„Die Politiker müssen handeln!”

Indischer Erzbischof kämpft für mehr Rechte von Christen in der unteren Kaste

Anil Couto, Erzbischof von Delhi.

Anil Couto, Erzbischof von Delhi.

Am 11. Dezember wurden in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi bei einer Demonstration für die Gleichberechtigung von Christen und Muslimen in der unteren Kaste über 400 Personen festgenommen. Die Polizei setzte Schlagstöcke und Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein.

An dem Protestmarsch nahmen führende katholische, protestantische und muslimische Vertreter teil. In Indien leben 27 Millionen Christen. Etwa zwei Drittel von ihnen gehören der unteren Kaste an. Sie werden Dalits oder Unberührbare genannt.

Einer der Festgenommenen war Erzbischof Anil Couto aus Neu-Delhi. In einem Interview mit KIRCHE IN NOT spricht er über die Hintergründe der Demonstration, die Lage der christlichen Minderheit in Indien und seine Forderungen an die Politiker. Die Fragen stellte Joop Koopman.

Was war der Grund für die Proteste genau zu diesem Zeitpunkt?
Wir demonstrieren seit vielen Jahren regelmäßig für die gleichen Rechte von Christen und Muslime. Der 10. Dezember war überdies der UN-Menschenrechtstag. Zu dieser Zeit kommt das indische Parlament zu seiner Sitzung zusammen. Wir hofften also, dass die Regierung und einige politische Führer, die mit unserem Anliegen sympathisieren, auf uns aufmerksam werden würden, damit das Thema im Parlament zur Sprache käme und auf diese Weise Druck auf die Regierung ausgeübt würde.

Wie erklären Sie sich die äußerst aggressive Reaktion der Polizei auf Ihren Protest?
Die Aggressionen seitens der Regierung resultierten aus der Tatsache, dass wir die Sicherheitsabsperrung vor dem Parlament durchbrochen haben. Die Proteste jenseits dieser Absperrung wurden von der Polizei mit Knüppeln und Wasserwerfern bekämpft. Wenn wir unsere Demonstration fortgesetzt hätten, hätte die Polizei möglicherweise zu noch härteren Mitteln gegriffen.

Wir hatten den Eindruck, dass wir diesen Vorstoß wagen mussten, um die erforderliche Aufmerksamkeit zu erhalten. Wir mussten eine drastische Maßnahme wählen, auch wenn wir damit gegen Gesetze verstoßen haben. Dieses Risiko mussten wir einfach eingehen.

Kinder aus Indien mit der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT.

Kinder aus Indien mit der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT.

Christen und Muslime kämpfen in dieser Sache Seite an Seite. Könnte dies positive Auswirkungen auf Muslime und Christen in Indien und Pakistan oder beispielsweise auch im Nahen Osten haben?
Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Auswirkungen unsere gemeinsamen Anstrengungen außerhalb von Indien möglicherweise haben. In Pakistan sind Christen nur eine kleine Gemeinschaft, die sich vielen fanatischen Gruppen gegenübersieht.

Natürlich hoffe ich, dass die Beziehung zwischen Christen und Muslime in Indien positive Auswirkungen auch außerhalb unseres Landes haben wird. Aber hier sind natürlich Christen und Muslime eine Minderheit, die diskriminiert wird. Das macht diese ganz spezielle Situation aus, in der wir gute Beziehungen miteinander pflegen.

1950 wurde hinduistischen Dalits Rechte eingeräumt, die in der Folge auch Buddhisten und Sikhs erhielten. Welche Erklärung haben Sie dafür, dass sich Regierungen seitdem immer wieder geweigert haben, auch christlichen und muslimischen Dalits Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?
Diese Weigerung resultiert aus der Hindutva-Ideologie, nach der Indien streng nach hinduistischen Regeln ausgerichtet sein muss und letztendlich ein theokratischer Hindu-Staat werden soll. Man propagiert die Ansicht, dass der Islam und das Christentum von außen in das Land gekommen sind und diese Religionen nicht aus Indien stammen. Anhänger von Glaubensrichtungen, die in Indien beheimatet sind wie Sikhs, Jains und Buddhisten werden in Indien in viel stärkerem Maße toleriert.

Die Diskriminierung von Christen resultiert vor allem aus der Furcht, dass, wenn christlichen Dalits Rechte eingeräumt werden, viele hinduistische Dalits zum Christentum konvertieren könnten. Genau dies befürchten die rechtsgerichteten nationalistischen Hindu-Parteien.

Gibt es etwas, was den christlichen Glauben so einzigartig macht?
Ja, der christliche Glaube hält auf eine bestimmte Weise die Würde des Menschen aufrecht. Aus der Beziehung zu Christus und dem Evangelium ergibt sich eine große Kraft und Stärke. Der Herr ist für uns gestorben! Durch sein Opfer wurden wir errettet!

Neben geistiger Nahrung bieten die christlichen Kirchen große Leistungen im gesellschaftlichen Bereich an und arbeiten unermüdlich für soziale und politische Reformen. Dies ist äußerst attraktiv für die Menschen – und genau aus diesem Grund haben rechtsgerichtete Hindu-Splitterparteien Angst, dass ein großer Exodus vom Hinduismus hin zum Christentum einsetzen könnte.

In einem kleinen Dorf in Indien.

In einem kleinen Dorf in Indien.

Es wurde verschiedentlich berichtet, dass einige christliche Dalits, obwohl sie ihren Glauben praktizierten, sich in der Öffentlichkeit als Hindus ausgaben, um von staatlichen Leistungen zu profitieren …
Die Situation ist ungerecht: Christen werden ihre verfassungsmäßig garantierten Rechte aberkannt, und auf diese Weise kann man Gesetze umgehen. Allerdings sind mir nicht viele Personen bekannt, die dies tun. Es gibt viele Menschen, die für ihren Glauben eintreten und deshalb bewusst wirtschaftliche und soziale Nachteile in Kauf nehmen.

Am 12. Dezember hatten Sie und weitere christliche Führer die Möglichkeit, Premierminister Manmohan Singh zu treffen. Welche Ergebnisse hatten die Gespräche mit ihm?
Wir hatten nur 10 Minuten Zeit, um mit ihm zu sprechen, aber die Gespräche haben uns Mut gemacht. Als wir ihn über die Schläge und die Gewalt der Polizei in Kenntnis setzen, erwiderte er: „Das tut mir sehr leid.“ Er versicherte der Delegation, dass er die Angelegenheit in seinem Kabinett zur Sprache bringen wird und sich dafür einsetzen wird, dass sie auch im Parlament angesprochen wird.

Das Thema ist derzeit beim Obersten Gerichtshof anhängig, der darauf wartet, ob die Regierung es befürwortet oder ablehnt, christlichen und muslimischen Minderheiten Rechte einzuräumen. Der Gerichtshof handelt gemäß der Empfehlung eines Sonderausschusses, der von der Regierung eingesetzt wurde.

Der Ausschuss hat die Regierung vor vier Jahren gedrängt, dass positive Maßnahmen unabhängig von Religionszugehörigkeiten ergriffen werden sollten. Unsere Frage an die Regierung ist, warum der Oberste Gerichtshof von ihr bislang weder eine positive noch eine negative Antwort erhalten hat. Die Führung des Landes schweigt einfach zu dem Thema. Aber sie muss handeln!

2009 wurde das Pastoralzentrum in Konjamendi durch einen Brandanschlag zerstört.

2009 wurde das Pastoralzentrum in Konjamendi durch einen Brandanschlag zerstört.

Welche Meinung haben Sie zu Narandra Modi, dem Regierungschef des Bundesstaats Gujarat, der der Partei BJP angehört und 2014 als Kandidat um das Amt des Premierministers antreten möchte. Er wird mit Gewalt gegen Muslime, bei denen 2002 eintausend Menschen getötet wurden, in Verbindung gebracht. Hat er eine Chance auf das Amt? Was würde es für Ihr Anliegen bedeuten, wenn die BJP als nationalistische Hindupartei wieder an die Macht käme?
Ich bin mir nicht sicher, ob er eine Chance hat. Die Medien sehen ihn als Gewinner der Wahlen. Betrachtet man seine Vergangenheit, wäre er sicherlich keine gute Wahl für uns. Für Minderheiten könnte es in der Tat gefährlich werden, wenn die BJP wieder an der Macht wäre, auch innerhalb einer Regierungskoalition. Sie würden wieder damit anfangen, Stimmung gegen eine Konversion zum Christentum zu machen und die Christen beschuldigen, auf aggressive Weise zu missionieren, was eine völlig falsche Behauptung ist.

Die christliche Missionsarbeit wird fortgeführt, aber im verfassungsrechtlichen Rahmen. Wir haben die Freiheit, unseren Glauben zu bekennen und ihn zu verbreiten. Und die Menschen sind frei in der Wahl ihrer Religion. Der BJP würde es gefallen, eine Art von Psychose und öffentliche Paranoia dahingehend entstehen zu lassen, dass jede Konversion eine Zwangskonversion ist und den Behörden gemeldet werden muss. Zudem wären viele Medien auf der Seite hinduistischer Nationalisten.

Welche nächsten Schritte planen Sie und andere christliche (und muslimische) Führungspersönlichkeiten in Indien?
Wir versuchen, unsere Bemühungen in diesem ökumenischen Rahmen zu bündeln. Die Bischofskonferenz arbeitet mit dem National Christian Council und dem Evangelical Fellowship zusammen, um die Menschen zu ermutigen, ihre Stimme Parteien mit weltlicher Prägung zu geben, die den säkularen Charakter unserer Verfassung aufrechterhalten.

Dennoch sind wir nicht sicher, welche – wenn auch säkulare – Partei offen für die Anliegen christlicher (und muslimischer) Dalits eintreten würde. Der Kongress hatte die Möglichkeit, sich mit diesem Thema vor Jahrzehnten zu befassen, als die Befürworter dort noch die absolute Mehrheit hatten, aber er hat die Zeit für dieses wichtige Thema vertrödelt und damit für Ungerechtigkeit gesorgt.

So können Sie den Christen in Indien helfen

20.Dez 2013 13:43 · aktualisiert: 27.Okt 2014 15:37
KIN / S. Stein