„IS wird keine Grenzen kennen”

Interview mit Johannes Freiherr Heereman über die Lage im Irak

Johannes Freiherr Heereman, Geschäftsführender Präsident von KIRCHE IN NOT.

Johannes Freiherr Heereman, Geschäftsführender Präsident von KIRCHE IN NOT.

Mitte August reiste eine Delegation von KIRCHE IN NOT in die Krisenregion im Irak. Ziele waren die Stadt Erbil, das dazugehörige Ankawa, wo viele Christen leben und die Erzdiözese angesiedelt ist, sowie die Duhok-Ebene an der türkischen Grenze.

Nach seiner Rückkehr sprachen wir mit dem Geschäftsführenden Präsidenten von KIRCHE IN NOT, Johannes von Heereman. Die Fragen stellte Volker Niggewöhner.

Herr von Heereman, was waren Ihre persönlichen Eindrücke?
Überwältigend ist die große Zahl der Flüchtlinge. In Erbil schätzt man in 22 Zentren ungefähr 70 000 Flüchtlinge. Das wird besonders deutlich, wenn man zum Erzbischof nach Ankawa geht, weil sie dort wirklich im ganzen Kirchengelände untergebracht sind – oder lagern muss man sagen. Von Unterbringung kann man nicht sprechen.

Sie liegen wirklich vor der Tür des Bischofs – und wenn man zu ihm ins Haus geht, dann geht man zwischen schlafenden Kindern hindurch. Es ist wirklich überwältigend, wie eng beieinander die Menschen dort hausen und auf ihr weiteres Schicksal warten.

Flüchtlinge in der St.-Josef-Kirche in Ankawa, Erbil. Viele von ihnen haben alles zurücklassen müssen, als sie vor den IS-Kämpfern fliehen mussten.

Flüchtlinge in der St.-Josef-Kirche in Ankawa, Erbil. Viele von ihnen haben alles zurücklassen müssen, als sie vor den IS-Kämpfern fliehen mussten.

Was haben die Menschen darüber berichtet?
Es gibt natürlich viele unterschiedliche Berichte. Besonders traumatisiert sind diejenigen, die am 10. Juni, als sich die irakische Armee vor IS zurückzog, flüchten mussten. In Karakosch sind sie letztlich gelandet, im christlichen Teil. In der Nacht vom 7. auf den 8. August sind dort die Peschmerga vor IS geflüchtet. Das hat die Menschen quasi zum zweiten Mal auf die Flucht geschickt. Danach hatten sie nun wirklich gar nichts mehr.

Ihr Hilfswerk hat wegen der dramatischen Lage einen offenen Brief an den Bundespräsidenten und die Bundeskanzlerin geschrieben. Was fordern Sie?
Uns ging es erst einmal darum, auf die Lage aufmerksam zu machen. Als wir uns auf den Weg in den Irak gemacht haben, war in den Medien nichts zu hören, obwohl seit dem 06./07. August die Christen in Scharen auf der Flucht waren. Das Schicksal der Jesiden war präsenter. Es war ganz schwierig für die Christen, eine hohe Aufmerksamkeit zu erregen.

Sie sind zwar nicht ganz so brutal behandelt worden wie die Jesiden– in den Augen der Muslime abgefallene Glaubensbrüder –, dennoch wurden sie erbarmungslos auf die Flucht geschickt. Oder sie hätten den Terroristen Steuern zahlen oder den Glauben der Muslime annehmen müssen, sonst wären sie getötet worden. Das war eine unbeschreibliche Brutalität.

Menschen, die seit Jahren zusammengelebt haben, mussten auf einmal fliehen und feststellen, wie Nachbarn ihre Häuser plünderten. Das hat die Flüchtlinge traumatisiert.

Nordirak, Ankawa, Erbil: Johannes Freiherr von Heereman (Geschäftsführender Präsident von KIRCHE IN NOT) besucht das Flüchtlingslager.

Nordirak, Ankawa, Erbil: Johannes Freiherr von Heereman (Geschäftsführender Präsident von KIRCHE IN NOT) besucht das Flüchtlingslager.

Reicht humanitäre Hilfe aus oder sollte Deutschland auch Waffen liefern?
Wir machen keine Politik. Ich glaube, wir sind verpflichtet zu helfen, dass in der Region Sicherheit einkehrt. Frieden mag ich gar nicht sagen, dafür ist zu viel Hass und Zerstrittenheit aufgebrochen – schon seit der Syrienkrise, besonders jetzt, seitdem IS auch in Karakosch eingefallen ist.

Die betroffenen Menschen vor Ort teilen sich in zwei Gruppen. Die eine Hälfte sagt: „Weg hier, nie wieder, mein Vertrauen ist verloren, ich will in die westliche Welt.“ Und andere sagen: „Nein, wir wollen hier bleiben, aber wir brauchen eine Sicherheitszone.“

Notwendigkeit einer „humanitärer Intervention“

Das ist natürlich schwierig. Sie träumen von einer UN-Sicherheitszone. Aber die Vereinten Nationen führen keine Kriege. Sie schützen nur etwas, was in einer Vereinbarung festgelegt worden ist. Sie kann Grenzen bewachen, aber nicht selbst eine Sicherheitszone schaffen. Deswegen wird alles davon abhängen, dass die ISIS zurückgedrängt wird. Das werden die Kurden nicht alleine schaffen.

Es gibt so etwas wie eine Nothilfeverpflichtung, die gibt es im bürgerlichen Recht auch. Ich glaube, Papst Johannes Paul II. hat einmal von der Notwendigkeit „humanitärer Intervention“ gesprochen. Das scheint mir ein richtiger Begriff zu sein. Es geht hier nicht darum, Politik zu gestalten, wie bei anderen kriegerischen Auseinandersetzungen, sondern einfach darum, Menschenleben zu retten. Ich denke, man muss hier alles tun, um einen Genozid zu verhindern.

Vorbereiten des Mittagessens für die Flüchtlinge in der St-Josef-Kirche in Ankawa, Erbil.

Vorbereiten des Mittagessens für die Flüchtlinge in der St.-Josef-Kirche in Ankawa, Erbil.

Was tut Ihr Hilfswerk KIRCHE IN NOT, um den Menschen dort zu helfen?
Im Norden ist die Kirche im Moment die einzige Institution, die hilft. In Erbil baut sich allmählich die internationale Hilfsgemeinschaft auf; die Vereinten Nationen errichten beispielsweise Zelte und liefern Grundnahrungsmittel. Es kommen auch andere Hilfswerke dorthin. Aber im Norden sind es nur die örtlichen Bischöfe und Priester, die diesen über die Gegend zerstreut geflüchteten Christen helfen.

Man muss nichts dorthin liefern, weil es vor Ort alles zu kaufen gibt. Es geht um Grundnahrungsmittel, vor allem Wasser. Es geht um ein Dach über dem Kopf, um Zelte und natürlich mit der Zeit auch um Medikamente. Und dabei unterstützen wir die Kirche finanziell.

Viele Christen stehen meist nur vor der Frage „Tod oder Konversion zum Islam“ und sind deswegen schon ausgewandert. Haben Sie Zahlen, die verdeutlichen, wie groß der Aderlass in den letzten Jahren war?
Man spricht davon, dass es zu Zeiten von Saddam Hussein noch 1,5 Millionen Christen im Irak gab. Heute spricht man von 300 000 bis 400 000 Christen, die dort noch leben. Davon ist ein großer Teil auf der Flucht. Es gibt zwar verschiedene Zahlen, aber es sind mit Sicherheit weit mehr als 100 000 Christen auf der Flucht.

Die Zahl der Christen im Land wird weiter schrumpfen. Ein Bischof sagte, dass wir die letzten Zeilen der Geschichte der Christen im Zweistromland, im alten Babylon, beschreiben.

Flüchtlinge auf dem Gelände der St.-Josef-Kirche in Ankawa (Erbil) bei einem kargen Mittagessen.

Flüchtlinge auf dem Gelände der St.-Josef-Kirche in Ankawa (Erbil) bei einem kargen Mittagessen.

Besteht überhaupt noch eine Chance, dass die Christen in ihre Heimat zurückkehren können?
Wenn man hört, dass Mossul eventuell wieder zurückerobert wird, dann besteht die Chance theoretisch, aber das Vertrauen der Menschen ist unheimlich erschüttert. Die meisten Menschen trauen sich nicht mehr, nach alldem, was sie erlebt haben.

Auf der anderen Seite ist es vielleicht wie bei einem Vulkanausbruch: Zuerst fliehen die Menschen, danach siedeln sie sich doch wieder an. So ähnlich könnte ich es mir vorstellen, wenn ein gewisses Grundmaß an Stabilität sichergestellt wird. Das muss sein. Im Moment sind die Leute traumatisiert.

Johannes Freiherr Heereman und Regina Lynch von KIRCHE IN NOT im Gespräch mit einer Nonne im Irak.

Johannes Freiherr Heereman und Regina Lynch von KIRCHE IN NOT im Gespräch mit einer Nonne im Irak.

Von dem Terror der IS sind nicht nur die christlichen und die jesidischen Minderheiten betroffen. Auch Schiiten und selbst Sunniten, die sich nicht den Fanatikern unterwerfen, werden ohne Zögern getötet. Wie verhalten sich die muslimischen Führer in der Region in diesem Konflikt?

Das ist das Erschütternde eigentlich an der ganzen Geschichte, auch der Muslime im Westen. Jetzt hat zwar der Großmufti von Saudi-Arabien IS öffentlich verurteilt, aber an und für sich hört man von den muslimischen Führern leider so gut wie gar nichts. Das ist das eigentliche Erschreckende: Man sieht keine Perspektive, wie eigentlich ein Friedensprozess in Gang kommen kann.

Die Muslime sind untereinander zerstritten, aber es bleibt auch der Graben zwischen Muslimen und Christen. Das hat man ganz deutlich gespürt. Der Graben ist jetzt noch tiefer geworden. Alle anfänglichen Friedens- und Versöhnungsbemühungen, die auch gerade von der Katholischen Kirche und dem Heiligen Stuhl aus sehr intensiv betrieben werden, haben im Irakeinen starken Rückfall erlitten.

Ist es nicht letztlich dennoch nur ein regionaler Konflikt, aus dem wir uns erst einmal heraushalten sollten?
Ich glaube, es gibt keine regionalen muslimischen Konflikte. Alle haben das Potenzial, sich auszudehnen, denn die ISIS strebt eine unbegrenzte Herrschaft an. Sie werden keine Grenze kennen. Wenn sie sich ausbreiten und die Macht haben, werden sie auch in die Türkei dringen. Sie sind bereits in Syrien, sie werden auch weitermachen in Richtung Jordanien, und Libanon. Das wird kein Ende nehmen.

Ich bin sehr zurückhaltend mit kriegerischen Ratschlägen, das steht mir nicht zu. Die Geschichte lehrt uns auch größte Zurückhaltung. Aber das sind enthemmte Fanatiker, und gegen sie muss man wirklich mit allen Mitteln vorgehen, sonst gibt es kein Ende.

Helfen Sie den Christen im Irak mit Ihrer Spende

Sie können einfach und sicher online spenden oder auf folgendes Konto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
Kontonummer: 215 20 02
BLZ: 750 903 00
LIGA Bank München

IBAN: DE63750903000002152002
BIC: GENODEF1M05

Bitte geben Sie als Verwendungszweck Irak an.

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Buch-Tipp: „Der Irak – Christen im Land der Propheten“

Titelbild des Buchs "Der Irak - Christen im Land der Propheten".

Titelbild des Buchs “Der Irak – Christen im Land der Propheten”.

Unter dem Titel „Der Irak – Christen im Land der Propheten“ hat KIRCHE IN NOT ein Buch zur Lage der Kirche in dem Land herausgegeben. Es ist unentgeltlich in unserem Bestelldienst erhältlich.

Sie können es auch bestellen unter:
KIRCHE IN NOT
Lorenzonistraße 62
81545 München

Telefon: 089 / 64 24 888-0
Fax: 089 / 64 24 888-50
E-Mail: kontakt@kirche-in-not.de

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf CD beziehungsweise DVD erhältlich. Sie können sie auch in unserer Mediathek anschauen.

28.Aug 2014 10:25 · aktualisiert: 28.Mrz 2015 07:31
KIN / S. Stein