„Sie wollten das Herz Nigerias verletzen”

Interview mit dem Vorsitzenden der nigerianischen Bischofskonferenz

Bischof Ignatius Kaigama, Vorsitzender der nigerianischen Bischofskonferenz.

Bischof Ignatius Kaigama, Vorsitzender der nigerianischen Bischofskonferenz.

In der Nacht zum 15. April 2014 entführten Anhänger der islamistischen Gruppierung Boko Haram etwa 275 Mädchen aus einer staatlichen Schule in Chibok im Nordosten Nigerias.

KIRCHE IN NOT sprach darüber mit dem Vorsitzenden der Nigerianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Ignatius Kaigama. Das Gespräch führte Maria Lozano.

Eure Exzellenz, dies ist nicht das erste Mal, dass Boko Haram an unschuldigen Opfern in Nigeria Gewalt ausübt, aber diesmal hat der Schlag weltweit Entsetzen ausgelöst …
Sie wollten das Herz Nigerias verletzen. Ich bin sehr besorgt. Diese Mädchen haben noch nie ihren Heimatort verlassen und jetzt sind sie im Busch. Ich bete, dass die von Boko Haram vertretenen religiösen Werte ausreichen und sie dahingehend beeinflussen, die Würde dieser Mädchen zu respektieren. Es sind einfache, unschuldige Mädchen, die jedem Menschen leidtun. Das Leben ist heilig.

Es ist tragisch, dass erst etwas so Grauenvolles passieren muss, damit die Welt aufmerksam wird …
Ja, Boko Haram hat seit 2009 schon viele Überfälle verübt und Tausende Menschen getötet. In meiner eigenen Diözese Jos wurden wir Opfer mehrerer Angriffe, zum Beispiel der Angriff auf die katholische Kirche St. Finbarr, bei dem 14 Menschen ums Leben kamen. Im Februar ermordete die Gruppierung in den Dörfern Doron Baga und Izghe mehr als 100 Männer christlichen Glaubens, aber die internationale Gemeinschaft zeigte keine Reaktion.

Ich glaube, diesmal war es anders, weil es um unschuldige junge Mädchen geht und weil es das unmittelbare Leid von Frauen, der Mütter dieser Kinder, berührt. Frauen können sich stärker mit dem Leid anderer identifizieren. Die Frauen begannen zu demonstrieren – sowohl christliche als auch muslimische Frauen.

Pfarrer Christopher Jafau Barde vor der beschädigten Pfarrkirche St. Theresa in Madalla. Sie wurde am Weihnachtstag 2012 durch einen Anschlag von „Boko Haram” zerstört.

Pfarrer Christopher Jafau Barde vor der beschädigten Pfarrkirche St. Theresa in Madalla. Sie wurde am Weihnachtstag 2012 durch einen Anschlag von „Boko Haram” zerstört.

Ist auch die muslimische Gemeinschaft verstärkt von Verfolgung und Gewalt betroffen?
Ja. Am Anfang ging es mehr um die Idee, das Christentum, sogenannte „westliche Werte“, zu zerstören und einen Scharia-Staat im Norden Nigerias zu verwurzeln. Sie attackierten also nicht nur Christen, sondern auch Polizeiwachen und andere Einrichtungen, die für westliche Werte standen. Aber jetzt kann man nicht mehr sagen, dass sie ausschließlich Christen angreifen. Boko Haram hat auch muslimische Geistliche getötet.

Es geht nicht mehr um Norden oder Süden, auch nicht um Muslime oder Christen. Es geht um Menschen. Die Nigerianer treten gemeinsam für Freiheit und Würde ein; eine gemeinsame Stimme wird lauter, eine Stimme, die sagt: „Gewalt ist niemals ein Weg.“

Wie viele der Mädchen sind Christinnen und inwieweit wurden sie Opfer, weil so viele von ihnen Christinnen sind?
Die meisten der Mädchen sind Christinnen. Es ist aber auch richtig, dass ebenfalls einige muslimische Mädchen entführt wurden. Dieser Vorfall ist also ein weiterer Beweis dafür, dass Boko Haram auch Muslime angreift.

Gräber als Mahnmal: Bei einem Autobombenanschlag auf eine Kirche in der Stadt Kaduna kamen vier Menschen ums Leben.

Gräber als Mahnmal: Bei einem Autobombenanschlag auf eine Kirche in der Stadt Kaduna kamen vier Menschen ums Leben.

Es wurde Kritik an der Reaktion der Regierung auf die von Boko Haram ausgeübte Gewalt laut, speziell nach der Entführung der Schülerinnen. Ist diese Kritik gerechtfertigt?
Die Regierung hat die Boko-Haram-Krise unterschätzt und dementsprechend langsam reagiert. Ein Teil des Problems ist, dass die Ressourcen nicht richtig eingesetzt wurden, um die Sicherheitskräfte adäquat zu versorgen und auszustatten, damit sie die Gewalt bekämpfen können. Möglicherweise waren korrupte Praktiken die Ursache.

Manche Sicherheitskräfte äußern sich dahingehend, dass Boko Haram bessere und modernere Waffen habe als das Militär und die Polizei. Die Mittel müssen bei den richtigen Leuten ankommen. Es gab auch Fälle, bei denen Soldaten getötet wurden, die ihre Mitmenschen und ihre Familie verteidigen wollten und nicht genügend Hilfe bekamen. Es ist wichtig, dass diese Familien unterstützt werden.

Was unternimmt die Katholische Kirche als Reaktion auf diese Entführungen?

Beim Anschlag auf die St.- Theresa-Kirche in Madalla kamen 26 Menschen ums Leben.

Beim Anschlag auf die St.- Theresa-Kirche in Madalla kamen 26 Menschen ums Leben.

Wir haben den Dialog gesucht – das hat nicht funktioniert. Die Regierung hat Gewalt eingesetzt – das hat nicht funktioniert. In dieser Phase müssen wir beten: Nur Gott kann das Herz dieser Menschen bewegen.

Wir beten und wir bitten um Ihre Gebete. Als Vorsitzender der Bischofskonferenz habe ich mich mit einem Schreiben an alle Katholiken in Nigeria gewandt und zu einer Stunde der Anbetung aufgerufen und alle Bischöfe, Geistlichen und Gläubigen zum Gebet aufgefordert.

Wofür beten Sie?
Ich bete für drei Dinge: Erstens, dass sie diese Mädchen bald unbeschadet freilassen. Zweitens, dass Boko Haram diese Angriffe einstellt und die Gewalt aufgibt. Und dann, dass die Regierung Hilfe von anderen Ländern der Welt erhält: dass Länder sich zusammentun und Terrorismus, Hunger und Armut bekämpfen, um eine authentische Einheit zu schaffen, und nicht nur um politischen – scheinheiligen – Interessen zu dienen.

Das Problem besteht nun seit fünf Jahren. Haben Sie Hoffnung, dass die internationale Gemeinschaft dieses Problem jetzt lösen kann?
Wir müssen zusammenstehen, das ist die einzige Lösung. Boko Haram hat Waffen, aber wie gelangen diese Waffen zu den Terroristen? Woher kommt das Geld? Wer bildet sie aus?

Ich denke, die internationale Gemeinschaft kann das in den Griff bekommen. Ich bin Priester. Es ist nicht meine Aufgabe, aber ich glaube, dass die internationalen Regierungen es in den Griff bekommen, wenn sie zusammenarbeiten. Nigeria spielt eine wichtige Rolle in Afrika und in der Welt. Es ist besser, jetzt zu helfen anstatt abzuwarten, bis es zu spät und noch komplizierter ist.

Alle in der Medienbox vorgestellten Sendungen können Sie bei uns unentgeltlich auf Hör-CD beziehungsweise DVD bestellen.

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KIN / S. Stein