“Wir wollen alle weg”

Reportage über das schwierige Leben der Frauen in Pakistan

Frauen beim Sticken.

Frauen beim Sticken.

Wir sind zu Besuch in zwei der mehreren hundert Slums von Karatschi, in denen 7,6 Millionen der 18 Millionen Einwohner der Stadt leben. In ganz Pakistan lebt die Hälfte der Bevölkerung der Städte in Slums.

Pater Pascal Robert hat einfach gehandelt, als er die Not sah: „Am meisten leiden hier die Frauen. Sie werden geschlagen. Ihre Männer nehmen oft Drogen und bringen kein Geld nach Hause. Die Frauen haben keinen Beruf erlernt, müssen aber ihre Kinder ernähren. Oft verdingen sie sich als Hausangestellte und kommen niemals aus dem Elend heraus“, sagt er.

Deshalb hat er kurzerhand zwei Nähschulen aus dem Boden gestampft. Abends lernen Christinnen, Muslimas und Hindufrauen im Alter zwischen 15 und 40 Jahren, Kleider zu nähen und sie kunstvoll zu besticken.

Pater Pascal träumt davon, das Angebot zu erweitern. Es soll nicht nur Näh- und Stickkurse geben, sondern jede Frau, die etwas herstellen kann, soll andere Frauen darin unterrichten: Kerzen machen, Taschen herstellen, Verzierungen mit Henna herstellen – alles das wäre denkbar. Der größte Vorteil besteht darin, dass sich diese Tätigkeiten für die Heimarbeit eignen, denn nicht immer ist es in der Familie gern gesehen, wenn eine Frau außer Haus arbeitet. Außerdem sind keine großen Investitionen notwendig.

Diese Arbeit trägt nicht nur zum Familieneinkommen bei, sondern sie verleiht den Frauen auch mehr Selbstbewusstsein. „Wir hätten es nie für möglich gehalten, dass wir so etwas können!“, sagen sie. Schon in der Erziehung ist es so angelegt, dass die Frauen zu Hause bleiben sollen und nichts lernen.

Nähkurse geben den Frauen in Pakistan zumindest eine bescheidene Perspektive (Foto: Magdalena Wolnik).

Nähkurse geben den Frauen in Pakistan zumindest eine bescheidene Perspektive (Foto: Magdalena Wolnik).

Kursteilnehmerin Nadia sagt uns: „Jungen werden immer bevorzugt. Jungen bekommen eine Chance, können etwas lernen. Sie kriegen sogar das bessere Essen. Eltern haben Angst, ihre Töchter in die Schule zu schicken. In einem islamischen Umfeld werden Mädchen behütet, aber sie dürfen nicht raus.

Die Männer fühlen sich besser, wenn ihre Frauen ungebildet sind. Dann können sie sie leichter kontrollieren. Ungebildete Mütter legen wiederum keinen Wert darauf, ihre Töchter in die Schule zu schicken. Sie sagen sich: ‚Wenn wir es nicht geschafft haben, dann schaffen sie es auch nicht.‘“

Alle Frauen aus dem Kurs können von einem harten Schicksal berichten. Da ist beispielsweise Reshida. Sie ist bereits seit 16 Jahren Witwe und hat sechs Kinder, die sie seitdem allein durchfüttern musste. Die 25-jährige Ajsha war nur fünf Monate lang verheiratet. Von ihrer Schwiegermutter wurde sie geschlagen und schließlich aus dem Haus gejagt. „Meine Schwiegereltern haben mir jeden Kontakt zu meinen Eltern und Geschwistern verboten“, sagt sie leise. „Von meinem Mann konnte ich keine Hilfe erwarten. Er stand immer auf der Seite seiner Mutter.“

Als getrennt lebende Frau hat sie in der pakistanischen Gesellschaft keinen Platz. So hat sie keine große Zukunft zu erwarten. Aber der Nähkurs wird ihr dabei helfen, wenigstens für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

Frauen in einem Elendsviertel (Foto: Magdalena Wolnik).

Frauen in einem Elendsviertel (Foto: Magdalena Wolnik).

Draußen ist es mittlerweile dunkel. In der zweiten Nähschule ist gerade der Strom ausgefallen. Das schummrige Notlicht lässt alle näher zusammenrücken. Hier nehmen die Frauen kein Blatt vor den Mund. Die Mehrheit von ihnen sind Christinnen. Die 26-jährige Asia wollte immer etwas lernen, aber ihre Mutter starb bereits früh. So musste sie sich um die Geschwister kümmern. Mit zwölf heiratete sie. Ihr ältestes Kind ist vierzehn Jahre alt. Sie sieht viel älter aus, als sie ist. Ich hätte sie auf 50 geschätzt, aber in den Slums altern die Frauen früh. Sie ist die starke Stimme in der Gruppe.

„Asia“, erklärt sie uns ihren Namen, „ist eine Frau, die stark im Glauben ist.“ Und sie sagt es offen: „Die Menschen in einem islamischen Land glauben, dass sie machen können, was sie wollen. Wir haben dieses Blasphemiegesetz. Wir haben Angst um unsere Kinder. Wenn sie zur Arbeit rausgehen, kann es gegen sie verwendet werden. Überall im Land haben die Leute Angst davor, getötet zu werden. In Karatschi gibt es so viele Waffen, in Lahore die Bombenattentate.

“Wir fühlen uns unsicher und haben Angst”

Frauen haben keine großen Chancen. Wenn wir zur Bushaltestelle gehen, werden wir überall belästigt. Wir fühlen uns unsicher und haben Angst.“ „Die Männer starren uns auf der Straße an“, fügt eine andere hinzu. „Aber wir sind es von Kindesbeinen an gewöhnt, in diesem Umfeld zu kommen und zu gehen. Die jungen Frauen müssen sich aber immer gut verschleiern, um keine Probleme zu bekommen.“

Immer wieder erleben die Frauen, dass einige Muslime sie und ihre Angehörigen unter Druck setzen, zum Islam überzutreten. Rafik, der Katechet, hat erst letzte Woche bei einem Besuch in einer Familie gehört, dass ein Mann, der schon vierzehn Jahre lang in einer Fabrik arbeitete, vor die Wahl gestellt wurde: Entweder wirst du Moslem oder du kannst gehen.“

Pater Pascal Robert mit Kindern aus dem Elendsviertel (Foto: Magdalena Wolnik).

Pater Pascal Robert mit Kindern aus dem Elendsviertel (Foto: Magdalena Wolnik).

Pater Pascal fragt in die Runde: „Wer von euch möchte gern auswandern?“ Die Hälfte der Frauen hebt sofort die Hand. Eine, die sich nicht gemeldet hat, steht auf und sagt: „Wir wollen alle weg, aber ihr könnt uns ja sowieso nicht mitnehmen. Wozu sollen wir die Hand heben?“

Ihr größter Traum ist es, in ein Flugzeug zu steigen. Bloß weg von hier. Warum, fragen wir. „Mein Mann nimmt Drogen, ich will weg, um etwas für meine Kinder zu tun“, antwortet sie. Andere nicken. So ähnlich geht es allen. Aber die Nähkurse geben ihnen wenigstens eine bescheidene Perspektive.

Vielleicht ist es auch ein erster Schritt, um das Leben ihrer Töchter zu verbessern, denn Mütter, die etwas lernen, erziehen ihre Töchter anders. Aber auch die Erziehung der Söhne verändert sich dadurch. Pater Pascal meint: „Wenn Jungen sehen, wie der Vater ihre Mutter schlägt, halten sie es für eine Form der Männlichkeit. Die Kurse sind für die Mütter ein Weg zu mehr Selbstachtung. Das hat auch Einfluss auf das Frauenbild der Söhne.“

Am Ende singen die Frauen ein Marienlied, und Pater Pascal spendet den Segen. Ein altes Mütterchen – sie sieht aus wie neunzig, mag aber vielleicht erst Mitte fünfzig sein – bittet uns in ihr bescheidenes Häuschen. Sie hat trotz ihrer Armut Rosengirlanden für Pater Pascal und uns gekauft und bietet uns Tee und Gebäck an. Die Gastfreundschaft dieser armen Frau beschämt uns. Sie hat acht Kinder, die bereits jugendlich beziehungsweise erwachsen sind. Sie haben alle eine Behinderung, vier davon eine schwere.

Draußen auf der Straße vor der offenstehenden Tür des Hauses toben Kinder herum. Sie wollen uns auf sich aufmerksam machen und kreischen vor Freude, wenn wir ihnen winken. Hier vor diesem Haus im Slum trägt Pakistan für mich das Gesicht lachender Kinder. Der Abschied fällt schwer.

Pater Pascal Robert besucht einen kranken Mann im Elendsviertel (Foto: Magdalena Wolnik).

Pater Pascal Robert besucht einen kranken Mann im Elendsviertel (Foto: Magdalena Wolnik).

Aber nicht überall ist es hier sicher und friedlich. Die Slums, in denen Pater Pascal die Nähschulen eingerichtet hat, liegen in der ältesten Pfarrei Karatschis. Sie wurde 1862 gegründet, feiert also 2012 ihr 150-jähriges Bestehen. Früher war die Herz-Jesu-Kirche eine Holzkirche.

Am 8. Dezember 1992 wurde das Gotteshaus von islamistischen Extremisten niedergebrannt. Gegen halb drei in der Nacht griff ein aufgebrachter Mob von fünftausend mit Schlagstöcken und Benzin bewaffneten Männern die Pfarrei an und steckte das Pfarrhaus und die Kirche in Brand.

Der damalige Pfarrer Bruno Sequeira wurde brutal angegriffen und kam nur knapp mit dem Leben davon. Der Wachmann konnte ihn gerade noch in Sicherheit bringen.

Die Kirche wurde mittlerweile wiederaufgebaut. 150 katholische Familien gehören der Pfarrgemeinde an. Sie leben jedoch in einem gefährlichen Umfeld, denn in weiten Teilen ihres Stadtviertels haben sich Afghanen angesiedelt. Überall gibt es Waffen, und der Extremismus nimmt zu.

Die Geschichte ist dem Buch “Pakistan – Christen im Land der Taliban” entnommen. Dieses können Sie unentgeltlich bei uns bestellen.

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Schlagworte:
Armut · Christenverfolgung · Frauen · Islam · Karatschi · Pakistan
8.Mrz 2012 08:52 · aktualisiert: 18.Feb 2014 20:36
KIN / S. Stein