“Die Straßen Arabiens sind muslimisch geprägt”

Im Gespräch mit Erzbischof Maroun Lahham, Patriarchalvikar für Jordanien

Erzbischof Maroun Lahham, Patriarchalvikar für Jordanien. Quelle: Picasa, Mounir Hodaly.

Erzbischof Maroun Lahham, Patriarchalvikar für Jordanien (Quelle: Picasa, Mounir Hodaly).

Jordanien gilt als ein Land, das seinen Bürgern Religionsfreiheit gewährt. Christen und Muslime leben friedlich zusammen. Aber auch in Jordanien wächst in Folge des „Arabischen Frühlings“ die Sympathie für islamische Bewegungen wie die Muslimbruderschaft.

Oliver Maksan, Nahost-Korrespondent von KIRCHE IN NOT, sprach darüber mit Erzbischof Maroun Lahham. Er ist seit Januar 2012 Patriarchalvikar für Jordanien.

Eure Exzellenz, Sie sind noch nicht lange in Jordanien. Verglichen mit anderen arabischen Ländern: Ist Jordanien tatsächlich eine Oase der Glaubensfreiheit für Christen, wie es überall heißt?
Es ist beinahe eine Oase. Als Christen haben wir hier keine Probleme mit unseren muslimischen Brüdern. Jordanien wurde schon immer als große Familie beschrieben. Das ist es wirklich. Abgesehen von kleinen fundamentalistischen Gruppen ist die Mehrheit der jordanischen Muslime gemäßigt. Aber es gibt Probleme, wenn es um die Gewissensfreiheit geht. Es ist ein elementares Menschenrecht, seine Religion zu wählen oder gar keine zu wählen.

Und dieses Recht existiert in Jordanien noch nicht?
Nein. Wir haben die Freiheit der Religionsausübung, was sehr wichtig ist. Aber die Ausübung der eigenen Religion ist nur ein Teil der Religionsfreiheit. Gewissensfreiheit würde gestatten, vom Islam zum Christentum zu konvertieren. Das ist in Jordanien verboten. Wir bitten mit allem Respekt um diese Freiheit und bemühen uns, die Behörden von ihrer Bedeutung zu überzeugen.

Mit wem sprechen Sie über diese Themen?
Im Allgemeinen sprechen wir mit der Regierung. Aber es gibt auch inoffizielle Gelegenheiten zum Dialog mit den muslimischen Organisationen. Sie sind keine Entscheidungsträger, aber sie hören zu – wenn auch die Einstellung sich nur sehr langsam verändert. Aber auf rechtlicher Ebene müssen wir uns an die Regierung wenden.

Jordanien: Christen bei einem Gottesdienst in der Hauptstadt Amman.

Jordanien: Christen bei einem Gottesdienst in der Hauptstadt Amman.

Ein prominentes Mitglied der jordanischen Königsfamilie, Prinz Hassan bin Talal, ist bekannt für seine Unterstützung eines toleranten Islams. Befürwortet er Ihre Ideen?
Der Prinz persönlich ja. Er ist ein brillanter und äußerst gebildeter Mensch. Aber es ist nicht genug, den Prinzen oder sogar den König zu überzeugen. Das ist nicht das Problem. Die Scharia erlaubt weder, zu konvertieren, noch lässt sie die Hochzeit einer muslimischen Frau mit einem christlichen Mann zu. Die Straßen Arabiens sind also durch und durch muslimisch geprägt. Aber Sie haben Recht: Es muss bei den Angehörigen der muslimischen Elite und Intellektuellen beginnen.

Zurzeit bereitet Jordanien ein neues Wahlgesetz vor, das Christen und anderen Minderheiten mehr Sitze im Parlament zugesteht. Es gibt also leichte Veränderungen zum Vorteil der Christen.
Ja, wir hatten neun von 110 Sitzen, nun werden wir zehn haben. Aber das ist zweifelsohne eine Verbesserung und stärkt sicherlich die Position der Christen in der Politik. Und es gibt einen weiteren positiven Effekt des neuen Gesetzes. Da es in erster Linie gegen die Muslimbruderschaft gerichtet ist, schränkt es deren Einfluss im Parlament ein. Demzufolge kann sie ihren Willen in Jordanien nicht diktieren, wie dies ihre Abgeordneten in Ägypten tun.

Blick auf Amman. Im Hintergrund der 126 Meter hohe Fahnenmast mit jordanischer Flagge.

Blick auf Amman. Im Hintergrund der 126 Meter hohe Fahnenmast mit jordanischer Flagge.

Aber die Notwendigkeit dieses neuen Gesetzes zeigt doch, dass es unter den einfachen Menschen hier in Jordanien zunehmende Sympathien für die Muslimbruderschaft gibt.
Wie ich bereits sagte, auf den Straßen Arabiens wird muslimisch gedacht. Zweitens bewundern die Menschen die islamischen Bewegungen, weil sie in der arabischen Welt immer verfolgt wurden. Das ist eine Quelle der Anerkennung. Drittens waren sie, die seit Jahrzehnten existieren, die einzigen politischen Parteien nach dem sogenannten “Arabischen Frühling”, die gut organisiert waren. So bekamen sie einen gewissen Einfluss auf die öffentliche Meinung, weshalb sie beispielsweise in Ägypten so stark wurden.

Und hier in Jordanien? Rechnen Sie damit, dass sie größere Mehrheiten gewinnen?
Nicht mit diesen neuen Vorschriften. Wären die Wahlen allerdings absolut frei und offen, würden sie auch im jordanischen Volk eine Mehrheit erzielen. Aber ich habe keine Angst vor ihnen. Wenn sie erst regieren, müssen sie moderater werden. Wir sehen das in Tunesien.

Außerdem wird ihre Schwäche in Wirtschaftsdingen sehr schnell sichtbar werden. Arabische Gesellschaften brauchen wirtschaftliche Entwicklung. Die Fundamentalisten hingegen sind nur gut in der Sozialfürsorge – aber nicht in Ökonomie. Ihre Anziehungskraft auf die Menschen wird sich also schon nach einer kurzen Zeit in der Regierung abschwächen.

11.Mai 2012 10:20 · aktualisiert: 11.Mai 2012 14:38
KIN / T. Waitzmann