“Rohstoffe sind wichtiger als Menschen”

Über eine humanitäre Katastrophe, die abseits der Weltöffentlichkeit geschieht

Christine du Coudray, Afrika-Referentin bei KIRCHE IN NOT.

Christine du Coudray, Afrika-Referentin bei KIRCHE IN NOT.

Kürzlich reisten Mitarbeiter von KIRCHE IN NOT in den Osten der Demokratischen Republik Kongo in Zentralafrika, um sich über die Lage vor Ort zu informieren. In dieser sehr armen Region gibt es derzeit eine humanitäre Katastrophe, die von der Weltöffentlichkeit kaum beachtet wird. Viele Menschen sind auf der Flucht und leben unter menschenunwürdigen Bedingungen in großen Flüchtlingslagern.

Nach der Rückkehr von ihrer Reise in die Demokratische Republik Kongo sprachen wir mit Christine du Coudray, Afrika-Referentin bei KIRCHE IN NOT.

KIRCHE IN NOT: Frau du Coudray, beschreiben Sie bitte die aktuelle Lage im Osten der Demokratischen Republik Kongo.
CHRISTINE DU COUDRAY: Ich habe auf den Hügeln rund um die Stadt Bukavu, die etwa 700 000 Einwohner hat, viele vertriebene Menschen gesehen, die in ärmlichsten Verhältnissen leben. Ich schätze, dass dort derzeit mehr als eine Million Menschen sind. Das ganze Land ist schwer gebeutelt: In der Demokratischen Republik Kongo sind in den letzten sechzehn Jahren durch Kriege fünf Millionen Menschen umgekommen, das Land hat die fünfthöchste Kindersterblichkeit der Welt.

Wir reisten während der Regenzeit. Als Mitteleuropäer kann man sich diese extremen Regenfälle kaum vorstellen. Für die Menschen vor Ort stellen sie eine tägliche Katastrophe dar, weil sie ständig in zehn bis zwanzig Zentimeter Schlamm leben müssen.

Flüchtlingscamp bei Goma / Demokratische Republik Kongo.

In einem Flüchtlingscamp bei Goma / Demokratische Republik Kongo.

Warum gibt es derzeit so viele Flüchtlinge in der Gegend von Bukavu?
In den letzten Jahren zogen viele Menschen aus nahegelegenen Gegenden hierher, um in ihrer verzweifelten Lage zumindest etwas Sicherheit zu finden. Jedoch finden sie auch dort nirgendwo Schutz. Die ihnen verbliebenen Habseligkeiten sind durchnässt, weil ihre armseligen Hütten kein Dach besitzen. Das ist auch ein Grund dafür, dass es so viele Krankheiten gibt, besonders unter den Kindern.

Besonders umkämpft sind die wertvollen Mineral- und Ölvorkommen im östlichen Kongo. Bewaffnete Milizgruppen kommen seit dem Ende des Bürgerkriegs im Jahr 2003 immer wieder in diese Region. Diese kriegerischen Milizen entführen Kinder und vergewaltigen Frauen – aber auch die Soldaten der kongolesischen Armee werden der systematischen Vergewaltigung beschuldigt.

Die größte Katastrophe in dieser Region ist die vollkommene Missachtung des Wertes und der Würde menschlichen Lebens. Das einzige, was die Rebellen zu interessieren scheint, sind die Mineralien und Rohstoffe.

Wie gehen die Menschen vor Ort damit um?
Trotz dieser Umstände waren wir vom Mut dieser Menschen beeindruckt. Wir sahen zum Beispiel Ruinen einer großen und zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichteten Kirche. Das Dach war zerstört; weder Fenster noch Türen oder Wasser und Licht waren vorhanden. Ohne Mobiliar und einzig mit Kerzen ausgestattet versuchen hier zwei junge Diözesanpriester in dieser Pfarrei weit entfernt von jeglicher Zivilisation das pastorale Leben aufrechtzuerhalten.

Kinder in einem Flüchtlingslager bei Goma.

Kinder in einem Flüchtlingslager bei Goma. Wegen der katastrophalen hygienischen Zustände sind sie besonders von Krankheiten betroffen.

Wie hilft KIRCHE IN NOT in der Demokratischen Republik Kongo?
Wegen der wachsenden Flüchtlingsströme werden wir weitere Hilfen durch religiöse Ordensgemeinschaften garantieren, die sich um die Menschen kümmern. Die Lage der Vertriebenen ist mehr als problematisch. Außerdem unterstützen wir Ordensleute und Priester, die in krasser Armut ihren Dienst ausüben.

Was können wir hier in Deutschland tun?
Wir rufen alle Menschen auf, für die Menschen in der Region zu beten, und hoffen, dass der Herr das Gebet seiner Herde erhört. Die Tage vor Weihnachten sind geradezu ideal hierfür, da im Advent alles neu wird und mit dem Kommen des Friedensfürsten alles möglich ist.

Auf unserer Facebook-Seite bieten wir ab 16. Dezember eine Novene in den Anliegen für die Menschen in der Demokratischen Republik Kongo an.

KIN / S. Stein