Vater der Kapellenwagenmissionare

Ein Beitrag von Prof. Rudolf Grulich zum 100. Geburtstag von Pater Josef Barton

 

 

Prof. Dr. Rudolf Grulich.

Prof. Dr. Rudolf Grulich.

Am 17. September gedenken viele Vertriebene und Freunde von KIRCHE IN NOT des 100. Geburtstages von Pater Josef Barton. Den Weggefährten von Pater Werenfried würdigt Professor Rudolf Grulich, der den in der Neujahrsnacht 1982 verstorbenen Priester gut kannte und ihm viel verdankte.

Josef Barton wurde am 17. September 1912 in Wagstadt (heute Bilovec) in Mähren geboren und besuchte das Gymnasium in Freudenthal. Er studierte Theologie in Olmütz. Am Fest der Landespatrone Mährens, Cyrill und Method, wurde er am 5. Juli 1937 zum Priester geweiht.

Barton war anschließend Kaplan in Jägerndorf, das wie andere deutsche Gebiete der Erzdiözese Olmütz 1938 durch das Münchner Abkommen von der Tschechoslowakei an das Deutsche Reich abgetreten wurde. Der Generalvikar von Branitz, das im Deutschen Reich lag, aber kirchlich zum Erzbistum Olmütz gehörte, verwaltete die sudetendeutschen Gebiete von Olmütz und errichtete dafür ein neues Seelsorgereferat. Leiter wurde der junge Priester Barton, dessen besonderer Aufgabenbereich die Familienseelsorge war.

“Das Schicksalsjahr 1945, das bei uns den völligen Zusammenbruch brachte und – wie man damals sagte – die Existenzberechtigung für die deutsche Bevölkerung auslöschte, hat ihn als Helfer der vielen notleidenden, der vielen verstoßenen und geknebelten und geschlagenen Menschen gefunden”, berichtete Prälat Stefan Kruschina, ein Mitstudent von Pater Barton und späterer Regens im Priesterseminar in Königstein im Taunus, über diese Zeit.

Blick auf Olmütz vom Turm der Moritzkirche.

“Eines Tages wurde er selbst getroffen. Auf dem Weg, er war gerade bei einem Kranken gewesen, einem Versehgang, wurde er auf dem Heimweg von einer Soldateska-Truppe gefangen genommen und ins Lager geschleppt, nur mit dem, was er gerade mit sich hatte: seine priesterliche Kleidung, sein Brevier. Das war sein Besitz. Mit dem wurde er ausgewiesen. Er kam mit einer Gruppe seiner Landsleute aus Jägerndorf und Umgebung nach Sachsen, wo er mit seinen Vertriebenen die Not wirklich redlich geteilt und alles mit ertragen hat.”

Von der Not der Vertreibung und vom Leid seiner Landsleute geprägt gründete Barton in Schönstatt (bei Koblenz) eine Gebets- und Opfergemeinschaft der Heimatvertriebenen. Sie wurde für Tausende ein fester Halt in der Haltlosigkeit jener Zeit. In Rundbriefen hielt Pater Barton Kontakt zu den Mitgliedern und Freunden, die er auch in Kursen und Einkehrtagen sammelte. Er wollte mit der Gemeinschaft das Kreuz der Vertreibung deuten und fruchtbar machen. Barton betonte immer wieder, dass der Mensch in Gefahr sei, das Kreuz zu entwerten: Nur im Glauben ist der Mensch fähig, es als wertvoll und gnadenreich zu erleben.

Kreuz der Einheit, das Kreuz der Schönstatt-Bewegung.

So erschien das Gebetbüchlein: “Ausgegossen wie Wasser – Lasset uns werden eine heilige Flut”. Es sollte ein Lese- und Gebetbüchlein sein, das helfen sollte, dem auferlegten Kreuz gerecht zu werden. Vieles hat uns darin auch heute noch etwas zu sagen, vor allem die Gedanken über die Heimatlosigkeit und das Kreuz.

“Ausgegossen wie Wasser” – Dieses Psalmwort übertrug Barton auf die Vertriebenen. Aber er rief sie auch auf, eine Flut zu werden. Symbol dafür war ein Weihwasserbecken, das die Vertriebenen 1950 als Weihegabe in der Gnadenkapelle in Schönstatt aufstellten.

Das Gebetbüchlein erlebte eine zweite Auflage, in der Barton die Gedanken des Psalmtitels vertiefte. Er schreibt, “dass wir alles daran setzen sollen, um unsere Vertreibung zu einem Segen werden zu lassen. Wir mögen nun festhalten, dass die Heimatlosigkeit umso verheerender wirken muss, je mehr sie äußerlich verdeckt bleibt. Wunden, die äußerlich heilen, ohne dass der Fäulnisherd beseitigt wird, werden lebensgefährlich. Äußere Bereinigung der Heimatlosigkeit ohne innere Beheimatung müsste ähnliche Folgen zeitigen. Deswegen unser Bestreben, die Beheimatung der Seelen zu fördern, so gut wir können“.

Ein Original-Kapellenwagen aus der Anfangszeit von KIRCHE IN NOT.

1948 begann die Freundschaft mit Pater Werenfried van Straaten, der in jenen Jahren zum ersten Mal nach Königstein im Taunus kam. Seit 1951 war Pater Barton Kapellenwagenmissionar und übernahm 1953 die Planung und Koordinierung der großen Aktion, welche die Kirche in der deutschen Diaspora buchstäblich ins Dorf brachte. 1961 übernahm er auch das Amt eines Spirituals am Königsteiner Priesterseminar und hielt an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vorlesungen über Aszese und Mystik.

In seiner Predigt beim Requiem sprach sein Schüler Martin Roos, damals Pfarrer in der Diözese Rottenburg und heute Bischof von Temesvar in Rumänien, dass Bartons Grundanliegen war, den Menschen dahin zu führen und darauf hin zu erziehen, dass er fähig werde, sich vorbehaltlos der Führung Gottes anzuvertrauen.

Der Schreiber dieser Zeilen [i.e. Prof. Rudolf Grulich] erlebte ihn seit 1965 in Königstein als Spiritual und Dozent, als umfassend gebildeten Priester und echten Seelenführer. Jede Enge und Starrheit war Pater Barton fremd, denn er glaubte, dass jeder Mensch ein origineller Gedanke Gottes und daher jeden Einsatz wert sei. Fast ein Jahrzehnt hatte ich ihn dann nach dem Abschluss des Studiums nicht mehr getroffen, aber mit ihm Kontakt gehalten.

VW Käfer und Kapellenwagen in Königstein.

Der “pastorale Fuhrpark”: 1952 wurden in Königstein im Taunus VW Käfer und Kapellenwagen für die Seelsorge gesegnet.

Im Jahr 1981 bat er mich um mehrere Vorträge bei einer Tagung für Wohltäter von KIRCHE IN NOT in Königstein im Taunus. Ich sollte über die Tatsachen der Kirchenverfolgung im Osten referieren, er wolle nur die geistlichen Impulse geben und die Tatsachen der Verfolgung theologisch deuten. Am Ende der Tagung fragte er mich, ob ich nicht für KIRCHE IN NOT arbeiten wolle. Dass ich das noch heute tun kann, dafür bin ich ihm täglich dankbar.

Ich kenne viele, die das unterschreiben, was Pater Werenfried am Grab seines Freundes sagte: “Josef, im Namen der Kapellenwagenmissionare, die Du betreut hast, und im Namen der Millionen Heimatvertriebenen, denen wir in den dunkelsten Jahren ihres Lebens mit unserer Kapellenwagenmission seelsorglich helfen konnten, danke ich Dir.

Ich danke Dir für Deine Freundschaft, für Deinen guten Rat, für die Hilfe, die ich persönlich von Dir erfahren habe. Ich verspreche Dir, dass wir Dich in unseren Gebeten nicht vergessen, dass wir Deinem Beispiel folgen werden. Und ich bitte Dich, im Himmel auch unser aller zu gedenken. Auf Wiedersehen im Himmel, und vergiss uns nicht!”

 

14.Sep 2012 09:35 · aktualisiert: 12.Jan 2016 15:07
KIN / S. Stein