Neue Reihe: Ordensfrauenberufungen

Das erste Gespräch: Die Berufungsgeschichte der Franziskanerin Schwester Gertraud

Schwester Gertraud.

Schwester Gertraud.

In den nächsten Monaten veröffentlichen wir auf unserer Internetseite Gespräche mit Ordensfrauen. Darin berichten sie von ihrer Berufung, über ihre Arbeit und persönlichen Gotteserfahrungen.

Alle Porträts stellen wir abschließend in einem Buch zusammen. Dieses wird voraussichtlich Mitte 2012 herauskommen. Im Internet veröffentlichen wir nur eine verkürzte Version der Porträts. Das folgende Gespräch mit Schwester Gertraud erscheint noch in voller Länge. Die Fragen stellte unser Mitarbeiter André Stiefenhofer.

Schwester Gertraud ist Franziskanerin aus dem Kloster Sießen in Bad Saulgau (Oberschwaben) und arbeitet momentan auf der „Fazenda da Esperanca“ Gut Neuhof in Nauen bei Berlin. Dort werden Jugendliche und junge Erwachsene durch einen in Arbeit und Gebet strukturierten Alltag in Gemeinschaft aus ihrer Drogensucht herausgeführt.

Wann haben Sie den Ruf Gottes zum ersten Mal vernommen?
Ich hatte nie daran gedacht, Ordensschwester zu werden. Zu dieser Berufung hatte ich erst keinen Bezug, obwohl ich in einer gläubigen Familie aufgewachsen bin. Wir haben morgens und abends unsere Gebete gesprochen, und abends im Bett hat uns die Mutter oder der Vater gesegnet. Wir sind auch regelmäßig in die Kirche gegangen und haben die Sakramente empfangen. Das war einfach unser Lebensstil.

Aber meine Berufung begann eigentlich erst, als ich etwa 15 Jahre alt war. Das ist schon eine Weile her, denn ich durfte vor kurzem mein goldenes Profess-Jubiläum feiern. Ich wollte damals in einen kirchlichen Beruf: Ich wollte Katechetin werden, aber dazu war ich noch zu jung.

Und das war schon mein erster Dämpfer, als ich gemerkt habe, dass das Leben nicht so läuft, wie ich es mir gedacht habe. Danach habe ich die Aufnahmeprüfung zum Lehrerberuf gemacht und bin in Mathe durchgefallen. In dieser Zeit habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich Grenzen habe, an die ich stoßen kann. Und diese Erkenntnis war für mich eine ganz tiefe Erschütterung.

Meine Mutter hat mir damals gesagt: „Wenn man eine große Not hat, kann man eine Novene zum heiligen Josef oder zu anderen Heiligen beten.“ Also habe ich in meinem Herzen eine Novene zu meiner Namenspatronin, der seligen Irmengardis, begonnen, mit der Bitte, dass sie mir doch helfen möge, den richtigen Beruf zu finden. Am neunten Tag der Novene habe ich mit meiner Schwester eine Radtour gemacht, und wir sind zu einem Gottesdienst in eine Kirche am Weg gegangen.

Hier arbeitet Schwester Getraud heute: Die „Fazenda da Esperança“ in Markee bei Berlin. Rechts ist das Wohnhaus zu sehen, im Hintergrund ist die kleine Kapelle.

Während der heiligen Messe hat die Gemeinde ein Lied zu meiner Namenspatronin gesungen, das mich in der vierten Strophe so sehr erschüttert hat, dass ich völlig geschockt war und weinen musste. Mir wurde in diesem Moment klar, dass ich der Liebe Gottes Antwort geben möchte. Mein inneres Programm wurde total erschüttert. Das war der Ruf des Herrn.

Nun wusste ich aber zunächst trotz aller Berufung nicht, was ich lernen sollte. Also haben mich meine Eltern in ein von Klosterfrauen geführtes Internat geschickt. Dort habe ich zunächst einmal beobachtet, wie die Schwestern leben. Ich habe innerlich schon gewusst, dass das mein Weg ist. Darum habe ich mir die jungen Frauen, die dort eingetreten waren, gut angeschaut.

Ich wollte wissen, was das für Menschen sind, ob sie „normal“ sind oder überzogen. Im Laufe dieser Zeit habe ich eine eindeutige Antwort bekommen: Das ist mein Weg. Ich will der Liebe Gottes Antwort geben. Als das klar war, habe ich mich sofort im Franziskanerinnenkloster angemeldet. Ich hatte vorher nicht einmal meine Eltern gefragt. Erst als ich in den Ferien nach Hause kam, habe ich es ihnen eröffnet. Sie reagierten geschockt.

„Die Berufung war mir ein Licht und eine Kraft“

Meine Mutter war noch eher bereit für „so was Komisches“, wie sie sagte, aber meinen Vater habe ich an diesem Tag zum ersten Mal in meinem Leben weinen gesehen. Doch auch er hat mir schnell seine Zustimmung gegeben und gesagt: „Wenn Du glücklich wirst auf diesem Weg, dann musst Du das machen!“

Bald war ich Kandidatin und habe im Herzen gespürt, dass ich von nun an immer dem Gebet, den Sakramenten und dem Wort Gottes treu sein will. Ich habe eine Ausbildung gemacht, bin Schwester geworden und ins Noviziat gegangen, habe mich ganz und gar diesem Weg ausgesetzt. Immer neu war mir meine Berufung ein Licht und eine Kraft. Ich habe verschiedene Verantwortungen gehabt und musste auch lernen, durch Trockenheiten zu gehen.

Als ich an einer besonders großen Verantwortung zu tragen hatte, merkte ich zum Beispiel, dass da etwas in meiner Berufung nachließ. Ich merkte, dass ich dringend vier Wochen Exerzitien machen muss. Ich habe meinen Eltern mitgeteilt, dass ich nicht nach Hause komme, sondern meinen ganzen Urlaub für Exerzitien einsetzen möchte. Da hat mein Vater zurückgeschrieben: „Du musst dir immer überlegen, ob du Managerin bist oder Ordensfrau.“ Das war für mich die Initialzündung. Seitdem ist diese Frage für mich immer aktuell: Managerin oder Ordensfrau. Man muss sich entscheiden.

Es ist interessant, dass Sie in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen sind, die dennoch entsetzt war, als Sie Ordensfrau werden wollten. Was ist denn an so einer Berufung für religiöse Menschen schockierend?
Wir kannten einfach nichts anderes als den üblichen Lebenslauf: man lernt einen Beruf, heiratet und bekommt Kinder. Ordensschwestern hat meine Familie zwar bewundert, aber dass die eigenen Kinder so etwas werden könnten, war nie eine Frage. Ich glaube, dass das heute nicht anders ist.

Ich habe damals natürlich schon vor meiner Berufung Ordensfrauen gekannt. Damals arbeiteten noch viele in den Krankenhäusern. Ich fand diese Schwestern alle nett und schön, aber dass ich selbst eine werden könnte, habe ich als Kind und Jugendliche nie gedacht.

Sie sind auf recht direktem Wege zu ihrem Orden gekommen, weil Ihnen die Schwestern so sympathisch waren …
Ja, das waren keine „komischen Typen“, sondern einfach nur gerade, normale Leute …

… aber den „komischen Typen“ im Orden sind Sie vermutlich später im Lauf Ihres Lebens auch begegnet?
Natürlich, aber das hat mich nicht irritiert. Weil ich die Individualität der einzelnen Leute respektiert habe und wusste, dass die gar nicht so sein müssen wie ich. Sonst wäre das ganz schwierig in der Gemeinschaft. Oh Gott, wenn alle so wären wie ich! Das wäre ja furchtbar!

Bei einem Gottesdienst auf der Fazenda.

Bei einem Gottesdienst auf der Fazenda.

Aber haben Sie nicht auch manchmal unter Ihren Mitschwestern gelitten? Das besondere an einem Orden ist ja, dass dort ganz unterschiedliche Menschen zusammenleben, die sich woanders eher aus dem Weg gehen würden, hier aber an einem Strang ziehen müssen. Ist das nicht unglaublich anstrengend?
Ja, es gab schon schwierige Momente und auch längere Zeiten, in denen ich mich schwer tat. Aber ich habe gemerkt, wenn ich für die Schwestern bete und sie segne, dann verwandelt sich in mir etwas. Am Anfang habe ich immer geglaubt, die anderen müssten sich ändern. Aber nein: Ich habe erkannt, dass ich mich ändern muss, damit ich eine neue Blickrichtung auf meine Mitschwestern bekomme. Jede einzelne ist anders. Und ohne dieses Leiden wäre ich sicher nicht durchgekommen.

Inzwischen weiß ich, dass dieser Perspektivenwechsel einfach dazugehört. Viel später habe ich sogar noch mehr erkannt. Wissen Sie, jeder Mensch ist eine Kostbarkeit. Der Reichtum Gottes wohnt in jeder Mitschwester und in jedem anderen Menschen. Es kommt nur darauf an, wo ich hinblicke: Schaue ich auf die Kostbarkeit, auf die Schönheit in diesem Menschen? Oder schaue ich nur auf das Offensichtliche? Die Schönheit ist da, auch wenn sie sehr verdeckt ist, manchmal ganz zugeschüttet und unsichtbar. Sie ist da. Das ist etwas, was mir am Menschen immer neu Freude macht.

Wenn das jeder so sehen würde, wäre die Welt sicher ein freundlicherer Ort …
Davon bin ich überzeugt, möchte aber betonen, dass dieser veränderte Blick keine „rosa Brille“ ist. Denn er erspart einem ja nicht das Leiden und die Auseinandersetzung. Diese neue Blickrichtung schenkt einem eine innere Wende. Am Anfang wollte ich immer den Anderen bekehren, aber das hat alles keinen Sinn. Den Anderen werden Sie nicht verändern, nur sich selbst. Darum muss ICH mich bekehren und um einen neuen Blick bitten. Dann kann ich den anderen in seinem Reichtum annehmen.

Was glauben Sie, welche Reichtümer ich da schon bei meinen Mitschwestern entdeckt habe? Interessant war, dass ich diese Mitschwestern vorher oft nur deshalb nicht gemocht habe, weil sich ihre Reichtümer an meinen Defiziten gerieben haben. Am Anfang will man schließlich gar nicht wissen, dass man selber Defizite hat! Ich freue mich inzwischen an meinen Mitschwestern, auch wenn ich sehe, wo sie noch wachsen können. Aber ich muss ja auch wachsen.

„Ich halte hier auf der Fazenda jeden Tag eine Stunde Anbetung. Diese Stille. Dieses Von-Angesicht-zu-Angesicht-Sein mit Gott. Das ist so eine Kraftquelle, so etwas Kostbares und so etwas Schönes.“ Foto: Priesterseminar Sankt Georgen/Chr. Bremer.

Können Sie dieses „geistliche Grundgesetz“ Ihren jungen Mitschwestern vermitteln?
Wir haben hier auf der Fazenda öfter eine junge Novizin als Praktikantin, da achte ich natürlich auf so etwas und sage ihr: „Du, wenn wir das früher so gemacht hätten.“ Dann kommen wir aber ins Gespräch, und ich spüre, dass sie einer anderen Generation angehört. Ich muss akzeptieren, dass andere Generationen andere Empfindungen, andere Sichtweisen und andere Absichten haben, als ich sie in dem Alter hatte. Das ist für mich ein dauernder Lernprozess, und wir Ordensleute müssen immer ausbaufähig sein. Wir haben nichts, was wir für immer haben.

Wo liegen die Quellen Ihres Glaubens?
Was mich geistlich am Leben hält, ist erstens das Stundengebet mit den Psalmen, die liebe ich! Das zweite ist die Meditation des Wortes Gottes. Und das dritte ist die Anbetung. Ich halte hier auf der „Fazenda“ jeden Tag eine Stunde Anbetung. Diese Stille. Dieses Von-Angesicht-zu-Angesicht-Sein mit Gott. Das ist so eine Kraftquelle, so etwas Kostbares und so etwas Schönes.

Und als viertes natürlich der heilige Franziskus. Ich bin ganz verliebt in ihn. Sein Leben, seine Gebete, unsere Lebensordnung und unsere Regel, das sind die Quellen meines Glaubens. Ich möchte das Wort Gottes leben wie Franziskus, so weit mir das geschenkt wird.

Natürlich gehe ich auch regelmäßig zur Beichte und jedes Jahr plane ich mir sieben Tage Exerzitien zu unterschiedlichen Themen ein. Es ist mir wichtig, dass ich die Exerzitien so weit es geht im Mutterhaus meiner Gemeinschaft mache. Ich habe eine große Liebe zu diesem Mutterhaus, stehe im Kontakt mit den Schwestern dort und interessiere mich für alles, was dort geschieht. Ich liebe meine Vorgesetzten. Denn wenn die Vorgesetzten geliebt werden, können sie besser wirken.

Haben Sie außer dem heiligen Franziskus noch andere Vorbilder?
Ja, meine Ordensnamenspatronin, die heilige Gertrud von Nivelles, und natürlich Maria. Außerdem den heiligen Pater Pio. Ich spüre, dass ich durch diese Heiligen dazu motiviert werde, selber immer mehr ihrem Weg zu folgen. Sie helfen mir durch die Tipps und Hinweise, die sie zu ihren Lebzeiten erkannt haben.

Außerdem vertraue ich auf ihre Fürbitte, damit sie mir helfen, meinen Weg gut zu gehen und Zeugnis zu geben für eine frohe Ordensberufung. Denn die Leute schauen sehr genau darauf, wie man sich verhält und wie man ihnen gegenübertritt.

Schwester Gertraud hilft einem Rekuperanten der Fazenda beim Verzieren einer Kerze.

Schwester Gertraud hilft einem Rekuperanten der Fazenda beim Verzieren einer Kerze.

Wie gelingt es Ihnen, die Freude an Ihrer Berufung sichtbar werden zu lassen?
Ich erzähle Ihnen ein Beispiel. Neulich abends habe ich in der Nähe von Berlin eine Abendmesse besucht. Als ich die Kirche verließ und um die Ecke bog, stand da eine Gruppe junger Leute. Einer rief leicht spöttisch aus: „Och, guck mal: ’ne Nonne!“ Da habe ich mir gedacht: „Nee, da läufst du jetzt nicht vorbei.“ Ich bin also stehen geblieben und habe gesagt: „Ja, da habt ihr recht, richtig erkannt. Ich bin eine Nonne!“

Die Jugendlichen waren verdutzt und haben mir ein paar Fragen gestellt, zum Beispiel: „Warum hast Du da so ein Tuch auf dem Kopf?“ Ich habe geantwortet: „Ihr kennt doch die Muslimas, oder? Die haben auch alle ein Tuch auf dem Kopf. Wisst ihr, warum?“ Das wussten die Jugendlichen: „Weil sie verheiratet sind!“ Ich sagte: „Richtig! Seht ihr: Und ich bin mit Gott verheiratet!“ Da waren sie erstaunt und haben gefragt: „Ach, wie geht das denn? Kann man auch mit Gott verheiratet sein?“

Ich musste selbst lernen, in meiner religiösen Sprache manches neu zu sagen. Das war für mich nicht einfach. Hier auf der „Fazenda“ sind junge Männer, die keinerlei Ahnung vom Glauben haben. Sie fragen zum Beispiel: „Erst stehen in der Kirche alle, und plötzlich gehst du auf die Bank runter und kniest Dich hin. Warum?“ Dann kann ich nicht sagen „aus Ehrfurcht“, denn diese jungen Männer verstehen dieses Wort nicht. Ich antworte ihnen: „Ihr steht oder kniet aus Respekt!“ Das verstehen sie.

Man muss eine andere Sprache finden, und das ist oft gar nicht so leicht. Das ist ein allgemeines Problem für die Kirche: Die Sprache für den heutigen Menschen zu finden, ohne den Glauben und die Schrift zu verwässern. Ich persönlich rufe in solchen Situationen immer zu Gott und sage: „Herr, du weißt, wie arm ich bin. Bitte, hilf mir!“

Sie bemühen sich, Ihren „Draht nach oben“ nie abbrechen zu lassen
Auf jeden Fall! Das ist mein A und O, mein Blutkreislauf. Da muss ich aufpassen, dass keine Embolie hineinkommt, sonst würde etwas absterben.

Die Bewohner der Fazenda in Nauen bei Berlin.

Als Franziskanerin sind Sie in einen sehr tatkräftigen Orden eingetreten. Laufen Sie da nie Gefahr, vor lauter „machen“ das Beten zu vernachlässigen? Wenn zum Beispiel in der Küche noch so viel zu tun ist, aber eigentlich gleich die Anbetung beginnen würde?
Ja, dieser Versuchung muss man oft widerstehen. Hier auf dem Hof bin ich oft mit den Jungs in der Küche beschäftigt. Da muss ich dabei sein, denn sie brauchen einfach jemanden, der ihnen sagt, wie sie es heute machen sollen. Aber andererseits habe ich immer von acht bis neun Uhr Anbetung, und das heißt natürlich, dass ich um acht am Platz sein muss.

Wenn viel Stress ist, sage ich trotzdem nie: „Na ja, dann habe ich heute halt keine Anbetung.“ In einem solchen Fall gehe ich früher am Nachmittag weg, wenn ich sehe, dass alles langsam fertig wird und ich kurzzeitig nicht gebraucht werde. Die Anbetung macht dem Herrn Freude, und ich brauche sie für meine Berufung. Außerdem ist sie ein Zeugnis für die Jungs! Wenn sie manchmal am Morgen zu mir kommen und mich ums Gebet bitten, kann ich ihre Anliegen in die Anbetung mitnehmen.

Erst neulich kam einer mit einem kleinen Foto in der Hand und fragte mich: „Gehst Du jetzt zu Jesus? Schau, das ist meine Familie – bitte, bete doch für sie, sie braucht es!“ Das ist keine große Sache, ich sage dann einfach „ja“. Dafür ist es aber wichtig, dass ich meine Gebetszeiten im Leben verankert und verwurzelt habe. Sonst wäre das alles abgeschmackt und komisch. Mein Leben, meine Gottesbeziehung und meine Berufung müssen ineinander verwoben sein. Das geschieht aber nicht von selbst, man muss sich dauernd anstrengen und „dranbleiben“.

Wie schaffen Sie dieses „Dranbleiben“?
Ich glaube schon, dass das Gebet meiner Eltern mir ein großes Vorbild war und ist. Außerdem habe ich das Vorbild meines Heimatpfarrers vor Augen. Vor und nach der Messe hat er immer im Chorgestühl gekniet und intensiv gebetet. Es hat mich als Kind sehr berührt, dass der Pfarrer so etwas macht.

Ich habe es zwar nicht verstanden, aber es hat mich berührt. Und ich glaube, das Zeugnis von Erwachsenen wirkt tief in die Seele eines Kindes, ohne dass man weiß, was da wirkt. Wir Kinder sind damals alle vier Wochen zur Beichte gegangen, ebenso meine Mutter. Und mein Vater? Ach, wenn der zur Beichte ging, dann war das etwas Besonderes bei uns in der Familie! Dann waren wir Kinder besonders brav. Es ist einfach schön, wenn Männer so etwas machen.

Haus Werenfried auf der Fazenda da Esperanca auf Gut Neuhof.

Ist das die Lösung für den Berufungsmangel von heute? Für Berufungen beten und damit auch gleichzeitig ein Vorbild sein?
Ja, ein Vorbild der Treue. Zu diesem Mangel an Ordensschwestern und Priestern muss ich sagen, dass ich nicht glaube, dass Gott heute nicht beruft. Ich glaube vielmehr, dass es an den Vorbildern fehlt, die durch ihre Glaubenspraxis und durch ihre Sprache die Nähe zum heutigen Menschen finden. Wenn ich mit jungen Frauen spreche, spüre ich, welche Sehnsucht nach Gott, nach Sinn, nach „Ich-Findung“ sie in sich haben.

All das finden sie nicht, indem sie kluge Bücher lesen, sondern indem sie im Kontakt sind mit Erwachsenen, die etwas authentisch zu leben versuchen — „versuchen“ deshalb, weil wir immer an der Grenze und immer gebrochen sind. Ich muss meine Berufung mit Freude leben, sie ist kein Rucksack, den ich fast nicht schleppen kann, sondern das bin ich! Wenn ich so lebe, spüren die jungen Frauen, dass meine Berufung etwas Schönes ist.

Wir Christen sollten freudvoller und lockerer sein. Unser Glaube ist nichts Verkrampftes, sondern etwas Schönes, was dem Leben dient sowie Licht und Leichtigkeit gibt und zusätzlich noch den Sinn für eine gute Lebensgestaltung.

Zurzeit herrscht viel Gejammer in der Kirche und viele sagen, dass sie an der Kirche leiden. Kennen Sie das Gefühl auch?
Ich würde sagen, es tut mir leid, dass meine Kirche keinen so guten Geschmack hat bei den Leuten, dass sie immer nur negativ gesehen wird. Ich muss das einfach so ausdrücken. Ich bete viel für die Kirche, weil ich spüre, dass sie der Leib Christi ist. Dieser Leib ist momentan so verwundet, so verachtet und wird in vielen Dingen auch so veräppelt. Daran leide ich.

Sicher, manche Priester sind in vielerlei Hinsicht völlig ausgepowert unter anderem durch diese großen Seelsorgeeinheiten. Hier denke ich manchmal, mein Vater müsste ihnen allen sagen, sie sollten nicht Manager sein, sondern Priester.

Der Wille ist vielleicht oft da, aber wie soll ein Priester den Rat Ihres Vaters umsetzen, wenn ihm seine vielen Aufgaben über den Kopf wachsen?
Genau hier müssten die Priester sich gemeinsam mit ihren Räten überlegen, was sie delegieren können. Ich denke, nicht jeder Priester muss alle Aufgaben, die ihm mit vier oder fünf Gemeinden aufgelastet sind, auf dieselbe Weise erfüllen, wie es geschehen würde, wenn diese Gemeinden noch von vier oder fünf Priestern geleitet würden.

Unsere Priester müssen delegieren lernen und darauf vertrauen, dass andere es auch recht machen wollen. Dann haben sie mehr eine Oberfunktion, die Leitung eben. Wenn sie alles selbst machen, gehen sie kaputt und brennen langsam aus.

„Einzig der Ruf Gottes ist wichtig“

Was für Vorraussetzungen braucht man, um eine gute Ordensfrau zu werden?
Überhaupt keine. Einzig der Ruf Gottes ist wichtig. Hier ist es wichtig, dass ich sensibel bin, um die Berührungspunkte, die „Klopfzeichen“ Gottes, richtig zu deuten. Ich brauche eine gute geistliche Begleitung, die mit mir gemeinsam hinhört und fragt: „Könnte das nicht ein ,Klopfzeichen’ Gottes sein?“

Die geistliche Begleitung ist nicht nur eine psychologische Hilfe, sondern ein zusätzliches Gespür, wo mir jemand hilft, Ereignisse tiefer zu deuten und darauf hin zu untersuchen, was von Gott kommen könnte. Bei mir war das Kirchenlied am Anfang meiner Berufung ein solches „Klopfzeichen“, es hat mich völlig umgekrempelt.

Hat sich Ihr Bild von dem, was eine Ordensfrau ist, im Laufe der Zeit geändert?
Ja. Als ich anfing, hatte ich eine sehr harmonische Vorstellung vom Leben als Ordensfrau. Aber ich habe gelernt, dass es in meiner Berufung alle Spannungsfelder der Höhen und Tiefen, der Spannungen und Entspannungen, der Versöhnung und Freude, der Gemeinschaft und des Alleinseins gibt. Das musste ich lernen und bin sehr froh, dass sich das harmonische Bild in ein realistisches verwandelt hat. Das war immer mit Leiden, Auseinandersetzungen und Kampf verbunden, aber auch darüber bin ich froh, denn ich will ja keine harmonische Schwester sein, sondern eine, die den Willen Gottes zu tun versucht.

Schwester Gertraud mit einer Mitschwester.

Schwester Gertraud mit einer Mitschwester.

Können Sie diesen Wandel von der harmonischen zur realistischen Ordensfrau noch genauer beschreiben? Was konkret musste sich in Ihnen ändern?
Ich musste lernen, meinen Dienst nicht nur „abzuspulen“, sondern dauernd am Leben zu sein. Das heißt, ich musste lernen, immer das, was ich tat, zu reflektieren. Ich hatte immer eine gute Begleitung, bei der ich meine Fragen und Probleme offen ansprechen konnte. Ich hatte gute Beichtväter, bei denen ich meine „Knackpunkte“ offen benennen konnte.

Wichtig war mir auch, an keinem Amt zu hängen und es, wenn die Zeit abläuft, auch zurückzugeben, aber jedes einzelne mit meiner ganzen Kraft und Liebe zu tun. Das steht schon in unserer Regel: „Zur festgesetzten Zeit soll jeder sein Amt freiwillig abgeben.“ Meine Lebensordnungen wollte ich immer leben. Für all diese Veränderungen an mir musste ich übrigens kaum Kurse besuchen. Das Leben selbst hat mich geformt.

Die geistliche Begleitung und die Beichte waren für Sie immer grundlegend wichtig. Wie beurteilen Sie die Krise der Beichte heutzutage, wenn zum Beispiel immer weniger Priester regelmäßige Beichtgelegenheiten anbieten?
Das ist für mich ein Leiden. Denn ich spüre, wenn ich nicht mehr zur Beichte gehe und alles mit mir oder mit dem Herrn allein ausmache, werden manche Knoten nicht mehr gelöst. Das Aussprechen allein löst schon gewisse Knoten. Und es ist wichtig, dass ich die Scham überwinde, mich im Glauben einem anderen Menschen zu öffnen. Ich muss die Täuschung überwinden, dass ich alles selber kann.

Ich brauche das Wort des Trostes und der Vergebung. Ich muss mir zwar selbst vergeben können, aber ich muss meine Vergebung nicht „machen“: Gott vergibt mir in allem. Und eines ist auch ganz wichtig: Ich gehe nicht zum Beichten, weil mir der Priester sympathisch ist oder eben nicht, sondern weil er mir im Namen der Kirche die Vergebung Gottes zuspricht, weil die Wirkmacht Gottes durch ihn erfahrbar wird.

Was ist Ihr persönliches Charisma? Die Arbeit mit jungen Menschen?

Bewohner und Mitarbeiter der Fazenda da Esperanca in Irsee.

Die Anderen sagen, ich hätte ein persönliches Charisma dafür, aber ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich habe mein Leben lang immer viel mit Menschen gearbeitet, und die Arbeit hier auf der „Fazenda“ macht mir ebenso Freude. Diese jungen Männer und Frauen, die noch nie eine Ordensschwester gesehen haben und mich fragen, was die Grundlage meines Lebens bildet.

Einer hat einmal zu mir gesagt: „Mit euch ist Maria auf den Hof gekommen.“ Ich habe zuerst gar nicht verstanden, was er meint. Mit der Zeit wurde mir klar, wie wichtig es für diese jungen Menschen ist, zu spüren, dass da jemand ist, der einen Sinn in seinem Leben gefunden hat.

Das ist die Grundlage dafür, dass sich jemand vertrauensvoll an einen anderen Menschenwenden kann. Das sehe ich, wenn die jungen Leute zu meiner Katechese kommen und ihre Fragen stellen. Sie sind weit weg von jedem Glauben. Hier eine Nähe aufzubauen, geht nicht ohne Vertrauen. Sie müssen spüren, dass da jemand ist, der sie ernst nimmt, der spürt, was sie suchen, und der ihnen so weit es geht helfen will. Das geht manchmal so weit, dass manche schließlich zu mir kommen und sagen: „Ich möchte getauft werden.“

Und dieser Weg zur Taufe ist etwas ganz Besonderes. Wenn gestandene Männer sich auf diesen Weg begeben und spüren, was das tief im Inneren für sie bedeutet, wenn sie einen Brief an den Erzbischof schreiben mit der Bitte um Zulassung zur Taufe und Aufnahme in die Kirche. Das ist für mich selber auch ein ganz intensiver und schöner Weg, weil ich spüre, wie Gott in einer Tiefe und Feinheit in Menschen wirkt.

Normalerweise, wenn man Menschen nach ihrem „Charisma“ fragt, zählen sie auf, was sie gut können. Sie dagegen zählen auf, was Ihnen am meisten Freude macht.
Vielleicht liegt es ja auch daran, dass ich mich selbst zu wenig kenne. Aber ich kann nicht sagen, wo mein persönliches Charisma liegt. Ich denke, die Wirkung ist wichtig. Alles andere ist nebensächlich.

Sie sind als Ordensschwester dem Zölibat verpflichtet. Hatten Sie damit je Probleme, vor allem da Ihnen von Ihrer Familie, wie Sie berichtet haben, das Heiraten als höchstes Ziel in die Wiege gelegt wurde?
Wieso? Ich habe doch geheiratet — und zwar den Herrn! Ich habe schon sehr früh, etwa zur Zeit meiner Profess, erkannt, dass Jesus eine ganz tiefe Beziehung und Bindung mit mir eingeht und ich mit ihm. Da kam mir oft dieses Schriftwort aus dem Buch Hosea, dort steht: „Ich traue dich mir an auf ewig. Ich traue mich dir an um den Brautpreis meiner Treue.“ Das war für mich ganz wichtig, um den Zölibat zu verstehen.

Erzengel Gabriel und Maria.

„Es ist das marianische Prinzip, das die Frau eigentlich leben müsste: Immer neues Leben zur Welt bringen – und das eben nicht nur körperlich, sondern auch geistlich! Neues Leben für Gott, das ist die Berufung Marias.“

Das Thema „Frau und Kirche“ wird in letzter Zeit viel diskutiert. Wie sehen Sie die Diskussion um Frauenpriestertum und Frauenbild in der Kirche?
Tja, wissen Sie, es gab auch in meinem Leben eine Phase, in der ich gesagt habe: „Wir Frauen müssten doch auch Priesterinnen werden können!“ Aber inzwischen habe ich erkannt, dass es in den Ämtern der Kirche verschiedene Perspektiven gibt. Seitdem will ich das überhaupt nicht mehr. Sehen Sie, ich habe in meinem Leben so viele Dinge für den Priester vorbereitet, die er niemals selbst hätte tun können.

So habe ich zum Beispiel viele Menschen nach langen Jahren, in denen sie der Kirche ferngeblieben waren, auf die Beichte vorbereitet. Diese Menschen hätte ein Priester nie erreicht. Ich sage immer: Es ist das marianische Prinzip, das die Frau eigentlich leben müsste: Immer neues Leben zur Welt bringen — und das eben nicht nur körperlich, sondern auch geistlich! Neues Leben für Gott, das ist die Berufung Marias. Als mir das aufgegangen ist, wollte ich keine Priesterin mehr werden, sondern ich wollte Hilfe sein, damit Gott zur Welt kommt.

Jetzt würden Ihnen viele Frauen wahrscheinlich antworten: „Nun gut, so sehen Sie das eben für sich persönlich, aber ich fühle mich trotzdem zur Leitung einer Pfarrei berufen!“ Was würden Sie diesen Frauen entgegnen?
Ich würde ihnen zunächst zugestehen, dass das natürlich nicht jede Frau genauso sehen muss wie ich und dass ich diese Wahrheit zuerst einmal nur für mich selbst erkannt habe. Aber andererseits würde ich ihnen zu bedenken geben, dass die tiefe Berufung der Frau ihr Vorbild in Maria hat. Frauen haben ihren unersetzlichen Dienst in der Kirche. Sie sollten nicht nur auf die Leitungsämter blicken, sondern auf den Dienst für Gott. Dann wäre diese Frage nach dem Frauenpriestertum nicht mehr so akut.

Ich selbst habe viele verantwortungsvolle Ämter gehabt, aber ich habe gespürt, dass es immer um dasselbe ging: Sei Maria! Und versuche, Gott zur Welt zur bringen! Auf diesem Weg brauche ich natürlich auch die Kirche und den Priester in seinem Dienst: zum Beispiel zur Krankensalbung, zur Beichte und so weiter. Meine Aufgabe ist es, den Weg zu bereiten.

Wir Frauen haben einfach einen anderen Weg, den Gott in unser Leben gelegt hat. Jeder Mensch muss seine Berufung erkennen. Dass das heute oft so unklar ist, liegt meiner Ansicht nach auch an der Sicht auf den Menschen heutzutage. Was in dieser Hinsicht gelehrt wird, ist nicht immer gut. Das bringt den Menschen in eine Unruhe.

Sie leben täglich Ihre Berufung und wollen auf diese Weise andere ermutigen, dieser Berufung zu folgen. Mit welchen Worten würden Sie junge Frauen dazu anspornen, ebenfalls den Weg zur Ordensschwester einzuschlagen?
Ich würde fragen: „Was spüren Sie zutiefst im Inneren?“ Vor kurzem habe ich mit einer jungen Frau gesprochen, die sehr traurig war, weil sie nicht mehr wusste, wo es langgehen sollte. Sie hat mal dieses, mal jenes studiert und wusste nicht, wofür sie sich entscheiden sollte. Da habe ich ihr gesagt: „Du bist ganz in deinem Kopf. Spüre doch einmal nach, was sich in deinem Herzen bewegt!“ Dann hat sie überlegt und antwortete: „Ich würde so gerne einmal Exerzitien machen, aber keiner hilft mir bei der Suche nach einem geeigneten Angebot!“

Ich habe ihr daraufhin einen Prospekt mitgebracht. Aber ich habe keine Werbung für meinen Orden gemacht, ihr nicht geraten, sie müsse unbedingt zu uns kommen. Ich bete vielmehr jeden Tag für die jungen Frauen, die eine Berufung spüren, damit sie den Mut bekommen zu diesem Schritt, dass sie über die Schwelle gehen können  — und diese Schwelle ist riesig!

Da ist es wichtig, dass sie auf Gott blicken und nicht auf sich. Wo soll die Berufung herkommen, wenn nicht von Gott? Ich kann alle möglichen Berufe erlernen, aber die Berufung ist ein Geschenk Gottes. Man muss sie erbitten, erbeten und treu dranbleiben, wenn man sie empfangen hat. Weil Gott auch treu ist.

2.Jan 2012 10:54 · aktualisiert: 2.Jan 2012 13:10
KIN / T. Waitzmann