Gewissenserforschung für Priester

Ein Brief eines Pfarrers über die Verantwortung des Seelsorgers

Jean-Marie Vianney, der heilige Pfarrer von Ars. (Foto: Inge Hagn).

Am 4. August ist der Gedenktag an den heiligen Pfarrer von Ars, den Patron aller Priester. Was ihn auszeichnete, war seine tiefe Haltung der Anbetung und der Ehrfurcht vor der Eucharistie.

Auch sein großes Engagement in der Seelsorge sowie die Art, wie er das Gemeindeleben seiner Pfarrei pflegte, machen ihn heute noch zum Vorbild für viele Priester. Nicht zuletzt ist seine Berufung ohne sein besonderes Charisma als Beichtvater nicht zu denken.

Bernhard Kleineidam, ein Pfarrer aus Berlin, hatte im Herbst 1998 einen Brief an seine Mitbrüder veröffentlicht, in dem er alle Priester zum Nachdenken über ihr Priesteramt und ihre Auffassung von Seelsorge auffordert. Pfarrer Kleineidam ist im Jahr 2003 gestorben.

Wir geben den Text verkürzt wieder. Die vollständige Version können Sie sich als PDF-Datei ausdrucken. Wir danken Herrn Leonhard Hoffmann für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung.

Liebe Mitbrüder!

Wenn man älter wird, kommt einem öfters der Gedanke: Vergiss nicht, an die vier letzten Dinge des Lebens zu denken, an Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Bald wirst auch du dich vor deinem Schöpfer und Erlöser verantworten müssen über all dein Denken, Reden und Tun. Er belohnt die Guten mit dem Himmel und bestraft die Bösen mit der ewigen Verdammnis in der Hölle.  Jeder muß sich entscheiden, wem er dienen will: Gott — dem, der da ist die ewige Liebe —, oder Satan — dem, der keine Liebe kennt.

Paulus sagt im Epheserbrief 5,15: “Kaufet die Zeit aus. Achtet sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt. Seid nicht töricht, sondern klug. Nutzet den rechten Augenblick, denn das Böse beherrscht die Zeit. Nutzet die Zeit aus für die Ewigkeit.” Im Epheserbrief 6,12 sagt Paulus: “Wir kämpfen nicht nur gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte und Beherrscher der Welt, die Geister der Bosheit in der Luft.”

“In allem sucht er nur seine Ehre, seine Macht, seine Anerkennung, aber nicht die Ehre Gottes.” (Bild: Fidel Castro und Hugo Chavez auf einer der zahlreichen Propaganda-Tafeln in Kuba)

Schauen wir, wie das Böse heute die Zeit beherrscht. So erleben wir, wie der Mensch in seinem Hochmut sich zum Mittelpunkt der Welt, ja, zum Maßstab aller Dinge macht. Er glaubt, mit Wissenschaft und Technik aus eigener Kraft der Welt das Heil bringen zu können. In allem sucht er nur seine Ehre, seine Macht, seine Anerkennung, aber nicht die Ehre Gottes.

Erleben wir nicht, wie in vielen Seelen die Gottlosigkeit eingezogen ist? Wie das Licht des Glaubens und der Liebe in vielen Seelen erloschen ist? Ist nicht die sinkende Zahl der Priesterberufe eine Folge des nachlassenden Gebetes in unseren Familien? Und wie viele Priester hat Satan schon zum Abfall gebracht? Die einen brachte er durch Stolz zu Fall, andere durch Fleischeslust, andere durch Zweifel, durch Unglauben, durch Mutlosigkeit und Einsamkeit.

Tabernakel über dem Altar in der Wallfahrtskirche in Lametz.

Tabernakel über dem Altar in der Wallfahrtskirche in Lometz.

Im Urlaub erzählte mir ein Priester, wie in seiner Diözese ein Pfarrer einen neuen Kaplan bekommen sollte. Als dieser sich vorstellte, zeigte der Pfarrer ihm seine Kirche. Vor dem Tabernakel machte der Pfarrer allein eine Kniebeuge. Erstaunt fragte er den Kaplan: “Machen Sie keine Kniebeuge vor dem Allerheiligsten im Tabernakel?” Der Kaplan sagte: “Der Tabernakel ist doch nur ein Brotkasten.”

Viele Priester verkündigen heute den Gläubigen nicht mehr die primäre Bedeutung der göttlichen Gnade, die innere Verbundenheit mit Christus und die Wahrheiten über Sünde und Gericht, über Himmel und Hölle. Wundern wir uns dann, wenn die Gläubigen nicht mehr an die vier letzten Dinge des Lebens denken? Sie kümmern sich nicht um die Erfüllung ihrer christlichen Lebensaufgabe: täglich Gott zu verherrlichen durch Gebet, Opfer und Taten der Liebe, treu seine Gebote zu halten, seinen Willen in allem zu erfüllen und sich mitzusorgen um den Aufbau des Gottesreiches in der Welt.

Heute suchen die Menschen ihr Glück nur auf der Erde. Ihnen geht es nur um das Eine: Unsere selbstverständlichen Ansprüche müssen ganz erfüllt werden. Es geht ihnen nur um den vollen Bauch, um das gefüllte Portemonnaie, um das Reisen, um die Polstermöbel in der Wohnung und um das Auto vor der Tür.

Immer mehr wird das gesellschaftliche Leben zersetzt durch Lüge, Heuchelei, Hartherzigkeit und Zügellosigkeit. In Polen sagte dieses Jahr unser Heiliger Vater, Papst Johannes Paul II.: “Unser Jahrhundert ist mit dem Tod von Millionen unschuldiger Menschen belastet.”

Titelbild des Faltblatts.

Titelbild des Faltblatts “Bete, faste, rette ein Kind”.

Die Wurzel des Verbrechens besteht darin, dass sich der Mensch die göttliche Macht über das Leben und den Tod der Menschen aneignet. Zu diesem Friedhof von Opfern menschlicher Grausamkeit kommt der Friedhof der Ungeborenen, deren Gesicht nicht einmal die eigene Mutter zu sehen bekam, als sie sich einverstanden erklärte oder einem Druck nachgab, damit das Leben genommen werde, bevor es noch geboren wurde.

1978 stellte Paul VI. die Frage: “Wie wird sich die innerkirchliche Erneuerung vollziehen, in einer Zeit, wo so viele Priester und Gottgeweihte den Verrat eines Judas begehen?” Er sagte: “Das eine ist die Rückkehr zur innigen Marienverehrung.” Die Mutter erkennt am besten, was dem Kinde fehlt. Sie kennt die wirksamsten Heilmittel. Sie ist die große Schlangenzertreterin, die Siegerin in allen Schlachten Gottes.

Sie ermahnt uns: “Bekehret euch. Legt ab den Menschen der Sünde und des Lasters. Beleidigt nicht mehr den Herrn. Leistet ihm Sühne für die Sünden der Welt. Sühne ist Pflicht gegenüber der Gerechtigkeit Gottes und ein Anruf an die göttliche Barmherzigkeit, Schonung zu gewähren. Betet für die Bekehrung der Sünder den Rosenkranz und schenkt dem Herrn eure Opfer.”

Was wir heute brauchen, sind Menschen mit Herz. Eine alte Seelsorgshelferin, die in einem Altersheim wohnt, erzählte mir von ihrem Gespräch mit der neuen Leiterin. Diese fragte: “Mussten Sie damals auch Überstunden machen?” “Selbstverständlich”, war die Antwort. “Wurden diese auch bezahlt?” “Nein.” “Haben Sie dann wenigstens diese abbummeln können?” “Auf diesen Gedanken bin ich gar nicht gekommen. Ich habe meine Arbeiten aus Liebe zu Gott verrichtet.”

Auch wir Pfarrer sollten uns fragen: “Sind auch wir schon von diesem Ungeist angesteckt?” Worüber werden wir uns einmal vor Gottes Gericht verantworten müssen? Sind wir uns immer bewusst, dass Christus uns zu Verwaltern der Geheimnisse Gottes und zu Dienern der Freude berufen hat? Oder ist uns der Priesterberuf nur ein Job, bei dem wir auf unseren eigenen Vorteil bedacht sind?

“Komm, Heiliger Geist!” Gebet mit erhobenen Händen.

“Komm, Heiliger Geist!” Gebet mit erhobenen Händen.

Die Fragen, die Christus, der Richter, an uns stellen wird, könnten so lauten:
• Hast du täglich dein Brevier gebetet und die Menschen belehrt, dass unser ganzes Leben ausgerichtet sein muss auf das Lob Gottes? Dass das ‘Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist’ allein den Menschen Heil und Glück und Sicherheit gibt?

• Hast du dir jeden Morgen zur Arbeit Kraft geholt im Gebet zum Heiligen Geist? ‘Komm, Heiliger Geist, erleuchte mich, stärke mich, heilige mich auf dem dunklen Weg, den ich heute zu durchwandern habe.’

• Hast du dich täglich voll Liebe an deine Mutter Maria gewandt und sie gebeten: ‘Mutter, hilf mir, treu den Weg der Nachfolge Christi zu gehen. Hilf mir, Christus das zu schenken, was du ihm geschenkt hast: zu glauben, lieben, dienen, tapfer zu sein und sich ganz dem Willen des himmlischen Vaters zur Verfügung zu stellen’?

• Bist du stets für die Rechte Gottes eingetreten? Hast du den Gläubigen verkündet, dass die Zehn Gebote Gottes noch voll ihre Gültigkeit haben? Oder hast du der Gemeinde nur das gegeben, was bei ihr am besten ankommt?

• Bist du stets für die Rechte Gottes eingetreten? Sei es gelegen oder ungelegen? Hast du einem Brautpaar, das sich kirchlich trauen lassen will, aber schon ein Kind erwartet, gesagt: ‘Der Empfang des Ehesakramentes fordert vom katholischen Christen persönliche Umkehr. Lasst euch im Bußsakrament reinwaschen von aller Sündenschuld.’

• Hast du die Gläubigen darauf hingewiesen, dass jeder, der am Sonntag die heilige Messe schwänzt und am nächsten Sonntag wieder zur heiligen Kommunion gehen will, diese unwürdig empfängt, wenn er nicht vorher zur heiligen Beichte gegangen ist? Hast du dich ganz für die Heiligung des Sonntages eingesetzt?

Das Beichtmobil auf dem Katholikentag in Mannheim.

Das Beichtmobil auf dem Katholikentag in Mannheim.

• Sicherlich stellt Christus auch die Frage an uns: “Hast du auf der Autofahrt deines Lebens in Richtung Himmelstor in regelmäßigen gleichen Abständen, in der heiligen Beichte deinen Wagen stets nachsehen und die Schäden reparieren lassen?”

• Haben wir Pfarrer uns vom Geist der Machbarkeit schon so weit erfassen lassen, dass wir die Liturgie der heiligen Messe wie eine Knetmasse behandeln, um sie nach unserem eigenen Stil zu gestalten? Welche Haltung nehmen wir ein, wenn wir in der Kirchenzeitung den Satz lesen: “Lieber ein lebendiger Wortgottesdienst als eine wenig überzeugende Messe”? Wenn wir den absoluten Vorrang der heiligen Messe außer acht lassen, dann gerät ein Kernstück unseres Glaubens in Gefahr.

• Auch diese Frage könnte der Richter an uns stellen! “Standest du treu zum unfehlbaren Lehramt der Kirche, zum Papst, oder hast du aufgehört, katholisch zu sein, weil du die moralischen Positionen des Papstes und der Kirche nicht mehr vertrittst? Standest du treu zu deinem Bischof, der vom Papst rechtmäßig eingesetzt wurde und dem du Treue geschworen hast? Oder gehörst du zu jenen, die selbst bei Bischofsernennungen nur kritisieren und meinen, sie selbst könnten bestimmen, wer Bischof sein soll?”

So ungefähr könnten die Fragen lauten, die Christus an uns stellt.

Barmherziger Jesus in St. Pantaleon, Köln.

Paulus konnte mit Recht sagen: “Ich habe meinen Gemeinden mehr als andere mit ganzer Kraft gedient.” Aber mir steht kein Urteil zu über meine Arbeit.

Das abschließende und entscheidende Urteil wird allein von unserem Herrn Jesus Christus gefällt werden. Priester, die ehrlich gegen sich selbst sind, denken mit tiefem Ernst an jene Stunde, wo der Herr kommt, um von seinen Dienern Rechenschaft zu fordern über ihre Verwaltung.

Dann wird der ewige Richter auch die verborgensten Beweggründe aufhellen, die seine Priester bei ihrer Arbeit geleitet haben. Er kennt all jene Treuen, die sich ehrlich bemüht haben, täglich Gott die Ehre zu geben und ihm alle Anvertrauten zuzuführen.

Wir können den Herrn nur bitten: “Herr, sei uns Sündern gnädig. Schenke uns deine Barmherzigkeit. Herr, du hast uns in deinen Dienst berufen. Gib uns die Gnade, dir treu zu dienen und heilige Priester zu werden. Erfülle uns mit dem Geiste des Glaubens und der Lauterkeit, mit dem Geist des Gehorsams und der Demut, mit dem Geist der Selbstlosigkeit und der Selbstüberwindung. Schenke uns heiligen Eifer, tiefe Frömmigkeit und vor allem das Feuer deiner Liebe.”

Pater Werenfried van Straaten, der bekannte Speckpater, veröffentlichte in einem seiner Rundbriefe einen Brief eines ehemaligen Priesters: “Lieber Pater Werenfried! Nach langem Zögern schreibe ich Ihnen diesen Brief, um Ihnen zu danken und Sie in ihrem Werk zu ermutigen. Früher war ich ein Ordensmann. Jetzt bin ich ein Priester, der sein Amt niedergelegt und geheiratet hat. Ich war einer der vielen, die nicht mehr an den Teufel glaubten.

Jetzt glaube ich wieder, dass es einen Satan gibt. Ich kann Ihnen sagen, dass ich am Rande des Selbstmordes gestanden habe. Durch die Bekanntschaft mit einem Konvertiten haben meine Frau und ich wieder angefangen, den Rosenkranz zu beten. Das ist unsere Rettung gewesen. Obwohl wir wegen unserer konservativen Glaubenspraxis zum Gespött unserer Angehörigen und Freunde geworden sind.

Rosenkranzknüpfen auf dem Katholikentag

Rosenkranzknüpfen an unserem Stand auf dem Katholikentag in Mannheim.

Diese wenigen Sätze können unmöglich die Tragödie beschreiben, die sich in meiner Seele abgespielt hat. Jeder Tag beginnt für mich mit einem Kampf gegen Verzweiflung, Ekel, Verbitterung, Hass und mit einem Verlangen nach Einkehr, Buße und Vergebung.  Am eigenen Leibe habe ich erfahren, was viele progressive Auffassungen in der Theologie aus einem machen können: einen Sohn der Verderbnis. Der Papst hat uns mit Judas verglichen. Meines Erachtens mit Recht, und ich bin ihm dankbar, dass er uns diese harte Wahrheit nicht vorenthalten hat.

Auch Ihnen bin ich dankbar, weil Sie für diesen heiligen Papst einzutreten wagen. Gestatten Sie mir, dass ich mich selbst und meine Schicksalsgenossen einigermaßen entschuldige. Wir waren durch den Satan und durch unseren eigenen Hochmut verblendet. Wir glaubten, der Erneuerung zu dienen, in Wirklichkeit haben wir Gottes Haus niedergerissen. Wir glaubten, Tabus zu durchbrechen, in Wirklichkeit sind wir Sklaven des Fürsten dieser Welt geworden.

Goldene Statue der gekrönten Maria und Jesuskind mit Krone.

Goldene Statue der gekrönten Maria und Jesuskind mit Krone.

Ich vertraue mich der Vorsehung an. Jedenfalls hat Gottes Gnade mich nicht losgelassen. Aber vielleicht bedeutet es für Sie eine Hilfe, ermutigt zu werden seitens einer Kategorie, von der Sie es nicht erwartet hätten. Ich bin sicher, dass viele in meiner Lage genauso denken wie ich, aber nicht wagen, es zu äußern. Der Weg zurück ist sehr hart. Beten Sie, dass Gott vielen von uns die Gnade der Bekehrung gebe, bevor es zu spät ist.

In dieser verwirrten Zeit glaube ich, dass die Liebe zu Jesus und Maria und die Treue zum Papst das Fundament für die echten Gläubigen ist. Darf ich auf Ihr Gebet rechnen? Das haben wir besonders nötig.

Sie arbeiten für diejenigen, die sich im Kerker befinden wegen ihrer Glaubenstreue. Denken Sie auch an uns, die im Kerker der Untreue gefangen sind. Ich bete täglich mein Brevier mit den Worten, die wir jahrelang im Chor gesungen haben. Täglich gehe ich zur Messe und gedenke dort Ihrer und Ihrer Arbeit. Möge der Herr und seine Mutter Sie segnen.”

Dieser Brief zeigt uns deutlich das Wirken der Gnaden, zeigt uns aber auch deutlich, wie dringend notwendig für alle Priester gebetet werden muss. Wir dürfen um keinen Preis jene Priester und Gottgeweihten, die aus irgendeinem Grunde ihren heiligen Beruf aufgegeben haben, verdammen oder verachten. Nicht anklagen, sondern helfen durch unser Gebet, unser Opfer und unsere Sühne. Sie vor allem brauchen eine weltweite Rettungsaktion durch liebendes Beten und Sühnen. Am allermeisten aber wohl jene Priester und Gottgeweihten, die in Todsünden dahinleben.

3.Aug 2012 23:59 · aktualisiert: 4.Aug 2012 07:56
KIN / S. Stein