Welche Zukunft gibt es für den Irak?

Bewegende Ansprache des chaldäischen Patriarchen Louis Rafael Sako

Patriarch Louis Rafael Sako, Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche.

Patriarch Louis Rafael Sako, Oberhaupt der chaldäisch-katholischen Kirche.

Fast zwei Jahrtausende lange haben christliche Gemeinschaften im Irak, in Syrien, Ägypten und anderen Ländern des Nahen Ostens gelebt, ihren Beitrag auf wirtschaftlicher, politischer und intellektueller Ebene geleistet und die Kulturen der entsprechenden Länder mitgeformt.

Im 21. Jahrhundert sind Christen im Nahen Osten nunmehr leider einer brutalen Verfolgung ausgesetzt. Wenn sie über die entsprechenden Mittel verfügen, fliehen viele aus dieser Region.

Ohne Zweifel ist es als Angriff auf ihr Leben und ihre Existenz zu werten, dass mehr als 120 000 irakische Christen – wie Anhänger anderer Minderheiten auch – aus ihren Häusern und Dörfern flüchten und alle in ihrem Leben erworbenen Besitztümer, persönlichen Wertgegenstände und Dokumente Plünderern überlassen mussten, die ihre Häuser besetzten. Und all dies nur aus einem Grund: Weil sie Christen sind!

Vertreibung und Auswanderung wirken sich vehement auf uns alle aus, sowohl auf Christen wie auch auf Moslems. Der Irak verliert derzeit durch die Flucht der Christen einen nicht zu ersetzenden Bestandteil seiner Gesellschaft: Eine authentische und alte Tradition ist gefährdet!

Katholischer Gottesdienst im Irak.

Katholischer Gottesdienst im Irak.

Aufgrund ihrer moralischen und historischen Verantwortung darf die internationale Gemeinschaft den Ereignissen im Irak nicht gleichgültig gegenüberstehen. Ebenso traurig ist das Eingeständnis, dass die Reaktion der internationalen Gemeinschaft der Moslems auf die (im Namen ihrer Religion verübten) barbarischen Akte gegen das Leben, die Würde und die Freiheit der Christen nicht so ausfällt, wie wir es gerne sehen würden.

Vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es Christen waren, die sich in partnerschaftlichem Miteinander mit ihren muslimischen Brüdern und in Anerkennung der islamischen Zivilisation (durch Teilen von Freud und Leid) für dieses Land eingesetzt und dafür gekämpft haben.

Religiöser Fundamentalismus nimmt an Macht und Stärke zu, ruft Tragödien hervor und wirft die Frage auf, wann islamische Gelehrte und muslimische Intellektuelle dieses gefährliche Phänomen einer kritischen Prüfung unterziehen und es ein für alle Mal auslöschen werden, indem sie ein echtes religiöses Bewusstsein lehren und sich für eine verlässliche Kultur der Akzeptanz von Menschen anderer Glaubensrichtungen als Brüder und Bürger mit gleichen und unbeschränkten Rechten einsetzen.

Flüchtlinge auf dem Gelände der St.-Josef-Kirche in Ankawa (Erbil) bei einem kargen Mittagessen.

Flüchtlinge auf dem Gelände der St.-Josef-Kirche in Ankawa (Erbil) bei einem kargen Mittagessen.

Die IS rückt voran, führt einen grimmigen Krieg gegen andere Kulturen und gegen Vielfalt und bedroht damit die intellektuellen und sozialen Grundlagen der gesamten Gesellschaft.

Christen und Moslems sollten nicht aufhören, ihre Stimmen gegen diese Extremisten zu erheben und gemeinsam daran arbeiten, eine neue Mentalität des Zusammenlebens in Frieden und Harmonie aufzubauen. Daher ist es höchste Zeit, dass auf ideologischer Ebene in der islamischen Welt wirksame Maßnahmen ergriffen werden, diesen Extremisten Einhalt zu gebieten, die für sich religiöse Legitimität beanspruchen, um Ressourcen zu erhalten und neue Kämpfer zu rekrutieren.

Wir fordern alle religiösen und politischen Führer eindringlich auf, sich anstelle einer Kultur des Extremismus, der Unterdrückung, der Ausgrenzung und der sozialen Rückständigkeit, die durch ein schwaches Individual- und Kollektivbewusstsein der eigenen Defizite gefördert wird, überall für eine Kultur der Offenheit, Vielfalt, Pluralität und Gleichberechtigung einzusetzen.

Flüchtlinge in der St.-Josef-Kirche in Ankawa, Erbil. Viele von ihnen haben alles zurücklassen müssen, als sie vor den IS-Kämpfern fliehen mussten.

Flüchtlinge in der St.-Josef-Kirche in Ankawa, Erbil. Viele von ihnen haben alles zurücklassen müssen, als sie vor den IS-Kämpfern fliehen mussten.

Dieser Umwandlungsprozess kann nur durch Bildung erreicht werden, durch die eine Gesellschaft aufgebaut wird, die auf der Gleichheit aller Bürger basiert. Dies lässt sich in erster Linie durch eine entsprechende Änderung der Lehrpläne aller, vor allem jedoch der religiösen Bildungseinrichtungen erreichen. Um eine bessere Koexistenz gewährleisten zu können, müssen wir eine Zivilgesellschaft schaffen, die jede Religion respektiert und keine Religionen zum eigenen Vorteil politisiert.

Diese Veranstaltung genau 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs steht unter dem Motto „Religionen und Kulturen im Dialog“ für mehr Frieden in der Zukunft. Dies sollte zum Leitmotto unseres Lebens werden. Ich möchte deshalb einige praktische Aspekte ansprechen.

Kirchenkuppel und Minarette in Aleppo / Syrien.

Kirchenkuppel und Minarette in Aleppo/Syrien.

1. Der Begriff der Religion im Islam und seine theologische Sprache unterscheiden sich von der christlichen Sichtweise. Der Islam ist ein System, in dem Religion und Politik miteinander verknüpft sind und das in alle Bereiche der menschlichen Existenz eingreift. Ich denke, der Moment ist gekommen, um die Religion, die auf Wahrhaftigkeit beruht, von der Politik abzutrennen, die im Wesentlichen auf Interessen (derer, die regieren, und derer, die regieren wollen) basiert!

2. Der Dialog ist ein Prozess und eine Lebenseinstellung. Er ist keine Geschäftsangelegenheit oder etwas, was man in Sitzungen oder Gesprächen abhandeln kann. Dialog ist eine wahrhaft intellektuelle Bemühung, den eigenen Glauben, das eigene Leben und die eigene Kultur zu überdenken und zu analysieren und gleichzeitig Raum dafür zu schaffen, um den Glauben, das Leben und die Kultur anderer Menschen zu verstehen.

In diesem Prozess findet derjenige, der tatsächlich nach Dialog sucht, mehr Ähnlichkeiten zwischen den Religionen als Unterschiede und mehr Gründe, um sich durch verschiedene Glaubensrichtungen vereint als getrennt zu sehen. Dann wird Religion zu einer persönlichen Angelegenheit und ist keine überlieferte Tatsache mehr.

3. Die Förderung von Menschenrechten ist die beste gemeinsame Grundlage zwischen Moslems und Christen, auf der sie ihre Arbeit aufbauen und gemeinsam mit Blick auf die Förderung einer friedlichen Koexistenz handeln können. Wir sollten uns um die Gesundheit der Menschen kümmern und ebenso Hunger und Analphabetismus bekämpfen.

Außerdem ist es von größter Wichtigkeit, das religiöse Vokabular und die Lehrpläne für eine religiöse Unterweisung auf den aktuellen Stand zu bringen. Wandel und Erneuerung ist eine ganz natürliche Sache. Kulturen entwickeln sich ebenso weiter wie unterschiedliche Mentalitäten. Auch Sprachen sind einem ständigen Wandel unterworfen.

Christen und Muslime beten in der St.-Georg-Kirche in Bagdad gemeinsam für den Frieden im Irak.

Christen und Muslime beten in der St.-Georg-Kirche in Bagdad gemeinsam für den Frieden im Irak.

Wir sollten nach neuen Wegen suchen, um im Geist der „Barmherzigkeit und im Dienst der Liebe“ (vgl. Ut Unum Sint, 92-93, 95) zu denken und zu leben, anstatt mit Ausflüchten die derzeitige Situation rechtfertigen zu wollen. Religionen sollten nach einer neuen menschlichen und theologischen Sprache suchen, die die Herzen der Menschen anspricht und berührt, ihrem Leben Richtung und Hoffnung verleiht, anstatt sich für die Gewalt zugunsten einiger weniger instrumentalisieren zu lassen.

Ich lade unsere muslimischen Freunde im Nahen Osten zu gemeinsamen Taten mit dem Ziel „einer gemeinsamen Welt“ ein.

4. Verfassungsreformen: Der Islam ist die in den Verfassungen islamischer Länder verankerte Staatsreligion. Will man der derzeitigen Lage und der Geschichte gerecht werden, so ist die Änderung dieser Verfassungen unabdingbar. Eine Änderung, die Christen und anderen Minderheiten, die von Beginn an in diesem Land gelebt haben, die gleiche Behandlung wie muslimischen Bürgern garantiert. Was wir anstreben, ist keine Duldung von „Dhimmi“, sondern Gleichberechtigung.

Religion darf kein Kriterium sein, um Bürger diskriminieren zu können. Christen machen im Nahen Osten eine wichtige Minderheit aus: Sie sind in ihren Ländern tief verwurzelt, sie sind weltoffen und fähig zum Dialog und haben in ihren Ländern in vielen Lebensbereichen, vor allem aber bei der Bildung einen wichtigen Beitrag geleistet.

Eine der Flüchtlingsfamilien aus Karakosh, das von IS-Kämpfern eingenommen wurde. In der Mitte sitzt Sando, der am 13. August seinen dritten Geburtstag feierte. Er freut sich sehr, dass seine Familie um ihn ist. Die Eltern stehen immer noch vor der Frage, was aus ihnen werden soll.

Eine der Flüchtlingsfamilien aus Karakosh, das von IS-Kämpfern eingenommen wurde. In der Mitte sitzt Sando, der am 13. August seinen dritten Geburtstag feierte. Er freut sich sehr, dass seine Familie um ihn ist. Die Eltern stehen immer noch vor der Frage, was aus ihnen werden soll.

Ich komme zum Schluss: Lasst uns – Christen, Moslems und Jesiden – mit der Logik von Konflikten und Gewalt brechen und sie durch eine Logik des Dialogs und Friedens ersetzen. Dann haben wir alle eine Zukunft. Ich bin überzeugt, dass die Lösung unserer Probleme ein föderatives Regime ist, das die Einheit des Landes aufrechterhalten und ihm helfen kann.

Wir haben nur noch sechs Monate Zeit bis zum Wintereinbruch. Ich bitte Sie daher eindringlich,

1.  nicht nur die Ninive-Ebene, sondern auch Mossul zu befreien.

2. für die sichere Rückkehr vertriebener Menschen in ihre Heimat zu sorgen.

3. unverzüglich bei der Wiederherstellung der Wasser- und Stromversorgung und anderer Einrichtungen mitzuhelfen.

Seine Seligkeit Patriarch Louis Rafael Sako hielt die vorstehende Rede am 9. September 2014 in Antwerpen während einer Konferenz unter Leitung von Sant’Egidio.

Helfen Sie verfolgten Christen mit Ihrer Spende

Sie können einfach und sicher online spenden oder auf folgendes Konto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
Kontonummer: 215 20 02
BLZ: 750 903 00
LIGA Bank München

IBAN: DE63750903000002152002
BIC: GENODEF1M05

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17.Sep 2014 16:07 · aktualisiert: 17.Sep 2014 16:11
KIN / S. Stein