“Das Gebet ist wie das Atmen der Seele”

Letztes Interview unserer Gesprächsreihe mit Ordensschwestern

Schwester Maria Berthilla Heil

Schwester Maria Berthilla Heil.

Jeden Monat veröffentlichen wir auf unserer Internetseite Gespräche mit Ordensfrauen. Darin berichten sie von ihrer Berufung, über ihre Arbeit und persönlichen Gotteserfahrungen.

Alle Porträts stellen wir abschließend in einem Buch zusammen. Im Internet veröffentlichen wir nur eine verkürzte Version der Porträts.

Diesmal stellen wir Ihnen Schwester Maria Berthilla Heil OP aus dem Dominikanerinnenkloster Heilig Grab in Bamberg vor. Sie hatte schon früh den Wunsch, Ordensschwester zu werden. Die Fragen stellte André Stiefenhofer.

Wie begann Ihre Berufung?
Das ist schon viele Jahre her, denn meine Berufung fing schon früh in meinem Leben an. Zunächst war sie noch unklar und ganz still. Es wuchs mir einfach das Verlangen im Herzen, Gott ganz zu gehören. In meiner kindlichen Art habe ich damals meinen Namen entsprechend interpretiert. Ich heiße mit Mädchennamen Adelheid Heil, und das habe ich so gedeutet, dass ich “die Heiden adeln”, sie “edel machen”, sie “heiligen”, ihnen das Heil bringen soll. Dieses Bewusstsein war schon als Kind vorhanden, aber ich hatte natürlich noch keine Ahnung, wie das konkret geschehen sollte.

Wir hatten in unserer Pfarrei kein Kloster; und so hatte ich als Kind keinen Kontakt mit Ordensfrauen. Erst als ich 13 Jahre alt war, besuchte ich die Oberschule, die von den “Schwestern Unserer Lieben Frau” geleitet wurde. Das war 1946. Da ich körperlich nicht sehr robust war und einen weiten Schulweg hatte, wohnte ich bis zur Währungsreform im Internat der Schwestern.

Da hatte ich erstmals ausführlich Gelegenheit, Ordensfrauen kennen und schätzen zu lernen. Seitdem feierte ich täglich die heilige Messe mit. Die Eucharistie wurde mir in dieser Zeit wichtig und ein tragender Pfeiler für mein Leben. In mir entbrannte eine innige Liebe zum eucharistischen Heiland – der Gedanke, Schwester zu werden, lag also nahe.

Das Kloster Heilig Grab in Bamberg

Die Klosterkirche mit dem Klosteranbau in Bamberg.

Von der Pfarrei in die Schule in das Kloster – Ihr Weg klingt wie vorgegeben. War denn auch schon Ihre Familie religiös?
Ich würde sagen, sie war “bodenständig katholisch”. Das tägliche Morgen- und Abendgebet, das Tischgebet vor und nach dem Essen, der “Engel des Herrn” am Mittag, der Rosenkranz in der Fasten- und Adventszeit …, ja, das treue, regelmäßige Beten verankerte unser Leben im Glauben auf Gott hin. Das geschah ohne Druck und Zwang.

Meine Eltern hatten einen Bauernhof in Norddeutschland. Bauern wissen sich tagtäglich vom Segen Gottes abhängig. Zu den größten Gefahren gehörten für uns damals Stürme und Gewitter. Wenn ein Unwetter aufzog, zündete meine Mutter eine geweihte Kerze an und versammelte die Familie zum Rosenkranzgebet, um Unheil von unserem Hof abzuwenden.

Die Teilnahme am Werktagsgottesdienst war für uns nicht möglich. Weil wir recht weit von der Kirche entfernt wohnten, konnten wir damals nur an Sonn- und Feiertagen zur heiligen Messe gehen. Aber obwohl das jeweils eine Stunde Fußmarsch zur Kirche und wieder zurück bedeutete, war das für uns Kinder eine Selbstverständlichkeit und keiner von uns hat je darüber gemault.

Ansonsten wurde in meiner Familie nicht viel über Religion gesprochen. Meine Eltern waren einfache, gottesfürchtige Leute, die den Geboten Gottes folgten. Die Gebote des Herrn waren ein “Gesetz des Hauses”. Nach dem Krieg kamen zum Beispiel viele Bettler zu uns an den Hof; keinen hat meine Mutter mit leeren Händen weggeschickt, obwohl wir selbst nicht viel hatten.

Wer hat noch solche Prinzipien, wer pflegt noch so ein Gebetsleben wie Ihre Familie? Ist eine Berufung wie die Ihre heutzutage überhaupt noch denkbar?
Ja, das ist sehr schwierig. Wer betet heute überhaupt noch? Ich glaube, es ist für die jungen Menschen heute enorm schwer, den Weg ins Kloster zu finden. Sie sind mit ihrer Berufsausbildung und den vielen sozialen Anforderungen doch fast voll beschäftigt. Wo sollen sie da Ruhe und Stille fürs Gebet finden? Genau das ist aber unerlässlich, wenn man die Stimme Gottes hören will. Denn sie ist manchmal unglaublich leise.

Wie genau wurden Sie berufen?

Innenraum der Klosterkirche in Bamberg

Innenraum der Klosterkirche in Bamberg.

Zunächst war ich mir gar nicht sicher, dass es überhaupt Gott war, der mich rief. Obwohl mein Weg oberflächlich betrachtet ganz “logisch” erschien, war es für mich doch eine große innere Not, meine drängende Frage. Ich hatte eine hohe Meinung vom Kloster. Für mich war es ein Heiligtum, in das nur der eintreten darf, der von Gott dazu erwählt und berufen ist.

Und da war meine Frage: Wie kann ich wissen, dass ER es ist, der meine innere Sehnsucht rief, dass es nicht mein eigenes Wunschdenken war? Ich habe mit Gott um Klarheit gerungen. Nach der Schule kniete ich mich oft in meinem Zimmer hin und betete: “Wenn du es bist, lieber Gott, der mich ruft, wenn du mich im Kloster haben willst, dann bleib dran, klopfe, bis ich’s verstehe.”

Wie die meisten meiner Klassenkameradinnen war ich 21 Jahre alt, als ich das Abitur machte. Wir hatten durch den Krieg Zeit verloren und waren der erste Jahrgang, der die 13. Klasse angehängt bekam. Da stand ich also: 21 Jahre alt, aber keine Ahnung, was ich machen will. Was war in dieser Situation Gottes Wille? Wie konnte ich IHN erkennen? Ich musste nach dem Abitur eine Entscheidung treffen, wie mein Leben weitergeht.

Also begann ich zunächst meine Lehrerausbildung, weil ich mir noch zu unsicher war, was meine Berufung anging. Nach dem ersten Semester stand ein sozialpädagogisches Praktikum auf dem Plan, das ich in einem Heim der Karmeliterinnen für Kinder aus zerrütteten Familien absolvierte. Während dieser Zeit erhielt ich eine Karte von einem Dominikanerpater mit einem Spruch vom heiligen Pfarrer von Ars: “Man irrt sich nie, wenn man dem lieben Gott gibt.” Dieser Satz schlug bei mir wie ein Blitz ein. Und meine Antwort war prompt: “Dann gib!”

Wie kamen Sie zu Ihrem Orden?
Ich lernte einen bekannten Dominikanerpater kennen, mit dem ich über Ordensberufe sprechen konnte. Er erwähnte ganz nebenbei, Neustadt habe einen frohen Geist, dort würde ich sicher passen. So war mein Weg vorgezeichnet. Ich hatte zuvor weder Neustadt gesehen, noch eine Neustädter Schwester getroffen. Doch das schien mir nebensächlich, ich vertraute auf Gott.

Zur “Sicherheit” machte ich mit Gott auch noch einen Pakt. Ich sagte zu ihm: “Ich glaube, dass du mich rufst. Wenn Neustadt mich aufnimmt, werde ich es nur verlassen, wenn ich von der Obrigkeit weggeschickt werde. Alle anderen Hindernisse, die kommen können, werde ich als Versuchung erachten.”

Hat das funktioniert oder gab es in der Folge noch Kämpfe um Ihre Berufung?

So wie Pater Werenfried durfte auch Schwester Maria Berthilla Papst Johannes Paul II. treffen.

Seit dem Eintritt habe ich nie an meiner Berufung gezweifelt. Vor diesem Kreuz hat Gott mich verschont. Ich war sehr glücklich in der Gemeinschaft, habe sehr viel Gutes erlebt und empfangen. Mein Weg führte mich in weit entfernte Länder: über England nach Amerika und von da nach Rom.

Letzteres war für mich ein unerwartetes Geschenk, denn ich durfte die Weltkirche erleben und auch Papst Johannes Paul II. persönlich begegnen. In Amerika konnte ich meine Lehrerausbildung beenden und in meinem Beruf arbeiten; in Rom durfte ich ein volles Theologiestudium absolvieren.

Doch dann – ich war noch in Rom – kam ein neuer Anruf von Gott. Es war in der Karwoche, der Zeit, bewusst den Kreuzweg mit Jesus zu gehen. Tief in meinem Herzen spürte ich, dass Gott mich noch einmal rufen werde; diesmal in eine kontemplative Gemeinschaft hinein. Es werde kommen, aber noch nicht jetzt.

Ich wurde nach Deutschland zurückgerufen. Sieben Jahre vergingen. Ich war als theologische Referentin in der Jugend- und Erwachsenenbildung tätig, eine wahrhaft dominikanische Aufgabe der Verkündigung. Dann plötzlich in der Ostervigilfeier hörte ich in meinem Inneren etwas, das wie ein Hilferuf Gottes klang: “Willst du mir nicht helfen?” Auf meine Frage: “Wo soll ich helfen, Herr?” kam als Antwort ein einziges Wort: “Bamberg.”

Bamberg bedeutete für mich das Klausurkloster der Dominikanerinnen “Zum Heiligen Grab”. Ich antwortete: “Herr, wenn du es bist, musst du deutlicher mit mir reden. Sonst denke ich, die Fantasie spielt mir einen Streich.” Ich wartete, und prompt, nur fünf Wochen später, kam eine direkte Anfrage von der Priorin des Heilig-Grab-Klosters um Hilfe. Deutlicher konnte der neue Ruf nicht sein. Für mich war es wirklich schwer. Ich liebte meine Gemeinschaft und war ihr zu so viel Dank verpflichtet. Doch ich musste Abschied nehmen, um Gottes Ruf zu folgen.

Glauben Sie, man kann eigene und fremde Berufungen “erbeten”?
Ja. Das Gebet ist fundamental wichtig für das Ordensleben. Deshalb hat Jesus uns nicht nur geraten, sondern sogar befohlen, um Arbeiter für seine Ernte zu beten. Ich bin überzeugt, dass ER auch heute Menschen zur Nachfolge einlädt. Doch der Ruf verlangt eine Antwort, eine Lebensentscheidung.

Das Gebet spielt eine entscheidende Rolle, um den Ruf Gottes zu hören und anzunehmen und die Berufung dann ein Leben lang zu leben. Es hat so viele Facetten: Ich bin da vor Gott, ihn anzubeten, zu lieben, zu loben, zu ehren, ihm zu danken, ihm zuzuhören und mich von ihm führen zu lassen. Das Gebet ist Zwiesprache mit Gott, ein Verweilen vor ihm in Liebe. Nur wenn ich still und horchend vor Gott verweile, kann ich seine Weisungen und Wünsche wahrnehmen, um IHM antworten zu können.

“Das Wort Gottes und die heilige Eucharistie sind die zwei Hauptquellen meines Glaubens” (Schwester Maria Berthilla).

Wo liegen Ihre Quellen des Glaubens?
Jeden Tag deckt Gott uns den Tisch des Wortes und des Brotes. Das sind die zwei Hauptquellen meines Glaubens und geistlichen Lebens: das Wort Gottes und die heilige Eucharistie. Dazu ist der ganze Ordenstag vom Gebet strukturiert, zum Beispiel durch die Liturgie der Tagzeiten, die Gott eine Vorrangstellung in meinem Leben einräumt und eine reiche Quelle an geistlichen Anregungen enthält.

Das tägliche Rosenkranzgebet vereinigt mich mit der Muttergottes und lässt mich mit ihr die großen Geheimnisse des Glaubens betrachten und sie um ihre Fürsprache bitten – jetzt und in der Stunde unseres Todes. In der Betrachtung und im stillen Gebet kann ich ganz persönlich mein Leben vor Gott hinlegen, mich ihm darbieten und die Liebe zu ihm erneuern und festigen und mich von ihm lieben lassen.

Doch mein Gebet ist nicht auf diese festgelegten Zeiten beschränkt; es ist wie das Atmen der Seele durch viele kleine Stoßgebete und ein Wandeln in Gottes Gegenwart. Die Erfahrung der liebenden Vorsehung Gottes und die Führung des Heiligen Geistes stärken mein Gottvertrauen. Gott ist einfach da, bei mir, in mir.

Haben Sie Vorbilder?

Die Muttergottesfigur in der Wallfahrtskirche von Birkenstein.

Die Muttergottesfigur in der Wallfahrtskirche von Birkenstein.

Menschlich war meine Mutter mir wohl das beste Vorbild in ihrer hingebenden Liebe, ihrer Gerechtigkeit, ihrer Mildtätigkeit, ihrem tiefen Glauben und ihrer echten Frömmigkeit. Dazu war sie außerordentlich praktisch und rundum tüchtig und vorsorgend; sie scheute keinen Einsatz. Sie hatte eine positive Lebenseinstellung. Nie habe ich ein Jammern aus ihrem Munde gehört.

Unter den Heiligen hat die Muttergottes natürlich den ersten Platz. Ich habe sie seit dem Kindesalter sehr verehrt und mich ihrem Schutz und auch ihrer Führung ganz besonders anvertraut. Dem heiligen Josef, dem stillen und doch so starken, fürsorgenden Heiligen, empfehle ich das geistliche und materielle Wohl unserer Gemeinschaft an, besonders auch die Kranken – und alle Bauangelegenheiten.

Der heilige Dominikus, der große Liebende des Heilands und barmherzige Seelsorger, wie auch die heilige Katharina von Siena mit ihrem feurigen Liebeseifer regen mich an, die Ehre Gottes und das Heil der Seelen zu suchen und selbst ein tiefes gottverbundenes Leben zu führen und durch Wort und Beispiel Christus zu verkünden; beide ragen auch heraus in ihrer Treue zur Kirche. Auch der eucharistische Thomas von Aquin und der seeleneifrige, Geist-erfüllte und liebenswürdige Mitbruder Jordan von Sachsen sind mir Vorbild.

Die heilige Kreszentia von Kaufbeuren hat mir ein Lebensmotto geschenkt, das mich zur Ganzhingabe motiviert und mich seit dem Noviziat begleitet: “Ein halbes Opfer blutet, ein ganzes Opfer flammt!” Noch eine letzte heiligmäßige Dienerin Gottes, die für unser Kloster wichtig ist, möchte ich erwähnen als Vorbild tiefen Glaubens und heroischer Liebe: unsere gottselige Schwester Maria Columba Schonath (1730-1787). In aller Schlichtheit lehrt sie mich die gute Meinung: “Alles Gott zulieb!”

Was für ein Mensch wird Ordensfrau?
Jede Person und jede Berufung ist einzigartig. Dennoch fallen mir spontan gewisse Eigenschaften ein, die allgemein auf eine glückliche Ordensfrau zutreffen. Sie ist ganz auf Gott hin ausgerichtet, hat ihren “Schatz” gefunden und alles auf eine Karte gesetzt. Mit dem seligen Karl Leisner würde sie sagen: “Christus ist meine Leidenschaft!”

Mit ungeteiltem Herzen hängt sie ihm an. In festem Glauben, treuer Liebe und in Freude weiht sie sich Gott. Sie nährt ihr geistliches Leben aus der Kraftquelle der heiligen Eucharistie und der Heiligen Schrift, lässt sich führen vom Heiligen Geist, verehrt die Muttergottes und steht treu zur Kirche und ihrer Lehre.

Ihre Gottesliebe strahlt aus auf ihre Gemeinschaft, der sie in Liebe und tatkräftigem Einsatz hochherzig dient. Sie ist eine Frau des Evangeliums und des Gebets mit einem wachen, hörenden Herzen, sensibel für die Anregungen des Heiligen Geistes, bereit Gott und den Menschen zu dienen.

Wo sehen Sie Ihr persönliches Charisma?
“Die Freude am Herrn ist eure Stärke” (Neh 8,10), sagt Nehemia. Ja, ich glaube, dass meine Freude an Gott, mein In-Gott-Sein, mein In-Seiner-Liebe-Eingehüllt-Sein auch ein wenig auf andere überspringt und sie bereichert, tröstet, aufbaut … das könnte wohl mein “Charisma” sein.

Priesterweihe in Mexiko-Stadt.

Priesterweihe in Mexiko-Stadt.

Haben Sie sich jemals darüber geärgert, dass Sie kein Priester werden dürfen?
Nein. Das Amt des Priesters ist so zentral und wichtig in der Kirche, dass Jesus sicher Frauen geweiht hätte, wenn das in seinem Sinn gewesen wäre. Er hat die Zwölf erwählt und bevollmächtigt, in seinem Namen – in persona Christi – zu handeln und sein Opfer darzubringen, Brot und Wein zu verwandeln in seinen heiligen Leib und sein kostbares Blut und Sünden zu vergeben …

Er hatte Frauen im Gefolge als seine Jüngerinnen, was ungewöhnlich war für einen Rabbi seiner Zeit; er weihte sie nicht als Priesterinnen. Auch Maria, seine Mutter, die Heiligste und Würdigste aller Frauen, wurde nicht zur Priesterin geweiht und doch hat sie segensreicher gewirkt als jeder andere Mensch.

Was würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben, die den Gedanken an eine Ordensberufung in sich tragen? Wie würden Sie sie ermutigen?
Gib der Sehnsucht deines Herzens Raum und lösch den Geist nicht aus! Bewahre dir ein waches, hörendes Herz, und wenn du SEINEN Ruf vernimmst, dann wage das Abenteuer der Liebe und gib dich ganz! Gott wird dich nicht enttäuschen. ER lässt sich an Großmut nicht übertreffen. Mit freudiger Bereitschaft gib dich ganz, mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft; denn wie die heilige Kreszentia sagt: “Ein halbes Opfer blutet, ein ganzes Opfer flammt!”

KIN / S. Stein