„Wir glauben an Gerechtigkeit”

Für die Christen im Heiligen Land war 2014 ein schwieriges Jahr

Weihnachtsbaum vor der Geburtskirche in Bethlehem.

Weihnachtsbaum vor der Geburtskirche in Bethlehem.

Musa ist über siebzig. Wehmütig schaut er über das stille Tal, in dem uralte Olivenbäume stehen. Auch Obst und ein bekannter Wein werden hier angebaut. Der orthodoxe Christ aus Beit Dschallla bei Bethlehem hat in seinem langen Leben viel Leid im Heiligen Land erlebt – Kriege, Intifadas, Flucht und Vertreibung.

Doch nichts ging ihm bisher so nahe wie die drohende Enteignung seines Landes. „Wenn die israelische Armee ihren Willen bekommt, dann können sie mir mein Land wegnehmen und darauf ihre Mauer bauen. Das ist, als ob man mir ins Herz sticht. Seit vielen Jahren sind diese Olivenbäume im Besitz meiner Familie. Sie ernähren uns. Man nimmt uns aber mehr, als nur Land und Einkommen: Man nimmt uns unsere Identität.”

Wie Musa geht es auch 57 anderen christlichen Familien Beit Dschallas, einem überwiegend christlichen Nachbarort von Bethlehem. Sie sind entweder direkt oder indirekt von der Landkonfiszierung betroffen: entweder weil auf ihrem Land die Sperranlage gebaut wird oder weil der Zugang zu ihrem Besitz erschwert oder verunmöglicht wird.

Bauer Musa vor seinem Grundstück.

Bauer Musa vor seinem Grundstück.

Die Mehrzahl der etwa 45 000 Christen Palästinas lebt in dieser Gegend, dem christlichen Dreieck von Bethlehem, Beit Dschalla und Beit Sahur. Kirchtürme und Kreuze bestimmen das Stadtbild, nicht Minarette. Auch zwei katholische Klöster sind von der drohenden Landkonfiskation betroffen.

Seit Monaten wird vor dem Obersten Gerichtshof Israels in Jerusalem über den Verlauf der Mauerroute verhandelt – in letzter Instanz. Die Armee sagt, die Mauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten müsse so und nicht anders gebaut werden. Sicherheitsgründe ließen keinen anderen Verlauf zu. Das Urteil wird in nächster Zeit erwartet.

Brief an Papst Franziskus geschrieben

„Wir beten, dass eine alternative Route gewählt wird, die den Klöstern und den Familien ihr Land lässt”, sagt Bischof Shomali vom Lateinischen Patriarchat. Er ist für die palästinensischen Gebiete zuständig. Seit unzähligen Freitagen versammeln sich die Gläubigen in den Olivenhainen des betroffenen Cremisantales, feiern die Messe und beten. Auch einen Brief an den Papst in Rom haben sie schon geschrieben.

„Wir glauben noch immer an die Gerechtigkeit und hoffen das Beste”, sagt Bischof Shomali. „Ich bitte die Wohltäter von KIRCHE IN NOT, mitzubeten, dass man uns unser Recht gibt.”

Blick auf Jerusalem.

Blick auf Jerusalem.

Wenige Kilometer weiter, auf dem Krippenplatz vor der Geburtskirche in Bethlehem, ist die Stimmung auch nicht besser. Die Händler, die in ihren rings um den Platz liegenden Läden Kreuze, Krippen und Rosenkränze verkaufen, klagen. Die Kunden fehlen ihnen nach einem Jahr voller Gewalt im Heiligen Land.

„Wir waren hoffnungsvoll, als der Papst uns im Mai besucht hat. Danach haben sich Israels Präsident Peres, unser Präsident Abbas und der Papst in Rom zum Gebet für den Frieden getroffen. Aber was ist danach gekommen? Es wurde noch schlimmer als vorher”, sagt George Azenian, ein armenisch-orthodoxer Christ. Er betreibt in dritter Generation einen Devotionalienladen nahe der Geburtskirche.

Immer mehr Christen wandern ab

„Erst kam der Gazakrieg, dann die Gewalt in Jerusalem: Die Leute haben Angst und kommen nicht. Im Vergleich zum Vorjahr haben wir riesige Einbußen. Das kann nicht jeder ausgleichen. Hoffentlich wird wenigstens das Geschäft um die Weihnachtsfeiertage gut.” 19 christliche Familien, vor allem orthodoxe, haben Bethlehem in den letzten drei Monaten verlassen. Sie sehen für sich und ihre Kinder keine Zukunft mehr in der Stadt Davids und Christi.

Auch aus Gaza wandern immer mehr Christen ab. In den letzten zehn Jahren ist bereits die Hälfte der einst 2500 Christen gegangen. Heute leben nur noch etwa 1300 Christen unter der über 1,8 Millionen Menschen umfassenden Bevölkerung des Streifens am Mittelmeer. Katholiken sind eine Minderheit in der Minderheit. Kaum 170 von ihnen gibt es noch.

Fouad Twal im Gespräch mit einem schwerverletzten Patienten aus Gaza.

Fouad Twal, Lateinischer Patriarch von Jerusalem, im Gespräch mit einem schwerverletzten Patienten aus Gaza.

„Der Krieg im Sommer hat unsere Kirche arg getroffen”, sagt Erzbischof Alexios, das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche, der die Mehrheit der Christen in Gaza angehört. Tatsächlich starb eine Christin bei Bombenangriffen, andere wurden schwer verletzt. Der orthodoxe Friedhof wurde ebenso getroffen wie Gebäude der katholischen und orthodoxen Kirche. „Wir haben durch unsere Hilfe für Muslime, die durch die israelischen Bombardements obdachlos wurden, an Ansehen in der Gesellschaft gewonnen”, so Alexios.

Doch die humanitäre Lage im Gebiet ist weiter angespannt. Zehntausende sind nach wie vor ohne Zuhause. Die Regenfälle in den letzten Wochen haben den Gazastreifen überschwemmt. Die Vereinten Nationen haben den Notstand ausgerufen. Aufgrund des Mangels an echten Perspektiven haben deshalb seit dem Sommer bereits fünf christliche Familien das Gebiet verlassen, unter anderem in Richtung Belgien.

Grenzmauer mit Übergang bei Bethlehem.

Grenzmauer mit Übergang bei Bethlehem.

Die Christen Israels wiederum haben andere Sorgen als ihre Brüder in den palästinensischen Gebieten. Etwa 160 000 Christen, zu ungefähr achtzig Prozent Araber, leben unter einer Gesamtbevölkerung von über acht Millionen. Aber die aktuelle Diskussion um den Charakter Israels als jüdischer Staat – die scheidende Regierung Netanjahu will ein Gesetz erlassen, das Israel als solchen definiert – droht, die arabische Bevölkerung weiter von Israel zu entfremden.

„Sie werden noch mehr als bisher davon überzeugt sein, dass sie hier nicht erwünscht sind”, sagt der oberste Franziskaner im Heiligen Land, Kustos Pierbattista Pizzaballa, gegenüber KIRCHE IN NOT.

Es war kein gutes Jahr für die Christen im Heiligen Land. Für Musa, den alten Mann aus Beit Dschalla kann das Schlimmste aber noch kommen. „Wenn sie uns unser Land nehmen, wird es ein sehr trauriges Weihnachten.”

Oliver Maksan

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Gebet für den Nahen Osten

Ikone “Lasst die Kinder zu mir kommen” in Assiut/Oberägypten.

Ikone “Lasst die Kinder zu mir kommen” in Assiut/Oberägypten.

Gott, unser Vater, hab Erbarmen mit dem Nahen Osten.

Deine treuen Diener – jung und alt – sind aufgerufen, Christus zu bezeugen. Mögen sie in dieser aufregenden Zeit gestärkt werden, indem sie deinem geliebten Sohn nachfolgen, der in jener Zeit in ihrer jetzigen Heimat tätig war.

In Gemeinschaft mit unserem Papst beten wir, dass Christen im Nahen Osten ihren Glauben in völliger Freiheit leben können. Ermutige sie, als Werkzeug des Friedens und der Versöhnung zu handeln – vereint mit allen Bürgern in ihren Ländern.

Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn. Amen.

(Gebet von Antonios Kardinal Naguib, emeritierter Patriarch von Alexandrien/Ägypten für KIRCHE IN NOT)

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