Kirche hilft IS-Flüchtlingen

Interview mit dem Erzbischof von Kirkuk, Yousif Thomas Mirkis

Erzbischof Yousif Thomas Mirkis aus Kirkuk/Irak.

Erzbischof Yousif Thomas Mirkis aus Kirkuk/Irak.

Nur wenige Kilometer von der Grenze zum „Islamischen Staat“ (IS) entfernt befindet sich der Bischofssitz des Erzbischofs von Kirkuk, Yousif Thomas Mirkis.

Bei einem Besuch von Vertretern von KIRCHE IN NOT berichtete er über seine Erfahrungen mit den Islamisten und von der Flüchtlingshilfe vor Ort. Das Interview führte die Geschäftsführerin des deutschen Büros von KIRCHE IN NOT, Karin Maria Fenbert.

Wie haben Sie den Vormarsch des IS im vergangenen Sommer erlebt?
Wir waren nicht darauf vorbereitet, dass sie sich überall in der Region ausbreiten würden. Bevor der IS Mossul eroberte, haben wir den Flüchtlingen aus Syrien geholfen. Wir rechneten nicht damit, dass der IS von Syrien auf den Irak übergreifen würde.

Nach dem Fall Mossuls kamen Flüchtlinge nach Karakosch und in andere christliche Dörfer. Ich half ihnen, Häuser zu mieten. Zwei Monate später nahm der IS christliche Städte und Dörfer in der Ninive-Ebene ein. 130 000 Menschen flohen von dort und zogen nach Norden, weil die Straßen nach Bagdad abgeschnitten waren. So zogen sie nach Zaxo, Dohuk, Erbil, Kirkuk, Sulaimaniyya und in die Berge.

Es war Sommer, es war sehr heiß, 50 Grad, die Lage war für Kinder, ältere und kranke Menschen sehr schwierig. Denn die kurdischen Checkpoints erlaubten ihnen nicht, mit Autos zu fahren. So mussten sie ihre Autos an den Checkpoints zurücklassen und kamen zu Fuß nach Erbil oder Kirkuk. Sie ließen alles zurück und liefen 20 Kilometer in der Hitze.

Auch sie mussten fliehen: Imad Ismail mit Familie.

Auch sie mussten fliehen: Imad Ismail mit Familie.

Uns wurde gesagt, dass es der IS war, der den Flüchtlingen die Autos abnahm …
Nein, die Kurden waren das. Weil der Ansturm so groß war, erlaubten die Soldaten der Peschmerga es den Menschen nicht, ihre Autos mitzunehmen. Die Flüchtlinge liefen darum zu Fuß 20 Kilometer, um nach Erbil zu kommen. Wir brachten ihnen mit Pick-Ups Wasser.

Die erste Flüchtlingswelle war groß, es war ein richtiges Chaos. Viele Menschen, viele Kinder starben, aber wir haben keine genauen Statistiken. Für die Christen begannen wir, Daten zu erheben, um Statistiken zu bekommen und die Identitäten belegen zu können. Viele von ihnen wurden durch den IS geplündert.

Sie nahmen alles, sogar die Ohrringe rissen sie den Kindern ab und nahmen den Flüchtlingen auch die Ausweispapiere. Wir mussten den Menschen darum glauben, wenn sie sagten: „Ich habe keine Papiere, aber ich bin Christ.“

Wie weit ist der „Islamische Staat“ von Kirkuk entfernt?
Kirkuk und Erbil waren gleich weit weg von der Grenze des IS-Gebiets. Wenn man nach Kirkuk will, sind es 20 Kilometer, genauso auch von Erbil. IS-Einheiten sind jetzt 12 Kilometer von Kirkuk entfernt, vielleicht sogar weniger.

Wir haben gehört, dass der IS mit Menschen handelt – können Sie das bestätigen?
Ja. Der IS verkauft Christen und Jesiden auf dem Markt in Mossul. Frauen und Kinder.

Erzbischof Yousif Thomas Mirkis an seinem Schreibtisch.

Erzbischof Yousif Thomas Mirkis an seinem Schreibtisch.

Wie erging es den entführten Personen, die an den Checkpoints zurückgelassen wurden?
Sie wurden nur mit trockenem Brot zurückgelassen. Einer von ihnen starb vor Hunger und Kälte. Er war um die 60. Er kam hierher, wir wuschen ihn, wir kümmerten uns um ihn, wir haben hier eine Apotheke. Mit dem Pick-up haben wir die Flüchtlinge geholt. Als sie hier ankamen, waren sie in einem sehr schlechten Zustand. So halfen wir ihnen und gaben ihnen zu essen.

Besonders bewegt hat mich die Geschichte einer Frau mit einem behinderten Kind. Sie musste ihren 15-jährigen Sohn tragen, er kann nicht laufen. Beide sind fast vor Kälte und Hunger gestorben. Den Vater und den Bruder nahm der IS als Geiseln; nur diese Frau und das Kind wurden laufen gelassen.

Wie ist die Lage der Flüchtlinge zurzeit?

Die ältere Dame musste fliehen und lebt nun in Räumen der orthodoxen Kirche in Kirkuk.

Die ältere Dame musste fliehen und lebt nun in Räumen der orthodoxen Kirche in Kirkuk.

In meiner Diözese leben zurzeit etwa 300 christliche Familien. Anfangs hatten wir 370 Familien in Kirkuk und über 500 in Sulaimaniyya. Wir haben alles für sie getan, weil sie nichts hatten. Essen, Kleidung, medizinische Hilfe, auch ein Dach über dem Kopf. Wir mieten immer Häuser für sie, das hilft uns in der Hitze und in der Kälte.

Jeden Freitag bietet eine Gruppe von Ärzten, Christen und Muslime, mit verschiedenen Spezialisierungen Sprechstunden an. Alle Krankenhäuser in Kirkuk wissen, dass alle Kosten für die Flüchtlinge von mir getragen werden. Jeden Monat zahle ich 4000 Dollar für Babymilch. In den Schulen werden die Flüchtlinge akzeptiert.

Bei uns ist es anders als in den Kurdenstädten Erbil und Dohuk, weil wir hier eine Arabische Region sind. Wir haben eine Schule von unserer Diözese. Im letzten Jahr waren es dort nur 60 Grundschüler, nun sind es über 130. Sie lernen zusammengedrängt wie die Sardinen, aber sie sind glücklich, das Schuljahr nicht verloren zu haben.

Hätten Sie das alles alleine schaffen können?
Nein. Viele meiner Freunde im Irak und außerhalb schickten Hilfe, ohne dass ich fragen musste. Ich kenne Menschen, die jeden Monat die Hälfte ihres Gehalts abgeben, um es an die Flüchtlinge zu verteilen. Darunter sind auch Muslime aus Kirkuk und Sulaimaniyya. Wir helfen, wo wir können.

Vor einem Monat schickte uns das Oberhaupt der irakischen Schiiten Ayatollah Ali al-Sistani seinen Repräsentanten nach Kirkuk. Er kam mit einem Pick-Up voller Lebensmittel. Es kam im Fernsehen; das ist für die Publicity wichtig. Er nutzte also die Gelegenheit zu sagen, dass sie uns geholfen haben. Er sagte: „Wir wollen ‚Danke‘ sagen und den Christen helfen, weil diese auch den muslimischen Flüchtlingen geholfen haben.“

Helfen Sie den Flüchtlingen mit Ihrer Spende

Sie können einfach und sicher online spenden oder auf folgendes Konto:

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Verwendungszweck: Irak

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Titelbild des Buchs "Der Irak - Christen im Land der Propheten".

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Fax: 089 / 64 24 888-50
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9.Feb 2015 09:58 · aktualisiert: 26.Feb 2015 15:31
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