Brüder im Geiste

Otto von Habsburg und Pater Werenfried und ihr Kampf für ein christliches Europa

S.K.H. Otto von Habsburg bei unserem Kongress "Treffpunkt Weltkirche" 2006 in Augsburg.

Otto von Habsburg (1913-2011) bei unserem Kongress “Treffpunkt Weltkirche” 2006 in Augsburg.

Beide waren große Europäer und von der Idee eines christlich geprägten Kontinents überzeugt. Beide haben sich geschätzt und sind sich immer wieder begegnet. In ihrem Leben gibt es Parallelen und Überschneidungen: Otto von Habsburg vertrat auf politischer Ebene die Überzeugung, dass Europa ohne eine religiöse Erneuerung keine Zukunft hat.

Nicht zuletzt deshalb hat er sich für den Gottesbezug in der Europäischen Verfassung ausgesprochen. “Der Kampf um die Seele Europas ist der Kampf um den Gottesbezug”, sagte er einmal in einem Interview mit KIRCHE IN NOT.

Pater Werenfried van Straaten hingegen war ein Praktiker der christlichen Nächstenliebe und der pastoralen Hilfe. Mit KIRCHE IN NOT hat er überall dort Unterstützung geleistet, wo die Kirche in ihrer Existenz bedroht war und den Menschen nicht mehr beistehen konnte.

Ost- und Westeuropa würden nur dann ihre wahre Identität wiederfinden, wenn sie zu ihrem christlichen Ursprung zurückkehrten, hielt er einmal mit Bezug auf Papst Johannes Paul II. fest und forderte mit dem Heiligen Vater eine Neuevangelisierung der ganzen Christenheit. “Diese universelle Neuevangelisierung”, so Pater Werenfried, “ist Seelsorge im wahrsten Sinne des Wortes und gehört zur Zielsetzung unseres Werkes.”

Für beide Männer gilt also: Sie vertraten ähnliche Ideale und Visionen, waren aber auf verschiedenen Ebenen tätig. Beide waren, soviel steht fest, nach dem Krieg und über lange Jahrzehnte auf ihre je eigene Weise engagierte Europäer. “Ich unterstütze KIRCHE IN NOT”, hat Otto von Habsburg einmal gesagt, “weil Pater Werenfried zu den Baumeistern eines einigen und christlichen Europas gehört.”

Bei einer Tagung bei der EU in Brüssel (Foto: COMECE).

Bei einer Tagung bei der Europäischen Union in Brüssel (Foto: COMECE).

Immer wieder hat er seine große Wertschätzung für KIRCHE IN NOT zum Ausdruck gebracht: Bis ins hohe Alter hat Otto von Habsburg gerne Einladungen des Hilfswerkes angenommen und vor den Freunden und Wohltätern über seine Vision eines christlichen Europas gesprochen.

Diese Vision hatte für beide immer auch mit dem friedlichen Zusammenleben der Völker zu tun. Otto von Habsburg und Pater Werenfried waren nahezu gleich alt. Nicht nur der älteste Sohn des letzten österreichischen Kaisers wäre am 20. November 2012 hundert Jahre alt geworden. Auch Pater Werenfried hätte am 17. Januar 2013 dieses Alter erreicht. Er starb nur wenige Tage nach seinem neunzigsten Geburtstag am 31. Januar 2003.

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges geboren, wurden beide Persönlichkeiten während ihres Lebens Zeugen dessen, was blinder Hass zwischen Völkern und Menschen anrichten kann. Hier der Sohn des letzten österreichischen Kaisers Karl I., der 2004 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen wurde. Das Leben von Otto von Habsburg war von den Folgen des Zerfalls der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn am Ende des Ersten Weltkriegs geprägt.

Pater Werenfried van Straaten wurde als der Speckpater bekannt.

Pater Werenfried van Straaten wurde als der Speckpater bekannt.

Dort der niederländische Prämonstratenserpater, der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Belgien und den Niederlanden seine beispiellose Hilfsaktion für die 14 Millionen deutschen Heimatvertriebenen startete.

Kein Platz in der Herberge”, lautete der Hilfsaufruf, mit dem Pater Werenfried im Dezember 1947 das begann, was wenig später zur “Ostpriesterhilfe”, dann zu KIRCHE IN NOT wurde und ihm den Namen “Speckpater” einbrachte.

Von Anfang an setzte Pater Werenfried auf die Kraft der Versöhnung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern. Eine Versöhnung, und das war ihm sehr wichtig, die nur durch Gebet und die Gnade Gottes erreicht werden konnte … und weil “die Menschen viel besser sind, als wir denken”, so seine Überzeugung.

Für ihren Einsatz in den Nachkriegsjahren wurden beide Männer mit derselben Auszeichnung geehrt: dem Europäischen Karls-Preis der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Pater Werenfried van Straaten wurde dieser Preis 1965 verliehen. Sein ganzes Lebenswerk habe der Versöhnung der Menschen und damit der Völker gedient, lautete es damals als Begründung für die Ehrung. Er habe “im europäischen Geiste durch sein Wirken die geschichtlichen Bande zwischen Holländern und Flamen und dem deutschen Volke neu geknüpft” und sei bestrebt, “die osteuropäischen Völker mit dem deutschen Volke zu versöhnen”.

Auch Otto von Habsburg wurde 1970 mit dem Europäischen Karls-Preis geehrt: Weil er das Schicksal der Heimatvertriebenen kannte und sich von Anfang an zu ihnen bekannt habe, wie es bei der Übergabe des Preises hieß. Er habe sich um die Sinndeutung der Tragödien unserer Zeit bemüht und sich geradezu leidenschaftlich für die europäische Idee eingesetzt. Für diese Idee trat er in den folgenden Jahren noch intensiver ein: Von 1979 an war Otto von Habsburg für zwanzig Jahre Mitglied des Europäischen Parlaments.

Belgien 1956: Studenten helfen während des Ungarnaufstandes und bringen Hilfsgüter zu den Autos der Ostpriesterhilfe.

Belgien 1956: Studenten helfen während des Ungarnaufstandes und bringen Hilfsgüter zu den Autos der Ostpriesterhilfe, wie hier in der Stadt Löwen.

Die Ehrung Pater Werenfrieds war mit einem weiteren Aspekt begründet worden, der ebenfalls beide Männer indirekt verband: Unvergessen sei “sein übermenschlicher Einsatz beim heldenhaften Aufstand der Ungarn im Jahre 1956”, äußerte Albert Karl Simon vom Bundesverband der Sudetendeutschen Landsmannschaft anlässlich der Preisverleihung.

Während der dramatischen Tage des Aufstands der Ungarn gegen die kommunistische Regierung und die sowjetischen Besatzer hatte KIRCHE IN NOT Ende Oktober 1956 sofort reagiert. Pater Werenfried zog in einer nächtlichen Gebetsaktion in Brüssel vor die Botschaften osteuropäischer Länder und betete mit mehreren Dutzend Menschen den Rosenkranz – unter den Augen schwerbewaffneter Gendarmen.

Pater Werenfried betet den Rosenkranz

Pater Werenfried beim Rosenkranzgebet.

“Wir aber beteten weiter, Rosenkranz um Rosenkranz im Dämmerlicht der Laternen”, beschrieb Pater Werenfried das Szenario in seiner Autobiografie “Sie nennen mich Speckpater”. Dieser spontanen Privatinitiative schlossen sich in den folgenden Tagen Hunderttausende an.

Vor der nächtlichen Rosenkranzaktion hatte Pater Werenfried bereits ein erstes Flugzeug mit Blutplasma und Medikamenten nach Ungarn geschickt. Es folgten tonnenweise Medikamente und Lebensmittel, aber auch Katechismen, Gebetbücher und Ausgaben des Neuen Testaments. Sie wurden nach Ungarn geliefert und an die vielen ungarischen Flüchtlinge überall in Europa verteilt.

Der Speckpater machte sich in diesen dramatischen Tagen auch persönlich auf den Weg nach Budapest, um Jozef Kardinal Mindszenty zu treffen. Der Primas von Ungarn war am 26. Dezember 1948 von der kommunistischen Regierung verhaftet, gefoltert und im Februar 1949 nach einem dreitätigen Schauprozess vom ungarischen Volksgerichtshof zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt worden. Pater Werenfried rechnete fest mit der Befreiung des Kardinals während des Volksaufstandes.

“Es war noch vollauf Revolution”, beschreibt Pater Werenfried die Fahrt von Wien nach Budapest. “Links und rechts wurde noch gekämpft … Ohne viel Mühe fanden wir die schwerbeschädigte Wohnung des Kardinals.” Er war einer der ersten Besucher aus dem Ausland, die der Kardinal am 31. Oktober 1956 wenige Stunden nach seiner Befreiung empfing.

Pater Werenfried und der ungarische Kardinal Jozef Mindszenty.

“Herr Pater, wenn Sie jetzt in den Westen zurückkehren, sagen Sie bitte Ihren Freunden, dass sie uns nicht vergessen dürfen. Sagen Sie ihnen, dass sie beten, viel beten sollen …, denn ein schwerer Kampf steht uns noch bevor”, gab der Kardinal Pater Werenfried mit auf den Heimweg – und einen Brief “An die katholischen Bischöfe der Welt!”, den KIRCHE IN NOT nach seiner Rückkehr an die Bischöfe und die Medien weitergab.

Während der Aufstand im November 1956 von den sowjetischen Truppen blutig niedergeschlagen wurde, konnte ein letzter Hilfslaster von KIRCHE IN NOT “als allerletzter noch gerade aus Ungarn entkommen”, erinnert sich Pater Werenfried. Fünf Minuten später sei die Grenze von Sowjetpanzern abgeriegelt worden. Er selber kam in letzter Minute zusammen mit seinem Fahrer über die Grenze. “Der Aufstand ist gescheitert. Die Bresche im Eisernen Vorhang ist wieder geschlossen”, schreibt der Speckpater am Ende seines Kapitels über die “Ungarische Tragödie”.

Pater Werenfried an einem Schlagbaum an der deutsch-deutsche Grenze.

Pater Werenfried an einem Schlagbaum an der deutsch-deutsche Grenze (1962).

Mehr als dreißig Jahre später, am 19. August 1989, wird diese Tragödie beim “Paneuropäischen Picknick” an der österreichisch-ungarischen Grenze doch noch ein gutes Ende finden. Otto von Habsburg – Sohn des letzten Kaisers von Österreich und auch des letzten ungarischen Königs – hatte neben Imre Pozsgay, einem Mitglied im Zentralkomitee der ungarischen Kommunisten, für diese Veranstaltung die Schirmherrschaft übernommen.

Beim Picknick war eine Begegnung zwischen Österreichern und Ungarn geplant, nachdem in den Wochen zuvor bereits viele Sicherungsanlagen entlang der Grenze demontiert worden waren. Womit niemand gerechnet hatte: Hunderte Bürgerinnen und Büger aus der DDR nutzten das Picknick als Gelegenheit zur Massenflucht in den Westen. Der weitere Verlauf der Ereignisse des Jahres 1989 bis hin zum Fall der Berliner Mauer war damit nicht mehr aufzuhalten.

Pater Werenfried machte sofort von dieser neuen Freiheit Gebrauch: Noch während der Revolution in Rumänien flog er am 26. Dezember 1989 in das osteuropäische Land, um sich ein Bild von der Lage der Kirche und den Hilfsmöglichkeiten für KIRCHE IN NOT zu machen.

Alle in der Medienbox vorgestellten Sendungen können Sie als CD beziehungsweise DVD unentgeltlich bei uns bestellen.

19.Nov 2012 15:10 · aktualisiert: 24.Sep 2014 10:28
KIN / S. Stein