“Kopf hoch, damit das Herz offen bleibt”

Sechstes Porträt in unserer Reihe über Ordensschwestern

Schwester Johannetta Lehmkuhl.

Schwester Johannetta Lehmkuhl.

Jeden Monat veröffentlichen wir auf unserer Internetseite Gespräche mit Ordensfrauen. Darin berichten sie von ihrer Berufung, über ihre Arbeit und persönlichen Gotteserfahrungen. Alle Porträts stellen wir abschließend in einem Buch zusammen. Im Internet veröffentlichen wir nur eine verkürzte Version der Porträts.

Diesmal stellen wir Ihnen Schwester Johannetta Lehmkuhl aus Papenburg an der Ems (Diözese Osnabrück) vor. Sie gehört dem Orden der Thuiner Franziskanerinnen an und arbeitet als Krankenschwester im mobilen Pflegedient.  Die Fragen stellte André Stiefenhofer.

Wie fing es bei Ihnen an, wann haben Sie erstmals den Ruf Gottes gespürt?
In meiner Jugendzeit. Alles fing mit einem Vikar bei uns in der Pfarrgemeinde an, der unheimlich toll predigen konnte. Jeden Sonntag war es mucksmäuschenstill in der Kirche, wenn er anfing zu sprechen. Er hat es geschafft, mein Interesse am Glauben zu wecken, denn er war bei uns auch für die Jugend zuständig; so kam ich in eine sehr lebendige Jugendarbeit.

Außerdem kann ich mich an ein Beichtgespräch mit unserem damaligen Pastor erinnern, in dem ich zum ersten Mal aussprach, dass ich mir vorstellen könnte, Schwester zu werden. Damals war ich erst 18 Jahre alt und hatte noch mehr den Hintergedanken, in die Mission zu gehen.

In den Franziskanerorden eingetreten bin ich dann erst mit 25 – es hat also bis dahin noch einiges passieren müssen, ich musste noch um meine Berufung ringen und kämpfen. Vor allem musste ich menschlich noch reifen. Ich bin also der typische Fall einer Ordensschwester, die katholisch aufgewachsen ist und später durch die Jugendarbeit immer tiefer in den Glauben hineinwuchs. Daraus hat sich dann ganz natürlich meine Berufung offenbart.

Das darf man aber nicht als Automatismus missverstehen. Ich musste viele Kämpfe mit mir austragen, bis ich so weit war, um ins Kloster zu gehen. Ordensfrau zu sein ist schließlich kein Beruf, sondern eine Berufung, und das Entscheidende war meine persönliche Begegnung mit Gott, die ich in der Jugendarbeit erlebt und später immer mehr vertieft habe. Aus dieser Begegnung heraus hat sich die Berufung ergeben, nicht aus irgendeiner Sozialisation.

Schwester Johannetta mit Kolleginnen aus dem ambulanten Pflegedienst.

Schwester Johannetta mit Kolleginnen aus dem mobilen Pflegedienst.

Wie genau ist Ihnen Gott begegnet?
Zum einen durch Menschen, durch Worte, die mich auf meinem Weg ermuntert und aufgerichtet haben. Ich erinnere mich noch heute an eine Karte, die mir einmal ein Pater geschickt hat. Darauf stand: “Den Kopf hoch halten, damit das Herz offen bleibt.”

Dieser Satz hat mich auf meinem Lebensweg und durch meine Berufung begleitet. Er hat mir geholfen, meine Niedergeschlagenheit zu überwinden, die sich hin und wieder breit gemacht hat. Bei allen Misserfolgen war es mir wichtig, den Blick auf Gott und auf das Kreuz zu wenden, damit das Leben weitergeht und man nicht nur auf sich selber zurückfällt. Denn nur der Blick auf Gott schenkt einem wieder eine neue Perspektive.

Wie sprechen Sie mit Gott?
Das hat sich im Laufe der Zeit verändert. Heute ist es so, dass ich mich vor das Kreuz stelle, meinen Blick auf ihn wende und ihm das bringe, was gerade dran ist. Dann höre ich im Inneren, was er mir gerade eingibt.

Das kann eine Bibelstelle sein. Es ist aber auch möglich, dass sich später im Alltag eine Veränderung ergibt, die sich ganz klar auf meine Bitte an Gott zurückführen lässt. Dieser Dialog mit Gott findet also auf vielfältige Art und Weise statt, meistens aber durch Schriftworte und Fügungen.

Wie sind Sie auf Ihren Orden aufmerksam geworden?

Schwester Johannetta gehört dem Orden der Thuiner Franziskanerinnen an.

Schwester Johannetta gehört dem Orden der Thuiner Franziskanerinnen an.

Die Thuiner Franziskanerinnen sind ein Orden, der bei uns im Bistum ansässig ist. Ich kam mit diesem Orden durch eine Schwester in Kontakt, die damals bei uns das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) geleitet hat. Als Kind oder in der Schule hatte ich eigentlich nie Kontakt zu Ordensfrauen, daher war diese Schwester während meines FSJ mein erster Kontakt zu einem Orden.

Später habe ich dann bei anderen Franziskanerinnen gelernt und bei Vinzentinerinnen gearbeitet. Außerdem war ich auch noch bei einer geistlichen Gemeinschaft in Süddeutschland. Aber bei all diesen anderen Stationen hat es bei mir einfach nicht “gefunkt”. Also bin ich bei den Thuiner Franziskanerinnen im Emsland geblieben.

Zum Zeitpunkt meines Eintritts hatten sich auch viele andere aus meinem Bekanntenkreis für diesen Orden interessiert, so dass ich auch etwas “mitgezogen” wurde. Im Postulat und Noviziat habe ich dann aber erst entdeckt, was das eigentlich Schöne an unserer Gemeinschaft ist.

Und was ist das?
Unsere Spiritualität! Zum Beispiel, dass wir regelmäßig die eucharistische Anbetung pflegen. In unserem Mutterhaus haben wir die Ewige Anbetung eingerichtet, und in unseren Konventen ist die Anbetung ebenfalls fest im Wochenablauf verankert.

Unsere Spiritualität ist darüber hinaus stark auf das Herz Jesu ausgerichtet, das zwei Aspekte in sich vereint: zum einen den Sühnecharakter und zum anderen, was für mich eher im Vordergrund steht, die Barmherzigkeit Gottes. Für mein persönliches Leben ist diese Barmherzigkeit entscheidend.

Hatten Sie bei Ihrer Berufung mit Gegenwind aus Ihrer Familie oder Ihrem Freundeskreis zu kämpfen?
Zu kämpfen nicht, aber die Reaktion meiner Mutter hatte mich schon überrascht. Als ich ihr eröffnet habe, dass ich in den Orden eintreten möchte, hat sie zunächst überhaupt nicht reagiert; ich war mir nicht einmal sicher, ob sie mich überhaupt verstanden hat. Aber als es dann so weit war und ich eingetreten bin, hat sie viel geweint, was mich schon getroffen hat.

Heute denke ich, dass die Tränen eher aus der Angst heraus kamen, dass ich nicht weiß, was ich tue. Meine Mutter hatte einfach Sorge, ob ich in meiner Berufung glücklich werde. Davon abgesehen gab es ein bisschen Unverständnis in meinem Bekanntenkreis. Im Laufe der Jahre, als alle gemerkt haben, dass ich zufrieden bin, konnten alle meine Entscheidung akzeptieren und erkennen, dass genau das mein Weg ist.

"Das Gebet ist wichtig, weil jede Berufung ein Geschenk Gottes ist"(Sr. Johannetta).

Glauben Sie, man kann Ordensberufungen “herabbeten”?
Nein, so automatisch geht das nicht. Natürlich ist das Gebet wichtig, weil jede Berufung ein Geschenk Gottes ist. Was ich aber immer mehr erlebe – sei es hier in unserer Gemeinschaft oder auch anderswo – ist, dass es wichtig ist, den Glauben “vorzuleben”. Es muss Vorbilder geben, sonst kommt doch niemand auf die Idee, dass er diesen Weg auch gehen könnte.

Wir müssen mit den jungen Leuten ins Gespräch kommen. Nur so erfahren wir, was in ihnen vorgeht und können ihnen Ratschläge geben. Wenn junge Menschen sehen, dass es erfahrene, geistlich lebendige Menschen gibt, mit denen sie sprechen können, und die ihnen wirklich weiterhelfen im Leben. Nur dann kommen sie auf die Idee, dass eine solche Ordensberufung auch ihr Weg sein könnte.

Welche Vorbilder hatten Sie?

Sie kümmern sich um Menschen mit Behinderung und Traumata und um Rentner: Schwestern aus dem Orden “Missionare der Nächstenliebe”, den Mutter Teresa gegründet hatte.

Schwestern aus dem Orden “Missionare der Nächstenliebe”, den Mutter Teresa gegründet hatte.

Die Ordensschwester aus meinem FSJ, die ich bereits erwähnt habe, hat mich lange auf meinem Weg begleitet und war mir sicher auch ein Vorbild. Außerdem hatte ich lange ein Bild von einer Mutter-Teresa-Schwester in meinem Zimmer, wie sie sich über einen Kranken beugt. Die gelebte Barmherzigkeit der “Missionarinnen der Nächstenliebe” war mir für meine Arbeit immer ein großes Vorbild.

Wie setzen Sie das, was Ihnen Ihre Vorbilder vermitteln, in Ihren Alltag um?
Das Stundengebet ist eine große Hilfe. Wir geginnen den Tag mit der Laudes, dem Morgenlob der Kirche. Danach heißt es für mich, die Barmherzigkeit praktisch zu leben. Ich bin Krankenschwester und arbeite im ambulanten Pflegedienst. Die Pflege kranker Menschen würde ich auch als Ausdruck meines Glaubens bezeichnen.

Nach dem Mittagessen stehen wieder das gemeinsame und das persönliche Gebet auf dem Programm sowie eine Zeit der Schriftlesung. Der Tag und die Arbeit werden also immer wieder durchbrochen durch das Gebet.

Für mich ist es eine große Hilfe, dass wir viele gemeinsame Gebetszeiten haben. Dort zieht die eine Schwester die andere mit, und man bleibt dadurch viel leichter im Rhythmus. Wenn ich alleine wäre, würde ich vielleicht öfter in Versuchung geraten, nicht mehr zu beten: Entweder weil ich zu müde wäre, oder auch einfach keine Lust hätte. Die Gemeinschaft ist da eine große Stütze.

Haben Sie eine Idee, wie man junge Leute wieder mehr für die Kirche begeistern könnte?
Seit einigen Jahren begleite ich in unserer Pfarrei eine Firmgruppe und dabei bekomme ich mit, dass die Jugendlichen, zumindest hier im Emsland, schon noch einiges über den Glauben wissen. Aber das ist für die jungen Leute, als wenn man Mathe lernt: In ihrem Leben berührt sie dieses Wissen überhaupt nicht mehr. Das hat überhaupt nichts mehr mit ihrem Alltag zu tun.

Sie sehen nicht mehr, dass hinter all den gelernten Glaubensinhalten ein lebendiger Gott steht, der ihnen etwas zu sagen hat in ihrem Leben. Ich kann hier nur hoffen, dass es sie beeindruckt, wie ich lebe, wie wir hier in der Kirche leben, dass sie dadurch vor Augen geführt bekommen, dass es Gott wirklich gibt.

Denn in den Familien erfahren sie das nicht mehr, dort wird nicht mehr gebetet, erzählen mir die Jugendlichen. Von den Eltern erleben sie wenig Glaubenspraxis.  Die Eltern sind ganz entscheidend. Wenn sie keine Glaubenspraxis haben, ist es ganz schwer.

Was ist Ihr besonderes Talent, Ihr “Charisma” in Ihrer Berufung?
Meine Arbeit mit den Kranken ist natürlich ein Talent, das mich über die Jahre geprägt hat. Ich kann mich in das Leben der Menschen einfühlen, bin in der Lage, ihre Gebrechen manchmal auch nur zu erspüren, denn viele können überhaupt nicht mehr sagen, wo es ihnen wehtut.

Ein “Charisma” bekommt man ja immer auch für den Dienst für andere. Daher ist dieses Einfühlungsvermögen sicher etwas, womit Gott mich ausgestattet hat, damit ich meine Arbeit in seinem Sinne tun kann. Das Interesse an anderen Menschen und die Kontaktfreude haben mich schon immer ausgezeichnet.

Ich habe schon früher keine Probleme damit gehabt, mit fremden Leuten umzugehen und sie anzusprechen. Es gab also immer schon Hinweise auf mein Charisma, entdeckt habe ich es aber erst in meiner Berufung.

28.Jun 2012 09:33 · aktualisiert: 3.Jul 2012 11:56
KIN / S. Stein