„Wir haben keine Würde mehr”

Christliche Flüchtlinge aus dem Irak in Istanbul

Eine Frau aus dem Irak in der chaldäischen Pfarrei in Istanbul (Foto: Sebastien de Courtois).

Eine Frau aus dem Irak in der chaldäischen Pfarrei in Istanbul (Foto: Sebastien de Courtois).

Im Nahen Osten ist alles dicht gedrängt. Die Türkei grenzt an Syrien, Irak und Iran. Seit dem Beginn des Irak-Krieges 2003 und mit Ausbruch des Syrien-Konflikts 2011 ist die Türkei – wider Willen – Durchgangsstation für hunderttausende Flüchtlinge.

Unter ihnen sind viele Christen aus dem Irak, aus Mossul und der Ninive-Ebene. Manche wollen nach Europa. Aus Verzweiflung tun sie alles, um über die Grenzen zu kommen. Zumeist sind es junge, alleinstehende Flüchtlinge, die alles riskieren, selbst den Tod. Viele Leben werden zerstört, Familien zerbrechen.

Andere flüchten mit der ganzen Familie in die Türkei, vor allem nach Istanbul, der Metropole, die Menschen aus aller Welt anzieht und aufnimmt. Geht man an einem Sonntagmorgen um acht Uhr zur heiligen Messe in die Heilig-Geist-Kathedrale im Stadtviertel Harbiye, so trifft man auf verschiedene christlich-orientalische Auswanderer. Die Kirche ist voll. Zu Hunderten haben sich arabische Christen in der Türkei angesiedelt, seit Wochen, Monaten oder gar seit Jahren. Sie kommen aus dem Irak und Syrien.

Die, die an der heiligen Messe teilnehmen, sind aber nur die Spitze des Eisbergs: „Es ist schwer, die Zahl der Christen exakt zu erfassen, denn weder das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) noch unser Verein fragen nach der Religionszugehörigkeit. Wir nehmen alle auf, die uns fragen, weil sie in Not sind“, erklärt Monsignore François Yakan, Patriarchalvikar der Chaldäer der Türkei. Von den Gläubigen wird er respektvoll „Abouna François“ genannt.

Bischof Msgr. Francois Yakan im Gespräch mit Flüchtlingen (Foto: Sebastien de Courtois).

Msgr. Francois Yakan im Gespräch mit Flüchtlingen (Foto: Sebastien de Courtois).

Er hat vor zehn Jahren einen Verein gegründet, der sich um die Aufnahme von Flüchtlingen kümmert: „Im Laufe dieser Jahre haben wir fast 55 000 Menschen aufgenommen und geholfen. Das heißt, sie haben es geschafft, die Türkei zu verlassen und ein Visum für ein anderes Land zu bekommen. Das ist aber nicht die Regel, es gibt viele Wartende und auch solche, die scheitern.“

Die traurige Wirklichkeit ist, dass Tausende mit der Hoffnung warten, eine offene Tür nach Europa oder Amerika zu finden. In der Türkei dürfen sie nicht arbeiten. „Die Wartezeit kann Jahre dauern. Das ist schrecklich für Familien, die über die ganze Welt verteilt sind.“ Der Patriarchalvikar arbeitet eng mit den Vereinten Nationen zusammen, mit der türkischen Regierung und humanitären Vereinigungen, die ihm vom Ausland aus helfen, die elementarsten Bedürfnisse der Flüchtlinge zu stillen.

Sein Büro liegt in der obersten Etage eines kleinen Gebäudes am Rande des Stadtviertels Tarlabasi, gegenüber dem britischen Konsulat und oberhalb der chaldäischen Kirche. Im Erdgeschoss befindet sich das Aufnahmebüro. Sechzehn Freiwillige, eine Dolmetscherin und drei Angestellte wechseln sich bei der Aufnahme der Flüchtlinge ab. Eine Warteschlange mit jungen Menschen erstreckt sich vor ihnen.

Eine Frau in der chaldäischen Pfarrei verteilt Kleidung an bedürftige Flüchtlinge (Foto: Sebastien de Courtois).

Eine Frau in der chaldäischen Pfarrei verteilt Kleidung an bedürftige Flüchtlinge (Foto: Sebastien de Courtois).

Um als politischer Flüchtling in der Türkei anerkannt zu werden, ist ein Reisepass notwendig. „Im Durchschnitt haben wir 70 Besucher pro Tag. Ich nehme so viele Notfälle auf wie ich kann“, erklärt der Prälat weiter. „All diejenigen, die aus dem Irak kommen, leiden an gesundheitlichen Problemen wie Unterernährung, mangelndem Impfschutz, Herzschwäche, Nervenkrankheiten, chronischen Depressionen. Für Frauen, die Opfer von Übergriffen wurden, haben wir eine psychologische Betreuung.“

Länder, die ein Visum erteilen sind vor allem die USA, Kanada und Australien. Europa hat dicht gemacht. Eine Ausnahme gab es im Sommer 2014, als Frankreich und Deutschland Christen und Jesiden aufnahmen, die von islamistischen Kräften aus Mossul, Karakosch (Bakhdida) und Sindschar vertrieben worden waren.

Amer Bahnan ist mit seiner Frau aus Mossul gekommen. Sein Schicksal ist tragisch. Seit eineinhalb Jahren lebt er in Istanbul: „Für meine Familie wurde das Leben im Irak unmöglich. Zuerst bin ich nach Syrien geflohen, dann in den Libanon und schließlich in die Türkei. Ich wurde viermal am Herzen operiert.“

Innenraum der chaldäischen Kirche in Istanbul.

Innenraum der chaldäischen Kirche in Istanbul.

Er schweigt, seine Frau bricht in Tränen aus: „Seit 2008 leben wir auf der Straße. Wir wissen jetzt nicht mehr wohin. Im Irak wurde uns alles genommen, gestohlen. Wir haben kein Haus mehr, kein Geld, keine Würde, nichts.“

In den Stadtvierteln um das Stadtzentrum herum leben die Flüchtlinge in überfüllten Wohnungen, die oft unbewohnbar sind, aber von mehreren gemietet werden. Es gibt keine staatlichen Stellen, an die sich die Flüchtlinge wenden könnten.

Kurz darauf ergreift eine Mutter in Begleitung ihrer Tochter das Wort: „Ich bin eine Witwe und habe fünf Kinder. Wir sind vor 16 Monaten aus Dohuk geflohen. Soeben wurde mein Antrag von der US-Botschaft abgelehnt.“ Sie will jetzt nach Kanada, wohin ihre Brüder ausgewandert sind. „Niemand aus unserer Familie ist im Irak geblieben“, sagt sie. Ihre Tochter geht zur Schule der Salesianerinnen in Istanbul, eine Don-Bosco-Schule, die etwa 350 Flüchtlingskinder unterrichtet.

Eine Straße in Istanbul. Eingänge zu Kirchen sind nicht immer leicht zu finden. Der Türbogen rechts, durch den eine Frau mit Kind geht, ist der Eingang zur Kirche der Minoriten.

Eine Straße in Istanbul. Eingänge zu Kirchen sind nicht immer leicht zu finden. Der Türbogen rechts, durch den eine Frau mit Kind geht, ist der Eingang zur Kirche der Minoriten.

Die Geschichte des 27-jährige Irakers Hassan liest sich wie ein Roman. Er floh aus seiner Heimatstadt Bagdad, ging über Jordanien nach Thailand, um dort zwei Jahre lang sein Glück zu versuchen: „Nach Ablauf meines Visums musste ich gehen, weil ich das Essen im Gefängnis nicht probieren wollte. Ich habe dort für arabische Touristen als Reiseführer gearbeitet. Ich kam schon zurecht. In Istanbul kann ich aber nichts Anständiges anfangen. Trotz allem habe ich keine Wahl: Ich will nach Europa.“

Die Flucht der Christen aus dem Orient ist unaufhaltsam: Nach und nach leert sich die Wiege ihres Ursprungs. „Ich hätte nie gedacht, Zeuge eines solchen Desasters zu sein“, sagt Pater Sabah, ein Geistlicher aus dem Nordirak.

Nach den dramatischen August-Ereignissen mit der Besetzung der christlichen Dörfer in der Ninive-Ebene scheint die Zukunft dieser Gemeinschaften ernsthaft infrage gestellt zu sein. Sie leben jetzt im Ausland: in Istanbul, in der Türkei, oder sonst wo in der Welt. In Istanbul wird schon die nächste Flüchtlingswelle erwartet.

Sebastien de Courtois

KIN / S. Stein