„Sie starben mit dem Kruzifix im Mund”

KIRCHE IN NOT spricht mit EU-Vertretern über Flüchtlingsdrama vor Lampedusa

Francesco Montenegro, Erzbischof von Agrigent.

Francesco Montenegro, Erzbischof von Agrigent.

Zipp-klick-zipp-bum, zipp-klick-zipp-bum … Zweihundert, dreihundert, vierhundert Mal die gleiche Lautfolge, der gleiche Klang des Todes und des Schmerzes, der sich in das Herz von Francesco Montenegro eingräbt.

Er ist Erzbischof von Agrigent auf Sizilien, zu dessen Bistum auch die Insel Lampedusa gehört, wo es Anfang Oktober zu einem Drama auf offener See kam. Ein Schiff mit Flüchtlingen aus Somalia kenterte, 366 Menschen starben.

Bei einem Besuch der Europäischen Kommission in Brüssel berichtete er über seine Erlebnisse nach diesem Drama: „Sie öffneten den Reißverschluss der Plastiksäcke, machten ein Foto, ich segnete die Leiche, sie schlossen den Reißverschluss – und weiter zur nächsten. Schrecklich! So viele Christen sind mit ihrem Kruzifix im Mund in der großen Grabstätte des Mittelmeers gestorben!

‚Mare Nostrum’ [Unser Meer], ja, ‚nostrum’… aber es sind die Toten anderer; eine flüssige Grabstätte für 20 000 Leichen, von denen wir etwas wissen, und für noch einmal so viele, von denen wir gar nichts wissen!“ Erzbischof Francesco Montenegro beschreibt nicht nur den Schmerz über die Toten, sondern prangert auch die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Lebenden an.

Erzbischof Francesco Montenegro und Herman van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates (C) Europäischer Rat.

Erzbischof Francesco Montenegro und Herman van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates (C) Europäischer Rat.

„Ich spreche nicht als Politiker, sondern als Bischof, und ich frage mich: Was nützt es uns, für die Opfer ein Staatsbegräbnis zu organisieren, wenn wir nicht mit der gleichen Leidenschaft das neue Leben der Überlebenden feiern? Aber nein: Diese werden im Auffanglager wie Kriminelle behandelt. Im Hafen der ärmsten Provinz Italiens gibt es eine ärmliche Unterkunft mit nur 250 Betten, und dabei sind dort – noch jetzt, einen Monat nach ihrer dramatischen Ankunft – 1000 Menschen!”

Europa, erklärt Erzbischof Montenegro, scheine nicht bereit zu sein, mit vereinten Kräften gegen die offensichtliche Kette des Elends anzugehen, die einen Mann, eine Frau und deren Kinder dazu bringt, alles für ein besseres Leben hinter sich zu lassen. Die Europäische Kommission verfügt hierfür über drei verschiedene ‚Minister’ (Kommissare): einen für Entwicklung, der sich um die Herkunftsländer kümmert, einen für die Beziehungen mit den Mittelmeernachbarn und einen weiteren für die Grenzen der EU und der Asylpolitik.

Während diese drei nun versuchen, eine Vereinbarung zu treffen, bereiten sich die 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union auf die Wahlen im Mai 2014 vor. Dabei spricht die Mehrheit von ihnen von diesen armen Seelen wie von Eindringlingen, die man sich vom Leib halten muss. „Sie schrecken nicht davor zurück, oppositionelle Gruppen in Syrien zu bewaffnen, aber sie versperren den Familien, die vor den Kugeln fliehen, den Weg”, sagt der Erzbischof abschließend.

Erzbischof Francesco Montenegro und Herman van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates (C) Europäischer Rat.

Erzbischof Francesco Montenegro und Herman van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates (C) Europäischer Rat.

Während eines Besuchs bei der Europäischen Union, der von KIRCHE IN NOT organisiert wurde, mahnte Erzbischof Montenegro den Präsidenten des Europäischen Rates, Herman van Rompuy: „Lampedusa könnte gut darstellen, was Europa in Zukunft erwartet. Wir müssen daraus lernen und anfangen, mit dieser Realität zu leben.

Während die EU der italienischen Regierung 30 Millionen Euro anbietet, sind wir als Kirche hier, um die Notleidenden zu empfangen und auch um die Einwohner Lampedusas zu begleiten, die großzügig ihre Kleidung spenden und ihre Häuser denjenigen öffnen, die alles verloren haben.”

„Wir haben alle Ansprechpartner darum gebeten, es uns zu ermöglichen, ein menschenwürdiges Aufnahmeprojekt auf die Beine zu stellen. Es kann nicht sein, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene hier wie in einem Gefängnis leben”, sagte Valerio Landri, Direktor der Caritas in der Diözese Agrigent. Es gibt dort schon 5600 Kinder, für die die Caritas in Lampedusa ein Spielzentrum organisiert hat.

„Leider”, beklagt Erzbischof Montenegro, „verschwinden sie sehr schnell aus dem Auffanglager. Es gibt Menschenhändler und Organhändler, die dort herumlungern. Wir müssen etwas unternehmen, damit weder sie noch ihre Eltern in ihre Fänge geraten!”

Erzbischof Montenegro erinnert an die Worte des Heiligen Vaters, der die Kirche dazu aufgerufen hat, die Solidarität und Nächstenliebe, die Christus von uns fordert, bis zur letzten Konsequenz zu leben: „Unter dem Deck der Boote hat man Leichen geborgen, die ihre Hände gefaltet hielten als letzte Geste, bevor sie dahingingen zum Herrn. Vergessen wir sie nicht! Das Beste was wir tun können, ist, das Leben jener, die angekommen sind, zu feiern, und sie nicht alleine zu lassen.”

Zukünftige Flüchtlingsdramen verhindern

An dem von KIRCHE IN NOT organisierten Besuch bei der Europäischen Kommission nahm neben Erzbischof Francesco Montenegro und Valerio Landri auch Pater Andrzej Halemba, Referent bei KIRCHE IN NOT für Projekte in Ländern mit starker Auswanderung wie Eritrea, Äthiopien oder Philippinen, teil. Sie hoben in Brüssel die elende Lage der Auswanderer in Lampedusa hervor und erläuterten den verschiedenen europäischen Gremien den Hintergrund der Tragödie von Anfang Oktober.

Die kirchlichen Vertreter schlugen Formen der Kooperation vor, um solche Flüchtlingsdramen zukünftig zu verhindern und auch um deren Folgen abzumildern, während man eine Lösung auf lange Sicht ausarbeitet. Bis März werden viele weitere Auswander aus Afrika erwartet, weil der Seegang nicht mehr so stark ist. Man muss auf allen Ebenen darauf vorbereitet sein.

Von Marcela Szymanski

KIN / S. Stein