: 11.Nov 2013 14:40
KIN / T. Waitzmann