Mädchen droht lebenslange Haft

Elfjähriges Kind wegen Blasphemie-Verdachts festgenommen

Trauernde christliche Frauen in Pakistan.

In der Nähe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad ist ein elfjähriges christliches Mädchen wegen angeblicher Schändung des Korans festgenommen worden. Nach dem im Land geltenden Blasphemie-Gesetz ist dafür eine lebenslange Haft vorgesehen, für eine Schmähung des Propheten Mohammed droht sogar die Todesstrafe.

Die Nachrichtenlage über den aktuellen Fall ist schwierig, denn Fakten sind von Gerüchten nur schwer zu unterscheiden. Fest steht, dass nach Bekanntwerden der angeblichen Schändung eine aufgebrachte Menge die Familie des Kindes und die christliche Minderheit in dem Dorf Mehrabadi bedroht hat. Daraufhin seien viele geflohen. Das Kind und dessen Eltern wurden festgenommen – möglicherweise nicht nur wegen des angeblichen Verbrechens, sondern auch zum Schutz vor aufgebrachten Muslimen.

Der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari hat den Innenminister des Landes aufgefordert, dem aktuellen Fall nachzugehen. Er betonte, dass das Leben und das Eigentum der Christen geschützt werden müssten. “Wir werden keinen Missbrauch des Blasphemiegesetzes zulassen und wollen sichergehen, dass es nicht wegen persönlicher Bereicherung angewandt wurde”, zitiert ihn der Nachrichtendienst Asianews.

Gottesdienst in einer katholischen Kirche in Pakistan.

Die Berichte zum Fall sind unterschiedlich, Zeugenaussagen widersprüchlich: Ein Mann habe gesehen, wie das Mädchen, das angeblich unter dem Down-Syndrom leidet, mit einem Beutel aus dem Haus gekommen sei, in dem sich verbrannte Papierfetzen mit arabischen Schriftzeichen befanden. Ein örtlicher Mullah dagegen behauptet, dass ein Mädchen die Elfjährige auf frischer Tat ertappt habe und daraufhin zur Moschee gelaufen sei.

Laut Asianews handelt es sich nicht direkt um Korantexte, sondern um zehn Seiten eines Büchleins, mit dem gewöhnlich Grundkenntnisse des Arabischen und des Koran vermittelt werden. Diese verkohlten Papierfetzen soll das Kind angeblich in einer Plastiktüte zum Müll gebracht haben.

Mittlerweile gibt es Meldungen, dass sich die Lage in dem pakistanischen Dorf wieder beruhigt habe. Andere Quellen behaupten, dass ein führendes Mitglied der muslimischen Gemeinde vor Ort gesagt habe, dass die dort lebenden Christen bis 1. September ihre Habseligkeiten gepackt haben sollen.

Paul Bhatti, Sonderberater in Fragen der Nationalen Eintracht

Paul Bhatti, Sonderberater in Fragen der Nationalen Eintracht.

In einem Gespräch mit dem britischen Sender BBC sagte der christliche Sonderberater des pakistanischen Premierministers in Fragen der Nationalen Eintracht, Paul Bhatti, dass es unwahrscheinlich sei, dass das Kind absichtlich den Koran geschändet habe. Die Menschen hätten sogar damit gedroht, die Häuser der Christen anzuzünden.

Das Blasphemie-Gesetz hat in den verangenen Jahren zu mehr Willkür gegen Christen, Hindus und auch gegen Muslime geführt. Die Rechtsunsicherheit im Land wächst im gleichen Maße wie die Intoleranz und der Fanatismus.

Wer sich für eine Änderung oder gar Lockerung des Blasphemie-Gesetzes einsetzt, wird bedroht oder getötet. Prominenteste Opfer sind der Minister für religiöse Minderheiten, Schahbaz Bhatti, und der Gouverneur der Provinz Punjab, Salman Taseer, die beide im Jahr 2011 bei Anschlägen getötet wurden.

In Pakistan leben etwa 2,2 Millionen Christen, davon sind 1,2 Millionen katholisch.  Immer wieder kommt es zu Angriffen auf die christliche Minderheit. Oftmals wird das Blasphemie-Gesetz auch dazu missbraucht, um Rache zu üben oder Rivalen zu schaden. KIRCHE IN NOT macht immer wieder auf die schwierige Situation der Christen in Pakistan aufmerksam und hilft den Glaubensgeschwistern vor Ort.

21.Aug 2012 16:55 · aktualisiert: 18.Feb 2014 20:39
KIN / S. Stein