„Wir sterben an Kälte und Hunger”

Caritas-Präsident aus dem Libanon über die Lage der syrischen Flüchtlinge

Simon Faddoul, Präsident von Caritas Libanon.

Monsignore Simon Faddoul, Präsident von Caritas Libanon.

Bereits 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge halten sich im Libanon auf, größtenteils unter dramatischen Bedingungen. Dabei hat der Libanon selbst nur 4,5 Millionen Einwohner.

Weil sich die meisten Flüchtlingsfamilien das Schulgeld nicht leisten können und die Kapazitäten des libanesischen Schulsystems erschöpft sind, bleibt rund 200 000 syrischen Kindern der Bildungsweg verschlossen. „Einige von ihnen rutschen in die Kriminalität oder die Prostitution ab“, erklärt der Präsident der Caritas Libanon, Simon Faddoul, gegenüber KIRCHE IN NOT.

Der anhaltende Flüchtlingsstrom aus Syrien habe den Libanon wirtschaftlich und sozial in eine prekäre Lage gebracht. Die Lebensverhältnisse der Libanesen selber hätten sich sehr verschlechtert, beklagt Faddoul. Das hoch verschuldete Land habe bereits zwei Milliarden Dollar für humanitäre Hilfe ausgegeben.

Gleichzeitig habe die libanesische Wirtschaft seit Kriegsausbruch im Nachbarland Syrien im März 2011 ein Defizit von acht Milliarden Dollar aufgrund einer abgeschnittenen Verbindungsstraße zu verkraften. Die einzige Straße, die den Libanon mit dem Handelspartner Türkei verbindet, führe durch Syrien. „Seitdem ersetzen kostspielige Flüge oder zeitintensive Schiffstransporte den Import und Export auf dem Landweg“, berichtet Faddoul.

Ein Flüchtlingslager nahe der libanesisch-syrischen Grenze.

Ein Flüchtlingslager nahe der libanesisch-syrischen Grenze.

Der Caritas-Präsident lobt die große Geduld, mit der die Libanesen lange Zeit der Zuwanderung widerspruchslos zusahen. „Die ganze Welt kann von der Gastfreundlichkeit der Libanesen lernen. Die libanesische Regierung hätte die Grenze schließen können. Dann hätte man aber die Leute ihrem Schicksal überlassen.“

Inzwischen sei die Geduld des libanesischen Volkes aber vereinzelt in Unmut umgeschlagen. Viele fühlten sich von UN-Behörden und internationalen Organisationen diskriminiert. Libanesen hätten zusehen müssen, wie internationale Hilfen bei syrischen Flüchtlingen ankamen, während sie selbst außen vor blieben. „Doch viele Libanesen erleiden inzwischen noch größere Not als die Flüchtlinge“, stellt Faddoul klar.

Frau mit Kind aus Syrien in einem Flüchtlingslager im Libanon.

Frau mit Kind aus Syrien in einem Flüchtlingslager im Libanon.

Der Caritas-Präsident bedauert, dass die westliche Staatengemeinschaft ihre Hilfsgelder lieber UN-Organisationen zur Verfügung stelle als Hilfsorganisationen vor Ort. „Wir haben erlebt, dass Hilfsgelder einen langen Weg über verschiedene Zwischenstationen zurücklegten und dabei viel Geld in Verwaltungskosten floss. Am Ende kamen nur 60 Prozent der Hilfe bei den Leuten an“, sagt Faddoul.

Er spricht sich dafür aus, dass ausländische Regierungen direkt mit nationalen Hilfsorganisationen zusammenarbeiten. „Weil sie die Situation in der Krisenregion kennen, können sie rasch und zielgerichtet helfen.“

In Zusammenarbeit mit Hilfswerken wie KIRCHE IN NOT konnte Caritas Libanon vom ersten Tag an Flüchtlingshilfe leisten. Sie stellte Nahrungsmittel, Kleidung, Betten und Reinigungsmittel bereit und brachte 65 000 Kinder in staatlichen Schulen unter. Außerdem richtete sie fünf mobile und zehn stationäre Kliniken für Flüchtlinge ein und beauftragte Psychologen und Sozialpädagogen mit der Betreuung traumatisierter Flüchtlinge.

Schneefall in der syrischen Stadt Homs.

Schneefall in der syrischen Stadt Homs.

Die westliche Welt könne in mehrfacher Hinsicht dazu beitragen, die prekäre Situation der Menschen in Syrien und im Libanon zu verbessern, betont Faddoul. Als erstes solle sie den Druck auf die Kriegsparteien in Syrien erhöhen, das Land zu befrieden. Auf diese Weise blieben die Syrer in ihrem Land. Außerdem erhielten die Flüchtlinge im Libanon, in Jordanien und der Türkei eine Perspektive, in ihre Heimat zurückzukehren.

Die drängenden Probleme könnten nicht dadurch gelöst werden, dass der Westen syrische Flüchtlinge aufnehme. Außerdem sei es nötig, dass der Westen auf die Not der Syrer und der Libanesen mit Mitleid sehe und großherzig helfe, ohne dabei finanzielle Risiken zu befürchten. „Es geht hier um Leben und Tod der Leute. Man muss das Schreien der Leute hören, die um Hilfe bitten: ,Wir sterben an Hunger und Kälte!‘“, sagt Faddoul.

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Gebet für den Nahen Osten

Ikone “Lasst die Kinder zu mir kommen” in Assiut/Oberägypten.

Ikone “Lasst die Kinder zu mir kommen” in Assiut/Oberägypten.

Gott, unser Vater, hab Erbarmen mit dem Nahen Osten.

Deine treuen Diener – jung und alt – sind aufgerufen, Christus zu bezeugen. Mögen sie in dieser aufregenden Zeit gestärkt werden, indem sie deinem geliebten Sohn nachfolgen, der in jener Zeit in ihrer jetzigen Heimat tätig war.

In Gemeinschaft mit unserem Papst beten wir, dass Christen im Nahen Osten ihren Glauben in völliger Freiheit leben können. Ermutige sie, als Werkzeug des Friedens und der Versöhnung zu handeln – vereint mit allen Bürgern in ihren Ländern.

Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn. Amen.

(Gebet von Antonios Kardinal Naguib von Alexandrien / Ägypten für KIRCHE IN NOT)

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30.Jan 2014 12:32 · aktualisiert: 4.Feb 2014 16:04
KIN / S. Stein