Bedroht, aber voller Hoffnung

Die koptischen Frauen Rania und Maria arbeiten in Kairo im Müll.

Die koptischen Mädchen Rania und Maria arbeiten in Kairo im Müll.

Es ist ein im Westen kaum bekanntes Phänomen: Entführungen, Vergewaltigungen und Zwangsbekehrungen christlicher Frauen und Mädchen zum Islam.

„Vor 2011 waren es vielleicht sechs oder sieben Mädchen in ganz Ägypten, die das betraf. Seither aber ist die Zahl auf tausende angestiegen“, sagt Said Fayez, ein Anwalt und koptischer Menschenrechtler aus Kairo gegenüber KIRCHE IN NOT.

Vor allem junge Mädchen sind im Visier radikaler Islamisten. So wie die 14-jährige Nadia Makram. 2011 wurde sie während eines Gottesdienstes entführt. Seither hat ihre Familie keinen Kontakt mehr zu dem Mädchen. Dabei kennt ihre Familie die Täter, die Polizei helfe ihr aber nicht, beklagt Nadias Mutter. „Uns wurde sogar gedroht, sollten wir die Sache weiter verfolgen. Ich muss die Entführung meiner Tochter akzeptieren“, sagt sie.

Besonders folgenreich ist die Zwangsbekehrung zum Islam, die von den entführten Frauen verlangt wird. Anwalt Fayez berichtet vom Fall des entführten Mädchens Jacqueline Ibrahim, die von Salafisten gezwungen wurde, vor der Azhar-Universität ihre Konversion zum Islam zu erklären. „Ein Beispiel totaler Missachtung ihres Glaubens und ihrer Überzeugung“, so Fayez.

Blick auf Mukattam. In dem Kairoer Vorort leben überwiegend koptische Christen.

Blick auf Mukattam. In dem Kairoer Vorort leben überwiegend koptische Christen.

Die katholische Kirche versucht, betroffenen Mädchen und Frauen eine Zuflucht zu bieten. In der Stadt Al-Minya, etwa 250 Kilometer südlich von Kairo, unterhält die koptisch-katholische Diözese ein Haus für Mädchen, die eine Entführung hinter sich haben. Hier sind sie in Sicherheit vor ihren Peinigern und bleiben für sechs Monate oder länger. Manche Mädchen flüchten sich auch in die Einrichtung, um einer Entführung zu entgehen.

Pater Boulos Nasif, Leiter des Hauses, erklärt gegenüber KIRCHE IN NOT: „Hier werden die Mädchen begleitet und können über alles sprechen, was ihnen zugestoßen ist. Wir versuchen, sie zu befähigen, wieder Glieder der Gesellschaft zu sein.“

Ein Lastwagen bringt Müll in das Viertel Mukattam.

Ein Lastwagen bringt Müll in das Viertel Mukattam.

Es stinkt hier gewaltig im Müllviertel Kairos. Unablässig karren Lastwagen und Eselskarren den Dreck an, den Kairo als eine der größten Städte Afrikas verursacht. Ziegen, Hunde und Hühner suchen Fressbares aus den von Fliegen umschwirrten Abfällen.

Inmitten von Bergen aus fauligem Hausmüll, Plastikflaschen, Autoreifen und anderem Unrat sitzen Menschen und sortieren die Abfälle. Über der Straße hängen Madonnenbilder, Kreuze und Bilder koptischer Heiliger – ein Zeugnis dafür, dass hier Christen leben.

Seit Generationen schon entsorgen koptische Christen Teile des Mülls der etwa zwanzig Millionen Menschen zählenden Metropole Kairo. „Saballin“, Müllmenschen, nennt man sie. Sie leben verhältnismäßig gut davon – besser jedenfalls als in den Dörfern Oberägyptens, aus denen sie meist stammen.

Hier, im fast gänzlich christlichen Müllviertel Mukattam, wachsen Rania und Marina auf, 17 und 14 Jahre alt. Ihre Väter arbeiten auch im Müllgeschäft. Die beiden koptisch-orthodoxen Mädchen sind Freundinnen. „Wir werden dauernd anzüglich angemacht“, beklagt Rania. „Fast alle Männer und Jungs machen das hier. In den meisten Fällen ignoriere ich das und gehe weiter.“

Aber einmal habe es ein ungefähr 18-jähriger Junge im muslimischen Nachbarviertel zu bunt getrieben. „Da habe ich ihm eine geschmiert. Die Leute haben mir Recht gegeben und den Jungen getadelt. Das hat mich gefreut.“

Direkte Nachbarschaft: Moschee und Kirche in Kairo.

Direkte Nachbarschaft: Moschee und Kirche in Kairo.

So viel Mut wird nicht immer belohnt. Marina hat das am eigenen Leib erfahren. „Ein christlicher Nachbar, so um die fünfzig, hat mich sehr unsittlich angeredet. Da habe ich mich gewehrt und ihm Paroli geboten. Er ging dann aber zu meinem Vater und hat sich über meine fehlende Erziehung beschwert. Mein Vater hat ihm Recht gegeben und mich dann geschlagen. Ein Mädchen dürfe sich nicht so respektlos verhalten. Sein fehlendes Verständnis hat mir mehr wehgetan als die Prügel.“

Sozialarbeiterin Susi Magdy kennt solche Fälle. Die koptisch-orthodoxe Christin arbeitet für die katholischen Comboni-Missionare und lebt selbst in Mukattam. „Die Menschen hier stammen aus dem ländlichen Raum Oberägyptens und denken sehr traditionell. Der Unterschied zwischen Muslimen und Christen ist in dieser Beziehung nicht groß. Es ist allen ganz wichtig, keine Schande über die Familie zu bringen.“

Häuserschlucht mit einem Bild des koptischen Papstes Schenuda III. (1923-2012).

Häuserschlucht mit einem Bild des koptischen Papstes Schenuda III. (1923-2012).

In den allermeisten Fällen werde deshalb auch sexueller Missbrauch totgeschwiegen. „Viele Mädchen werden von ihren Brüdern, Cousins oder Onkeln belästigt oder gar vergewaltigt.“ Darüber zu sprechen, sei aber innerhalb der Großfamilie tabu. Zur Polizei oder zum Pfarrer gehe niemand. „Es würde ihnen auch niemand glauben. Man würde sagen, die Frauen hätten es provoziert“, sagt Magdy.

Auch körperliche Gewalt ist ein großes familiäres Problem. „Mein Vater schlägt meine Mutter. Das kommt immer wieder vor“, gesteht die 14-jährige Marina.

Sozialarbeiterin Magdy blickt aber optimistisch in die Zukunft: „Häusliche Gewalt nimmt hier im Viertel ab. Das ist vor allem ein Problem der älteren Generation. Früher waren Schläge des Ehemannes sozial akzeptiert. Die Kampagnen, die wir und andere Organisationen in den vergangenen Jahren gemacht haben, haben aber inzwischen erste Früchte getragen.“

Erfolgreich waren im Viertel auch Aufklärungskampagnen gegen die Genitalbeschneidung von Mädchen. Sowohl bei Muslimen als auch bei Christen ist diese Art der Verstümmelung verbreitet. Soziale und nicht religiöse Gründe seien es, die Berufstätigkeit und Studium von Mädchen und Frauen für weite Teile der christlichen Landbevölkerung inakzeptabel machen. „Hier gibt es leider nur kleine Fortschritte“, sagt Magdy. „Für ein christliches Mädchen aus einem Dorf ist es fast unmöglich, ein Studium zu beginnen.“

Einige Kilometer weiter, in Kairo Downtown, ist die Welt eine andere. Hier, in der deutschen katholischen Mädchenschule in der Nähe des Tahrirplatzes, schicken die wohlhabenden Schichten ihre Kinder zum Unterricht. Busse bringen die Mädchen aus ihren gepflegten Vierteln täglich in die Schule, die in der Trägerschaft des Borromäerinnen-Ordens steht.

Mädchen der Schule der Borromäerinnen in Kairo.

Mädchen der Schule der Borromäerinnen in Kairo.

Nada ist 17 und koptisch-orthodoxe Christin. Im nächsten Jahr macht sie Abitur. Dann will sie Literatur oder Psychologie studieren. So genau weiß sie das noch nicht. Ins Ausland will sie für eine bestimmte Zeit aber sicher. „Seit der Revolution 2011 hat sich für uns Frauen viel zum Besseren verändert“, berichtet sie.

„Die Denkweise der Leute ändert sich. Frauenrechtlerinnen hatten unter Mubarak keine Chance, sich öffentlich zu äußern. Das ist jetzt anders.“ Ihre Mitschülerinnen stimmen ihr zu. „Die Frauen haben die Angst verloren, sich für ihre Rechte einzusetzen“, meint die Katholikin Helena, ebenfalls 17 Jahre alt. Kunst will sie studieren.

Frauen vor einem kleinen Laden im Kairoer Vorort Mukattam.

Frauen vor einem kleinen Laden im Kairoer Vorort Mukattam.

Auch Nada ist überzeugt davon, dass die Situation der Frau in Ägypten wesentlich von ihrer sozialen und weniger von ihrer religiösen Zugehörigkeit abhängt. Das Stadt-Land-Gefälle sei groß.

„Von meinem Elternhaus her oder im Freundeskreis spüre ich keine Einschränkung, weil ich Frau und Christin bin. Die sind alle gebildet und offen. Hier bei uns an der Schule ist das genauso. Die Mehrheit sind Musliminnen, aber da gibt es keine Probleme. Wir sind wie Schwestern.“

Ihre 16-jährige protestantische Mitschülerin Nadine, die später Wirtschaft im Ausland studieren will, kann dagegen von schlechten Erfahrungen ihrer Mutter berichten. „Sie ist Lehrerin und hat an ihrer Schule sehr zu kämpfen, weil sie Christin ist.“ Immer wieder werde sie gefragt, warum sie kein Kopftuch trage.

Das fehlende Kopftuch der Christinnen: Es führt dazu, dass die Mädchen immer wieder unsittlich auf der Straße angesprochen werden. „Viele Jungs und Männer denken, dass wir Christinnen, weil wir kein Kopftuch tragen, leicht zu haben wären. Das sind wir gewohnt. Das nimmt niemand ernst“, sagt die 15-jährige Sheri. „Das hängt auch wesentlich vom Viertel ab, in dem man sich bewegt.“

Gesellschaftliche Normen des konservativen Landes schränken aber selbst gebildete Frauen und Mädchen ein. „Mein Bruder kann problemlos auf dem Fahrrad durch die Gegend fahren. Ich könnte das nicht. In manchen Vierteln Kairos bewerfen sie Frauen auf dem Rad mit Steinen“, erzählt Nada. „Ich hoffe, dass der Tag kommt, an dem ich wie er hinfahren kann, wo ich will.“

Oliver Maksan

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Gebet für den Nahen Osten

Ikone “Lasst die Kinder zu mir kommen” in Assiut/Oberägypten.

Ikone “Lasst die Kinder zu mir kommen” in Assiut/Oberägypten.

Gott, unser Vater, hab Erbarmen mit dem Nahen Osten.

Deine treuen Diener – jung und alt – sind aufgerufen, Christus zu bezeugen. Mögen sie in dieser aufregenden Zeit gestärkt werden, indem sie deinem geliebten Sohn nachfolgen, der in jener Zeit in ihrer jetzigen Heimat tätig war.

In Gemeinschaft mit unserem Papst beten wir, dass Christen im Nahen Osten ihren Glauben in völliger Freiheit leben können. Ermutige sie, als Werkzeug des Friedens und der Versöhnung zu handeln – vereint mit allen Bürgern in ihren Ländern.

Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn. Amen.

(Gebet von Antonios Kardinal Naguib von Alexandrien/Ägypten für KIRCHE IN NOT)

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3.Mrz 2014 09:46 · aktualisiert: 4.Nov 2014 06:45
KIN / T. Waitzmann