„Das Volk im Dunkeln sieht ein helles Licht”

Impuls zum Weihnachtsfest vom Stiftungspräsidenten Mauro Kardinal Piacenza

Mauro Kardinal Piacenza, Stiftungspräsident von KIRCHE IN NOT.

Mauro Kardinal Piacenza, Stiftungspräsident von KIRCHE IN NOT.

Liebe Freunde,
(…) wir werden nicht alle physisch die Heilige Weihnachtsnacht zusammen verbringen können, werden es aber geistig tun. Begeben wir uns also geistig in diese Heilige Nacht und erleben sie gemeinsam, um besser zu werden.

Das Licht, das in jener Nacht aufleuchtet, hat das Antlitz der Welt verändert. Es ist alt und neu zugleich: Es erhellt unser ruheloses Leben, so wie es das ruhigere Leben unserer Vorfahren erhellt hat; es kommt aus ferner Zeit, ist unserem Geist jedoch stets bekannt und nahe.

Es entfacht immer Gefühle der Freude, des Friedens, der Güte und der Liebe. In diesem Umfeld der Brüderlichkeit möchte ich an Euch alle (…) meine besten Weihnachtswünsche richten. Mein Gruß geht (…) an alle Wohltäter wie auch an alle, denen wir durch unser Werk helfen dürfen.

Weihnachten ist mehr als ein Fest der Geschenke.

Weihnachten ist mehr als ein Fest der Geschenke.

Wir bereiten uns auf Weihnachten vor, nicht um Tage äußerer Euphorie zu erleben, sondern um im Glauben das Ereignis der Geburt Jesu Christi, unseres einzigen Retters, und das Mysterium seiner Gegenwart in der Geschichte und in unserem Leben zu feiern.

An diesen Tagen machen wir uns Geschenke. Das ist ein liebevoller Brauch, der zeigt, dass wir die Zuneigung und Freundschaft zu Menschen, die wir lieben, festigen wollen und dass wir zu Weihnachten die Freude unserer Herzen ausweiten möchten. Dies sind aber auch die Tage des großen Geschenks, das der Himmel der Erde gemacht hat, die Tage, in denen „die Gnade Gottes erschienen ist, um alle Menschen zu retten” (Tit 2,11).

„Gottes Sohn ist Sohn der Menschen geworden”

Die Bibellesungen der Weihnachtsliturgie zeigen die Größe und das „Unfassbare” des Mysteriums. Die verschiedenen Texte heben mal den einen, mal den anderen Aspekt des immensen und erschütternden Mysteriums der Menschwerdung hervor; das Mysterium bleibt jedoch unbeschreiblich und grenzenlos. Das Große wird klein. Das Unsichtbare wird sichtbar, das Ungreifbare lässt sich anfassen.

Gottes Sohn ist Sohn der Menschen geworden. Nach der Geburt Jesu hat sich alles geändert. Alles ist neu. Die Einsamkeit ist überwunden. Die Angst und die Furcht sind besiegt. Die Welt ist nicht nur das Werk des Herrn, sie ist auch sein Zuhause geworden. Gott ist mit uns!

Die Geburtsgrotte in Bethlehem.

Die Geburtsgrotte in Bethlehem.

Im weihnachtlichen Horizont hat die rätselhafte Gestalt jenes Nachkommen Davids, die der Prophet Jesaja als „Zeichen” von Gott angekündigt hatte, große Bedeutung. „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt” (Jes 9,1.5).

Der Grund der „großen” Freude für die vom Fremden beherrschten Gebiete ist zweifach – ihre wundersame „Befreiung” aus dem Joch des Unterdrückers und die Geburt eines „Kindes” königlicher Abstammung, das das „Reich” Davids festigen wird.

„Das Volk, das im Dunkel lebt …

Die wirkliche Befreiung, damals wie heute, ist die Befreiung, die Gott in seiner Macht und Barmherzigkeit wirkt; und nicht die, die die Menschen mit ihrer List, Kraft und Gewalt wirken. Das Kind königlicher Abstammung bringt die „Befreiung” durch die Errichtung eines Reiches der Gerechtigkeit und des Friedens.

Es handelt sich nicht um eine nationale oder politische Befreiung, es handelt sich um die weitaus tiefergehende Befreiung, die den ganzen Menschen, ausgehend von seinem Herzen, umschließt.

Die Heilige Familie im Stall von Bethlehem auf einem Gemälde in einem Pfarreizentrum in Katar.

Die Heilige Familie im Stall von Bethlehem auf einem Gemälde in einem Pfarreizentrum in Katar.

„Das Volk, das im Dunkel lebt …” Auch heute noch ist es für diejenigen dunkel, die nicht mit reinem und ehrlichem Herzen Gott suchen; es ist dunkel für diejenigen, die ihn nicht mehr suchen; es ist dunkel für diejenigen, die Gewalt anwenden, für diejenigen, die aus dem Geld einen Götzen machen; für die Jugendlichen, die sich auf der Suche nach künstlichen Paradiesen verlieren, und für diejenigen, die mit dem Geschäft des Todes schmutziges Geld verdienen wollen.

Es ist dunkel für diejenigen, die bei der Ankunft des Herrn fehlen, unvorbereitet sind, sich den Illusionen, dem Treiben und den Sorgen der flüchtigen Welt hingeben und die die Türen ihres Herzens dem ankommenden Herrn nicht öffnen. Weihnachten ist das Licht, das in die finsteren Dinge eindringt, um sie aufzulösen. Es ist das Wort, das Mensch geworden ist, um an die Türen des Herzens zu klopfen und die Zustimmung der Liebe zu erhalten.

Wie könnte man den Unterschied nicht erkennen, den das Evangelium zwischen den großen umwerfenden Plänen Gottes und den ärmlichen und egoistischen Kalkülen der Menschen aufzeigt?

Die Geste der Macht, der Autorität, des politischen Prestiges des Kaisers Augustus, der die „Zählung der ganzen Erde” anordnet, steht im Gegensatz zur Demut, zum Gehorsam und zur Armut des Sohn Gottes, der hinein in die Geschichte kommt. Der wahre „Herr”, der wahre „Retter”, ist nicht der Kaiser, sondern das demütige Kind in Windeln gewickelt in einer Krippe. Augustus verblasst in der Geschichte und wird von den Menschen vergessen: Jesus lebt über die Jahrhunderte und wird in unseren Herzen wiedergeboren.

Es scheint, dass durch die Zählung Jesus in der Geschichte untergeht, einer der vielen Untertanen des Reiches wird, geboren in einem entfernten Winkel dieses Reiches. Es wird jedoch Jesus sein, dank dessen die Geschichte aufbricht, ihren Lauf ändert, sich erneuert. Er haucht ihr seinen Geist ein: Das ist die wahre Geschichte, durch die die Menschen sich zu Menschlichkeit aufmachen, die in der Wahrheit und Liebe wächst.

Pilger und Touristen strömen zur Geburtsgrotte in Bethlehem.

Pilger und Touristen strömen zur Geburtsgrotte in Bethlehem.

Die großen rettenden Ereignisse des Alten Testaments, die große Hoffnung für die Zukunft, alle einzelnen und sozialen, politischen und kulturellen Befreiungen über 20 Jahrhunderte Geschichte erhalten endlich durch dieses Kind, das in einer kleinen und bis dahin unbedeutenden Stadt Judäas geboren ist, ihre Bestätigung.

So entsteht der Kontrast zwischen der allgemeinen Gleichgültigkeit, in die Gottes Sohn geboren wird, und der „Verkündigung” der Engel nicht nur an die armen Hirten, sondern an das gesamte Universum. „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen auf Erden, die Er liebt.”

Ehre und Frieden sind eng verbunden: Die Ehre erhebt sich von der Erde zum Himmel, weil in Christus sich der Ratschluss der Liebe erfüllt; der Frieden, der die Fülle der messianischen Gaben darstellt, der die Versöhnung zwischen den Menschen ist, kommt vom Himmel auf die Erde nieder zu allen Menschen, die die Güte Gottes bereit für den Frieden macht.

Titelbild „Kein Platz in der Herberge".

Titelbild unseres Hefts „Kein Platz in der Herberge”.

Nur durch sein Kommen wird den Menschen, die Er liebt, der Frieden gebracht. Aber derjenige, dessen Reich kein Ende hat, das sich bis zu den Grenzen der Welt erstreckt, wird „draußen, nicht im Haus” geboren wie er auch „draußen vor der Stadt” sterben wird. „Es gab keinen Platz für sie in der Herberge …

Auch heute wird Jesus abgewiesen:
- Er wird abgewiesen, wo der Kampf gegen das Leben geplant wird, durch das abscheuliche Vergehen der Abtreibung als Lebensplanung und durch Förderung der Euthanasie, die diabolisch als Aspekt der Menschenwürde dargestellt wird;

- Er wird dort abgewiesen, wenn Gesetze verabschiedet werden, die eine authentische Familie erniedrigen und das Naturgesetz verachten;

- Er wird abgelehnt von mächtigen internationalen Lobbys, die die öffentliche Meinung durch Lüge manipulieren;

- Jesus wird auch von uns „Gläubigen” abgelehnt, wenn wir ihn nicht in unserem Nächsten erkennen, wenn wir einen Graben schaffen zwischen Lehre und Leben und weltliche Kriterien dabei anwenden;

- Jesus wird abgewiesen, wenn wir die Kirche, so wie er sie gegründet hat, verraten und einer von uns gegründeten Kirche zu unserem Nutzen und unseren Interessen folgen;

- Jesus wird abgewiesen, wenn wir den christlichen Namen tragen und zu müde und träge sind, ihn den Brüdern zu verkünden, wenn wir in unseren täglichen Verpflichtungen nicht mit Leidenschaft unserem missionarischen Auftrag als Gefirmte nachkommen.

„Es sind junge Menschen, die im Gebet und in der Tiefe des Evangeliums aufwachsen und Christus das Herz öffnen.” Junge Erwachsene beim Weltjugendtag in Madrid 2011.

„Es sind junge Menschen, die im Gebet und in der Tiefe des Evangeliums aufwachsen und Christus das Herz öffnen.” Junge Erwachsene beim Weltjugendtag in Madrid 2011.

Aber diese schmerzhaften Ablehnungen sollen uns das große Gut, das es in der Welt gibt, nicht vergessen lassen.

Es sind demütige und verborgene Menschen, die Gott die Ehre geben, und daher dem Frieden mit Gott und mit den Menschen vorauseilen. Es sind junge Menschen, die im Gebet und in der Tiefe des Evangeliums aufwachsen und Christus das Herz öffnen. Es sind Mütter und Väter, die ihrer Liebe und ihren Pflichten treu sind, die versuchen, ihren Kindern Werte zu vermitteln und nicht Dinge und Worte.

Es sind körperlich und geistig kranke Menschen, die ihre Verletzungen mit großmütiger Liebe in der Einheit mit dem heiligen Opfer des Kreuzes leben. Es sind geweihte Menschen, Menschen in Klöstern und Missionare, die wertvolles Zeugnis über den wahren Sinn des Lebens ablegen. Es sind die Arbeiter, die für Gerechtigkeit ohne Hass kämpfen, die Solidarität fördern und Hoffnung bringen.

„Wir müssen uns für die Liebe bereit machen”

Wie in der Geschichte der Menschheit die Zeit der Rettung begann, als der Sohn Gottes, der reich war, arm wurde, so hängt in der Geschichte unserer Seele und unserer Gesellschaft die Möglichkeit, gerettet zu werden, davon ab, dass wir uns im Sinne des Evangeliums arm machen, frei, mutig und bereit für die Liebe.

Daher stellen wir uns vor die Krippe, wo wir die Lektion des Lebens lernen können. Wir nähern uns der Krippe mit Einfachheit im Herzen und Licht von oben, das den Hirten gegeben wurde. Dann wird es auch für uns eine einzigartige und befreiende Begegnung, weil man nicht dem Jesuskind begegnen und wie zuvor bleiben kann.

Darstellung aus der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT.

Darstellung aus der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT.

Dann werden wir mit dem Blick des Glaubens in der Szene Bethlehems eine wichtige Lektion des Lebens sehen, die es uns ermöglicht, die vielen Verwirrungen, die wir in unserer Gesellschaft erleben, zu überwinden und zu besiegen.

Was zeigt uns eine Krippe? Eine Jungfrau, ein Kind, einen Stall. Drei Zeichen voller Lehre. Die Jungfrau weist uns auf ein größeres und sinnvolleres Verständnis der Existenz hin. Das schwache, schutzlose, unschuldige Kind ist das Zeichen der Sanftmut. Der Stall versinnbildlicht Armut.

Auf dieser Art und Weise fordert uns die göttliche Weisheit auf, die Anbetung des Reichtums zu überwinden, die als einzige Quelle und einziges Maß des menschlichen Prestiges gesehen wird.

„Der Erhabenheit seiner Weisheit folgen”

Wie man sieht, lehnt Gott, der Emanuel wird und in unsere Geschichte hineinkommt, es ab, sich auf unsere Verirrungen einzulassen, und fordert im Gegenteil, dass wir nach und nach der Erhabenheit seiner Weisheit folgen – jenseits der oberflächlichen Gefühle. Das ist die wirkliche Weihnachtsbotschaft, das ist die Gnade, die uns noch einmal von der Heiligen Nacht geboten wird.

Es möge uns die heilige Jungfrau Maria, die alles, was geschehen war, in ihrem Herzen bewahrte, helfen, uns Gott hinzuwenden und sich mit den Brüdern zu versöhnen, so dass wir in die Verkündigung der Engel einstimmen können: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen auf Erden, die er liebt.”

Wir wünschen allen Freunden und Wohltätern von KIRCHE IN NOT ein frohes und gnadenreiches Weihnachtsfest und ein gesegnetes neues Jahr.

 

23.Dez 2014 16:00 · aktualisiert: 24.Dez 2014 19:31
KIN / S. Stein