Bedeutender Teil der Weltkirche

KIRCHE IN NOT hilft seit 50 Jahren in den Staaten Lateinamerikas

Pater Werenfried van Straaten mit Millionenhut.

Pater Werenfried van Straaten mit Millionenhut.

Pater Werenfried van Straaten, der Gründer von KIRCHE IN NOT, hatte stets ein großes Vertrauen in Gott und die Wohltäter. Seine Solidaritätsaktion für die Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten und die verfolgte Kirche in Osteuropa war gerade fünfzehn Jahre alt, als er 1962 seine Wohltäter, die er liebevoll Freunde nannte, um Spenden für die Menschen in Lateinamerika bat.

Zuvor hatte hatte Pater Werenfried auf Bitten von zwei Kardinälen Südamerika besucht. Auch Papst Johannes XXIII. hatte Pater Werenfried um Hilfe für diesen Kontinent gebeten.

Pater Werenfried war von dem, was er dort sah und von den Begegnungen mit den armen Menschen so erschüttert, dass er das Budget des jungen Hilfswerks um ein Viertel ─ damals 800.000 US-Dollar ─ erhöhte, um auch den Menschen dort zu helfen. “Bei ein paar Mitarbeitern erschienen Sorgenfalten auf der Stirn, als sie das vernahmen. Aber ich habe lächelnd an Gottes Liebe in Euren Herzen gedacht”, schrieb er in der Spenderzeitschrift “Echo der Liebe”.

Und wieder konnte er sich auf Gott und die Wohltäter verlassen: Die Spendenbereitschaft für Zentral- und Mittelamerikas Kirche wuchs kontinuierlich. Sechs Jahre nach seinem Aufruf waren es schon 2,2 Millionen, also fast dreimal so viel. In den vergangenen zehn Jahren hat KIRCHE IN NOT fast 123 Millionen Euro für mehr als 12 500 Projekte aufwenden können.

Inzwischen ist das Hilfswerk mit Büros in Brasilien und Chile präsent. Im Rückblick werden die Bedeutung, die Dringlichkeit und Vielfalt der Projekte deutlich, zugleich wird aber auch spürbar, wie unverzichtbar eine gezielte Pastoralhilfe auch heute ist – trotz oder wegen aller Veränderungen.

Pater Werenfried in Rio de Janeiro.

Pater Werenfried van Straaten mit Kindern in Rio de Janeiro.

Die Eindrücke der ersten Lateinamerikareise hat Pater Werenfried 1969 in seinem Buch “Wo Gott weint” veröffentlicht. Der gebürtige Niederländer schreibt darin: “Man hört viel Kritik über die Kirche in Lateinamerika. Dieser Erdteil macht jetzt eine Krise durch, die bei uns vor anderthalb Jahrhunderten begann. Die Erinnerung an die fürchterlichen Zustände, die zu Beginn der Industrialisierung und noch lange danach in Europa herrschten, ist verblasst.”

Und weiter: “Die Probleme, mit denen die lateinamerikanische Kirche heute ringt, sind teilweise von derselben Art, nur in viel größerem Ausmaß – wie jene, die von der europäischen Kirche im 19. Jahrhundert nicht gelöst worden sind.”

Von den ersten 800.000 US-Dollar wurden unter anderem so genannte Radioschulen gefördert. Das waren Programme für Analphabeten in der nordostbrasilianischen Diözese Natal, die über einen Radiosender verfügte. Neben dem Unterricht wurden auch Gottesdienste und Predigten übertragen. Insgesamt 1500 Radioschulen konnten aufgebaut werden.

Ein frühes Projekt von KIRCHE IN NOT: die Initiative “Hogar de Cristo” (Haus Christi). Dieses Sozialwerk verhalf Millionen Obdachlosen zu einem Dach über dem Kopf.

Ein frühes Projekt von KIRCHE IN NOT: die Initiative “Hogar de Cristo” (Haus Christi). Dieses Sozialwerk verhalf Millionen Obdachlosen zu einem Dach über dem Kopf. Links: José van der Rest, der die Initiative maßgeblich prägte.

Ab 1964 wurde auch die Initiative “Hogar de Cristo” (Haus Christi) unterstützt, ein Sozialwerk, das Millionen Obdachlosen zu einem Dach über dem Kopf verhalf. Maßgeblich geprägt wurde das Werk vom belgischen Jesuiten José van der Rest, den Pater Werenfried in Santiago de Chile getroffen hatte. In den Elendsvierteln der Stadt ließ er Zigtausende Fertighäuser bauen. KIRCHE IN NOT half bei der Finanzierung von Lastwagen für den Materialtransport sowie beim Bau von Kapellen in den neu entstandenen Stadtvierteln.

Dank der Großzügigkeit Tausender Spender konnte KIRCHE IN NOT in den Folgejahren weitere Spendengelder für immer mehr Initiativen einsetzen, darunter das sogenannte “AMA-Projekt”: Lastwagen für Amazonien.

Hintergrund: Das Amazonasgebiet im Norden Brasiliens wurde zunehmend erschlossen, ein bis heute anhaltender Prozess mit enormen sozialen und ökologischen Folgen. Mehr und mehr Menschen waren in diesen bis dahin fast unberührten Teil des Landes geströmt. Einheimische wurden verdrängt. In der Region gab es wenige Priester und fast keine Verkehrsmittel; eine organisierte Seelsorge schien unmöglich.

Missionsboot auf dem Amazonas

Auf dem Amazonas sind Missionsboote unterwegs, die von KIRCHE IN NOT mitfinanziert wurden.

Deshalb kaufte KIRCHE IN NOT in der Schweiz 280 ausgemusterte Armeelastwagen. Sie wurden nach Amazonien verschifft, wo sie als Transportmittel dienten. Die Diözesen nutzten die LKWs zudem als Erwerbsquelle, um weitere pastorale Initiativen zu finanzieren.

Mehr und mehr Projekte konnten unterstützt werden: Nach Erdbeben in Guatemala, Peru und Nicaragua half KIRCHE IN NOT bei der Instandsetzung und dem Wiederaufbau von Kirchen und kirchlichen Gebäuden. Unterstützt wird auch die Arbeit von Pfarrschwestern in Gegenden, in denen es fast keine Priester gibt. Obwohl die Förderung von Seelsorge erstes Ziel war und bis heute ist, wurde immer wieder auch Notfallhilfe geleistet, etwa für den Unterhalt verarmter Familien oder die Ausbildung tausender Waisenkinder.

Die Hilfe von KIRCHE IN NOT für Lateinamerika ist bis heute unverzichtbar. “Die katholische Kirche ist trotz vielschichtiger politischer Veränderungen, unterschiedlichster wirtschaftlicher Entwicklungen und einer neuen, nicht unproblematischen religiösen Vielfalt eine wichtige gesellschaftliche Kraft geblieben. Zudem wächst die Bedeutung der Kirche Lateinamerikas als Teil der Weltkirche”, erläutert Ulrich Kny, Lateinamerika-Referent von KIRCHE IN NOT für die Länder Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay, Uruguay sowie Kuba. Politische wie soziale Spannungen und ökologische Bedrohungen stellen die Kirche nach den Worten von Kny vor neue Herausforderungen.

Indianerkinder in der Diözese Roraima

Indianerkinder in der Diözese Roraima / Brasilien.

In Brasilien wächst die Wirtschaft rasant. Ökologischer Raubbau und soziale Konflikte sind die Folge. “Ein Problem ist etwa die anhaltende Landflucht. Nahezu drei Viertel der Bevölkerung Amazoniens leben inzwischen in Städten”, berichtet Kny. “Die Menschen sind entwurzelt und ohne echte Betreuung auch von Seiten der Kirche, wegen der enormen Distanzen und des eklatanten Mangels an Priestern, Ordensschwestern und Laienmitarbeitern.”

Die wirtschaftliche Expansion hat nach seinen Worten alarmierende Folgen: “Es gibt starke soziale Konflikte, Streit um Land, extreme Gewalt, Prostitution und Menschenhandel. Dazu ist der Konsum von Drogen verbreitet, die Zahl der Sekten steigt.” An den Rändern der größeren Städte, etwa in Manaus am Rio Negro oder im Ballungsraum Belém an der Amazonas-Mündung, entstünden teils geplante Neubaugebiete, teils wilde Siedlungen.

In den Überschwemmungsgebieten lebten Zigtausende in armseligen Pfahlbauten. Zumeist seien die Menschen sich selbst überlassen. “Die Bischöfe stehen vor immensen pastoralen Herausforderungen. Sie wollen den Menschen das Wort Gottes verkünden, die Eucharistie anbieten und die Familien- und Jugendseelsorge stärken, doch es fehlt an Priestern, an Katecheten, an Transportmitteln und an Kirchen”, so Kny.

Doch trotz dieser schwierigen Umstände haben Diözesen und Orden in Amazonien bereits vielfältige soziale Einrichtungen geschaffen. Sie bieten Berufsbildungs- und Beratungsangebote, stehen armen und unterdrückten Menschen bei und helfen Drogenabhängigen bei ihrem Weg aus der Sucht.

Papst Benedikt XVI. besuchte bei seiner Braslienreise eine “Fazenda” (Foto: Archiv der Fazenda da Esperanca).

Papst Benedikt XVI. besuchte bei seiner Braslienreise eine “Fazenda” (Foto: Archiv der Fazenda da Esperanca).

Vor allem die “Bauernhöfe der Hoffnung”, die sogenannten “Fazendas da Esperanca”, können eine beachtliche Erfolgsquote aufzeigen. Sie wurde von dem deutschen Franziskanerpater Hans Stapel gegründet. Das Konzept: Drogenabhängige, Frauen wie Männer, bewirtschaften eigenständig kleinere landwirtschaftliche Betriebe, leben und arbeiten zusammen.

Täglich beten sie gemeinsam, lesen die Heilige Schrift und leben das Evangelium in ihrem Alltag. Viele, die den Ausstieg aus der Drogensucht schaffen, bleiben mit der Initiative verbunden. Mittlerweile gibt es viele dieser Bauernhöfe in zahlreichen Ländern, auch in Deutschland.

Rafael D’Aqui, Lateinamerika-Referent für die Länder Zentral- sowie den Norden Südamerikas, ist wie sein Kollege Ulrich Kny der Meinung, dass die Kirche vielen Menschen zwar Hoffnung gebe, aber andererseits auch selbst Hilfe benötige. “Die Menschen suchen Antworten, deshalb wollen wir Diözesen, Orden und Gemeinschaften in vielen Ländern helfen, die Seelsorge zu stärken.”

Die geförderten Projekte sind dabei so unterschiedlich und vielfältig wie die Initiatoren, Länder, Volksgruppen und Kulturen Lateinamerikas: Ausbildungskurse für Katecheten, Glaubensverkündigung über Radio und Fernsehen, Hilfe für Seelsorger in fast unzugänglichen Regionen, Transportmittel für Missionare und für die karitative und katechetische Arbeit von Ordensfrauen, Stärkung der Familien-, der Jugend- und der Berufungspastoral.

Im nationalen Priesterseminar Haitis in Lillavois studieren 270 Priesteramtskandidaten in Zelten.

Im nationalen Priesterseminar Haitis in Lillavois studieren 270 Priesteramtskandidaten in Zelten.

Immer wieder aber wird Hilfe auch in Notsituationen geleistet, wie 2010 nach den verheerenden Erdbeben auf Haiti und in Chile. Oder zu besonderen Anlässen: So finanziert das Hilfswerk derzeit die Herstellung und Verteilung von 250 000 Rosenkränzen, die eine Medaille mit dem Bildnis der “Barmherzigen Jungfrau von Cobre” tragen. Auf Kuba wurde 2012 der 400. Jahrestag der Entdeckung dieser Statue der Muttergottes gefeiert, die als Patronin aller Kubaner verehrt wird. Während seiner Pastoralreise im März 2012 hatte Papst Benedikt XVI. den Wallfahrtsort El Cobre besucht.

KIRCHE IN NOT hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Millionen für Lateinamerika sammeln können, weil Hunderttausende der Initiative von Pater Werenfried vertrauten und sie immer wieder unterstützt haben. Bis heute gilt für KIRCHE IN NOT das, was Pater Werenfried 1969 in seinem Buch “Wo Gott weint” geschrieben hatte: “Wir beschränken uns auf das, was von Anfang an unser besonders Anliegen war: Hilfe in der Seelsorge.”

Helfen Sie den Christen in Lateinamerika:

25.Sep 2012 11:47 · aktualisiert: 25.Sep 2012 11:48
KIN / S. Stein