Eine unstillbare Sehnsucht

Fünftes Porträt in unserer Reihe über Ordensschwestern

Schwester Maria Maier.

Schwester Maria Maier.

Jeden Monat veröffentlichen wir auf unserer Internetseite Gespräche mit Ordensfrauen. Darin berichten sie von ihrer Berufung, über ihre Arbeit und persönlichen Gotteserfahrungen.

Alle Porträts stellen wir abschließend in einem Buch zusammen. Dieses wird voraussichtlich Mitte 2012 herauskommen. Im Internet veröffentlichen wir nur eine verkürzte Version der Porträts.

Diesmal stellen wir Ihnen Schwester Maria Maier vor. Sie lebt im Dominikanerinnenkloster St. Peter in Bludenz (Diözese Feldkirch in Österreich) und ist neben vielen handwerklichen Tätigkeiten auch in der Kinder- und Jugendarbeit engagiert. Die Fragen stellte André Stiefenhofer.

Wann haben Sie den Ruf Gottes zum ersten Mal gehört?
Ich bin in einer katholischen Familie aufgewachsen. Meine Mutter war Inderin, mein Vater Schweizer. Wir waren insgesamt fünf Kinder und wurden katholisch erzogen, das heißt, wir sind jeden Sonntag und später auch jeden Herz-Jesu-Freitag in die Messe gegangen. Aus diesem Umfeld kam ich das erste Mal heraus, als ich nach der Schulzeit als Au-Pair-Mädchen nach Genf gezogen bin.

In dieser Zeit habe ich meinen eigenen Glaubensweg gesucht. Das sah zunächst einmal so aus, dass ich nicht mehr regelmäßig in die heilige Messe ging. Aber ich habe schnell gemerkt, dass es mir nicht gut tat, wenn ich von der heiligen Messe fernblieb. Diesem Gefühl, dass es mir nicht gut ging, wollte ich auf den Grund gehen: War das nur ein schlechtes Gewissen oder steckte mehr dahinter?

Familiärer Zwang konnte es nicht sein, denn mein Vater hatte nicht gewusst, dass ich nicht in die Messe gehe. Es musste also tiefere Gründe haben. Lange habe ich es nicht ausgehalten und ging wieder regelmäßig in die heilige Messe. Mit diesem Entschluss hat für mich eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus begonnen.

Als ich 18 Jahre alt war, wurde ich von einem Pater zu einer Wallfahrt nach Lanciano, Loreto und Assisi eingeladen. Bei dieser Italien-Wallfahrt waren 150 Jugendliche aus der Schweiz, Österreich und Deutschland dabei. Es war das erste Mal, dass ich ohne meine Eltern in die Ferien gefahren bin. Diese Wallfahrt hat etwas in mir verändert: Ich hatte nämlich vorher immer gedacht, Religion sei nur etwas für eine kleine Gruppe von Leuten, für die ganz Braven sozusagen, und ich wollte doch einfach nur “normal” sein.

Schwester Maria mit Kindern und Mitschwestern.

Schwester Maria (links) mit Kindern und Mitschwestern.

Auf dieser Wallfahrt habe ich gemerkt, dass das alles ganz normale Jugendliche waren. Klar, wir unterhielten uns viel über den Glauben, aber wir hatten es auch lustig. Es war für mich eine große Freude, zu erfahren, dass der Glauben für alle da ist. Er ist ein Angebot, das Freude schenkt. Das wurde mir auf dieser Fahrt bewusst, und es hat dazu beigetragen, dass meine Beziehung zu Jesus immer stärker gewachsen ist.

Danach bin ich auch mal vor der Arbeit in die Frühmesse gegangen, weil ich gemerkt habe, dass ich den Tag auf diese Weise ganz anders beginnen kann und im Alltag viel aufgeräumter bin. Ich war wie verliebt. Damals fuhr ich täglich eine halbe Stunde mit dem Zug nach Hause und habe vom Bahnhof aus oft noch einen Umweg gemacht, um mich in eine Kapelle zu setzen und ein Lied zu singen, bevor ich wieder weitergegangen bin. Das hat mich glücklich gemacht.

Eine Weile blieb das so, und ich ging ganz normal zur Arbeit. Doch an einem Herz-Jesu-Freitag wurde ich plötzlich ganz persönlich berührt, direkt von Gott angesprochen. Das war wohl der Moment, in dem Gott mich rief und meine Berufung erstmals offenbar wurde.

“Ich möchte mich Dir auch schenken!”

Ich war in der heiligen Messe ganz normal zur Kommunion gegangen, doch erst anschließend in der Anbetung wurde mir bewusst, wie unglaublich stark Jesus mich liebt: Er schenkt sich mir in der Kommunion hin, mit einem großen Vorschuss an Liebe und Vertrauen — egal, ob ich seinen Leib mit einer tiefen Sehnsucht empfange, oder ob mir gar nicht bewusst ist, was da geschieht, ob ich die Kommunion “einfach nur so” empfange, weil alle es tun.

Diese bedingungslose Liebe wurde mir so tief bewusst, dass ich richtig weinen musste. So im Innersten berührt von dieser tiefen Liebe war ich, dass ich Jesus in diesem Moment sagte: “Ich möchte mich Dir auch schenken!”

Dieser kurze Moment, diese Zusage blieb aber zunächst ohne Konsequenzen. Ich habe ganz normal weitergearbeitet und mir war noch nicht bewusst, dass ich ins Kloster gehen sollte. Es war zunächst ein innerliches Erlebnis.

Sie haben erzählt, dass Sie eine “persönliche Beziehung” zu Gott haben. Wie kann so eine Beziehung zu jemandem funktionieren, den man nicht sehen kann?
Ich weiß aber doch, dass er da ist. Schon beim Aufstehen habe ich immer eine solche Freude gespürt. Wenn ich in die heilige Messe gegangen bin, wusste ich, dass ich IHN jetzt besuche. Und auch er ist zu mir gekommen und hat mich “besucht”. Es ist schwer, das jemandem zu beschreiben, man muss es erleben. Ich habe nie eine Stimme gehört oder dergleichen.

Aber ich hatte das tiefe Bewusstsein, dass Gott lebendig ist. Denn auch wenn ich ihn nicht sehen konnte – beziehungsweise nur verborgen in der Hostie – sagte mir schon die Logik, dass er da sein muss. Denn wie kann mich etwas aufbauen und fröhlich stimmen, das überhaupt nicht existiert?

Wann genau hatten Sie schließlich den Impuls, ins Kloster zu gehen?
Der erste Impuls wurde mir erst später bewusst. In der Anbetung, während der ich mein Berufungserlebnis hatte, saß auch eine ehemalige Schulkollegin. Sie saß zwischen zwei Ordensfrauen. In diesem Moment ging mir plötzlich auf – und das hat mich beinahe erschreckt –, dass eine junge Frau ins Kloster gehen könnte. Obwohl das im Fall meiner Schulkollegin nicht passiert ist; sie hat später einen Schweizergardisten geheiratet.

Doch ihr Vorbild, wie sie zwischen den beiden Ordensfrauen saß, hat bei mir zum ersten Mal zu dem Gedanken geführt, dass die Ordensberufung auch für mich ein Weg sein könne. Vorher hätte ich nie an so etwas gedacht, denn ich hatte die Vorstellung, dass es nur ältere Ordensschwestern gibt. Irgendwie hatte ich gedacht, dass nur solche in den Orden gehen, die keinen Mann gefunden haben, oder solche, die tief enttäuscht wurden in ihrem Leben. Als ich diese junge Frau zwischen den Ordensfrauen sah, kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass das auch ein Weg für mich sein könnte.

Schwester Maria beim Harfespielen.

Schwester Maria beim Harfespielen.

Wie sind Sie schließlich auf den Dominikanerorden gekommen?
Ich hatte nach meinem Berufungserlebnis zunächst mit niemandem darüber gesprochen und auch noch nicht die konkrete Idee, ins Kloster zu gehen. Zunächst wusste ich nur, dass ich Jesus gern habe und ihm folgen will. Zunächst bin ich also weiter arbeiten gegangen.

Voran ging es erst wieder, als ich für längere Zeit regelmäßig bei meiner Tante übernachtet habe. Sie lebte alleine, und ich hatte als Auszubildende ein Zimmer in der Kindertagesstätte, in der ich arbeitete. Das hatte zur Konsequenz, dass ich eigentlich fast nie aus dem Haus kam. Daher war es mir ganz willkommen, drei Tage in der Woche bei meiner Tante zu verbringen.

Eines Tages sagte sie, dass ich, wenn ich einmal heirate, ihr Haus übernehmen könnte. Als ich das hörte, kam ich ins Grübeln und fragte mich: Werde ich überhaupt heiraten? Wieder habe ich innerlich gespürt, dass das wohl nicht der Fall sein wird, obwohl ich noch jung war. Damals war ich ja erst 20 Jahre alt. Auch das Haus zu übernehmen, war überhaupt nicht mein Wunsch. Damit hätte ich mich viel zu gebunden gefühlt. Also sagte ich zu meiner Tante: “Du, Cäcilia, ich glaube, ich gehe ins Kloster!”

Danach war erst einmal Stille. Ich war selber erschrocken, dass das jetzt so konkret ausgesprochen war. Meine Tante war zunächst zwar ganz still, aber dann hat sie sehr gut reagiert und gesagt: “Weißt Du was? Geh doch einfach mal in ein Kloster und schau, ob das etwas für Dich ist.” Sie hat mir dann einige Klöster aufgezählt, die sie von Ferienaufenthalten kannte und immer kommentiert, was sie an den einzelnen Klöstern gut findet.

Schwester Maria ist gerne mit Kindern und Jugendlichen zusammen.

Schwester Maria ist gerne mit Kindern und Jugendlichen zusammen.

Angesprochen hat mich schließlich die Beschreibung: “In dem Kloster sind die Schwestern so fröhlich.” Das war das Kloster Cazis in Graubünden, also habe ich dort einmal über Ostern vorbeigeschaut. Während dieser Zeit durfte ich auch mit einer Novizin sprechen und habe mich sofort wohlgefühlt.

Von der Liturgie her war es eine sehr dichte und eindrückliche Zeit. Selten habe ich Ostern so bewusst erlebt, die Freude beim “Gloria” in der Osternacht so sehr gespürt. Um meinen Eindruck aber nicht nur von diesem festlichen Erlebnis abhängig zu machen, habe ich einen Monat später noch einmal einen Termin im Kloster ausgemacht, um den Alltag kennen zu lernen und dort in der Näherei mitzuarbeiten.

Nach diesem zweiten Termin ging alles recht schnell, obwohl ich es eigentlich gar nicht so eilig gehabt hätte. Ich war zu diesem Zeitpunkt im vierten Jahr meiner Ausbildung zur Kleinkinderzieherin, also fast fertig. Die Novizenmeisterin hat mich gefragt, ob ich noch etwas vorhabe nach dem Abschluss. Das hatte ich nicht, und sie fragte mich geradeheraus, ob ich eintreten möchte. Da habe ich “ja” gesagt. Sie hat vorgeschlagen, dass ich an meinem Namenstag eintreten könne.

Das war der 12. September 1993, was mir gerade mal noch einen Monat Zeit ließ. Das hat mir schon zu denken gegeben, vor allem, da ich in der Kindertagesstätte schon mündlich zugesichert hatte, nach meiner Lehre eine Gruppe als Leiterin zu übernehmen. Mein Beruf hat mir sehr gut gefallen, aber andererseits hatte ich mir ja immer schon etwas anderes gewünscht, etwas, wo ich mehr Hingabe leben kann.

Ich hatte in mir eine unstillbare Sehnsucht und natürlich auch schon andere Pläne, wie ich diese Sehnsucht außerhalb des Klosters stillen könnte. Zum Beispiel hatte ich mir vorgestellt, dass ich nach Lissabon in ein Waisenhaus gehen könnte. Aber da kam dann das Kloster dazwischen. Ich musste mir die Frage stellen: Habe ich die Gnade noch, das Kloster aufzuschieben und erst noch etwas anderes zu machen? Und da musste ich mir antworten: Nein, Gott hat mich so geleitet, wieso zögere ich noch, wieso schiebe ich es noch hinaus, wenn mir klar ist, dass ich ganz für ihn leben möchte? Also bin ich in den Orden eingetreten.

Aber noch am Eintrittstag hatte ich Zweifel: Machst du jetzt das Richtige, oder ist das total daneben? Darum hatte ich mit Jesus ausgemacht, dass er mich aufhalten soll, wenn das nicht das Richtige ist: Den Zug ausfallen lassen, ein Hindernis auf der Strecke, irgendetwas. Für Gott wäre das doch eine Kleinigkeit gewesen! Aber es ging alles reibungslos, also habe ich gedacht: Gut, dann muss es sein.

Und wurde Ihre Sehnsucht gestillt?

Dominikanerschwestern in Vietnam.

Dominikanerschwestern in Vietnam.

Im Großen und Ganzen schon, aber teilweise habe ich sie immer noch. Denn es geht doch immer ein Stück mehr. Ich war immer zufrieden im Orden. Gerade für das Noviziat bin ich sehr dankbar, weil ich mich dort erst richtig kennen gelernt habe.

Zum Beispiel habe ich zu Beginn die Stille nicht so gut ausgehalten. Weil im Kloster alles so still war, bin ich anfangs oft ins Klavierzimmer gegangen, um Musik zu machen – obwohl ich noch nicht einmal Klavier spielen konnte.

Einmal bin ich auch “ausgebrochen”. Nicht äußerlich, weil wir ja sowieso zum Spazierengehen oder für unsere Dienste an den Nächsten das Kloster verlassen durften, sondern innerlich. Ich habe zu mir gesagt: “Jetzt breche ich aus” und bin dann einfach quer über die Wiese gerannt, mitten durch den Schnee.

Es war für mich wichtig, mein Bild davon, wie eine Schwester zu sein hat, über Bord zu werfen und dadurch zu merken: Nein, ich muss einfach ganz ich selber werden. Ich darf ich selber sein. Vielleicht war das meine Sehnsucht: Ich wollte immer ich selbst sein, ohne zu wissen, wer ich eigentlich bin oder was zu mir gehört.

Mussten Sie nach Ihrem Ordenseintritt noch um Ihre Berufung kämpfen?
Es gab schon Kämpfe und zwar meistens dann, wenn es nicht so lief, wie ich mir das vorgestellt hatte. Zum Beispiel in den Exerzitien, die ich als Vorbereitung auf meine erste Profess, meine Gelübde absolviert habe: Da war einfach nichts, einfach nur Leere. Ich musste viel lernen über das Loslassen und das Mich-überlassen an Gott. Und irgendwann hatte ich dann gar nichts mehr in der Hand.

In meiner Verzweiflung habe ich in dieser Situation geweint und eine Bibelstelle gezogen. Es war eine Stelle aus dem Korintherbrief, in der es heißt: „Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit“ (2 Kor 12,9). Ich muss also nichts leisten, um geliebt zu sein.

Zuerst steht Gottes Liebe, erst danach komme ich mit meinen Gaben, die er mir geschenkt hat. Ich hatte meine Arbeit eigentlich immer gern gemacht, wollte aber stets Rekorde aufstellen, wie zum Beispiel die Kleidung für 50 Schwestern am schnellsten bügeln. Hier musste ich lernen, dass im Orden nicht das Leistungsprinzip herrscht. Hier geht es um das tiefe Bewusstsein, dass ich geliebt bin und diese Liebe mit meinen Gaben weiterschenken kann.

Glauben Sie, dass Ihre eigene Berufung “erbetet” wurde?
Ja, daran glaube ich ganz fest. Ich weiß zwar nicht, von wem meine Berufung erbetet wurde, aber in meiner Familie wurden wir in einer großen Tragödie im Gebet getragen. Meine Mutter hat sich das Leben genommen, und mein Vater stand plötzlich mit fünf Kindern alleine da. Diese Tatsache war allen in unserem Umfeld bewusst. Ich bin mir darum sicher, dass viele Menschen für uns gebetet haben. Besonders in Erinnerung sind mir da meine Großmutter und meine Tante, die sehr für Berufungen gebetet haben.

“Darum mag ich die Anbetung auch so sehr, weil ER dort greifbar wird und einfach da ist. JESUS setzt sich mir aus, und ich setze mich IHM aus (Schwester Maria).” (Foto: Priesterseminar Sankt Georgen/Chr. Bremer).

Wie würden Sie Ihre Spiritualität beschreiben – was hält Sie geistlich am Leben?
Das ist sicherlich die persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Ein dominikanischer Leitsatz lautet: “Contemplari et contemplata aliis tradere.” Frei übersetzt: Das Wort Gottes betrachten, und das Betrachtete weiterschenken an die Menschen. Unsere Gemeinschaftsberufung ist in dem Satz aus dem Buch des Propheten Jesaja 12,3 ausgedrückt: “Ihr werdet Wasser schöpfen voll Freude aus den Quellen des Heils.”

Darum mag ich die Anbetung auch so sehr, weil ER dort greifbar wird und “einfach da” ist. JESUS setzt sich mir aus, und ich setze mich IHM aus. Dabei kann die Beziehung vertieft werden, ohne dass sie durch das ganze Tun behindert wird. Wenn man zu viel macht, läuft man Gefahr, die Beziehung zu Gott nicht mehr zu pflegen.

Darum ist das gemeinsame Stundengebet so wichtig, das den Tagesablauf gewollt unterbricht, oder die Bibelbetrachtung, in der ich mich ganz auf sein Wort einlasse. Wir haben im Kloster Schweigezeiten, damit wir ganz konzentriert mit Jesus in Kontakt sein können, und so offen werden für den Anruf Gottes, für das Heil der Menschen zu leben.

Sie arbeiten viel mit Jugendlichen zusammen. Wie schaffen Sie es, diese geistlichen Grundlagen lebendig zu vermitteln?
Meiner Erfahrung nach sind die Jugendlichen sehr sensibel für Echtheit und Ehrlichkeit. Das bedeutet, wenn ich meine persönliche Beziehung zu Christus lebe, muss ich mich nicht anstrengen und große Worte machen. Aber ich muss bereit sein, Rede und Antwort zu geben, wenn sie danach fragen.

Welche Vorbilder haben Sie?
Den heiligen Dominikus, von dem es heißt: “Seine Liebe brannte für das Heil der Seelen.” Dieses “innere Brennen” zieht mich sehr an, ebenso wie seine Fröhlichkeit, seine Heiterkeit, wegen der er oft mit einem Stern über dem Kopf dargestellt wird. In den Nächten dagegen hat er geweint für die Menschen, von denen er nicht wusste, wie sie zu Gott finden sollten.

Wie wirken Sie in Ihrer Arbeit für “das Heil der Seelen”?

Töpfern ist eines ihrer Hobbys.

Töpfern ist eines ihrer Hobbys.

Eigentlich kann ich dafür so gut wie alles einsetzen, wenn ich dieses Ziel vor Augen habe. Zum Beispiel kann ich etwas aufopfern, das ich nicht gerne mache, wie zum Beispiel die Zimmer zu putzen. Ich sage dann zu Gott: Schau, all das gebe ich dir für diesen oder jenen konkreten Menschen, von dem ich weiß, dass er das Gebet braucht.

Das Schöne daran ist, dass die Fürbitte bei Gott nie zu spät dran ist. Wenn ich zum Beispiel einmal völlig in der Arbeit aufgegangen bin und gar nicht an das “Heil der Seelen” gedacht habe, kann ich am Abend dennoch alles Gott geben, was ich an diesem Tag getan habe. Das funktioniert übrigens auch im Voraus; wenn ich schon am Morgen diesen Tag, mit allem was auf mich zukommt, Gott schenke. Ich bin davon überzeugt, dass ER es fruchtbar machen kann.

Ich darf die Frohe Botschaft auch durch das modellieren von biblischen Figuren, die Ikonen oder durch die Leitung von Erstkommunion- oder Firmgruppen zu den Menschen bringen. Das Heil der Seelen bewirkt aber Gott. Ich kann IHN einfach immer wieder darum bitten.

Arbeit und Gebet fließen also ineinander, aber wie halten Sie die Balance? Kommt es nicht vor, dass Sie eigentlich lieber Ihre Arbeit zu Ende machen wollen, aber in die Gebetszeit müssen?
Doch natürlich. Es fällt mir manchmal schwer, pünktlich wegzukommen. Die Arbeit liegen zu lassen, kostet mich schon eine ganze Menge – auch wenn ich sie für das Gebet liegen lassen muss. Einerseits ist es schön, immer wieder unterbrochen und daran erinnert zu werden, dass wir das alles für Gott tun, um mit ihm in Beziehung zu bleiben. Aber ich muss schon sagen, dass mir das schwer fällt, da bin ich ganz ehrlich.

Wenn Sie sich im Geiste unter Ihren Mitschwestern umschauen: Was für eine Art Mensch wird überhaupt Ordensfrau — gibt es da eine allgemeine Beschreibung?
Nein! Das würde ich ganz schlimm finden, wenn es so etwas gäbe, wenn nur eine bestimmte Art Mensch Berufung leben könnte. Ich bin völlig gegen solch ein Schema. Denn diese Vorstellung hatte ich ja früher: Nur eine bestimmte Art von Menschen geht ins Kloster oder ist religiös. Aber Berufung ist etwas für jeden Menschen, und jeder hat eine Berufung.

Wenn ich mich unter meinen Mitschwestern umsehe, dann erkenne ich, dass wir schon von den Typen her so verschieden sind, dass das überhaupt nicht funktionieren könnte, wenn Jesus nicht in der Mitte wäre. Gleiches gilt für die Vielfalt der Orden in der Kirche.

Auf dem Weg zur Katechese: Dominikanerschwestern der Diözese Thai-Binh (Vietnam) auf Motorrollern, die durch Wohltäter von KIRCHE IN NOT finanziert wurden.

Hat sich Ihr Bild von dem, wie eine Ordensfrau zu leben hat, im Laufe der Zeit geändert?
Schon, denn ich hatte am Anfang das Gefühl, dass man als Ordensfrau einfach nur noch brav sein muss. Aber mit der Zeit habe ich mehr und mehr gemerkt, dass Gott von uns nicht verlangt, “wie” jemand zu sein. Er hat keine Vorstellung davon, wie eine Ordensfrau zu sein hat. Wir sollen einfach echt sein.

Gott hat uns ganz verschiedene Fähigkeiten und Gaben geschenkt und es macht ihm Freude, wenn wir einfach so sind, wie er uns gedacht hat. Wir sollen wahr sein. Das steht auch im Wappen des heiligen Dominikus: “Veritas”, die Wahrheit, die Echtheit, das ist mir wichtig. Wir müssen ehrlich sein zu uns selber, zu Gott und zu den Mitmenschen.

Was würden Sie als Ihr “Wahr-sein” bezeichnen — was ist Ihr Charisma?
Es fällt mir nicht leicht, da etwas zu benennen, denn ich mache viele Dinge sehr gerne: Musik, Ikonen malen, töpfern, mich mit Jugendlichen unterhalten – all das sind meine Talente. Viele sagen mir aber vor allem, dass ich Freude gut weitergeben kann.

Das ist auf jeden Fall etwas, das ich nicht “machen” muss, sondern das ich einfach geschenkt bekommen habe. Sogar wenn es mir nicht gut ging, haben mir Menschen gesagt, ich würde “strahlen”.

Für diese Freude muss ich mich also nicht anstrengen und ich vermittle sie offensichtlich auch dann, wenn ich gerade nicht froh bin. Das freut mich natürlich, wenn ich Menschen dadurch aufbauen kann und so vielleicht etwas von Gottes Freude sichtbar wird.

Mit welchen Worten würden Sie jungen Frauen Appetit auf die Berufung als Ordensfrau machen?
Ich würde sagen: “Wenn Du Dich nach dem Sinn des Lebens fragst, kann ich Dir sagen: Für andere sein ganzes Leben hinzugeben, macht glücklich.” Es ist einfach so, dass es mich glücklicher macht, zu geben, als wenn ich mir das Glück selbst nehmen muss.

Wenn ich merke, dass ich gebraucht werde und für das Heil der Seelen da sein kann, dann erfüllt mich das. Das sieht man schon daran, dass die Vorfreude auf ein Geschenk größer ist als die Freude am Geschenk selber. Ich gebe ja nichts auf, sondern ändere nur das Ziel, auf das ich zugehe: Vom Materiellen dieser Welt in das Himmelreich.

21.Mai 2012 10:28 · aktualisiert: 21.Jun 2012 16:24
KIN / S. Stein