Kroatien und seine Geschichte

Am 1. Juli ist die mitteleuropäische Republik der Europäischen Union bei

Jugendliche mit der kroatischen Flagge.

Jugendliche mit der kroatischen Flagge.

Kroatien, der Staat entlang der Adriaküste mit seinen knapp 4,5 Millionen Einwohnern, ist in vielerlei Hinsicht heute immer noch ein unentdecktes Land, und die Kroaten sind eines der weniger bekannten slawischen Völker.

Millionen von deutschen Touristen haben in den letzten Jahrzehnten Kroatien besucht, bereits zu Zeiten, als es noch ein Teil Jugoslawiens war. Seit 1991 hatte der Angriffskrieg der Jugoslawischen Volksarmee diese Besuchsmöglichkeiten erschwert, ehe wieder Frieden einkehrte.

Hunderttausende Kroaten leben seit Jahrzehnten in Deutschland, aber bis 1991 hatten sie statistisch nur als Jugoslawen zu gelten. Während die Tausendjahrfeier der Christianisierung Polens im Jahr 1966 oder das Millenium der Taufe Russlands 1988 fast weltweit begangen wurde, nahm die Welt von der 1300-Jahrfeier der Christianisierung der Kroaten 1976 kaum Notiz. Hauptursache dafür war, dass die Regierung in Belgrad kein Interesse an einem solchen Jubiläum hatte.

Schon lange vor der Ankunft der beiden Slawenapostel Cyrill und Method 863 im Großmährischen Reich hatten die Kroaten um das Jahr 640 das Christentum westlicher Prägung angenommen. Der damalige Papst Johannes IV. stammte aus Dalmatien. Erst kurz zuvor waren die Kroaten vom oströmischen Kaiser gegen die Awaren auf den Balkan gerufen worden und hatten sich von ihrer damaligen Heimat in Nordböhmen, das sie Weißkroatien nannten, aus in den Süden begeben und an der Adria niedergelassen.

Blick auf die kroatische Adriaküste.

Blick auf die kroatische Adriaküste.

Das Christentum hatte bereits in römischer Zeit an der Adria und im Hinterland Fuß gefasst. Dies bezeugen antike Bischofssitze und Märtyrer dieser Zeit. Die Awaren zerstörten bedeutende Städte, deren Bewohner auf die Inseln oder in Orte an der Küste flohen, wie die Einwohner von Salonae in die Ruinen des Diokletianpalastes im heutigen Split. Von ihnen übernahmen die Kroaten das Christentum.

Schon früh errichteten die Kroaten im Adriaraum eigene Fürstentümer, die im 8. und 9. Jahrhundert unter fränkische Hoheit gerieten. Bald traten die Kroaten in enge Beziehungen zum Papst in Rom. In einem Brief vom 7. Juni 879 anerkannte Papst Johannes VIII. die „irdische Macht“ des Fürsten Branimir, was die Kroaten bis heute als internationale Anerkennung ihres Staates ansehen.

Zu Beginn des 10. Jahrhunderts gelang es dem Herrscher Tomislav, die verschiedenen Fürstengebiete Kroatiens in einem Reich zu einen. Im Jahr 925 erhielt Tomislav durch einen päpstlichen Legaten die Königskrone.

Dieses Königreich der Kroaten erstreckte sich vom Schneeberg nördlich von Istrien im Nordwesten des heutigen Kroatiens bis ins nördliche Albanien und von der Adriaküste bis nach Pannonien an die Donau. Einige Inseln und Städte waren aber lange noch unter der Herrschaft von Byzanz, einige gerieten bald unter die Herrschaft der aufstrebenden Republik Venedig.

Am kleinen Dorfplatz in Bernobici sind an der Kirchenwand die ältesten glagolitischen Gedenktafeln in Kopien zu sehen.

Am kleinen Dorfplatz in Bernobici sind an der Kirchenwand die ältesten glagolitischen Gedenktafeln in Kopien zu sehen.

Unter König Tomislav erhielt der Bischof von Split die Würde eines Primas. Es kam damals zu Auseinandersetzungen um die römische oder slawische Liturgie, was zugunsten Roms entschieden wurde. Auch dort, wo sich bis in unsere Zeit hinein die sogenannte glagolitische Liturgie als slawische Liturgie in glagolitischer Schrift behaupten konnte, waren dies immer liturgische Bücher des Römischen Ritus. Das bedeutete, dass sich Kroatien für den abendländischen Westen entschied, was für die Ethnogenese der Kroaten neben der frühen Staatsbildung ein entscheidender Faktor ist.

Als die einheimischen Herrscher Ende des 11. Jahrhunderts ausstarben, wählte der kroatische Landtag (Sabor) den ungarischen König zum Herrscher Kroatiens, ohne dass dabei die Selbstständigkeit Kroatiens aufgegeben wurde. Erst durch die Wahl durch den Sabor wurde der ungarische König in Personalunion auch König von Kroatien. Dies geschah auch nach dem Aussterben der Arpaden in Ungarn.

Seit der Schlacht auf dem Amselfeld 1389 waren die Osmanen ein beherrschender Machtfaktor auf dem Balkan geworden. Zwar gelang es 1456, die Eroberung Belgrads abzuwenden, aber 1521 fiel es für mehrere Jahrhunderte in ihre Hände. 1463 standen die Osmanen erstmals in Jajce, 1493 besiegten sie bei Krbava den kroatischen Heerbann, 1526 schlugen sie das ungarisch-kroatische Heer bei Mohács so vernichtend, dass sie 1529 das erste Mal vor Wien standen.

Wie die meisten Teile Ungarns kamen auch weite Teile Kroatiens unter ihre Herrschaft. Nur die venezianischen Besitzungen in Dalmatien blieben frei, die Republik Dubrovnik und das Gebiet um Zagreb. Kroatien erhielt wegen seines ein Vierteljahrtausend dauernden Einsatzes gegen die Türken vom Papst den Titel einer „Vormauer der Christenheit”, der das katholische Selbstbewusstsein der Kroatien für Jahrhunderte prägte.

Wallfahrtskirche in Trsat, dem ältesten Marienwallfahrtsort Kroatiens.

Wallfahrtskirche in Trsat, dem ältesten Marienwallfahrtsort Kroatiens.

Diese Zeit der Türkengefahr hat Kroatien ethnisch, politisch und sozial völlig verändert und entscheidend geschwächt. Hunderttausende Kroaten flohen vor den Türken oder aus den von ihnen eroberten Gebieten nach Ungarn und Österreich. Durch die Auswanderung wurden weite Teile des historischen Kroatiens entvölkert. Ein Sinken des wirtschaftlichen und kulturellen Niveaus war die Folge, aber auch die territoriale Zerreißung Kroatiens, das in das eigentliche Kroatien, Slawonien und Dalmatien geteilt war.

Erst nach 1683 wurden ganz Ungarn und weite Teile Kroatiens wieder der Türkei entrissen, insbesondere Slawonien und die Lika. Im 18. Jahrhundert wurden die Türken bis Belgrad zurückgedrängt. Als Bollwerk gegen die Türken entstand nun die Militärgrenze zum Schutz Österreichs und Ungarns.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts war es zu einer Erneuerung des kroatischen Bewusstseins und der kroatischen Kultur gekommen. Gegen die Magyarisierungstendenzen Ungarns verteidigten die Kroaten ihre Sprache. Die zunächst literarische Bewegung griff auf das politische Gebiet über. Man verlangte die politische Vereinigung der kroatischen Länder.

Als im 19. Jahrhundert der Gedanke des aufkommenden Nationalismus auch die Südslawen erfasste, waren die Serben auf Russland ausgerichtet, mit dem sie die orthodoxe Kirche gemeinsam hatten. Die Kroaten dagegen setzten auf Österreich und glaubten an einen katholisch geprägten Austroslawismus.

Die Wallfahrtskirche Marija Bistrica.

Die Wallfahrtskirche Marija Bistrica, das Nationalheiligtum Kroatiens. Dort wird eine Statue der Gottesmutter mit dem Jesuskind im Arm verehrt, die aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts stammt.

Aus der Idee des Austroslawismus entwickelte der kroatische katholische Bischof Josef Georg Stroßmayer die des Jugoslawismus, für deren Verwirklichung er einen Teil seines als Bischof von Djakovo beträchtlichen Vermögens einsetzte. Er gründete 1860 die Jugoslawische Akademie der Wissenschaften und Künste in Zagreb, die für die geistige Vereinigung aller Südslawen tätig sein sollte.

In einer programmatischen Schrift forderte er 1874 „die Vereinigung von Kroaten, Serben, Bulgaren und Slowenen zu einer unabhängigen und freien nationalen südslawischen Staatengemeinschaft“, in der die einzelnen Volksstämme, welche das Jugoslawentum bilden, vollkommen gleich und gleichberechtigt sein sollten.

Es entstand aber auch schon damals eine großserbische Bewegung, die unter dem Deckmantel der nationalen Einheit von Kroaten und Serben in den kroatischen Ländern serbische Propaganda betrieb. Sie hatte auch unter den Kroaten Anhänger und löste 1914 mit der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo den Ersten Weltkrieg aus.

1918 entstand als Folge des Ersten Weltkrieges das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das mit seinem serbokroatischen Namen meist „SHS-Staat” abgekürzt wird. Während des Ersten Weltkrieges hatte es Auseinandersetzungen um den jugoslawischen, serbischen und kroatischen Staatsgedanken und das Staatsgebilde nach dem Krieg gegeben. Auch kroatische Patrioten setzten sich für ein Nachkriegsjugoslawien ein, das von einem Jugoslawischen Komitee 1917 auf der Insel Korfu beschlossen wurde.

Die Kathedrale von Zagreb.

Die Kathedrale von Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens.

Am 29. Oktober 1919 löste der kroatische Landtag in Zagreb „alle bisherigen staatsrechtlichen Beziehungen zwischen dem Königreich Kroatien, Slawonien und Dalmatien einerseits und dem Königreich Ungarn und dem Kaisertum Österreich andererseits, … sodass von heute an Dalmatien, Kroatien und Slawonien mit dem Königreich Ungarn weder rechtlich noch faktisch irgendwelche gemeinsame staatliche Angelegenheiten mehr hat“.

Außerdem wurde erklärt: „Dalmatien, Kroatien, Slawonien und Fiume erklären sich zum gegenüber Ungarn und Österreich völlig unabhängigen Staat, der dem gemeinsamen nationalen und souveränen Staat der Serben, Kroaten und Slowenen beitritt.“

Als 1918 dieses neue Königreich entstand, wurde es aus verschiedenen Ländern und Landesteilen zusammengefügt: aus den ehemaligen Königreichen Serbien und Montenegro und aus Teilen der alten Habsburger Monarchie. Erst 1929 nahm der Staat den offiziellen Namen „Südslawien“ (Jugoslavija) an. Dabei übersah man geflissentlich die ebenfalls südslawischen Bulgaren, die seit 1878 einen eigenen Staat hatten.

Schwierigkeiten zeigten sich bald, als der neue Staat eindeutig in serbischem Geist geführt wurde. Die Mazedonier und Montenegriner hatten als Serben zu gelten. Mazedonien hieß Südserbien, die ehemals ungarische Vojvodina Nordserbien und Montenegro Küstenserbien. Der Verwaltungsapparat und das Heer waren in serbischer Hand.

Denkmal von Papst Johannes Paul II. in Trsat. Der polnische Papst hatte Kroatien mehrfach besucht.

Denkmal von Papst Johannes Paul II. in Trsat. Der polnische Papst hatte Kroatien mehrfach besucht.

Die Serbisch-Orthodoxe Kirche wurde überall begünstigt. Bis 1918 hatte es für die Orthodoxen im damaligen Ungarn ein Patriarchat in Karlowitz gegeben. Die orthodoxe Kirche Montenegros war autokephal gewesen, die Orthodoxen in Bosnien-Herzegowina und Mazedonien unterstanden dem ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel. Für die Orthodoxen in Dalmatien gab es einen eigenen Metropoliten. Durch hohe Geldsummen an Konstantinopel erkaufte sich Belgrad die Vereinigung aller Orthodoxen im neuen Staat unter Leitung eines serbischen Patriarchen.

Am 9. Oktober 1934 wurde der jugoslawische König bei einem Besuch in Marseille ermordet. Die königliche Regentschaft für den unmündigen König Petar setzte die großserbische Unterdrückung fort. Erst 1939 versuchte man eine Reorganisation des Staates und die Schaffung einer eigenen Banschaft Kroatien, doch war es nun zu spät.

Als 1941 serbische Offiziere gegen den Beitritt Jugoslawiens zu den Achsenmächten putschten und den minderjährigen König Petar II. zum König erklärten, eröffnete Deutschland am 6. April 1941 den Krieg. Das jugoslawische Heer war nicht in der Lage, ernsthaft Widerstand zu leisten, und kapitulierte bereits am 17. April 1941. Damit hörte das alte Jugoslawien auf zu bestehen. Das Land wurde aufgeteilt.

Kirche in Hum, der kleinsten Stadt der Welt.

Kirche in Hum. Die kroatische Gemeinde gilt als kleinste Stadt der Welt.

Die vier Kriegsjahre von 1941 bis 1945 waren von blutigen Auseinandersetzungen zwischen Kroaten und Serben begleitet.

1945 nannte sich die neue Volksrepublik föderativ und ging von der Gleichberechtigung der fünf Staatsvölker der Serben, Kroaten, Slowenen, Mazedonier und Montenegriner aus, zu denen dann später als sechstes Staatsvolk die Muslime im ethnischen Sinn kamen. Die Frage der Jugoslawiendeutschen wurde durch Vertreibung und Völkermord „gelöst“.

Durch den Bruch mit Stalin hatte Tito zwar Hilfe im Westen erhalten und versuchte durch die Konferenz der Blockfreien eine Rolle in der Weltpolitik zu spielen, doch gelang es ihm nur zu seinen Lebzeiten, den Staat zusammenzuhalten. Tito starb 1980.

Ein Jahrzehnt später verloren die Kommunisten bei den ersten freien Wahlen die Herrschaft in Slowenien, Kroatien und auch in Bosnien-Herzegowina. 1991 erklärten sich Slowenien und Kroatien selbstständig und zerfiel der Staat von 1918 ein zweites Mal. Nun wohl endgültig.

Professor Rudolf Grulich

 Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Grulich:

28.Jun 2013 16:21 · aktualisiert: 17.Apr 2015 14:33
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