„Internationale Gemeinschaft kommt zu spät”

Die Zentralafrikanische Republik droht Drehscheibe des Terrorismus zu werden

Pater Aurelio Gazzara arbeitet als Missionar in der Zentralafrikanischen Republik.

Pater Aurelio Gazzara arbeitet als Missionar in der Zentralafrikanischen Republik.

Die gegenwärtige Krise droht aus der Zentralafrikanischen Republik eine „Drehscheibe für Terrorismus und Fundamentalismus“ zu machen. Davor warnte der italienische Karmelitenpater Aurelio Gazzera vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf.

„Boko Haram und El Kaida kommen immer näher“, sagte der Missionar, der seit 22 Jahren in dem Land tätig ist, in seiner Ansprache. Die Rolle der Internationalen Gemeinschaft sei fundamental. Bislang sei es ihr jedoch „noch nicht gelungen, wirklich etwas zu verändern“.

Gazzera forderte ein rascheres und effektiveres Eingreifen: „In den vergangenen Monaten war ich dabei, als sich der grausame Teufelskreis aus ethnischen und interkommunitären Konflikten gebildet hat.

Diese Spirale der Gewalt, die die Bevölkerung fliehen lässt und Terror sät, hat sich mit einer solchen Geschwindigkeit entwickelt, dass die Internationale Gemeinschaft selbst dann, wenn sie rasch handelt, zu spät kommt: zu spät, um den wehrlosen Menschen zu helfen und um die Bewaffneten zu stoppen.“ Die Internationale Gemeinschaft treffe „oft nur ein, um eine Situation zu stabilisieren, die von verschiedenen Rebellengruppierungen erzwungen wurde“.

Flüchtlingskinder vor Notunterkünften auf dem Gelände des Karmelitenklosters in Bangui / Zentralafrikanische Republik.

Flüchtlingskinder vor Notunterkünften auf dem Gelände des Karmelitenklosters in Bangui/Zentralafrikanische Republik.

Erfolgreich seien hingegen verschiedene lokale Initiativen zur Friedensvermittlung gewesen, wie zum Beispiel in der Stadt Bozoum im Nordwesten des Landes, wo Pater Aurelio Gazzera tätig ist. Der Staat sei abwesend. „Es gibt in Bozoum praktisch keine Gendarmerie oder Polizei, und allgemein liegt die Autorität der Beamten und Ordnungskräfte nahezu bei null, da sie bei jedem Gerücht, es habe Angriffe gegeben, regelmäßig sofort die Flucht ergreifen.“

Pater Gazzera hatte daher im Dezember in Zusammenarbeit mit zwei Imamen, einem evangelischen Pastor und Freiwilligen aus der Bevölkerung ein Vermittlungskomitee eingerichtet. Es sei durch Verhandlungen mit allen beteiligten Gruppierungen gelungen, „die Gewalttätigkeit der Séléka abzumildern“. Diese Tätigkeit habe im Januar 2014 zum Abzug der Séléka aus der Stadt geführt.

Mit Kalschnikows beschossen

Die Mitglieder des Vermittlungskomitees hätten mit dem Ziel, für den Frieden zu arbeiten, Risiken auf sich genommen. Gazzera selbst sei von Rebellen geohrfeigt, mit Steinen beworfen und mit Kalaschnikows beschossen worden. Dennoch sei es „einer Handvoll Männer und Frauen gelungen, tausend Rebellen daran zu hindern, die Stadt Bozoum vollständig zu zerstören“.

Der italienische Karmelit unterstrich angesichts dieser Tatsachen die Notwendigkeit, Gespräche nicht nur auf der Ebene der Regierungen zu führen, sondern es müssen „diejenigen angehört werden, die konkret an der Basis handeln“.

Flüchtlinge im Flur des Karmelklosters in Bangui.

Flüchtlinge im Flur des Karmelklosters in Bangui.

Das Komitee, das weiterhin tätig ist, habe eine kostenlose Telefonnummer eingerichtet, unter der gewalttätige Übergriffe angezeigt werden können. Außerdem sei ein „Komitee der Weisen“ ins Leben gerufen, das „Probleme lösen soll, da aufgrund der Abwesenheit des Gerichts und des entsprechenden Personals die Gefahr besteht, dass die Schaffung von Gerechtigkeit den bewaffneten Gruppierungen überlassen wird“.

Besonders hob Gazzera die Rolle der Medien, vor allem des Internets, hervor: „Sie stellen ein einzigartiges Instrument dar, um zu informieren und Nachrichten zu übertragen. Durch E-Mails, Blogs und soziale Netzwerke haben wir Verbindungen geschaffen, die wertvoll sind und die etwas verändern können.“

„Die Fehler der Vergangenheit erkennen”

Abschließend sagte er: „Das Wichtigste scheint mir der Wiederaufbau des Herzens zu sein: durch Schule, Erziehung, Information. Wir brauchen auch Know-how. Es gibt so viele Menschen guten Willens.

Aber die gute Absicht reicht nicht immer aus. Wir müssen verstehen, was das Land in einen solchen Abgrund gebracht hat, um die Fehler der Vergangenheit zu erkennen und anzuerkennen, aber auch, um die Situation in einer Weise zu analysieren, die es erlaubt, eine friedliche Zukunft zu schaffen.“

Pater Aurelio Gazzara im Gespräch mit der Dorfgemeinschaft.

Pater Aurelio Gazzara im Gespräch mit der Dorfgemeinschaft.

Gazzera nahm aufgrund seiner Erfahrungen in der Friedensvermittlung ebenfalls am „Oslo-Forum“ teil, einem der hochrangigsten internationalen Treffen für Friedensvermittler, das vom 18.-19. Juni nahe der norwegischen Hauptstadt stattfand. Bei einer Podiumsveranstaltung mit der Präsidentin der Zentralafrikanischen Republik, Catherine Samba-Panza, berichtete er ebenfalls von seinen Erfahrungen in der Mediation.

Auf Einladung von KIRCHE IN NOT hatte der Missionar bereits im April und Mai 2014 Politiker der Europäischen Union in Brüssel und beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomaten in Rom über die Lage in der Zentralafrikanischen Republik informiert.

Spenden für die Zentralafrikanische Republik

KIRCHE IN NOT unterstützt die katholische Kirche in der Zentralafrikanischen Republik bei ihrer Friedensarbeit und bittet um Spenden für ihre Arbeit. Spenden sind online möglich oder an:

Spendenkonto:
Empfänger: KIRCHE IN NOT
Kontonummer: 215 20 02
BLZ: 750 903 00

LIGA Bank München
IBAN: DE63750903000002152002
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Zentralafrikanische Republik

KIN / S. Stein