“Ohne Katecheten geht es nicht”

Trotz Gewalt gegen Christen ist der Glaube der Nigerianer stark

Regina Lynch, Direktorin der Projektabteilung bei KIRCHE IN NOT.

Regina Lynch, Direktorin der Projektabteilung bei KIRCHE IN NOT.

Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Der Süden ist mehrheitlich christlich geprägt, der Norden vor allem muslimisch. Besonders dort kommt es immer wieder zu religiös motivierter Gewalt. In den letzten Jahren hat sich die Lage mit dem Aufkommen der terroristischen Gruppierung “Boko Haram” noch verschlechtert.

Eine Delegation von KIRCHE IN NOT hat die Bistümer im Norden Nigerias im Rahmen einer Projektreise besucht. Nach ihrer Rückkehr haben wir mit Regina Lynch, Direktorin der Projektabteilung bei KIRCHE IN NOT, gesprochen. Die Fragen stellte Maria Lozano.

Frau Lynch, Sie waren in Nigeria, um sich vor Ort ein Bild von der Kirche im Norden des Landes zu machen. Seit vielen Jahren leiden die Menschen dort ganz besonders unter Gewalt. Welchen Eindruck hatten Sie vor Ort?
Was „Boko Haram” und die Verfolgung von Christen angeht, gibt es unterschiedliche Standpunkte. Die Situation stellt sich von Diözese zu Diözese je nach Ausmaß der Gewalt und der religiösen Zusammensetzung der Bevölkerung anders dar. Außerdem gibt es innerhalb von „Boko Haram” verschiedene Splittergruppen, was die Situation zusätzlich erschwert.

Der herzliche Empfang, der uns bereitet wurde, war jedoch überall gleich. Die Menschen freuten sich so sehr, dass trotz der Presseberichte über Terrorismus und Gewalt jemand aus dem Ausland zu ihnen kam.

Nach unserer Heimkehr schrieb der Erzbischof von Kaduna, Matthew M. Ndagoso: „Ich muss Ihnen sagen, dass wir und unsere Gläubigen umso dankbarer dafür sind, denn es gibt uns das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer sehr großen Familie, zur Kirche, die sich auch um ihre Mitglieder kümmert, die sich in einer schwierigen Lage befinden.“

Pfarrer Christopher Jafau Barde vor der beschädigten Pfarrkirche St. Theresa in Madalla. Sie wurde am Weihnachtstag 2012 durch einen Anschlag von „Boko Haram” zerstört.

Pfarrer Christopher Jafau Barde vor der beschädigten Pfarrkirche St. Theresa in Madalla. Sie wurde am Weihnachtstag 2012 durch einen Anschlag von „Boko Haram” zerstört.

Es ist oft zu hören, das größte Problem Nigerias sei die Korruption …
Ich muss zugeben, dass ich bei der Reise nach Nigeria Bedenken hatte, nicht nur wegen der Gewalt, sondern auch weil das Land in dem Ruf steht, eines der korruptesten Länder der Welt zu sein. Wir selbst haben zwar keine solchen Erfahrungen gemacht, aber wirklich jeder Kirchenvertreter, mit dem wir sprachen, beklagte sich über die Korruption, die das Land immer stärker zu lähmen scheint.

In einem Bericht der englischen Zeitschrift „The Economist” ist die Rede davon, dass 60 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben, und dies obwohl Nigeria eines der bedeutendsten Öl produzierenden Länder Afrikas ist.

Manchmal konnte man eine gewisse Verzweiflung spüren, wenn das Gespräch auf das Thema Korruption kam. Niemand in der Regierung scheint willens zu sein, an denjenigen Politikern ein Exempel zu statuieren, die offensichtlich ihre Taschen mit Geld gefüllt haben, das für andere Zwecke bestimmt war.

Die Kirche thematisiert das Problem und ist bemüht dem entgegenzuwirken, indem sie ihre Gemeindemitglieder lehrt, der Korruption zu widerstehen. Aber es ist ein harter Weg.

Wie beschreiben Sie die Kirche im Norden des Landes? Ist sie müde oder verzweifelt angesichts so viel Gewalt und Not?
Wir fanden eine Kirche vor, deren Bischöfe den Gläubigen in diesen Krisenzeiten ein großes Vorbild sind. Es gibt so viele unterschiedliche Meinungen, was die Gründe dieser Gewaltausbrüche durch „Boko Haram” sind – religiöse, politische, wirtschaftliche. Tatsache ist und bleibt, dass zu großen Teilen Christen das Ziel dieser Gewalt sind und darunter leiden.

Die spezielle Herausforderung für die Bischöfe ist, ihre Gläubigen davon abzuhalten, zurückzuschlagen, und stattdessen gemeinsam mit den Muslimen, die sich nicht an der Gewalt von „Boko Haram” beteiligen wollen, und mit den wenigen verschiedenen protestantischen Kirchen Nigerias eine geschlossene Front zu bilden. Wegen ihrer Schulen, Krankenhäuser und ihres universellen Charakters wird die katholische Kirche im Norden Nigerias nach wie vor sehr respektiert.

Gräber als Mahnmal: Bei einem Autobombenanschlag auf eine Kirche in der Stadt Kaduna kamen vier Menschen ums Leben.

Gräber als Mahnmal: Bei einem Autobombenanschlag auf eine Kirche in der Stadt Kaduna kamen vier Menschen ums Leben.

Sie haben das Thema Vergeltung angesprochen: Es ist bestimmt nicht einfach, die Opfer von der christlichen Botschaft der Versöhnung zu überzeugen …
Ja, aber der Glaube der Menschen ist phänomenal, ganz besonders angesichts der Gewalt, die sie erfahren. Wir wissen aus Augenzeugenberichten, dass es nicht immer leicht ist, den Gewalttätern gegen Christen zu verzeihen. Doch den Gläubigen gelingt es, zu vergeben. Sie sollten ein Vorbild für uns alle sein.

Außerdem ist die Kirche bestrebt, den Glauben derer zu stärken, die bereits Katholiken sind, und denjenigen, die noch den traditionellen afrikanischen Religionen angehören, den Glauben vorzustellen. Hier kommt speziell die Arbeit der Katecheten ins Spiel. Es ist ganz klar, dass die Kirche es ohne sie nicht schaffen würde.

Nigeria hat Bodenschätze und Erdöl, und trotzdem herrscht immer noch große Armut im Land. Es gibt außerdem unterschiedliche ethnische Gruppen. Spiegeln sich diese gesellschaftlichen Unterschiede auch in der Kirche wider?
Trotz der großen Unterschiede zwischen den ethnischen Gruppen in Nigeria und ganz besonders zwischen dem Norden und dem Süden hatte ich den Eindruck, dass es eine große Solidarität gibt, auch dann, wenn es um finanzielle Dinge geht. Einige der wohlhabenderen Diözesen im Süden unterstützen ihre weniger glücklichen Brüder im Norden.

Am letzten Sonntag unseres Besuchs war die zweite Kollekte aller Sonntagsmessen für die pastorale Notsituation in der Diözese von Maiduguri bestimmt, der Diözese, die am stärksten von der Gewalt durch „Boko Haram” betroffen ist.

Allerdings kommt es mit zunehmender Gewalt zu einer starken Abwanderung von Christen, die aus dem Süden oder Osten stammen, also von denjenigen Menschen, die die Kirche zu großen Teilen finanziell mitgetragen haben. Einige Pfarreien haben bereits einen Rückgang ihrer Mittel um 50 Prozent festgestellt. Dabei benötigen sie diese so dringend für ihre Priester und Katecheten, die Seminaristen oder Schulen.

So können Sie den verfolgten Christen helfen

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf CD beziehungsweise DVD erhältlich.

12.Aug 2013 11:32 · aktualisiert: 10.Jun 2014 11:19
KIN / S. Stein