“Der Herr hat das letzte Wort”

Porträt der Karmelitin Schwester Veronika aus dem Kloster Aufkirchen

Karmelitin in einer Klosterzelle (Bild: Kloster Aufkirchen).

Karmelitin in einer Klosterzelle (Bild: Kloster Aufkirchen).

In den nächsten Monaten veröffentlichen wir auf unserer Internetseite Gespräche mit Ordensfrauen. Darin berichten sie von ihrer Berufung, über ihre Arbeit und persönlichen Gotteserfahrungen.

Alle Porträts stellen wir abschließend in einem Buch zusammen. Dieses wird voraussichtlich Mitte 2012 herauskommen. Im Internet veröffentlichen wir nur eine verkürzte Version der Porträts.

Diesmal stellen wir Ihnen Schwester Veronika vor. Sie gehört dem Orden der Karmelitinnen an und lebt im Kloster Aufkirchen in der Nähe des Starnberger Sees. Die Fragen stellte André Stiefenhofer.

Wie fing es an mit Ihrer Berufung?
Das kam ziemlich Knall auf Fall. Ich war ein Mensch in der „Gosse dieser Welt“. Zwar habe ich nach meinem Studium drei Jahre lang in der Nähe des Papstes in Rom gelebt, aber die Kirche gab es für mich damals nicht. Ich bin in Starnberg geboren, größtenteils im Ausland aufgewachsen und landete schließlich in München, wo ich einen sehr guten Job in der Filmbranche gefunden habe. Das war spannend. Auf dem Papier sah alles sehr gut aus.

Aber ich fragte mich: Wozu das Ganze? Ich hatte alles, was man sich in der Welt wünschen kann, und alle haben mich bewundert. Aber ich fragte mich immer: Und jetzt? Das kann es doch noch nicht gewesen sein! Intuitiv hatte ich schon immer eine große Sehnsucht nach der Liebe und wusste: Eines Tages werde ich die Liebe heiraten.

Ich versuchte, mir auszumalen, wie phänomenal dieser Mann sein müsse, den ich einmal heiraten würde. Aber ich konnte ihn mir nie richtig vorstellen, denn jeder Mensch hat schließlich seine Grenzen. Als mir das klar wurde, ging es mir gar nicht mehr so gut, weil mir dadurch die Unvollkommenheit meines eigenen Lebens bewusst wurde.

Eingang des Karmelitinnenklosters Aufkirchen.

Eingang des Karmelitinnenklosters Aufkirchen.

In dieser Situation hat mir eine Freundin geraten, ich solle beichten gehen. Da habe ich sie komisch angesehen und sie gefragt, was eine Beichte überhaupt ist. Als Antwort hat sie mich zu ihrem Onkel, einem Jesuiten, geschleppt. Ich habe zwar gebeichtet, aber ich wusste überhaupt nicht, was ich da eigentlich tat. Doch Gott wusste es! Nach der Beichte ging es mir erst einmal noch schlechter.

Darum schlug meine Freundin vor, dass ich mit ihr nach Medjugorje pilgern sollte. Ich war nicht überzeugt, dass das etwas bringen könnte und sagte zu ihr: „Organisier du ruhig. Ich komme mit, aber glaube nicht, dass ich da mitbete. Ich bin nur dein Koffer!“ Wir fuhren also nach Medjugorje; dort habe ich das Beten wieder gelernt. Das „Vaterunser“, das „Gegrüßet seist Du, Maria“ — das hatte ich gar nicht mehr gekannt. Wir beteten den Rosenkranz, was mir besonders gefallen hat, denn bei jedem Gesätz durften wir sagen, was wir uns wünschen.

Mein Gebet verweht nicht im Wind

Ich betete und spürte plötzlich, wie der Himmel aufriss. Ich begriff, dass ich eine Mutter im Himmel habe, die mich hört und auf mich achtet. Mein Gebet verweht nicht im Wind, sondern kommt an! Es war, als wäre ich in der finstersten Stadt der Welt verloren gewesen und hätte nur eine einzige Telefonnummer gehabt. Ich hätte wieder und wieder gewählt und nie hätte sich jemand gemeldet.

Und auf einmal nimmt doch jemand ab! So habe ich mich gefühlt: Jetzt bin ich gerettet! Es war ein „Aha-Erlebnis“, das ich mit einem anderen Bild auch so beschreiben könnte: Es war, als wäre ich auf hoher See in einem Sturm, und mein Schiff würde ziellos umhertreiben. Und plötzlich ist ein Hafen aufgetaucht! Ich erfuhr: Es gibt einen Himmel, es gibt ein Ziel, es gibt irgendwo einen Sinn. Dieser Moment hat alles geändert. Ab diesem Zeitpunkt bin ich sonntags wieder in die heilige Messe gegangen.

Ich bin schon vergeben

Damals hatte ich einen Verehrer, der in der Schweiz studiert hat. Immer, wenn er mich besuchen kam, habe ich ihm von Medjugorje erzählt — so lange, bis er auch einmal dorthin wollte. Darum sind wir im Winter noch einmal drei Tage hingefahren. Erst bei diesem zweiten Besuch habe ich gemerkt, wie sehr ich mich inzwischen innerlich verändert hatte. Bei der Rückfahrt sind wir ziemlich lange unterwegs gewesen und erst um zwei Uhr nachts in München in meiner Wohnung angekommen.

Dort hat mein Verehrer um meine Hand angehalten. Ich sagte ihm: Es tut mir leid, ich bin schon vergeben! Er dachte natürlich sofort an einen anderen Mann, aber da konnte ich ihn beruhigen: Ich bin vergeben an die Muttergottes! Erst als ich das ausgesprochen hatte, ist mir diese Wahrheit selber klar geworden. Vorher wusste ich nur, dass irgendetwas anders geworden war, aber was genau, das wusste ich erst in diesem Moment.

Damit war die Sache zwar einerseits gelaufen: Ich wusste, dass ich für die Muttergottes leben möchte. Andererseits hatte ich noch gar keine Vorstellung davon, wo und wie genau ich das tun sollte. Darum habe ich weiter gebetet und Gott gefragt, was er denn nun genau von mir will. Ab diesem Zeitpunkt bin ich täglich in die heilige Messe gegangen. Eines Tages ist es mir bei der Wandlung aufgegangen: Das ist wirklich Gott da vorne! Gott, der sich uns schenkt. Was wollte ich mehr?

Pforte im Karmel Aufkirchen.

Pforte im Karmel Aufkirchen.

Der Pater, bei dem ich zum ersten Mal wieder gebeichtet hatte, hat mich „adoptiert“, wie er sagte. Das bedeutete konkret, dass er mir Religionsunterricht gab. Ich hatte schließlich keine Ahnung vom Glauben, keinen religiösen Hintergrund in der Familie. Ich war zwar in katholischen Schulen aufgewachsen, aber das war gleich nach dem Konzil mit diesen ganzen Experimenten. Das heißt, es gab keinen sachlichen Religionsunterricht mehr, sondern Sozialkunde und Ethik. Religiöses Wissen wurde in meiner Schule nicht vermittelt, es war eigentlich eine Katastrophe.

Darum war dieser „Crashkurs“ beim Pater für mich unheimlich wichtig. Dadurch, dass ich meine Schulzeit zum Teil in Deutschland und zum Teil in Frankreich verbracht habe, war ich durch die Firmung „durchgerutscht“. Denn als ich in Deutschland in die Schule ging, war ich noch zu jung für die Firmung, und als wir nach Frankreich zogen, hatten meine Klassenkameraden sie alle schon hinter sich. Darum stand jetzt erstmal auf dem Programm, dass ich die Firmung nachhole.

„Folge mir in Armut und Einfachheit“

Die Vorbereitung auf die Firmung hielt die nächste Erleuchtung für mich bereit. Der Pater sagte: „Der Heilige Geist ist die Liebe zwischen Vater und Sohn – Gott ist die Liebe!“ Diese Erkenntnis war wie eine Explosion in meinem Kopf: Was? Gott ist die Liebe? Jetzt hatte ich kapiert, dass ich denjenigen gefunden habe, den ich immer gesucht hatte. Nach IHM hatte ich mich immer gesehnt! Meine Freude war so groß.

Dennoch habe ich weiter zum Herrn gebetet, dass er mir doch endlich meine konkrete Bestimmung enthüllen soll. Der nächste Schritt hin zur Erkenntnis meiner Berufung kam dann wieder im privaten Religionsunterricht, nämlich als die Sprache darauf kam, wie Jesus unter uns als Mensch gelebt hat: ganz arm und einfach.

Diese Worte haben mich sehr getroffen. Als ob Jesus mir sagen würde: „Folge mir in Armut und Einfachheit.“ Ich war berührt und fragte den Pater, was denn das Ärmste und Einfachste sei, das er kenne. Darauf sagte er: „Schau dir doch mal Aufkirchen an!“ Ich fragte ihn: Was ist denn das? Er antwortete: „Das ist ein Karmel.“

Hinter dem Vorhang beten die Karmelschwestern.

Hinter diesem Vorhang versammeln sich die Karmelschwestern aus Aufkirchen zum Gebet.

Ab diesem Moment war mir eigentlich klar, dass das meine Berufung ist. Denn seitdem ich angefangen hatte, mit Jesus „anzubandeln“, sagte meine Mutter bei jeder Gelegenheit: „Du kannst mir alles antun, nur nicht den Karmel!“ Das war der Inbegriff des Horrors für meine Mutter: Gitter, Schwärze, Düsternis, Aszese – eine wahre Folterkammer. So stellte sie sich das vor.

Seltsamerweise war der Karmel genau deshalb, wegen ihrer Abneigung, immer schon im Raum gestanden. Als mein Beichtvater ihn schließlich vorschlug, fiel das bei mir auf fruchtbaren Boden.

Also bin ich gleich zu meiner Mutter nach Paris gefahren und habe ihr eröffnet, dass ich meine Wohnung verkaufen werde und in den Karmel gehe. Sie war entsetzt, denn damit war in ihren Augen für mich alles aus. Doch ich tat wie angekündigt, ging nach Aufkirchen und kam in das Sprechzimmer, das sehr ärmlich und altmodisch aussah. Außerdem gab es in der Wand ein Gitter mit einem dunklen Vorhang dahinter und ein schwarz-weißes Bild von unserem gekreuzigten Heiland hing darüber.

Ich dachte mir nur: „Die armen Schwestern haben seit dem Krieg nicht mehr genug Geld gehabt, um dieses Loch zu stopfen“ und erwartete, dass die Schwester wohl zur Tür hinein kommen würde. Doch plötzlich hörte ich hinter dem Gitter ein Geklapper und dann tönte es hinter dem Vorhang: „Gelobt sei Jesus Christus!“ Ich bin erschrocken und rot angelaufen, denn ich kannte diese ganze Sprache noch nicht. Aber dann ging der Vorhang auf und die damalige Priorin saß vor mir.

Alles war so vertraut

Es war ein schönes Gespräch! Ich habe ihr von Medjugorje erzählt, und sie sagte mir, dass Pater Slavko letzte Woche da gewesen sei. Ich habe von meiner Internatszeit erzählt. Wir kamen darauf, dass die leibliche Schwester der Wäscheschwester meines Internats im Aufkirchner Karmel lebte. Außerdem war mein Beichtvater fünf Jahre Spiritual hier gewesen. Alles war so vertraut und bekannt. Darum habe ich einfach gefragt: Wann darf ich kommen?

Die Priorin sah mich an und musste wohl denken, dass ich völlig daneben sei. Ich habe auch noch hinzugefügt, dass ich, falls ich vor Weihnachten eintrete, zum Fest doch noch einmal nach Hause müsste. Sie hat geantwortet, dass das nicht gehen würde. Nachdem ich wieder gegangen war, hat sie meinen Beichtvater angerufen und gefragt, was er von der Sache hält. Der hat dann prompt geantwortet: Ach, vergessen Sie die!

Er konnte das nicht glauben, weil er meine Geschichte ja kannte. Man muss bedenken, dass das Ganze noch nicht einmal ein Jahr nach meiner Bekehrung passiert ist. Doch vergessen haben mich die Schwestern nicht – und so bin ich immer noch hier. Am 8. Januar 1988 bin ich eingetreten.

Blick in den Garten des Klosters.

Blick in den Garten des Klosters.

Seitdem erlebe ich das spannendste Abenteuer, das einem geschenkt werden kann: Ich gehe den Weg der Innerlichkeit. Wenn wir verstehen, woher wir kommen und wozu wir auf dieser Welt sind, ergibt alles so viel Sinn und man erkennt, wie alles zusammenhängt. Ich lebe ja nicht nur für mich, sondern trage alles in meiner Gemeinschaft mit. Wir sind geschaffen, weil Gott von Anfang an eine ungeheure Sehnsucht nach uns hat.

Der einzige Grund, warum es den Menschen gibt, ist, weil Gott sich gedacht hat: „Wow, es ist so toll, Gott zu sein, ich muss das irgendwie vervielfältigen.“ Also hat er den Menschen erschaffen. Er hat ihn gemacht nach seinem Ebenbild, das heißt mit derselben Souveränität und der freien Entscheidungsfähigkeit, wie er sie hat. Das ist die Grundlage für die Liebe, denn sonst können wir uns nicht verschenken.

Auf diesem Hintergrund der Liebe beginnt die ganze Menschheitsgeschichte. Daraus erklärt sich so Vieles, zum Beispiel der „Sündenfall“: Der Mensch ist frei, aber er hat sich entschieden, Gott zu sein ohne Gott. Doch immer noch bleibt sein Lebenstraum Gott selber. Wie der Fisch nur im Wasser leben kann, so können wir letztendlich nur in Gott lebendig sein.

Sie sprudeln auch nach 24 Jahren immer noch über und wirken wie frisch verliebt. Haben Sie nie Prüfungen oder Kämpfe um Ihre Berufung erlebt?
Um die Berufung habe ich nach meinem Eintritt nicht mehr gekämpft, denn sie war für mich ja die Bestätigung von allem, was ich mir je ersehnt habe. Im Gebet, in der Stille geschieht aber schon ein Läuterungsprozess, der Dinge aufdeckt, die schon in der Kindheit stattgefunden haben. Bei mir hat diese Läuterung aber vor allem aufgedeckt, dass genau das hier meine Berufung ist: alles, wonach ich mich immer gesehnt und was ich nie gefunden hatte.

Aber eines ist klar: So ein Leben im Karmel fordert nicht viel – es fordert alles! Das heißt, dass ich alles von mir lassen, mir alles rauben lassen muss. Und das sowohl von innen heraus, als auch von außen – mit dem Ziel, in Christus ein neuer Mensch zu werden, um „vom endlichen ins ewige Sein hineinzukommen“, wie Edith Stein es ausdrückt. Das ist eine große Herausforderung, aber kein Kampf um die Berufung. Denn die Berufung ist eigentlich das Fundament eines jeden Menschen-Daseins.

Jeder Getaufte müsste diesen Prozess durchmachen, ganz egal, ob er nun das Kloster oder die Familie als Berufung hat. Ein Ehemann muss sich seiner Ehefrau ebenso ganz hingeben. Immer findet der Menschwerdungsprozess statt: die Vereinigung in Christus. Alles das kostet etwas. Am Anfang ist es schmerzhaft und manchmal schier unerträglich. Aber ich wende mich in jeder unerträglichen Situation an Christus, der mich frei macht. Und dann ist alles wieder gut.

Klingel an der Tür des Karmels.

Klingel an der Tür des Karmels.

Wie wurden Sie als „frisch Bekehrte“ in Ihrem Orden aufgenommen?
Ich habe sehr liebe Mitschwestern, die vor allem viel Verständnis für mich aufbringen. Denn ich war als Halbfranzösin schon immer eine Außenseiterin: In Frankreich war ich die Deutsche und in Deutschland die Französin. Darum war ich auch hier im Karmel von meiner Herkunft her anders als die anderen, aber ich habe offene Herzen gefunden.

Wir Ordensfrauen sind ja auch gerade deshalb im Orden, um von den anderen Mitschwestern „gemeißelt“ zu werden, wie Johannes vom Kreuz es sagt. Wir müssen die Menschwerdung durch die anderen an uns vollziehen lassen.

Was ist die Quelle Ihrer Spiritualität, wie halten Sie Ihre Liebe zu Gott so frisch und sprudelnd?
Die eigentliche Quelle ist die heilige Eucharistie, die die Ausgangsdynamik der verwandelnden, befreienden und heilenden Liebe überhaupt ist. Da schenkt sich uns Gott ganz und nimmt auch uns in dem Maße in sich auf, in dem wir bereit sind, uns Ihm zu schenken und das entsprechend in unserem Leben umzusetzen versuchen.

Ich halte die Rückbindung an den Himmel und die himmlischen Realitäten für unerlässlich. Im Himmel haben wir alles, wir haben dort unzählige Freunde, die für uns eintreten. Man muss versuchen, sich durch Stoßgebete und Gewohnheiten, die man sich im Laufe des Klosterlebens aneignet, rückzubinden und sich klarzumachen, dass man nicht wegen des Alltags hier ist, sondern wegen dem, was dahinter steckt.

Ich muss wissen: Auch wenn ich die Gegenwart Gottes nicht spüre, ändert das nichts an der Glaubenswahrheit, dass er da ist. Jesus ist wie ein Kind: Er versteckt sich sehr gerne, damit man ihn sucht. Wenn man sich auf die Suche macht, lässt er sich auch finden. Wir müssen uns auf ihn ausrichten durch Glaubenswissen und Glaubensentscheidungen: Ich muss versuchen, nicht mehr nach meinen Gefühlen oder Maßstäben zu urteilen, sondern nach der Wahrheit, die uns durch die Glaubenslehre mitgeteilt wird.

Wenn ich das tue, merke ich, dass die göttliche Realität nichts mit meinen Gefühlen zu tun hat, sondern ganz unabhängig von ihnen existiert. Deshalb ist auch der Papst mit dem Lehramt so wichtig, denn es gibt mir die hundertprozentige Garantie, dass mein Glaube stimmt. Dann hängt der Glaube nicht mehr von meiner Willkür ab, sondern ich kann mich an ihm festhalten und mich „emporhieven“ in diese Wahrheit. Das funktioniert!

Welche Vorbilder haben Sie und was beeindruckt Sie an diesen Persönlichkeiten?

Theresa von Avila.

Theresa von Avila – Vorbild für Schwester Veronika.

Mein erstes Vorbild ist Jesus Christus und mit Ihm unsere Mutter Maria, die Karmelkönigin und Mutter der Innerlichkeit, aber auch die einfache, demütige – und darum auch echte – Frau. Dann der heilige Vater Elias, der geistige Gründer unseres Ordens, der im 8. Jahrhundert vor Christus gelebt hat, aber schon damals das Feuer des Heiligen Geistes in sich hatte.

Mich beeindruckt seine Radikalität, diese Konsequenz seines Lebens ganz für Gott. An diese Unbeirrbarkeit hat er sein eigenes Leben verloren, wurde aber dadurch belohnt, dass er nicht gestorben ist, sondern von einem Feuerwagen in den Himmel abgeholt wurde. Das entspricht völlig dem, was wir hier zu leben versuchen.

Dann unsere Ordensheiligen: Die „kleine“ Thérèse von Lisieux mit ihrem abgrundtiefen Vertrauen, durch das sie die Himmelspforten aufgerissen hat; Edith Stein mit ihrer Mütterlichkeit, auch wenn sie auf ihren Fotos immer als kühle, sachliche Gelehrte dargestellt wird. Sie war eine Frau mit einem unheimlich großen Herzen.

Außerdem möchte ich unsere heilige Mutter Theresa von Avila nennen, unseren heiligen Vater Johannes vom Kreuz, den heiligen Josef als meinen Beschützer und Vater, aber im Alltag auch meine Mitschwestern, die mir konkrete Vorbilder sind, nach denen ich mich richten kann.

Wenn Sie jemand besuchen möchte, muss er schon ein bisschen suchen: Es gibt kein Schild an der Straße und keinen Hinweis auf Ihr Kloster. Was ist der Sinn Ihres verborgenen Lebens für die Kirche und die Welt, in der wir Christen wirken sollen? Was bewirken Sie in Ihrer Zurückgezogenheit?
Wir leben im Verborgenen und vertrauen darauf, dass Jesus für uns handelt. Wir sagen: Jesus, mach Du! Gott kann sehr viel mehr machen als wir. Wir sind davon überzeugt, dass Jesus mit jedem Menschen zusammen lebt, ganz egal, ob getauft oder nicht. Er geht mit jedem Menschen und sehnt sich nach jedem Menschen. Er wartet nur auf Menschen, die ihn dazu auffordern, sich bemerkbar zu machen. Wenn man ihn nur bittet, passieren unglaubliche Dinge.

Aus meiner Erfahrung heraus weiß ich, dass es funktioniert, ich durfte es erleben. Unser Wirkungsfeld ist viel „katholischer“, also allumfassender, wenn wir Gott „machen lassen“, als wenn wir uns selber hinstellen und „machen“. Gott ist für jeden Menschen da, aber wie viele sind ganz allein für ihn da, damit er seine Liebesdynamik freisetzen kann? Das ist unsere Berufung.

„Wir leben im Verborgenen und vertrauen darauf, dass Jesus für uns handelt“ (Schwester Veronika).

„Wir leben im Verborgenen und vertrauen darauf, dass Jesus für uns handelt“ (Schwester Veronika).

Ist ihr Leben als Ordensfrau so, wie Sie es sich vorher vorgestellt haben?
Ich kann nicht sagen, dass jene Ordensfrauen, die ich seit meiner Kindheit kennen gelernt habe, immer vorbildlich waren. Daher hatte ich vor meinem Eintritt eigentlich kein richtiges Bild von dem, was da auf mich zukommt. Alles, was ich wusste und auch heute noch glaube, ist, dass eine Ordensfrau eine verliebte Frau sein muss. Sie muss jemand sein, der Liebe ausstrahlen kann und weiterschenkt.

Man muss durchdrungen sein von dem Bewusstsein, geliebt zu sein. Das ist natürlich ein Prozess. Man erkennt das immer mehr, aber das Bewusstsein muss schon angelegt sein. Nur aus diesem Bewusstsein heraus kann man die Beziehung zu IHM pflegen und diese Beziehung ist notwendig, um wirklich eine Ordensfrau zu sein.

Was musste sich in Ihnen ändern, bis Sie die Ordensfrau wurden, die Sie heute sind?
Alles. Und es muss sich immer noch alles ändern. Wir befinden uns auf dem Weg der Vollendung. Das ist wie mit einer Raupe. Die muss ja auch denken, dass ihre letzte Stunde geschlagen hat, wenn sie sich verpuppt. Das ist wie ein Sarg, jetzt ist alles aus. Aber dann: Plötzlich platzt die Puppe auf und heraus kommt ein Schmetterling. So ähnlich ist das bei uns Menschen. Unser Leben in dieser Welt dauert doch nur ein paar Jährchen und geht so schnell vorbei.

In dieser kurzen Zeit stellt sich uns nur die eine Frage: Bist du bereit, ein Schmetterling zu werden? Bist du bereit, dich zu lassen, um das zu werden, was du eigentlich bist? Das ist genau das, was uns Christus durch die Sakramente geben will. Er hilft uns, dass die „Verpuppung“ schon im Hier und Jetzt geschieht.

Aber dafür muss ich jeden Tag meine Federn lassen. Jeder Christ stirbt täglich dem Tod, um einzugehen in das ewige Leben. Das ist so viel schöner, als wenn man alles hier auf Erden auslebt, die Angst vor dem Tod in sich trägt und verbirgt, aber dabei am Ende im Grab landet. Da sterbe ich doch lieber täglich mein „Todsein“, um täglich tiefer einzugehen in das wahre ewige Leben in Christus.

Mit welchen Worten würden Sie jungen Frauen Mut machen, ihrer Berufung als Ordensfrau zu folgen?

Betende Schwester (Foto: Kloster Aufkirchen).

Betende Schwester (Foto: Kloster Aufkirchen).

Das Wesen der Frau ist Hingabe. Jede Frau, die ein großes Ideal und eine innere Beziehung zu Jesus hat, sollte sich die Frage stellen, ob sie nicht berufen ist. Denn Jesus ist wirklich absolute Liebe, er ist unüberbietbar; und wenn man diese Berufung spürt, gibt es auf der ganzen Welt kein Abenteuer, das größer wäre, als darauf einzugehen.

Gerne würde ich allen, auch den männlichen Lesern, ans Herz legen, was unser Heiliger Vater Papst Benedikt XVI. den deutschsprachigen Pilgern während einer Generalaudienz als Grußwort mitgegeben hat: dass wir die Sakramente der Umgestaltung in Christus empfangen sollten, damit in Wahrheit Vereinigung geschieht, mit Gott, mit den Nächsten und … mit uns selber.

Heutzutage gibt es scheinbar nicht mehr so viele Ordensberufungen – haben Sie ein Rezept, wie sich das ändern könnte?
Das Wichtigste, um diese verschütteten Berufungen zu bergen, ist das Gebet. Wir müssen Jesus bitten, dass er sich die Seelen holt, die er erwählt hat. Das wäre viel wichtiger als jeder „Dialog“ und alles kluge Reden. Wir müssen zu Jesus gehen und ihn bitten. Er ist doch nicht dumm, er hört uns! Das ist die große Antwort: „Haltet Anbetung, und die Berufungen werden kommen.“ Denn es gibt viele Berufungen und es wird immer mehr geben.

Wir stehen in einer Zeit ungeheuren Aufbruchs, aber damit dieser Aufbruch auch in Deutschland gelingt, müssen wir ihn kräftig durchbeten und darauf vertrauen. Denn eines steht fest: Der Herr hat das letzte Wort.

15.Mrz 2012 10:01 · aktualisiert: 12.Dez 2012 16:44
KIN / S. Stein