Druck auf die Katholiken wird stärker

Kardinal Puljic über die Herausforderungen der Kirche in Bosnien und Herzegowina

Kardinal Vinko Puljic, Erzbischof von Sarajewo.

Kardinal Vinko Puljic, Erzbischof von Sarajewo.

Vor hundert Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Äußerer Anlass war das tödliche Attentat in Sarajewo auf den österreichisch-ungarischen Kronprinzen Franz Ferdinand und seine Gemahlin.

Wie ist die Lage der Christen in Bosnien und Herzegowina heute? Wie steht es um Hilfe aus Europa? Antworten des Erzbischofs von Sarajewo, Vinko Kardinal Puljic.

Wie sehen Sie die Entwicklung für die Katholiken in den letzten hundert Jahren?
Nach unseren Statistiken lebten 1914 in Bosnien und Herzegowina 458 990 Katholiken. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es 640 501. Und vor dem letzten Krieg, also 1991, zählte die Statistik 812 256 Katholiken. Zwanzig Jahre später waren es nur noch 443 084, nahezu eine Halbierung.

Die katholischen Familien waren immer die ersten Schulen des Glaubens. Aber wegen des Krieges 1991 mussten viele Familien fliehen, nach dem Krieg kamen meistens nur die Älteren zurück. Die Politik fördert die Rückkehr der Katholiken nicht. Heute fehlen die jüngeren Familien und damit auch die geistlichen Berufungen.

Gruppenfoto vor dem neuen Jugendzentrum in Sarajewo.

Gruppenfoto vor dem neuen Jugendzentrum in Sarajewo. Der Bau wurde von KIRCHE IN NOT unterstützt.

Leben die Christen heute mit mehr Frieden als vor 100 Jahren?
Unter der osmanischen Herrschaft wurden Christen diskriminiert. Danach, also vor hundert Jahren, begann eine Zeit der Toleranz. Die kirchliche Verwaltung wurde aufgebaut, dazu Schulen, Kirchen und Kathedralen.

Heute ist die katholische Kirche in Bosnien und Herzegowina eine Brücke zwischen Ost und West, kulturell und religiös. Auf diesem Weg des Dialogs spielt die Bildung in den katholischen Schulen eine herausragende Rolle.

Dazu dient auch das „Jugendzentrum Johannes Paul II.” mit Programmen, die allen helfen, ihre eigene Identität zu leben. Es gibt so viel, was wir für das Wohl aller gemeinsam tun können. Auch bei vielen Muslimen gibt es diesen Geist der Gemeinsamkeit.

Seit dem letzten Krieg, 1992-1995, hat sich die Beziehung jedoch verändert. Der Einfluss arabischer Länder ist stärker geworden. Radikalisierung greift Platz. Selbst alte Muslime, die immer mit Christen gelebt haben, stört das. Aber das Geld zählt, besonders in der Politik. Dazu kommt die Rechtsunsicherheit, gerade für Katholiken.

Eine neue Moschee in Sarajewo.

Eine neue Moschee in Sarajewo.

Bekommen die Christen Hilfe aus Europa?
Sehr unterschiedlich. Zwei Beispiele: Als die Serbische Orthodoxe Kirche in Mostar mit dem Wiederaufbau der zerstörten orthodoxen Kirchen begann, haben alle internationalen Vertreter das unterstützt. Dasselbe bei der orthodoxen Kirche in Sarajewo. Als die Muslime die Renovierung der Moschee in Banja Luka begannen, bekamen sie Unterstützung von der amerikanischen Regierung.

Kirche im Hochwasser (Foto: KTA-Agentur/Bosnia-Herzegovina).

Kirche im Hochwasser (Foto: KTA-Agentur/Bosnia-Herzegovina).

Aber als wir Katholiken um Unterstützung anfragten, wurde uns gesagt, man fördere keine Kirchen, sondern nur Kulturerbe. Gehört die Katholische Kirche nicht dazu?

Ähnlich ist es mit der Unterstützung für rückkehrwillige Flüchtlinge: für die anderen viel, für die Katholiken wenig bis nichts.

Erholt sich die Region von der Naturkatastrophe im Frühjahr?
Vierzig Pfarreien meiner Erzdiözese wurden überflutet. In zwanzig kam es zu Totalschäden. Die erste Welle der Solidarität war groß, es ging ums erste Überleben. Jetzt geht es um das Leben. Der Viehbestand ist dezimiert, Ställe, Häuser und Möbel sind zerstört.

Viele Menschen haben einfach nicht mehr die Kraft, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Der Staat ist gescheitert. Niemand kümmert sich um die Mückenplage, um die Instandsetzung der zerstörten Flussdeiche. Das größte Problem aber ist die Schaffung von Arbeitsplätzen, die wirtschaftliche Entwicklung. Wovon sollen wir leben?

KIN / S. Stein