“Gott bewegt unsere Herzen”

Kardinal Puljic über die Arbeit der Kirche in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo

Kardinal Vinko Puljic, Erzbischof von Sarajewo.

Kardinal Vinko Puljic, Erzbischof von Sarajewo.

Der Erzbischof von Sarajewo, Vinko Kardinal Puljic, hat es oft erlebt: „Wenn die vertriebenen Menschen sehen, dass ein Priester da ist und eine Kirche aus den Trümmern erwächst, dann kommen sie zurück.”

Er selber war immer da, auch während des Krieges Anfang der Neunzigerjahre. Monatelang harrte er mit anderen aus im Keller seines Bischofshauses, ohne Wasser, Essen oder Heizung bei minus 20 Grad, während es auf Haus und Kirche „Granaten regnete”.

Seit dieser Zeit ist er auf einem Ohr taub. Nur einmal mussten sie in ein anderes Haus fliehen. Dabei wurde sein Weihbischof verletzt. Er schulterte ihn und schleppte ihn zu dem wartenden gepanzerten Fahrzeug. Aber sie blieben in Sarajewo. „Der Krieg war eine Schule des Kreuzes”, sagt er heute.

Seinetwegen blieben viele Katholiken in Bosnien-Herzegowina. „Wir müssen die Kirchen wieder aufbauen, und das Herz des Priesters ist der erste Altar.” Sie lebten unter unbeschreiblichen Bedingungen. Zwei Jahre hauste ein Priester in einem Hühnerstall, bis die Kirche halbwegs errichtet und das Pfarrhaus wieder einigermaßen bewohnbar war.

Noch heute ist das Namensschild am Hühnerstall zu lesen: Pfarrer Zeljko Vlajic. Er ist Anfang dreißig. Fanatische Katholikenhasser hatten Haus und Kirche zerstört. Ein anderer Priester lebte jahrelang im Keller, weil von dem Pfarrhaus darüber kein Stein mehr auf dem anderen lag. Viele Priester feierten jahrelang die heilige Messe im Freien, im Winter versammelten sie ihre Gemeinden in Ruinen. Aber sie waren und sind da, und sie reden von Liebe und Versöhnung.

Neue Moschee in Sarajewo

Eine der vielen neuen Moscheen in Sarajewo.

Der Krieg ist vorbei, die Diskriminierung nicht. „Wir wollen keine Sonderrechte”, stellt Kardinal Puljic vor den Politikern klar, die das Land am Rande Europas besuchen oder die er in Brüssel trifft. Seit 13 Jahren wartet er auf die Genehmigung für den Bau einer Kirche in Sarajewo. In dieser Zeit sind Dutzende neue Moscheen in der Stadt errichtet worden.

Er rechnet sachlich und nüchtern den Politikern vor, dass seit 1991 fast die Hälfte der Katholiken geflohen ist oder vertrieben wurde und jetzt noch rund 440 000 Katholiken in Bosnien-Herzegowina leben, dass 42 Prozent der Verbliebenen keine Arbeit finden und deshalb auch kaum beim Wiederaufbau helfen können.

Er berichtet auch, dass die Kirche sich um alte und behinderte Menschen kümmert, Suppenküchen organisiert, Schulen leitet, in denen dreißig Prozent der Schüler muslimisch sind, dass sie Gesundheitszentren errichtet hat, weil die Menschen kein Geld für Medikamente oder Behandlungen haben.

Jugendliche im Jugendzentrum von Sarajewo.

Sie freuen sich auf das neue Jugendzentrum: Jugendliche in Sarajewo.

Mit dem neuen Jugendzentrum gibt es nun Raum für Begegnungen, Sport und Glaubensverkündigung. „Das vermittelt die Sicherheit, damit die Jugendlichen ihre katholische Identität auch in Zukunft in Bosnien-Herzegowina leben können”, sagt Pater Simo Marsic, der Direktor des Zentrums.

Bei vielen dieser Tätigkeiten hilft KIRCHE IN NOT. Ohne diese Hilfe würde die Kirche in Bosnien-Herzegowina ausbluten. „Gott bewegt unsere Herzen”, sagt Kardinal Puljic voller Dankbarkeit. Und nachdenklich fügt er hinzu, was er auch auf der fünften Vollversammlung der Bischofssynode in Rom sagte: „Die Wahrheit des Lebens besteht im Opfer seiner selbst für das, was man liebt. Das, wofür man bereit ist sein Leben hinzugeben, wird niemals sterben, denn die Kraft der Liebe ist stärker als der Tod.”

29.Apr 2013 12:25 · aktualisiert: 28.Mai 2014 14:31
KIN / S. Stein