Arbeiten bis zur Erschöpfung

Der herausfordernde Einsatz der Priester in den Anden in Bolivien

Juan Vargas Aruquipa (Bischof von Coroico) mit Kind.

Juan Vargas Aruquipa (Bischof von Coroico) und der kleine Lorenzo.

Er ist müde, unendlich müde. Tagelang war er unterwegs, pendelte zwischen Messe, Katechese, Gemeindeaktivitäten. Jetzt sinkt der Kopf auf die Brust, er nickt ein. Es ist Priestertreffen in der Erzdiözese Sucre. Termine werden besprochen, die Seelsorger können sich austauschen. Doch die meisten sind schlichtweg zu erschöpft.

Viele von ihnen sind täglich mehrere Stunden unterwegs. Pfarrer Freddy arbeitet auf 3000 Metern Höhe in der Diözese Coroico. Der untersetzte Mann betreut vier kleine Gemeinden. Zwei kann er nur einmal im Monat besuchen. In der Regenzeit ist selbst das Autofahren fast unmöglich. In seiner Abwesenheit kümmern sich Katecheten um die Pastoralarbeit, manchmal hält eine einzige Familie die Pfarrei zusammen.

Juán Vargas Aruquipa, Bischof von Coroico, hat vier Kapellen errichten lassen, um den Gläubigen in den isolierten Gebieten einen Messbesuch zu ermöglichen. “Dort, wo Kapellen gebaut wurden, sind die Familien sehr engagiert. Sie haben jahrelang auf ihr Gotteshaus gewartet”, erzählt er. Nun hofft er auf unsere Hilfe: Ein Sturm hat eines der Kapellendächer fortgerissen (16.340 Euro).

Mit seiner ruhigen Stimme trägt er eine weitere Bitte vor: Er möchte die Ausbildung seiner Seminaristen stärken; ein Anliegen, das er mit allen Bischöfen Boliviens teilt. Pater Cristobal, der Organisator des Priestertreffens in Sucre, erklärt: “Wir müssen uns um Berufungen kümmern. Vor zehn Jahren gab es noch 530 Seminaristen, heute sind es nur noch 192.” Schuld an diesem Rückgang sei auch die politische Situation. “Wir haben seit sieben Jahren eine sozialistische Regierung. Da geht es in den Basisgemeinden gewaltig gegen die Kirche.”

In der Diözese Coroico: Bischof Juán und Pfarrer Freddy mit Katecheten und ihren Schützlingen.

In der Diözese Coroico: Bischof Juán Vargas Aruquipa (2.v.l.) und Pfarrer Freddy mit Katecheten und ihren Schützlingen.

In allen Diözesen findet nun jedes Jahr eine “Woche der Berufungen” statt. Dann gehen Priester, Ordensleute und Katecheten in die Schulen und Gemeinden, sie geben Zeugnis und suchen das Gespräch mit den Jugendlichen. Deren Lebensgeschichten sind alarmierend: Viele wachsen in zerrütteten Familien auf. Sie leben auf der Straße, oft geraten sie in die Alkohol- oder Drogensucht oder in die Fänge einer Sekte.

Pater Andres kennt diese Probleme. Der aus Belgien stammende Priester betreut seit 1984 eine der einsamsten Pfarreien im Umland von Potosí. Das Leben hier ist extrem hart, die Landschaft karg. Der Wind pfeift über endlose trockene Steppen, feiner Staub kitzelt in der Nase.

Potosí ist bekannt für seine Minen. Täglich sterben Bergarbeiter, und jeder weiß, dass er selbst der Nächste sein könnte. Schon 15-Jährige riskieren ihr Leben unter Tage. Viele Jugendliche haben Drogenprobleme und stehlen Gegenstände aus der Kirche. Schon oft erhielt Pater Andres Drohungen.

Eine Straße im Urwald von Bolivien.

Eine Straße im Urwald von Bolivien.

Auch er ist am Ende seiner Kraft, doch er gibt nicht auf. “Als ich kam, kannte niemand Jesus”, erzählt er. Als erstes übersetzte er die Bibel auf Quechua. Da kaum jemand lesen und schreiben konnte, entwickelte er eine Heftserie mit vielen Bildern. Es sind Geschichten aus dem Leben der Einheimischen, die anschaulich die Lehre der Kirche erklären. Sie sind bis heute ein Erfolg, die Gläubigen lernen damit lesen. Pater Andres möchte sie jetzt neu auflegen.

Pfarrer Joselino bittet uns um Katechismen und Bibeln. Seine Pfarrei umfasst 42 kleine Ortschaften, die Einwohner betreiben Viehzucht. “Es kommen sogar Hirten mit Stab und Poncho in die Kirche”, erzählt er. Um den Zusammenhalt der Gemeinde zu stärken, hat er ein gemeinsames Mittagessen nach dem Gottesdienst eingeführt. Auch er ist viel unterwegs. KIRCHE IN NOT hilft der Erzdiözese Sucre bei der Ausbildung von Katecheten, damit Priester wie Joselino entlastet werden.

Pater Andres hat bereits Studenten zu Katecheten ausgebildet. Schon haben einige ihre Berufung entdeckt. Priester wie er, Joselino und Freddy, sind ihnen ein Vorbild. An Gnaden fehlt es ihnen nicht, an Mitteln manchmal aber schon.

22.Okt 2012 14:59 · aktualisiert: 17.Mrz 2015 14:05
KIN / S. Stein