Die Hirten von morgen

Podiumsgespräch über die Ausbildung von Priestern weltweit

Douglas Bazi aus Erbil/Nordirak.

Douglas Bazi aus Erbil/Nordirak.

Die Weltkirche von morgen, sie wird gestaltet von den Priestern von morgen. Doch welchen Herausforderungen muss sich die moderne Priesterausbildung stellen?

Darüber sprachen am Freitagabend unter der Moderation von Dr. Anselm Blumberg von KIRCHE IN NOT vier Ausbilder aus dem Irak, aus Österreich, Brasilien und Deutschland, deren Wirkungsstätten wohl kaum unterschiedlicher sein könnten. Und die sich doch in einem einig waren: Ein Priesterseminar ist viel mehr als nur eine Ausbildungsstätte für Priester.

„Wir waren in einer Situation, in der wir dachten, es sei unmöglich, in Amazonien Seminaristen zu haben“, erzählte Don Olindo Furlanetto, der ehemalige Regens des Priesterseminars Manaus, einer Millionenstadt mitten im brasilianischen Urwald. „Die Priester, die es gab, waren Missionare, lokale Priester gab es kaum. Aber ich habe geglaubt, dass Gott auch in den Gewässern Amazoniens säen kann.“

Und er sollte recht behalten: Im Jahr 2000 waren es noch weniger als 20 Männer, die sich für die Priesterausbildung in Manaus entschieden; nur sieben Jahre später waren es bereits 80. „Natürlich heißt das nicht, das alle Priester werden. Die Teilnehmer müssen nicht alle bis zum Ende kommen. Aber sie sollen mit dem Seminar zu guten Christen werden.“

Die Gäste des Podiums: Pater Anton Lässer, Douglas Bazi, Moderator Dr. Anselm Blumberg, Don Olindo Furlanetto, Herbert Baumann (v.l.n.r.)

Die Gäste des Podiums: Pater Anton Lässer, Douglas Bazi, Moderator Dr. Anselm Blumberg, Don Olindo Furlanetto, Herbert Baumann (v.l.n.r.)

Gute Christen, die Verantwortung übernehmen, wünscht sich auch Father Douglas Bazi für die Priesterausbildung aus Erbil im Nordirak. „Es geht nicht darum, in der Messe schön singen zu können. Es geht darum, dass wir Führungspersönlichkeiten brauchen. Unsere Seminaristen helfen den Menschen, sie beten mit ihnen, sie singen mit ihnen. Und sie sagen: Danke dir, Gott, du hast uns gerettet. Das ist sehr wichtig.“ 28 Seminaristen lernen im Nordirak, die meisten von ihnen haben Flucht und Vertreibung erlebt, haben Schreckliches erfahren.

Father Douglas wurde im Irak ins Bein geschossen worden, er war neun Tage lang entführt und wurde brutal gefoltert, hat einen Anschlag auf seine Kirche überlebt. „Ich lebe in einer Gemeinschaft mit Menschen, die die selben Dinge erlebt haben, unglücklicherweise eint uns das“, sagte Father Douglas. „Ich hoffe aber, dass wir nicht unseren Hass auf die nächsten Generationen übertragen.“

Flucht und Vertreibung von Christen im Irak zeigen die besonderen Anforderungen, denen sich Priester insbesondere in Krisenregionen heute stellen müssen: Zehntausende Flüchtlinge suchen im Nordirak Schutz und Beistand in den Armen der Kirche.

Priester werden zu Krisenmanagern und Flüchtlingshelfern: „Manchmal möchte ich mit dem Kopf gegen die Wand stoßen“, sagte Father Douglas, „und dann sehe ich am nächsten Tag: Es hat doch irgendwie geklappt. Meine geringste Pflicht ist es, dass ich mich vergesse. Dies ist die Zeit der Arbeit.“

Offenheit für Gottes Berufung wecken

Diese Fähigkeit zur Selbstaufgabe sieht auch Regens Pater Dr. Anton Lässer vom Priesterseminar „Leopoldinum“ Heiligenkreuz in Österreich noch immer als eine der grundlegenden Voraussetzungen für das Priesteramt.

„Womit hat Jesus die Welt erlöst? Indem er sich mit 33 Jahren entscheidet, nach Jerusalem zu gehen. Vorher hat er zu den Aposteln gesagt: Ich werde gekreuzigt. Ich verstehe Petrus, der gesagt hat: ‚Geh nicht!’, aber wir alle kennen die Reaktion Jesus: ‚Weg von mir, Satan.’ Das war die Hingabe Jesus für die Ganzerlösung der Welt. Da schaue ich im Priesterseminar auch hin: Ob sich jemand ganz konkret ge- und verbrauchen kann.“

Auch der Zölibat sei ein Geschenk an die Gläubigen. Wer Priester werde, der gebe sein Leben. Allerdings, merkte er auch an, müsse ein Junger wissen, wofür er da sein Leben gebe. Und das sei heute vielen nicht mehr klar: „Wir müssen hinaustragen, wozu uns der Heilige Geist besonders befähigt hat.“

In den Menschen Offenheit für Gottes Berufung wecken – darin sieht auch der Regens des Würzburger Priesterseminars Herbert Baumann eine große Aufgabe der Gegenwart. Und erzählte die Geschichte eines Ministranten, den er schon früh ansprach, dass er ihm eine Priesterlaufbahn zutrauen würde. Nachdem sich der Junge „erstmal kräftig verliebt hatte“, wählte er tatsächlich den Weg ins Priesterseminar, erzählte Baumann. Eines Tages stand die Mutter vor ihm und fragte: „Herr Pfarrer, was habe ich falsch gemacht, dass mein Johannes ins Priesterseminar geht?“

„Was hat Gott mit meinem Sohn vor?“

Für Eltern, die darauf bauen, dass der Sohn später seine Eltern versorgt und selber Vater wird, sei es schwierig zu akzeptieren, dass dieser eine andere Berufung hat. Umso mehr gelte es, auch in den Familien Aufmerksamkeit dafür zu wecken: „Was hat Gott mit meinem Sohn vor?“ Berufungen seien schließlich Geschenke, , sagte Baumann.

Doch nicht nur die Familien, sondern auch die Kirche selber müsse besser und flexibler auf Berufungen reagieren, sagte Regens Dr. Anton Lässer. „Als gut organisierte Kirche neigen wir dazu, alles ordentlich zu regeln“, sagte er. Einem gut qualifizierten Quereinsteiger sei es aber nicht unbedingt zuzumuten, noch acht oder neun Jahre Ausbildung zu machen. „Wir müssen den Mut entwickeln zu fragen: Was sagt uns denn Gott mit den Berufungen, die er uns heute schenkt? Das sind ganz unterschiedliche Berufungen mit ganz unterschiedlichem Background, und wir müssen auch flexibel darauf antworten können.“

Von ganz besonderen Berufungen erzählte Don Olindo Furlanetto aus Brasilien. Dort lernten inzwischen auch 13 Seminaristen aus indigenen Völkern, den Ureinwohnern Amazoniens. Einer fragte Furlanetto eines Tages, ob er sein Bett aus seinem Zimmer räumen könne, er wolle in einer Hängematte schlafen. Furlanetto, der selbst seit Jahren die Hängematte als Schlafstatt bevorzugt, sah kein Problem und half dem jungen Mann.

Sie unterhielten sich. Furlanetto erzählte, dass er immer sofort einschlafe, wenn er sich abends in die Hängematte lege. Woraufhin ihm der Priesteranwärter vom Brauch seines Volkes erzählte: Tagsüber werde die Hängematte zusammengerollt, um niemanden in die Versuchung eines Nickerchens zu führen. Abends rolle man die Hängematte wieder aus, und währenddessen gedenke man seiner Ahnen. Davon, so Furlanetto, sei er tief berührt gewesen, habe es ihn doch sehr an das Abendgebet seiner Kindheit erinnert. In seiner Zeit als Regens, sagte Furnaletto, habe er von seinen Seminaristen mehr gelernt, als er vorher geglaubt habe zu wissen.

Jesus auf der Spur sein

So ist das Lehren und Lernen immer auch ein Geben und ein Nehmen, auch in schwierigen Zeiten. Was einen Priester ausmache, wollte Moderator Dr. Anselm Blumberg noch wissen, und der Würzburger Regens Herbert Baumann antwortete: „Man muss ständig Jesus Christus auf der Spur sein. Ich brauche ein Herz für Jesus Christus, ich brauche  ein Gespür für Jesus Christus, und ich muss davon überzeugt sein, dass die Sakramente, die mir anvertraut sind, die Heilung für die Menschen sind.“

Eine Überzeugung, die die jungen Menschen in den Priesterseminaren weltweit eint. Auch unter den schwierigsten Bedingungen: „Unser Glaube macht uns glücklich, und unser Glaube macht uns manchmal ein bisschen verrückt“, sagt Father Douglas Bazi über die Priesteranwärter, die sein Seminar in Erbil besuchen. Die wissen, dass sie in einem Land arbeiten werden, in dem sie für ihren Glauben bedroht und verfolgt werden, und die trotzdem die 2000-jährige Geschichte der Christen im Irak nicht enden lassen wollen: „Wir zeigen einen klaren Glauben in Jesus Christus. Und wir sind stolz darauf.“

14.Mrz 2015 16:16 · aktualisiert: 1.Dez 2015 16:54
KIN / V. Niggewöhner