Seine Oma lehrte ihn beten

Ein Seminarist aus Aserbaidschan studiert in Sankt Petersburg

Gruppenfoto mit Seminaristen aus Sankt Petersburg.

Gruppenfoto mit Seminaristen aus Sankt Petersburg.

Nichts in seiner Biografie wies darauf hin, dass David eines Tages den Weg zum Priestertum gehen würde. Sein Vater ist kein Christ, seine Mutter getauft, aber nicht gläubig. Heute ist der 29-jährige Aserbaidschaner Seminarist in Sankt Petersburg.

Nur 400 Katholiken leben in Aserbaidschan. Die meisten von ihnen sind Ausländer. Nur ein Bruchteil stammt aus dem mehrheitlich muslimischen Land.

“Einer von ihnen bin ich”, sagt David stolz. Das Vaterunser kannte er schon als Kind. Seine Oma hatte es ihm beigebracht. “Sie war eine sehr gläubige Frau”, erzählt er. Nur sie sprach mit ihm über Gott.

Damals las er am liebsten in seiner Kinderbibel. Eine katholische Kirche besuchte er erst viele Jahre später, als in Baku mehr als ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das erste katholische Gotteshaus erbaut wurde. Als er sich 2003 katholisch taufen lässt, sind seine Eltern entsetzt. “Sie haben sehr negativ reagiert, regelrecht aggressiv”, sagt er. Auch seine Freunde nehmen diese Entscheidung kühl auf. Bis heute wird ihm sein Weg nicht leicht gemacht.

Schon vor seiner Taufe interessiert er sich für das Leben von Mönchen und Priestern. Er verschlingt Bücher zu diesem Thema und befragt die Salesianerpatres in seiner Pfarrei mit entnervender Hartnäckigkeit. Aber so richtig erfährt er nicht, wie und warum jemand berufen ist. Heute weiß er: “Es gibt darauf gar keine konkrete Antwort. Eines Tages erkennst du einfach, dass Gott dich ruft.”

Priesterseminar in Sankt Petersburg.

Das Priesterseminar in Sankt Petersburg.

Er selbst erkennt den Ruf Gottes auf einer Reise nach Belgien. Vom öffentlichen Bus aus erblickt er plötzlich eine riesige Statue der Muttergottes mit dem Jesuskind auf dem Arm. Es berührt ihn und er weiß nicht, wie ihm geschieht: An der nächsten Haltestelle springt er aus dem Bus, ohne zu wissen, wo er überhaupt ist. Er geht in Richtung der Statue und kommt im Hof eines alten, großen Gebäudes an. An alle Türen klopft er, aber sie sind verschlossen. Nur eine kleine Pforte steht offen.

Dort tritt er ein. Sie führt zu einer alten Kapelle. Vor dem Tabernakel brennt das Ewige Licht. David kniet nieder und betet so leicht und innig wie nie zuvor. Tränen laufen über sein Gesicht. Als er nach langem Gebet die Kapelle verlässt, begegnet er einem alten Mann in einer Mönchskutte. Ihm erzählt er alles, was er erlebt hat. “In diesem 700 Jahre alten Kloster erkannte ich, dass Gott mich gerufen hat, alles zu verlassen und mein ganzes Leben Ihm zu weihen.”

Das Seminar wurde 1995 wiedereröffnet

Heute bereitet er sich im Priesterseminar von Sankt Petersburg auf die Priesterweihe vor. 1918 wurde das Seminar von den Kommunisten enteignet. Viele Priester wurden verhaftet, einige gingen ins Ausland. Erst 1995 wurde in Sankt Petersburg endlich das katholische Seminar wiedereröffnet.

So wie David haben auch Igor, Denis, Ivan, Orentas und Daniil und andere den Ruf Gottes verspürt. Jeder hat seine eigene Lebensgeschichte. Jeder stammt aus einem anderen Teil der ehemaligen Sowjetunion. Zusammengeführt hat sie das Bewusstsein, zum Priester berufen zu sein. Erklären kann man es nicht. Aber erleben kann man es im Seminar “Maria – Königin der Apostel” in Sankt Petersburg.

23.Apr 2012 17:23 · aktualisiert: 23.Apr 2012 17:25
KIN / S. Stein