Odyssee eines 13-jährigen Flüchtlings

Ein erschütterndes Einzelschicksal aus Äthiopien; Hilfe gegen Ausbeutung und Betrug

Flüchtlinge aus dem Südsudan brauchen unsere Hilfe.

Flüchtlinge aus dem Südsudan in Äthiopien.

Am Sonntag begeht die Katholische Kirche den „Welttag des Migranten und des Flüchtlings“. Papst Benedikt XVI. verurteilt in seiner Botschaft Menschenhandel und Ausbeutung.

Wir stellen Ihnen ein erschütterndes Beispiel aus Äthiopien vor. Jedes Jahr verlassen 25 000 junge Frauen und Männer das Land, um im Ausland Arbeit zu finden und ihre Familien mit dem verdienten Geld unterstützen zu können. Doch die Realität sieht anders aus. Sie werden ausgebeutet, ihrer Freiheit beraubt, um ihren Lohn betrogen.

Emanuel war 13, als er mit der Erlaubnis seiner Eltern und 90 Euro in der Tasche sein Heimatdorf in Nordäthiopien verließ, um im Jemen oder in Saudi-Arabien Arbeit zu finden. Er zahlte einem „Vermittler“ fast sein ganzes Geld, damit dieser ihn über die Grenze nach Somalia bringe. Von dort aus sollte er in den Jemen gelangen, wo ihm eine Arbeitsstelle bei einer großen Baufirma versprochen worden war.

Stattdessen erwartete ihn eine Odyssee durch Äthiopien, auf der Emanuel ständig hungern musste. Als er schließlich doch noch in der somalischen Hafenstadt Bossaso ankam, musste er ein Fischerboot besteigen. Mit dem Geld, das ihm geblieben war, bezahlte er die Überfahrt. In dem Boot hätten normalerweise höchstens 50 Menschen Platz finden können. Die Menschenhändler pferchten jedoch 250 Personen hinein, die so wenig Platz hatten, dass sie kaum atmen oder ihre Beine ausstrecken konnten.

Flüchtlingskinder aus Südsudan

Flüchtlingskinder in Äthiopien.

Als das Schiff drei Tage später im Jemen ankam, waren viele der illegalen Auswanderer nicht mehr am Leben. Die Menschenhändler hatten ihnen befohlen, mehrere Kilometer vor der Küste ins Wasser zu springen, damit sie selbst keine Probleme mit der jemenitischen Küstenwache bekämen.

Viele der Männer, Frauen und Kinder, die an Bord waren, konnten jedoch nicht schwimmen und ertranken jämmerlich. Einige andere waren von den Menschenhändlern bereits auf hoher See ins Wasser geworfen worden, um zu verhindern, dass das völlig überladene Schiff umkippte.

Zelt einem Flüchtlingslager der UNHCR

Zelt einem Flüchtlingslager der UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, in Äthiopien.

Als er im Jemen ankam, erkannte Emanuel, dass die Menschenhändler ihn betrogen hatten. Niemand erwartete ihn an der Küste, um ihn zu seinem neuen Arbeitgeber zu bringen. Er war ganz allein und hatte drei Tage nichts gegessen. Schließlich folgte er einer Gruppe äthiopischer Einwanderer in die Stadt.

Nachdem er einige Tage auf der Straße verbracht hatte, heuerte ihn ein jemenitischer Farmer an. Auf seiner Farm musste der 13-jährige Junge oft mehr als 15 Stunden am Tag schwere Arbeiten verrichten. Seinen Lohn sah er nie. Nach fünf Monaten gelang ihm die Flucht. Nun wollte der Junge in der Stadt sein Glück versuchen. Nach einigen Wochen, in denen er hungerte und alle Hoffnung verlor, wurde er von der Polizei festgenommen und nur mit dem, was er auf dem Leib trug, nach Äthiopien zurückgeschickt.

KIRCHE IN NOT unterstützt die Versorgung syrischer Flüchtlinge in Jordanien.

KIRCHE IN NOT unterstützt die Versorgung syrischer Flüchtlinge in Jordanien.

Zu seiner Familie will der Junge nicht zurückkehren. Zu groß ist die Scham über das vermeintliche „Scheitern“. „Was würde mein Vater sagen? Was würden die Leute in meinem Heimatdorf sagen, wenn ich mit leeren Händen zurückkehre? Mein Vater hat seine wenigen Ziegen und seine Habseligkeiten verkauft, um den Vermittler zu bezahlen. Nun hat meine Familie nichts mehr. Sie alle warten darauf, dass ich Geld nach Hause schicke. Wie könnte ich also so zurückkehren?“, sagt er.

Stattdessen will er nun in den Städten Dire Dawa oder Jijiga im Grenzgebiet zu Somalia Arbeit finden. „Wenn ich genug Geld gespart habe, werde ich meiner Familie etwas davon schicken und versuchen, noch einmal in den Jemen zu gelangen.“

Hagos Hayish segnet ein Kind.

Hagos Hayish, Generalsekrtär der Bischofskonferenz Äthiopiens, segnet ein Kind.

Pater Hagos Hayish, Generalsekretär der Äthiopischen Katholischen Bischofskonferenz, kennt viele Schicksale dieser Art. „Es ist zum Weinen“, sagt er. Es gebe sogar Fälle von Frauen, die mit abgehackten Händen in die Heimat zurückkehren, weil ihre Arbeitgeber in Saudi-Arabien sie des Diebstahls bezichtigten. Dafür sieht die islamische Rechtsprechung Scharia diese drakonische Strafe vor.

Die katholische Kirche in Äthiopien versucht, junge Menschen über die Gefahren der Auswanderung und vor allem des Menschenhandels aufzuklären, damit sie sich nicht von falschen Versprechungen verlocken lassen.

Außerdem kümmert sich die Kirche um Opfer von Menschenhandel, aber auch um die zahlreichen Flüchtlinge, die aus den Nachbarländern wie Somalia und dem Südsudan nach Äthiopien kommen.

Unsere Hilfe für Flüchtlinge

Flüchtlinge in Amman, Jordanien: Familienvater Sarkis und Sohn mit Soforthilfe und Prayerboxen.

Irakische Flüchtlinge in Amman (Jordanien).

KIRCHE IN NOT unterstützt mehrere Projekte in Äthiopien, die die katholische Kirche zugunsten von Migranten und Flüchtlingen ins Leben gerufen hat, sowie zahlreiche Flüchtlingsprojekte in aller Welt.

Im vergangenen Jahr hat unser Hilfswerk eine halbe Million Euro für Notfallhilfe in Krisen- und Kriegsregionen aufgewendet. Das ist mehr als das Doppelte im Vergleich zum Vorjahr. Beispiele unserer Notfallhilfe waren syrische Flüchtlinge, die wegen der Kämpfe in Nachbarländer geflohen sind.

Ein weiterer Schwerpunkt der Notfallhilfe 2012 war die Unterstützung für Flüchtlinge aus dem Nordsudan, die nach der Unabhängigkeit des Südens in ihre Heimat zurückkehrten. Während der überwiegend durch das Christentum und traditionelle Religionen geprägte Süden vor einem kompletten Neuanfang steht, leben Christen im Norden als Minderheit in einem vom Islam dominierten Staat. Zigtausende Christen sind bereits in den Süden gezogen, weitere dürften folgen. 2012 kam es wiederholt zu gewaltsame Auseinandersetzungen in der Grenzregion.

Ein weiteres, vom unvorstellbareren Leid der eigenen Bevölkerung geprägtes Land kam auch 2012 nicht zur Ruhe: der Osten der Demokratischen Republik Kongo, die so genannte Kivu-Region. KIRCHE IN NOT half auch hier Tausenden von Flüchtlingen, Traumatisierten und Obdachlosen.

11.Jan 2013 11:27 · aktualisiert: 11.Jan 2013 11:32
KIN / S. Stein