„Versorgungslage wird immer dramatischer”

Unser Nahost-Korrespondent Oliver Maksan über die Lage im Heiligen Land

Oliver Maksan, Nahost-Korrespondent von KIRCHE IN NOT.

Oliver Maksan, Nahost-Korrespondent von KIRCHE IN NOT.

Beim bewaffneten Konflikt zwischen Israel und der Hamas in Gaza sind in den vergangenen Tagen bei Raketenangriffen bisher über 175 Menschen ums Leben gekommen. Über die aktuelle Lage im Heiligen Land sprachen wir mit unserem Korrespondenten Oliver Maksan in Jerusalem.

Was hat den gegenwärtigen Konflikt zwischen Israel und Gaza ausgelöst?
Vordergründig waren es die Ereignisse um die Entführung und Ermordung dreier jüdischer Jugendlicher Mitte Juni 2014 bei Hebron. Israel machte die Hamas verantwortlich und schwächte die Palästinenserorganisation im Rahmen der folgenden Suchaktion im Westjordanland nachhaltig.

Daraufhin setzte der Raketenbeschuss aus Gaza ein. Er nahm langsam zu und steigerte sich zuletzt massiv. In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli begann Israel seine Operation „Protective Edge” (Schutzrand). Seither hat die israelische Armee über 1300 Ziele in Gaza angegriffen. Aus Gaza wurden nach Angaben Israels im gleichen Zeitraum etwa 1000 Raketen gegen Israel losgeschickt.

Was hat die Hamas bewegt, so massiv zu reagieren?
Die Hamas hat es diesmal auf den Konflikt abgesehen, weil ihr das Wasser politisch und ökonomisch bis zum Hals steht. In Syrien hat sie mit den Rebellen auf das falsche Pferd gesetzt. Der Iran hat daraufhin weitgehend die Unterstützung eingestellt. Mit dem Sturz des Muslimbruders Mursi in Ägypten haben sich für sie die Umstände nochmal dramatisch verschlechtert.

Sie hat die Flucht nach vorn angetreten, um sich einerseits den Palästinensern und Arabern allgemein als Widerstandsbewegung in Erinnerung zu rufen. Andererseits will sie für das Einstellen des Feuers einen politischen und wirtschaftlichen Preis bekommen, wie beispielsweise eine längere Öffnung des geschlossenen Grenzübergangs nach Ägypten. Das ist für die Wirtschaft in Gaza lebenswichtig.

Straßenszene in Gaza.

Straßenszene in Gaza.

Grundsätzlich steht hinter den Kämpfen der ungelöste Nahostkonflikt, der sich aber in Gaza anders als im Westjordanland aufgrund der humanitären Lage nochmal verschärft. Ohne eine politische Lösung des Konflikts wird es immer wieder zu solchen Gewaltausbrüchen kommen wie jetzt.

Israels Sicherheitskabinett akzeptierte am 15. Juli ein auf ägyptische Vermittlung hin zustandegekommenes Waffenstillstandsangebot. Die Hamas hat das abgelehnt. Was passiert jetzt?
Das hängt von der Hamas ab. Wenn sie sich dem Angebot anschließen, dann wird diese Runde des Konflikts schnell vorüber sein. Wenn sie das nicht tun und ihre Angriffe fortsetzen, dann wird Israel international legitimiert sein, mit Gewalt zu antworten.

Für die Hamas haben sich die Dinge in dieser Auseinandersetzung nicht gut entwickelt. Sie konnten Israel nicht in merklichem Maße treffen, da die meisten Raketen abgefangen wurden. Im Gegenteil aber wurden sie ihrerseits militärisch deutlich geschwächt. Sie zögern aber noch, weil sie einen möglichst hohen Preis für die Einwilligung in einen Waffenstillstand erzielen wollen.

Wie ist das Leben in Israel?
Das kommt auf die Region an. Die Gebiete in der Nähe des Gaza-Streifens sind natürlich im Ausnahmezustand. Dort ist ständig Raketenalarm, und die Menschen eilen in die Luftschutzkeller. Aber auch in weiter entfernten Gebieten wie Jerusalem, Tel Aviv oder Haifa gab es Luftalarm und Angriffe. Das zeigt, wie sehr die Hamas die Reichweite ihrer Raketen verbessern konnte.

Hier fühlen sich die Menschen aber nicht unmittelbar bedroht. Das Leben geht eigentlich normal weiter. Die Angriffe sind sporadisch und das Abwehrsystem fängt die Raketen ab. Nicht zuletzt deshalb fühlen sich die Israelis insgesamt relativ sicher. Direkte Todesopfer gab es bisher keine.

Graffito mit Friedenstaube und dem Wunsch nach einem freien Palästina.

Graffito mit Friedenstaube und dem Wunsch nach einem freien Palästina.

Wie ist die Lage im Gaza-Streifen?
In Gaza sieht es völlig anders aus. In dem kleinen und dicht besiedelten Gebiet gibt es weder Sirenen noch Luftschutzkeller. Waffendepots und Abschussrampen sind oft mitten in Wohngebieten untergebracht. Insgesamt sind bei israelischen Luftangriffen nach palästinensischen Angaben mittlerweile mehr als 175 Personen getötet worden, davon über siebzig Prozent Zivilisten, wie die Caritas schätzt.

Sie rechnet weiter damit, dass über 1200 Personen teilweise schwer verwundet worden sind. Hunderte Häuser wurden ganz oder teilweise zerstört. Hunderte Familien sind dadurch obdachlos geworden. Die Versorgungslage wird immer dramatischer. Strom und Trinkwasser werden knapp.

Schülerinnen und Ordensschwester in Gaza.

Schülerinnen und Ordensschwester in Gaza.

Wie geht es den Christen?
Sie leiden wie alle anderen Bewohner Gazas. Bislang gibt es aber keine Berichte darüber, dass Christen bei den Angriffen ums Leben gekommen wären. Der katholische Pfarrer von Gaza hat aber kürzlich die Befürchtung geäußert, dass in einem Klima der Anarchie radikale Gruppen sich gegen die Christen wenden könnten.

Wie viele Christen gibt es in Gaza?
Sie sind nur eine verschwindend geringe Minderheit. Von den schätzungsweise 1,8 Millionen Einwohnern Gazas sind nur etwa 1300 Christen. Die meisten gehören der orthodoxen Kirche an, die einen Erzbischof in Gaza hat. Zur katholischen Kirche gehören nur etwa 170 Personen. Schätzungen gehen davon aus, dass sich die Zahl der Katholiken seit 2005 durch Abwanderung um mehr als die Hälfte verringert hat.

Was sagt die Kirche zu dem Konflikt?
Die katholische Kirche im Heiligen Land ruft natürlich zu einem sofortigen Ende der Kämpfe auf. Sie fordert aber noch mehr: Sie will endlich einen gerechten Frieden und nicht nur einen neuen Waffenstillstand.

Die Kommission „Justitia et Pax” der katholischen Ordinarienkonferenz hat in einem kürzlich veröffentlichten Schreiben gesagt, dass es die Pflicht aller sei, aus dem Zirkel der Gewalt auszubrechen. Alle müssten im anderen einen Bruder sehen, den man lieben müsse, anstatt einen Feind, den man hassen und auslöschen müsse.

So können Sie den Christen im Heiligen Land helfen:

Gebet für den Nahen Osten

Ikone “Lasst die Kinder zu mir kommen” in Assiut/Oberägypten.

Ikone “Lasst die Kinder zu mir kommen” in Assiut/Oberägypten.

Gott, unser Vater, hab Erbarmen mit dem Nahen Osten.

Deine treuen Diener – jung und alt – sind aufgerufen, Christus zu bezeugen. Mögen sie in dieser aufregenden Zeit gestärkt werden, indem sie deinem geliebten Sohn nachfolgen, der in jener Zeit in ihrer jetzigen Heimat tätig war.

In Gemeinschaft mit unserem Papst beten wir, dass Christen im Nahen Osten ihren Glauben in völliger Freiheit leben können. Ermutige sie, als Werkzeug des Friedens und der Versöhnung zu handeln – vereint mit allen Bürgern in ihren Ländern.

Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn. Amen.

(Gebet von Antonios Kardinal Naguib, emeritierter Patriarch von Alexandrien/Ägypten für KIRCHE IN NOT)

Diesen Text mit der Ikonenabbildung können Sie unentgeltlich als Gebetsblatt bei uns bestellen – entweder bequem in unserem Bestelldienst oder bei:
KIRCHE IN NOT
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Telefon: 089 – 64 24 888-0
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