„Einer muss anfangen: Wir!”

Pater Werenfried war der Einsatz für die Ökumene immer wichtig

Pater Werenfried van Straaten am Schreibtisch.

Pater Werenfried van Straaten an seinem Schreibtisch.

Gute Nachrichten gehen inmitten der vielen Schreckensmeldungen oft unter. Und doch geht an vielen Orten dieser Welt die Saat des Friedens und der Versöhnung auf. Unser Gründer Pater Werenfried van Straaten widmete sein ganzes Leben dem Dienst an der Versöhnung.

Oft fängt es mit einer Geste der Hilfe an. Pater Werenfried van Straaten folgte dem Grundsatz: „Einer muss anfangen: Wir!“ Als Papst Johannes Paul II. ihn 1991 darum bat, nach einem langen Leben als Brückenbauer nun auch Wege des Dialogs mit der Russischen Orthodoxen Kirche zu finden, war er Feuer und Flamme. Immerhin musste auch diese Kirche nach der jahrzehntelangen Verfolgung nahezu bei null anfangen.

Die Zahlen sprechen für sich: Von den etwa 60 000 Gotteshäusern, in denen vor der Oktoberrevolution in Russland die Heilige Liturgie gefeiert wurde, waren zwanzig Jahre später nur noch 100 übrig. Allein in den ersten beiden Jahren nach der Oktoberrevolution wurden 15 000 orthodoxe Priester getötet. Mehr als 300 Bischöfe wurden hingerichtet oder starben in Gefangenschaft.

Der Kreml in Moskau.

Der Kreml in Moskau.

Dieser orthodoxen Schwesterkirche nun nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes nicht nur mit schönen Worten, sondern auch mit Taten zur Seite zu stehen, nannte Werenfried im Alter von bereits fast 80 Jahren die „letzte und größte Freude seines Lebens“.

Die „Ökumene der Märtyrer“, das gemeinsame Bekenntnis der katholischen, orthodoxen und protestantischen Christen in den Straflagern und Gefängnissen der Sowjetunion, sollte nun nach der politischen Wende in eine „Ökumene der Solidarität“ münden.

Freundschaften entstanden

Hilfe bei der Ausbildung der neuen Priester, die „Kapellenboote“, die als schwimmende Kirchen auf den Flüssen Wolga und Don in Dörfer unterwegs sind, in denen es keine Gotteshäuser gibt, gemeinsame Medieninitiativen, die dazu dienen, Vorurteile abzubauen und die Gläubigen über die jeweils andere Kirche zu informieren, die Unterstützung der Gefängnisseelsorge sowie die Seelsorge für (ehemalige) Drogenabhängige haben ebenso wie die Unterstützung des ersten orthodoxen Hospizes für todkranke Kinder reiche Früchte hervorgebracht.

Aus diesen Aktionen sind zahlreiche Freundschaften und Initiativen entstanden. Die Hilfe blieb nicht einseitig, denn in Russland, wo katholische Christen nur eine Minderheit ausmachen, können aufgeschlossene orthodoxe Geistliche wertvolle Helfer für die katholischen Gemeinden werden. Die Weiterführung dieses Engagements wurde von den jeweiligen Päpsten ausdrücklich gewünscht.

Kapellenschiff von KIRCHE IN NOT auf der Wolga.

Kapellenschiff von KIRCHE IN NOT auf der Wolga.

„Die Ökumene ist ein Werk des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist hat keine Hände und keine Füße, also müssen wir Christen zu seinen Händen und Füßen in der Welt werden.“

So bringt es der junge protestantische Pastor Wladimir Tatarnikow aus Weißrussland auf den Punkt, was immer mehr Katholiken, Protestanten und Orthodoxe empfinden: dass Versöhnung keine Theorie, ist, sondern etwas Konkretes ist, dass sie aus Worten besteht, die bewusst gesprochen werden, aus Taten, die Fakten schaffen, aus Schritten, die Menschen aufeinander zugehen und dass sie ein Geschenk Gottes ist.

Einsatz für die Ökumene

In vielen Ländern gibt es inzwischen gelungene ökumenische Initiativen. So findet beispielsweise in Luzk im Nordwesten der Ukraine jedes Jahr eine ökumenische Benefizveranstaltung statt. Für die gemeinsame Feier bereiten Katholiken, Orthodoxe und Protestanten ein Programm mit Weihnachtsliedern, Theaterstücken und Tänzen vor.

Der Erlös ist für Waisenkinder bestimmt. Das Programm wird im staatlichen Fernsehen übertragen. Dadurch, dass die Kirchen gemeinsam armen Kindern helfen, wird auch Menschen, die dem christlichen Glauben insgesamt fern stehen, ein gutes Beispiel gegeben.

Kardinal Kurt Koch und Metropolit Hilarion Alfejew auf dem Kongress „Treffpunkt Weltkirche” 2011 in Würzburg.

Kardinal Kurt Koch und Metropolit Hilarion Alfejew auf dem Kongress „Treffpunkt Weltkirche” 2011 in Würzburg.

„Nicht Kür sondern Pflicht“, nennt Kurt Kardinal Koch, der Präsident des Rates für die Förderung der Einheit der Christen, den Einsatz für die Ökumene. In manchen Ländern ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Konfessionen und Religionen aber auch bittere Notwendigkeit, denn wo Hass herrscht, kann es Leben retten, wenn die Vertreter der Religionsgemeinschaften gemeinsam für Versöhnung und Frieden eintreten.

Im Gewaltstrudel, in den zum Beispiel die Zentralafrikanische Republik 2013/2014 hineingezogen wurde, waren es die vereinten Stimmen von katholischen, protestantischen und muslimischen Religionsführern, die gemeinsam gegen das Gesetz der Rache und für Versöhnung und Vernunft auftraten.

Dem gemeinsamen Einsatz der Vertreter der Kirchen und Religionen ist es zu verdanken, dass mancherorts Massaker verhindert werden konnten, so wie beispielsweise in Bozoum, einer Stadt im Nordwesten des Landes, wo der italienische Karmelitenpater Aurelio Gazzera gemeinsam mit einem protestantischen Pastor und einem Imam im Januar 2014 durch intensive Friedensverhandlungen den Abzug der Séléka-Rebellen erreicht hat, als ein Massaker mit Hunderten Toten zu befürchten war.

Papst Franziskus: Ökumene hat Priorität

Immer notwendiger wird die Zusammenarbeit auch angesichts der sich ausbreitenden Verfolgung von Christen. Papst Franziskus sagte im Dezember 2013 in einem Interview mit der italienischen Zeitung „La Stampa“, angesichts der Verfolgung von Christen habe für ihn „die Ökumene Priorität“, denn „in manchen Ländern töten sie Christen, weil sie ein Kreuz tragen oder eine Bibel besitzen. Und bevor man sie tötet, wird nicht gefragt, ob sie Anglikaner, Katholiken, Lutheraner oder Orthodoxe sind. Das Blut ist gemischt.”

Dass alle eins sein mögen, war der Wunsch Jesu. Pater Werenfried hat stets auf die Kraft Gottes vertraut, die die Herzen der Menschen füreinander öffnet. Das Anliegen, Brücken zu bauen und Versöhnung zu stiften, war die große Aufgabe seines Lebens. Dazu den ersten Schritt zu tun, war von Beginn an das wesentliche Merkmal von KIRCHE IN NOT.

2.Feb 2015 12:22 · aktualisiert: 1.Dez 2015 16:58
KIN / S. Stein