„Eine Votivgabe für die Gottesmutter“

Porträt der Ordensschwester Eresta Mayr aus dem Wallfahrtsort Birkenstein

Schwester Eresta Mayr.

Schwester Eresta Mayr.

In den nächsten Monaten veröffentlichen wir auf unserer Internetseite Gespräche mit Ordensfrauen. Darin berichten sie von ihrer Berufung, über ihre Arbeit und persönlichen Gotteserfahrungen. Die Fragen stellte unser Pressereferent André Stiefenhofer.

Diesmal stellen wir Ihnen Schwester Eresta Mayr vor. Sie gehört dem Orden der „Armen Schulschwestern“ an und ist im Wallfahrtsort Birkenstein (Erzdiözese München und Freising) als Mesnerin tätig.

Wann haben Sie den Ruf Gottes zum ersten Mal vernommen?
Ein direkter Ruf war es nicht. Zu mir kam weder der Erzengel Gabriel, noch war es eine blitzartige Bekehrung und Berufung wie bei Saulus, der zu Paulus wurde. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und von klein auf spielten mein religiöses Elternhaus, meine tiefgläubige Mutter, das selbstverständliche Gebet in der Familie und der ebenso selbstverständliche Kirchenbesuch eine große Rolle. Als Kind habe ich dennoch nie etwas mit Ordensfrauen zu tun gehabt.

Es kann gut sein, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einer Ordensfrau gesprochen habe, als ich mich zum Eintritt in den Orden anmeldete. Dass ich Schwester werden wollte, war einfach in mir drin. Schon in der Volksschule, in der siebten oder achten Klasse, wusste ich, dass das mein Weg war. Etwas anderes kam mir nie in den Sinn, obwohl ich vom Ordensleben überhaupt keine Vorstellung hatte und keine Ordensfrauen kannte.

Ein Ereignis gab es aber doch, das meinen Weg geprägt hat: Einmal wollte ich mir in der Bibliothek meiner Pfarrei ein Buch ausleihen. Da stand ich also vor dem Regal mit der Aufschrift „Romane“. Ich wusste damals gar nicht, was „Romane“ sind. Wenn dort „Liebesgeschichten“ darauf gestanden wäre, hätte ich mir eher etwas darunter vorstellen können. Während ich das Regal betrachtete, hatte sich der Benefiziat (Kaplan) genähert und sagte: „Was du liest, bestimme ich!“

“Ich will Schwester werden”

Mit diesen Worten führte er mich von den Romanen weg und gab mir ein Buch über Franz von Assisi und seiner Gefährtin, der heiligen Klara. Das habe ich begeistert gelesen und mir war klar: So möchte ich auch leben! Dieses Buch war ausschlaggebend für meinen weiteren Weg.

Dass es verschiedene Orden gibt, habe ich zu Beginn nicht gewusst. Für mich waren Schwestern gleich Schwestern. Darum habe ich meiner Mutter nur gesagt, dass ich „Schwester“ werden möchte und sie hat geantwortet: „Na, dann gehen wir nach Birkenstein!“ Sie war mit dem damaligen Wallfahrtspriester gemeinsam aufgewachsen und kannte ihn darum sehr gut. Also sind wir nach Birkenstein gefahren. Der Priester hat sich mein Anliegen angehört und mich den Schwestern vorgestellt. Und damit war die Sache klar. Sie merken: Meine Berufung war nicht spektakulär, sondern ganz einfach, aber ebenso klar!

Die Grundlage Ihrer Berufung kam aus Ihrer Familie, Sie wurden richtiggehend „eingepflanzt“ in ein geistliches Umfeld. Heutzutage gibt es dieses religiöse Milieu nicht mehr so wie zu Ihrer Jugendzeit. Ist das Ihrer Ansicht nach der Hauptgrund für die fehlenden Berufungen heute?
Meine Kindheit liegt weit zurück in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Das Leben war damals viel ruhiger – besonders bei uns auf dem Land. Wir kannten keine großen äußeren Einflüsse. Meine Kindheit hat sich mit meinen Geschwistern zwischen Elternhaus, Schule und Kirche abgespielt. Täglich gingen wir morgens eine halbe Stunde zu Fuß: zuerst in die heilige Messe und anschließend in die Schule. Nach der Schule liefen wir wieder nach Hause. Dort gab es keinen Fernseher, kein Telefon, nichts, was uns vom Wesentlichen abgelenkt hätte. Wir lebten in einer beinahe heilen Welt – obwohl Krieg war – in der das Religiöse noch seinen Platz hatte. Ich möchte sogar noch mehr sagen: Der Glaube stand in meiner Kinderzeit noch im Mittelpunkt unseres Lebens.

Der Hauptgrund für die fehlenden Berufungen ist meiner Meinung nach das fehlende gemeinsame Gebet in der Familie und die anti-kirchlichen Medien. Berufungen können ohne Nährboden nicht wachsen. Wenn ich in meine klösterliche Gemeinschaft blicke, stammen wir alle aus kinderreichen Familien.

Schwester Eresta vor der Muttergottes-Figur in Birkenstein.

Schwester Eresta vor der Muttergottes-Figur in Birkenstein.

Gab es in Ihrem Leben einen Punkt, an dem Sie um Ihre Berufung kämpfen mussten?
In der Zeit meiner Kandidatur ging es mir gut. Ich wurde zur Handarbeitslehrerin ausgebildet und kam nach dem Noviziat nach Birkenstein. Hier wurde ich zu anderen Arbeiten eingesetzt. 25 Jahre lang war ich die Verkäuferin im Mesnereiladen von Birkenstein. Mir machte diese Arbeit zwar Freude, aber ich hoffte doch immer noch auf die Tätigkeit in der Schule

Mit etwa 36 Jahren bekam ich dann die sogenannte „Midlife-Crisis“. Als ich nach Birkenstein kam, war das im Gehorsam geschehen. Ich hatte mir mein Leben zwar anders vorgestellt und wollte mich im Lehrberuf mit all meinen Fähigkeiten entfalten. Das wurde mir verwehrt, aber anfangs hatte ich wenigstens noch die Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch die Schultür für mich auftut. Aber als ich dann gemerkt habe „Das war’s! Es ändert sich nichts mehr“, begann für mich eine schwere Zeit.

Sie kennen vielleicht die Geschichte von den „Spuren im Sand“, in der der Glaubensweg mit einem Spaziergang am Strand verglichen wird. Der Mensch läuft sein Leben lang neben Jesus her, doch am Ende seines Lebens blickt er auf die Spuren im Sand zurück und bemerkt erschrocken, dass an den schwersten Stellen seines Lebens nur eine Spur zu sehen ist. Er fragt Jesus: „Herr, warum hast du mich in diesen schweren Stunden verlassen?“ Jesus antwortet: „Ich habe dich nicht verlassen, sondern getragen.“ Doch wenn man in solch einer Lage steckt, bemerkt man oft nicht, dass man getragen wird.

Wenn ich dieses Bild auf meine damalige Situation übertrage, habe ich wirklich nur noch eine Spur gesehen – und zwar meine eigene. Ein Herauskommen aus dieser Spur war mir unmöglich. Ich war so niedergeschlagen, dass ich nicht einmal mehr dazu fähig war, den Orden zu verlassen. Es war aus für mich.

Meine zweite Bekehrung

Und in dieser Situation, am tiefsten Punkt meiner ganzen Berufung, hat mir die Muttergottes einen Priester geschickt, der mich wieder das Beten lehrte und dann mehrere Jahre lang begleitet hat. Alle Last, die auf mir lag, nahm er Stück für Stück von meinen Schultern. Zehn Jahre lang habe ich regelmäßig bei ihm Exerzitien gemacht und während einer dieser Exerzitien durfte ich auch meine „zweite Bekehrung“ erleben. Die erste Bekehrung ist die Taufe. Danach mag ich äußerlich religiös aufwachsen, kann aber innerlich weit abdriften.

So war es auch bei mir der Fall, und ich musste meine Liebesbeziehung zu Gott mit einer zweiten Bekehrung wieder neu aufbauen. Erst, als diese Liebesbeziehung zum Herrn wieder stimmte, konnte ich mir sagen: „Egal, was kommt – es passt so, es ist richtig.“ Jedoch gilt auch für die Zeit dieser Krise: Den Ruf, dass der Weg als Ordensschwester für mich der richtige ist, hatte ich nie verloren. Der Ruf zu meinen Gelübden blieb.

Als dann der Mesnereiladen nicht mehr von uns Schwestern geleitet wurde, bekam ich eine neue Arbeit ein Stockwerk höher, in der Sakristei. Ich wurde die Mesnerin der Wallfahrtskapelle. Und dieser Dienst war mir „auf den Leib geschneidert“! Seit 25 Jahren darf ich nun für die Kapelle und für die Wallfahrer da sein.

Wo liegen Ihre Quellen des Glaubens, was hält Sie geistlich am Leben?
Das hat sich im Lauf meines Lebens und meiner Berufung gewandelt. Am Anfang war meine religiöse Quelle das Elternhaus. Dann war es die Tradition des Glaubens. Und schließlich die Treue zu den Gebeten. Ich habe nie aufgehört zu beten, auch als ich mich ganz allein und von Gott verlassen gefühlt habe. Die Treue zum Gebet entspringt der Sehnsucht nach Gott, zur Verbindung mit IHM. Das Gebet ist die wichtigste Quelle.

Es ist so schön in unserer Kapelle, wenn das Allerheiligste ausgesetzt ist. Dann muss man einfach nur „da sein“. Wir pflegen seit 25 Jahren täglich die Eucharistische Anbetung in unserer Kapelle. Da gab es zwar Anfangs einige Hindernisse, denn wir dachten: „Arbeiten müssen wir ja auch noch, wir können nicht nur beten!“ Aber unsere damalige Oberin hat gesagt: „Probieren wir es einmal im Winter – da haben wir Zeit!“ Daraufhin haben wir es probiert und beibehalten, auch im Sommer und nun schon seit 25 Jahren. Also: Meine erste Quelle des Glaubens ist die Treue zum Gebet.

Sie haben es also einfach ausprobiert, ob das überhaupt geht: Arbeiten und Beten. Was würden sie jemandem raten, der sagt: „Ich habe so viel Arbeit, da geht beten beim besten Willen nicht mehr!“

Schwester Eresta im Pfortenzimmer von Birkenstein.

Schwester Eresta im Pfortenzimmer von Birkenstein.

Wenn ich so weit bin, dass ich sage „nach der Arbeit bete ich noch irgendwann“, bin ich schon auf dem Holzweg und es ist vorbei mit meinem geistlichen Leben. „Der Esel muss angebunden sein“, das heißt, die Gebetszeit muss feststehen, sonst wird nichts daraus. Der große Vorteil bei uns Ordensschwestern sind die geregelten Gebetszeiten. Diese beginnen in der Frühe mit der Laudes und am Abend beten wir die Vesper.

Gerade abends muss ich mich oft beeilen, damit ich vor dem Gebet noch mit meiner Arbeit fertig werde. Doch dann sitze ich in der Kapelle und atme auf: „Herrgott, jetzt darf ich einfach da sein!“ Das geht nur bei uns Ordensfrauen. Nirgendwo anders könnte ich sagen: „Es ist halb sechs, ich gehe jetzt beten.“ Hier ist das möglich. Das ist mein Pflichtgebet, und jeder hat das zu akzeptieren. Ich kann mich natürlich selber davon entschuldigen, aber das wäre dann meine Sache. Die geregelte Gebetszeit im Ordensleben ist ein echtes Gerüst.

Gerade beim Stundengebet kehren viele Verse aber sehr oft wieder. Wird es nicht langweilig, wenn man Jahr um Jahr immer wieder dasselbe betet? Schweifen da die Gedanken nicht sehr leicht ab?
Es kann natürlich passieren, dass ich nicht völlig bei der Sache bin. Aber meine Treue und das „Da-Sein“ vor Gott ist immer wichtiger, auch wenn ich mit meinen Gedanken manchmal fliehe. Es gibt diesen schönen Spruch „die besten Gedanken kommen einem beim Gebet“. Sicher: Es ist schön, mit den Gedanken ganz beim Gebet zu sein. Aber auch wenn ich mit meinen Gedanken abschweife, ist mir die Zeit, die ich dem Stundengebet widme, sehr kostbar.

Haben Sie geistliche Vorbilder, die Sie in Ihrem Leben vorangebracht haben?
Neben meinem geistlichen Begleiter, den ich schon erwähnt habe, gab es auch eine Oberin, die mich sehr geprägt hat: Schwester Godeharda hieß sie. 15 Jahre lang war sie meine geistliche Leiterin, vor zehn Jahren ist sie gestorben. Das war eine geistig tiefe Frau, wie ich sie nie vorher und nie seitdem erlebt habe.

Ich glaube, auf der ganzen Welt gibt es nicht viele Frauen von dem Format einer Schwester Godeharda. Sie hat den ganzen Konvent und jede einzelne Schwester tief geprägt. Ihre Spiritualität war einfach nachahmenswert, sie war eine großartige und demütige Frau.

Können Sie diese Spiritualität beschreiben?
Schwester Godeharda hat nicht länger und nicht häufiger gebetet als wir anderen auch. Aber sie hat ständig mit Jesus gelebt. Einmal kam ich mit der Nachricht zu ihr dass die Ehe eines uns bekannten Paares auseinandergegangen ist. Da schlug sie die Hände wie zum Gebet zusammen, schloss die Augen und sagte mit schmerzerfülltem Gesicht: „Jesus, wie musst Du wieder leiden!“

Jede andere hätte vielleicht gefragt, wie es zu der Trennung gekommen war, ob das Ehepaar sich schon länger gestritten hat oder ähnliches. Nicht so Schwester Godeharda. Sie hat ständig in der Gegenwart Jesu gelebt. Darum war ihr einziger Gedanke darauf gerichtet, was dem Herrn durch diese Trennung angetan worden war.

Sie war nie aufdringlich, und alles an ihr war selbstverständlich. Sie hat uns nie vorgeschrieben, wie wir leben oder uns verhalten sollen. Sie hat es uns einfach vorgelebt und das hatte zur Folge, dass man automatisch ihren Weg eingeschlagen hat. Dadurch wurde sie mir Vorbild im Glauben. Ich verdanke ihr viel.

Die Wallfahrtskirche von Birkenstein.

Die Wallfahrtskirche von Birkenstein.

Es gibt sowohl sehr fromme als auch kirchenferne Menschen, die sagen, dass sie an der Kirche leiden. Kennen Sie so ein „Leid“ auch aus eigener Erfahrung?
So etwas erlebe ich in Birkenstein kaum. Wir leben hier auf einer „Insel des Glaubens“. Zu uns wird sehr viel Leid getragen. Aber kein Leiden an der Kirche, sondern immer körperlicher, seelischer oder familiärer Art. Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht entweder an der Pforte, in der Sakristei oder über das Telefon um unser Gebet gebeten werden.

Die Leute bringen uns ihre Sorgen, wenn ein Familienmitglied krank ist oder operiert werden muss. Es wird uns die Mutter von fünf Kindern anempfohlen, die an Krebs erkrankt ist. Es wird uns zugetraut, dass wir den kürzeren Draht zu Gott haben und wir sind auch bereit, die Leiden der Menschen mitzutragen.

Wer wird Ordensfrau? Gibt es eine allgemeine Eigenschaft, die man mitbringen muss, um Schwester werden zu können?
Ja, da gibt es eine allgemeingültige Beschreibung: Man kann keine Frau im Orden gebrauchen, die nicht auch fähig wäre, eine gute Familienmutter zu sein. Wir können keine gestrandeten Existenzen auffangen und sind als Orden auch kein Zufluchtsort für Menschen, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen. Wir helfen solchen Menschen natürlich seelsorglich, aber zu Ordensfrauen taugen sie nicht. Eine Ordensfrau ist eine Frau, die auch in der Welt und in der Familie zurechtgekommen wäre, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht und einen gesunden Hausverstand hat.

Außerdem können wir „frömmelnde“ Ordensfrauen nicht gebrauchen, die immer nur beten wollen und die Arbeit scheuen. Auch im Kloster kann man nicht immer nur beten. Die Arbeit ist genauso wichtig, sie erdet, hält einen auf dem Boden. Eine Ordensfrau betet ganz normal, arbeitet ganz normal und steht mit beiden Füßen im Leben. Sie sieht das Leid auf der Welt, übersieht aber auch die Schönheit nicht.

Sie sind nun schon viele Jahrzehnte in Birkenstein. Haben Sie dort ein besonderes „Charisma“?

Schwester Eresta vor der Wallfahrtskirche in Birkenstein.

Schwester Eresta vor der Wallfahrtskirche in Birkenstein.

Das kann ich nur mit „ja“ beantworten. Ich erzähle Ihnen dazu eine Geschichte: Bei uns in der Familie kam immer am Ende der Sommerferien die Frage auf: „Wann gehen wir wieder nach Birkenstein?“ Eine Wallfahrt dorthin gehörte einfach dazu; ich habe viele schöne Erinnerungen an diese Wallfahrten. Warum meine Mutter so treu an ihnen festhielt, erfuhr ich erst später von ihr.

Das ging zurück auf ein Ereignis im Jahr 1936: Am Auerberg erkrankten drei Männer an Lungenentzündung, mein Vater war einer von ihnen. Lungenentzündung war damals noch eine tödliche Krankheit. Die anderen beiden Männer starben, auch mein Vater lag im Sterben. Seit 1932 war er mit meiner Mutter verheiratet, drei Kinder waren schon da, und mich trug die Mutter unterm Herzen. Meine Eltern hatten ein Haus gebaut, und es war noch lange nicht abbezahlt. Die Tilgung des Darlehens dauerte noch zehn Jahre. So war die Lage meiner Mutter: Sie hatte drei kleine Kinder, war schwanger, hatte Schulden und einen sterbenden Mann! Versicherungen und soziale Leistungen gab es damals noch nicht.

Da machte sich meine Mutter auf den Weg und ging „mit mir“ nach Birkenstein zur Gottesmutter. So oft hat sie schon geholfen, warum nicht auch jetzt? Und tatsächlich: Mein Vater wurde gesund! Erst im Alter von 90 Jahren starb er vor einiger Zeit. Was meine Mutter damals mit der Gottesmutter ausgehandelt hat, erfuhr ich erst viel später. Erst nachdem ich schon lange im Kloster war, wurde mir ihre damalige Situation bewusst und ich fragte meine Mutter: „Was hast du damals eigentlich der Gottesmutter versprochen?“ Da lächelte sie und sagte: „Schau dich an, dann weißt du es!“ Sie hatte also das Kostbarste, das sie besaß – das Kind unter ihrem Herzen -, der Gottesmutter geschenkt!

Die Gottesmutter wird sich diesen Winzling angeschaut haben: Sie ist nichts, hat nichts, kann nichts! Nachdem ich aber nun ihr Eigentum war, und sie ja wusste, dass ich einmal ihre Mesnerin sein werde, hat sie alles in dieses kleine Nichts hineingelegt, was es einmal braucht. Und so hat sie mich reich mit Gaben beschenkt; alles fällt mir leicht, meine Arbeit verrichte ich gerne, alles macht mir Freude. So darf ich hier als „lebendige Votivgabe“ der Gottesmutter dienen. Wenn es der Gottesmutter recht ist, dann möchte ich ihr noch lange dienen.

Mein eigentliches „Charisma“ ist die Kirchenführung, in der ich den Menschen die Kapelle zeige, erkläre und erschließe. Von den Wallfahrtspriestern, die diese Führungen vor mir gemacht haben, ist nichts Schriftliches darüber festgehalten worden. Darum musste ich mir die Führung selbst erschließen und habe mir die Kapelle immer wieder angeschaut, viele Stunden der Meditation in ihr verbracht – so lange, bis mir die Muttergottes selbst die Kapelle eröffnet hat.

Ich durfte sehen, worum es geht. Ich durfte in der Kapelle Zusammenhänge sehen, den geistigen Hintergrund und die Aussagen einzelner Darstellungen begreifen, so dass ich daraus ein einheitliches Ganzes zu meiner Kapellenführung zusammenfügen konnte. Ich konnte es den Menschen auch auf eine Weise erklären, dass sie es verstehen. Wer unsere Kapelle nach einer Führung wieder verlässt, ist nicht unbedingt klüger, aber sicher frömmer!

Sie machen also keine kunsthistorische Führung, sondern eine glaubenszentrierte?

Die Muttergottesfigur in der Wallfahrtskirche von Birkenstein.

Die Muttergottesfigur in der Wallfahrtskirche von Birkenstein.

Genau. Neulich war eine Gruppe Jugendlicher bei mir in einer Führung und hinterher hat einer von ihnen gesagt: „Ich bin ohne Muttergottes hergefahren, aber ich fahre mit der Muttergottes nach Hause!“ Durch solche Erlebnisse ist mir der Sinn meines Lebens, meiner Berufung und das Versprechen meiner Mutter aufgegangen. Weil ich eine lebendige Votivgabe bin, musste ich nach Birkenstein, ohne es anfangs zu wollen. Darum musste ich gegen meinen Willen aushalten: Weil Maria mich hier haben wollte.

Ich durfte mit der Kapelle so verwachsen wie vielleicht niemand vor mir und womöglich auch lange nach mir niemand. Ich lebe und arbeite hier nun seit 52 Jahren. Ich durfte in der Kapelle jeden Stein und jede Figur sehen und verstehen. Immer wieder offenbart mir die Muttergottes etwas Neues, ganz Gravierendes. Außerdem hat sie mir die Gabe geschenkt, all das so zu vermitteln, dass die Wallfahrer etwas von meiner Führung mitnehmen.

Ich darf das mit allem Stolz und aller Bescheidenheit so sagen, weil ich weiß, dass es die Muttergottes selbst war, die mir dieses Geschenk gemacht hat. Ich habe mir das nicht selbst angeeignet oder verdient. Ich bin das Eigentum der Muttergottes, sie hat immer schon gewusst, wie mein Weg aussieht und mich mit den Begabungen beschenkt, die ich für diesen meinen Weg brauche.

Was kann eine Ordensfrau in der Kirche tun, was ein Priester nicht tun kann?
Ach wissen Sie, richtig ist doch eigentlich ein Miteinander von Mann und Frau in der Kirche, denn in jedem wirkt Gott auf seine Weise. Die Männer in ihrer doch mehr bestimmenden Art und wir Frauen in mütterlich dienender Weise.

Es ist schön, dass Sie das so ausgleichend sehen – wie erleben Sie diesen „kleinen Unterschied“ zwischen den Geschlechtern denn an Ihrem Wallfahrtsort?
Zum Beispiel beim Gesang! Wie die Gemeinde den Gottesdienst mitfeiert, ist regional verschieden. Aber je weiter wir nach Süden kommen, desto spärlicher wird der Gesang der Männer in der Kirche. Da ist das Singen oft nur noch Frauensache. Vielleicht dürfen wir Frauen manchmal auch Dinge sagen, die Männer nicht sagen dürften.

Ich erzähle Ihnen dazu ein Beispiel: Wir hatten einmal zu einer Messe in der Wallfahrtskapelle eine Gruppe der Gebirgsschützen aus Schliersee zu Gast. Die Herren hatten keinen Organisten, darum mussten sie ohne Orgel singen. Ich sollte anstimmen, aber ich wusste, dass sich die Männer mit dem Singen schwer tun. Also habe ich mich gefragt: „Wie bringe ich die zum Singen? Ich singe doch nicht solo!“ Also bin ich vor der hl. Messe vor die Gruppe getreten und habe gesagt: „Hört zu, ich muss Euch etwas ganz Wichtiges sagen! Bitte nehmt das Gotteslob in die Hand und schlagt die Nummer 258 auf, da steht etwas ganz Wichtiges.“

Jetzt waren alle schon ein bisschen neugierig und ich fuhr fort: „Schaut, unter dem Lied steht ganz klein der Buchstabe ‚T’, das heißt ‚Text’. Und gleich daneben steht ein kleines ‚M’, seht ihr das?“ Alle haben genickt, und ich hab ihnen erklärt: „Dieses ‚M’ bedeutet: ‚Männer dürfen auch mitsingen!’“

Alles hat schallend gelacht und ich habe ihnen erklärt, dass sie jetzt immer das Buch in die Hand nehmen müssen, um zu schauen, wann sie mitsingen dürfen und wann nicht. Der Priester, der in der Sakristei stand, musste lachend die heilige Messe beginnen, ich habe angestimmt und alle haben prompt mitgesungen.

Mit welchen Worten würden Sie jungen Frauen, die eine Berufung spüren, Appetit machen auf ein Leben als Ordensfrau?

Ich würde ihnen folgendes sagen: „Ich habe nicht viele Worte für Dich. Schau auf mein Leben. Ich bin bereits 75 Jahre alt, schon fast am Ende meines Lebens angelangt und bereue es keine Sekunde, diesen Weg gegangen zu sein. Es ist nicht immer einfach, aber der Weg in der Ehe hat die gleichen Schwierigkeiten. Es ist wichtig, treu zu sein.“

Ich würde einem jungen Menschen nie mit vielen Worten das Blaue vom Himmel versprechen. Wenn ich richtig gelebt habe, müsste mein Beispiel jeder jungen Frau genug Motivation geben, damit sie sich fragt, was mich mein Leben lang getragen hat: „Komm und sieh!“ Ich lade jede junge Frau, die um ihre Berufung ringt, herzlich zu mir nach Birkenstein ein.

 

2.Feb 2012 14:19 · aktualisiert: 3.Feb 2014 06:35
KIN / S. Stein