Zwischen Kreuz und Hoffnung

Christliche Flüchtlinge im Irak feiern Ostern

Ein irakisches Kind beim Gebet (Foto: KIRCHE IN NOT/Ignacio Zori).

Ein irakisches Kind beim Gebet (Foto: KIRCHE IN NOT/Ignacio Zori).

In Malabrwan, einem kleinen christlichen Ort im Norden des Landes, haben sich Dutzende Kinder in der chaldäischen Pfarrkirche mit Palm- und Olivenzweigen in der Hand versammelt, um des Einzugs Jesu in Jerusalem zu gedenken. Sie hören das Evangelium, sie singen Lieder. Fröhlichkeit ist auf ihren Gesichtern zu lesen und Unbeschwertheit.

Doch darf man sich nicht täuschen lassen: Viele der Kinder haben Schlimmes durchgemacht. Sie gehören zu den christlichen Flüchtlingen, die im vergangenen Sommer ihre Dörfer und Städte rund um Mossul verlassen mussten, um nicht dem Terror der dschihadistischen Miliz „Islamischer Staat“ (IS) in die Hände zu fallen.

„IS ist eine Armee des Teufels“, meint Gemeindepfarrer Dankbar Issa. „Und die Kämpfer von IS sind Söhne des Teufels. Anders kann man sich nicht erklären, was sie den Menschen antun.“

Der Priester ist ein Mönch des chaldäischen Antonianerordens. „Ich bin in Mossul geboren und aufgewachsen. Und bis Juni vergangenen Jahres war ich dort in unserem Georgskloster als Mönch tätig. Aber wie tausende andere floh ich aus der Stadt, als die Dschihadisten von IS einrückten. Jetzt gibt es keine Christen mehr in Mossul. Und unser Kloster ist zerstört.“ Das mache ihn sehr traurig, sagt er.

Pater Dankbar im Gespräch mit einer  Flüchtlingsfamilie.

Pater Dankbar im Gespräch mit einer Flüchtlingsfamilie.

Doch Pfarrer Dankbar will nicht bitter klingen. „Wir Christen sind auf das Leiden des Herrn getauft. Verfolgung ist also etwas, mit dem wir rechnen müssen. Außerdem feiern wir in ein paar Tagen Ostern. Wir wissen, dass Ostern, das heißt das Leben, den Sieg davontragen wird. Das gibt uns Hoffnung trotz aller Schwierigkeiten.“

Und Schwierigkeiten gibt es viele. Dutzende christliche Familien haben in der Pfarrei Zuflucht gefunden. Wo auch immer Platz war, wurden die Menschen einquartiert. Einige leben jetzt in der Katechismus-Schule: In jedem Klassenzimmer wohnt eine christliche Familie, oft fünf Menschen und mehr. Der Religionsunterricht findet derweil in einem Zelt statt.

 „Der Glaube ist das Einzige, was uns geblieben ist”

Hunger, sagt Pfarrer Dankbar, litten die Menschen nicht. Auch Kleidung und Obdach hätten sie. „Aber sie haben keine Perspektive. Und die Kinder gehen nicht zur Schule. Ihre Heimat ist von der Armee des Teufels besetzt. Es ist nicht absehbar, was sein wird. Das belastet sie natürlich schwer.“

Fadil, ein junger Familienvater, stammt aus Mossul. Die Stadt ist heute Hauptstadt des IS-Kalifats. „Wir Christen müssen leiden wie Christus gelitten hat. Das lehrt uns unser Glaube. Aber das tröstet uns auch“, sagt er. „Der Glaube ist das Einzige, was uns geblieben ist. Alles andere mussten wir schließlich in Mossul lassen.“ Doch gehen will Fadil nicht. „Wir werden den Irak nicht verlassen. Wo sollen wir denn hin? Das ist unsere Heimat. Wir gehören hierher.”

Pater Dankbar (rechts) mit einer christlichen Flüchtlingsfamilie aus Malabrwan, die ihre irakische Heimat verlässt und nach Australien auswandern möchte.

Pater Dankbar (rechts) mit einer christlichen Flüchtlingsfamilie aus Malabrwan, die ihre irakische Heimat verlässt und nach Australien auswandern möchte.

Doch nicht alle sehen das so. Da ist die fünfköpfige Familie von Abdel, einem Christen aus Karakosch. Die einstmals größte Stadt des Irak ist seit Anfang August in der Hand von IS. Abdel und seine Familie werden den Irak verlassen. Ostern feiern sie wohl schon in Jordanien.

„Natürlich fällt es uns nicht leicht, die Heimat zu verlassen. Aber wir haben hier keine Zukunft“, betont Abdel. Seine Frau und die drei Kinder stimmen zu. „Wir wollen nach Australien und dort ein neues Leben beginnen. Wir haben Familie dort. So wird der Neuanfang nicht so schwer.“

„Wir haben hier keine Zukunft”

Doch der Weg nach Australien ist nicht leicht. Die, die gehen wollen, müssen sich bei den Behörden der Vereinten Nationen als Flüchtlinge registrieren lassen. Oft vergehen Jahre, bis die Ausreise in den Westen tatsächlich möglich ist.

Schon gibt es christliche Familien aus dem Irak, die sich den Aufenthalt in Jordanien, der Türkei oder dem Libanon nicht mehr leisten können und in die Heimat zurückkehren. Abdel weiß um die Schwierigkeiten: „Wir haben Geld für zwei Jahre. Das wird hoffentlich reichen.“

Palmsonntag-Gottesdienst in Erbil/Irak.

Palmsonntag-Gottesdienst in Erbil/Irak (Foto: KIRCHE IN NOT/Ignacio Zori).

Die Arbeit der Kirche ist ein Wettlauf mit der Zeit. „Täglich verlassen christliche Familien den Irak“, sagt Erzbischof Baschar Warda, der chaldäische Oberhirte von Erbil. „Aber wir tun, was wir können, um unseren Leuten zu helfen.“

Tatsächlich ist viel geschehen, seit im August 2014 zehntausende verstörter und verzweifelter Menschen in Erbil und anderen Städten Irakisch-Kurdistans Zuflucht suchten. Auf dem blanken Boden und unter freiem Himmel schliefen die Menschen anfangs.

Baschar Warda, Erzbischof von Erbil/Irak.

Baschar Warda, Erzbischof von Erbil/Irak.

„Wir waren auf so etwas natürlich nicht vorbereitet“, sagt der Erzbischof. „Aber mittlerweile hat sich die humanitäre Lage stabilisiert. Wir konzentrieren uns in dieser Phase vor allem auf zwei Dinge: Schulen für die Kinder und ordentliche Unterkünfte für die Menschen.

Mit Hilfe von KIRCHE IN NOT konnten wir acht provisorische Schulen für Flüchtlingskinder einrichten. Wir hoffen, dass sie zum neuen Schuljahr alle in Betrieb genommen werden können. Außerdem haben wir ebenfalls mit Unterstützung von KIRCHE IN NOT hunderte Wohnungen angemietet.“ Das gebe den Menschen ihre Würde zurück, betont der Erzbischof.

Er fügt hinzu: „Ich danke allen Wohltätern für ihre Großzügigkeit. Ohne sie könnten wir nicht tun, was wir tun, denn KIRCHE IN NOT ist unser wichtigster Helfer. Bitte unterstützen Sie uns weiter. Vor allem aber beten Sie für die Christen und alle Menschen, die im Irak leiden. Ihnen und Ihren Familien wünsche ich frohe Ostern!“

Oliver Maksan

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KIN / S. Stein