Jung, arm, schnell wachsend

Interview mit dem Bischof von Reykjavik über das Christentum auf Island

Peter Bürcher, Bischof von Reykjavik.

Peter Bürcher, Bischof von Reykjavik.

Das Bistum Reykjavik hat 11 250 Katholiken, einen Bischof, 16 Priester und 30 Schwestern. Große Freude herrschte über die Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II. Als erster Papst der Geschichte besuchte er 1989 Island.

KIRCHE IN NOT hilft dem Bistum unter anderem bei der Renovierung von Gebäuden für die Ordensschwestern, mit einem Auto, bei der Finanzierung der Kinderbibel und dem Kleinen Katholischen Katechismus „Ich glaube” auf Isländisch. Bischof des Bistums ist der aus der Schweiz stammende Peter Bürcher.

Exzellenz, die Kirche in Island wächst schnell. Was macht sie für die Menschen im hohen Norden so attraktiv?
Sicher nicht der Umstand, dass sich in der Kathedrale Christkönig von Reykjavik der weltweit nördlichste Bischofssitz der Katholischen Kirche befindet. Vielleicht ist es die Jugendlichkeit unserer Kirche. Im Jahr 2013 fanden 156 Taufen und nur 24 Beerdigungen statt.

Die Katholiken sind zu 80 Prozent Migranten, hauptsächlich aus Polen, Litauen und von den Philippinen. Sie stellen momentan 3,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Auch das Durchschnittsalter unserer 16 Priester ist mit 48 Jahren ziemlich jung. Jugendräume und -häuser gibt es aber leider noch nicht. Die katholische Gemeinde in Island ist zwar jung, aber auch arm.

Klosterkirche Ulfljotsvatn.

Klosterkirche Ulfljotsvatn.

Was braucht die Kirche in Island am dringendsten – materiell wie geistig?
Wir brauchen in Island dringend wenigstens zwei neue Kirchen mit Pfarrzentrum. Und zwei andere Kirchen sollten unbedingt vergrößert werden. Wie ist das aber für arme Gemeinden möglich? Dominus providebit (Der Herr wird vorsorgen)!

Reykjavik ist ein weites Diasporabistum. Wegen des sehr schlechten Zustands der Straßen muss ich die meisten Visiten per Flugzeug machen. Aber so kann ich jedes Jahr die Firmung in allen Pfarreien feiern.

Der Kleine Katholische Katechismus von KIRCHE IN NOT auf Isländisch.

Der Kleine Katholische Katechismus von KIRCHE IN NOT auf Isländisch.

Die sehr unterschiedliche Herkunft der Katholiken in Island erfordert Achtung vor der kulturellen Vielfalt, stärkt aber auch die Einheit im Glauben und im christlichen Zeugnis. Bis auf einen kommen alle Priester des Bistums aus dem Ausland. Die Universalität der Kirche ist hier täglich spürbar.

Wovon lebt Ihre Diözese?
Die wirtschaftlich-politische Zukunft Islands ist momentan fragwürdig. Die Arbeitslosigkeit hat die Immigranten am härtesten getroffen.

Die wenigen isländischen Katholiken beteiligen sich mit verhältnismäßig hohen Gaben bei der Kollekte am finanziellen Unterhalt der Diözese. Der Staat gibt der Katholischen Kirche in Island nur einen geringen und symbolischen Zuschuss.

Die andere Seite der Medaille ist aber, dass wir Katholiken viel Handlungsfreiheit besitzen. Allerdings kann die Seelsorge hier auf lange Sicht nicht ohne finanzielle und personelle Hilfe aus dem Ausland auskommen.

Wir sind darum allen Freunden und Wohltätern und ganz besonders KIRCHE IN NOT sehr dankbar. Ohne diese Hilfe könnten wir als Kirche nicht überleben.

Bischof Peter Bürcher mit Karmelitinnen.

Bischof Peter Bürcher mit Karmelitinnen.

Was sehen Sie als die größte Gefahr für die Christen auf Island?
Die Säkularisierung. Sie schreitet voran, und die allgemeine Kultur legt wenig wert auf christliche Werte. Es gibt sogar Rückschritte. In den öffentlichen Schulen wird kaum Bibelkunde oder christliche Lehre erteilt, im Gegensatz zu früher. Moralische Werte, besonders im Hinblick auf Ehe und Familie, werden in vielerlei Hinsicht angefochten.

Deshalb zählen christliche Bildung und geistliches Leben der Laien und besonders der Familien zu den Prioritäten unserer Pastoral. Die kommende Synode in Rom sollte dabei helfen können.

Die aktuelle Wirtschaftskrise trifft unsere Gläubigen und die ganze Bevölkerung sehr hart. Sie ist aber zugleich eine Aufforderung, christliche Werte der Nächstenliebe zu leben. Deshalb ist die Hoffnung wach und lebendig. Wir vertrauen auf Gott und die Muttergottes. Wie vor 25 Jahren werden unsere nordischen Länder auch 2014 der Mutter Gottes geweiht werden.

KIN / S. Stein